Charles Dickens’ London: Slums

A dirtier or more wretched place he had never seen. The street was very narrow and muddy, and the air was impregnated with filthy odours. There were a good many small shops; but the only stock in trade appeared to be heaps of children, who, even at that time of night, were crawling in and out at the doors, or screaming from the inside. The sole places that seemed to prosper amid the general blight of the place, were the public-houses; and in them, the lowest orders of Irish were wrangling with might and main. Covered ways and yards, which here and there diverged from the main street, disclosed little knots of houses, where drunken men and women were positively wallowing in filth; and from several of the door-ways, great ill-looking fellows were cautiously emerging, bound, to all appearance, on no very well-disposed or harmless errands.”

(Oliver Twist or the Parish Boy’s progress, Book the first, Chapter the eighth: “Oliver walks to London, and encounters on the road a strange sort of young gentleman”)

The Shepherds, Greater London Council Print Collection
The Shepherds, Greater London Council Print Collection

Einen schmutzigeren und verkommeneren Platz hatte Oliver noch nie gesehen. Die Straße war eng und voll Schmutz und die Luft gesättigt von den widerlichsten Gerüchen. Kleine Läden gab es hier in Menge, aber ganze Haufen von Kindern, die jetzt selbst zur Nachtzeit noch bei den Türen aus- und einkrochen oder drinnen in den Häusern quiekten und schrien, schienen der einzige Inhalt der Geschäfte zu sein. Die einzigen Unternehmungen, die wirklich zu gedeihen schienen, waren die Schenken, denn dort prügelte sich irischer Pöbel, was das Zeug halten wollte. Gedeckte Torwege und Höfe, die da und dort von den Hauptstraßen abzweigten, ließen Knäuel von Häusern sehen, wo sich betrunkene Männer und Frauen nur so wälzten. Aus den Torwegen kamen scheublickende Individuen herausgeschlichen und verloren sich gleich darauf wieder im Dunkel.”

(Oliver Twist oder der Weg eines Fürsorgezöglings, 8. Kapitel: “Oliver wandert nach London und trifft mit einem sehr seltsamen jungen Gentleman zusammen”, Übersetzung www.zeno.org nach Gustav Meyrink (1914))

Anfang des 19. Jahrhunderts verließen immer mehr wohlhabende Kaufleute und Bankiers die engen, schmutzigen Straßen der Londoner City. Im Westen, rund um die Oxford Street, entstanden neue Modeviertel, fernab von den rauchenden Schornsteinen der Industriegebiete östlich der City. Die leergezogenen Häuser wurden von weniger betuchten Familien übernommen. Aber mit der Ausdehnung der Zug- und U-Bahn-Linien zog es auch die Mittelschicht bald ins grüne Umland Londons. Viele der einst stolzen Häuser wurden in kleinere Wohnungen aufgeteilt und an immer ärmere Bevölkerungsschichten vermietet. So entstanden in Londons Geschäftszentrum Armenviertel, rookeries (Krähenkolonien) genannt. Nannte man sie vielleicht so, weil die mageren Einwohner in ihrer schäbigen grauen Kleidung Krähen glichen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls um die Mitte des 19. Jahrhunderts entstand ein neuer Begriff, der bis heute weltweit für Armenviertel verwendet wird: Slums.

Around the beginning of the 19th century more and more rich merchants and financiers left the narrow and dirty streets of London’s City. In the west, around Oxford Street, new fashionable districts developed, far away from the smokestacks of the industrial areas east of the City. Less affluent families moved into the empty houses. But with the growing rail and tube lines the middle class too started to leave the City for the greener suburbs. Many of the once elegant homes were divided into several units and let to poorer and poorer tenants. That way some areas in London’s business centre became rookeries. Were they called rookeries, because their hungry tenants in their shabby, grey clothes looked like crows? I don’t know. But around the mid 19th century a new word emerged, still used for the poorest areas in the world: slums.

The Shepherds, British Museum: Department of Prints and Drawings (Crace Collection)
The Shepherds, British Museum: Department of Prints and Drawings (Crace Collection)

Londons Slums waren Brutstätten für Krankheiten und Kriminalität. Die sanitären Zustände waren katastrophal. Dennoch kamen täglich mehr Leute in die Stadt auf der Suche nach Arbeit. Die meisten von ihnen landeten in den Slums. Volkszählungen zeigen, dass von 1841 bis 1847 die Anzahl der Menschen pro Haus von 24 auf 40 stieg. Viele Familien hatten nur ein Zimmer. In manchen Räumen lebten bis zu 17 Menschen. Der Stadtverwaltung war die Entwicklung alles andere als gleichgültig. Aber wie so oft bei staatlichen Eingriffen, ging das Experiment zunächst nach hinten los. Der Torrens Act von 1868 sollte helfen, die Slums zu sanieren oder abzureißen. Die Vorschriften sahen unter anderem vor, dass Hauseigentümer ein sanierungsbedürftiges Gebäude an die Behörde verkaufen durften. Das Resultat ist aus heutiger Sicht nicht überraschend. Entweder bereicherten sich Eigentümer sanierungsbedürftiger Häuser auf Kosten des Steuerzahlers oder finanziell schwächere Gemeinden wagten erst gar nicht, Häuser als sanierungsbedüftig zu erklären. Den erwünschten Anreiz zur Modernisierung gab es jedoch nicht. Erst in den 1890ern begann eine erfolgreichere Wohnungspolitik. Die Slums wurden nach und nach abgerissen, um modernen Arbeiterhäusern Platz zu machen.

