Vom wirtschaftlichen Nutzen

Europas Regierungen müssen sparen. Aber wo am besten anfangen? George Osborne, der Schatzkanzler der neuen britischen Koalition, macht es seinen europäischen Kollegen vor. Nur die Investitionen mit dem höchsten wirtschaftlichen Nutzen für das Land werden noch bewilligt. Es freut den steuerzahlenden Bürger, das seine Regierung endlich das Grundprinzip des Wirtschaftens erkannt hat.

Um seine Sparpläne zu konkretisieren, legte der Kanzler auch gleich eine Liste der Projekte vor, die dem Rotstift zum Opfer fallen sollen. Ganz oben stehen Krankenhäuser und Schulen. Schließlich ist deren wirtschaftlicher Nutzen nur sehr schwer nachweisbar. Und in einer Zeit, da der öffentliche Dienst Personal abbauen muss, gäbe es ohnehin nicht genügend Ärzte und Lehrer, um neue Krankenhäuser und Schulen zu unterhalten.

Ganz anders sieht das beim Verteidigungsetat aus. Hier strich Osborne weniger, woraus man schlussfolgern kann, dass der Kanzler dem Kauf von Waffen einen hohen wirtschaftlichen Nutzen beimisst. Jeder weiß, dass die Wirtschaft nur im Frieden floriert. Man fragt sich nur, warum bei all dem Geld, dass die Regierungen dieser Welt jedes Jahr in Rüstung stecken, die Erde nicht schon lange ein Hort des Friedens ist. War es vielleicht nie genug? Sollte der Verteidigungsetat mit Blick auf den wirtschaftlichen Nutzen möglicherweise noch weiter erhöht werden. Das ginge sicherlich nur nach Abstimmung mit all den anderen G20-Staaten, denn die Kosten einer weltweiten Aufrüstung dürften nicht zu Lasten einiger weniger Staaten gehen.

Vermutlich würde sich dieses selbsterklärte Gremium für die Steuerung der Weltwirtschaft schneller auf ein gemeinsames Aufrüstungsprogramm einigen als auf eine globale Finanzmarktreform. Und auch die Doha-Runde würde einen großen Schritt voran kommen – Freihandel für Waffentechnik weltweit. Nur den Iran müsste man natürlich ausnehmen und Nordkorea. Vielleicht noch das gefährliche Kuba, um die Amerikaner vom neuen globalen Aufrüstungsprogramm zu überzeugen. Ob Deutschland nach den Attacken Barack Obamas gegen das deutsche Sparprogramm auch zur Achse des Bösen zählt?

Die Staatschefs werden ohne Zweifel die Feinde finden, gegen die unser kostbarer Frieden verteidigt werden muss – alles im Namen des wirtschaftlichen Nutzens, versteht sich. Schließlich würde ein globales Wettrüsten die Industrieproduktion ankurbeln und neue Arbeitsplätze schaffen. Und auch die Armeen bräuchten mehr Soldaten, um all die neuen Waffen zu bedienen. Die arbeitslosen Ärzte und Lehrer könnten umschulen und in der Armee ihren wirtschaftlichen Nutzen für das Land erhöhen. Weltwirtschaft könnte so einfach sein, wenn nur alle der neuen Erkenntnis George Osbornes folgen würden.

(Juli 2010)

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