London’s slums were hotbeds for sickness and crime. The sanitary conditions were appalling. But everyday new people arrived in the city in search for work. Most of them ended in the slums. The census shows that between 1841 and 1847 the number of people per house increased from 24 to 40. Many families had only one room. In some rooms lived up to 17 people. The authorities were not at all ignorant. But, as is often the case with state intervention, the first experiment backfired. The Torrens Act of 1868 was supposed to help improvement or demolition of slums. The regulation stated amongst others that landlords could sell a house deemed to be insanitary to the local authority. Looking back now, the result of this regulation is not really surprising. Either landlords enriched themselves at the cost of the taxpayers or financially strapped authorities did not dare to declare houses insanitary. Either way, there was no incentive for redevelopment. Only from the 1890s housing policy became more successful. More and more slums were demolished, making way for modern working class accommodation.

Ich weiß nicht, ob die Straße, die heute Saffron Hill heißt, genauso verläuft wie zu Dickens’ Zeiten. Die Atmosphäre der schmalen Gasse ist heute jedenfalls ganz anders als in “Oliver Twist” beschrieben. Statt der überfüllten, schäbigen Häuser stehen hier Geschäftsgebäude, die scheinbar schon bessere Zeiten gesehen haben. Ob es an der Finanzkrise liegt oder daran, dass anderswo in der City und in Canary Wharf modernere Bürogebäude entstehen, kann ich nur mutmaßen. Jedenfalls ist der Tumult, dem Oliver Twist begegnet ist, einer Art Grabesstille gewichen.

I do not know, if the street called Saffron Hill today follows the exact same route as in Dicken’s time. But the atmosphere of this narrow alley is certainly very different from the one described in “Oliver Twist”. Overcrowded shabby homes have been replaced by business houses that seem to have seen better times. I am not sure if these are the signs of the financial crises or if there are simply more modern office buildings available in the City and Canary Wharf. But the pandemonium met by Oliver Twist has given way to a nearly deathlike silence.

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11 thoughts on “Charles Dickens’ London: Slums

  1. Martina Ramsauer says:

    Guten Morgen Peggy, zum Glück gab es Charles Dickens, der über diese kathastrophalen Verhältnisse geschrieben hat und einen lieben Dank geht auch an dich, die uns das London des 19. Jarhunderts wieder näher bringt. Ich habe übrigens gelesen, dass rookeries so heissen, weil es in den Nestern der Vögel, die in grossen Kolonien zusammenleben, so laut und ungepflegt sein soll. To rook (slang) soll auch ” to cheat”
    heissen. Ich freue mich schon auf deinen nächsten Beitrag. Cari saluti Martina

  2. Gerhard Mersmann says:

    Liebe Peggy,

    nirgendwo sonst auf der Welt hat der Kapitalismus seine Geburtswehen so deutlich dokumentiert wie in London. Bis heute finde ich es immer wieder lehr- und heilsam, einen Blick in “Die Lage der arbeitenden Klasse in England” von Friedrich Engels zu werfen, eine Studie, die sich nicht nur auf London beschränkt, die aber minutiös und in unglaublicher Prosa das Elend beschreibt. Dann gibt es da die Erzählung von Jack London, schon aus dem 20. Jahrhundert, in der er seine Existenz als Londoner Tippelbruder beschreibt. Das Monument auf die Armut in der modernen Metropole stammt natürlich von Charles Dickens, der durch seine genaue Beobachtung und seine tiefe soziale Empathie den Status des Volkshelden wahrhaft verdient hat. Wieviele waren auf seiner Beerdigung in London? Eine halbe Million?

    Gerd

    1. entdeckeengland says:

      Charles Dickens’ Buecher haben interessanterweise in allen sozialen Schichten Anklang gefunden. Er war natuerlich der Held der Armen, aber er hat auch Wohlhabende zur Philantropie animiert. Was ich uebrigens am faszinierendsten an England finde, ist, dass der Kapitalismus hier zwar extreme Auswuechse getrieben hat, aber gleichzeitig seine schaerfsten Kritiker, wie Marx und Engels, hier die Freiheit hatten, ihre Meinung zu aeussern.

  3. Gerhard Mersmann says:

    Stimmt, in England ist die Demokratie nicht ein verschriftlichen Kodex, über den alle streiten, sondern man hat den Geist dieser Staatsform geatmet. Bei allen Anlässen zur Kritik ist das ein strategischer Vorteil gegenüber den Textexegeten, die eher auf dem Kontinent zu finden sind.

    1. entdeckeengland says:

      Problem ist nur, dass es schwierig ist, ein Optimum zwischen individueller Freiheit und staatlicher “Fuersorge” zu finden. Die Klassenunterschiede sind hier halt schon noch staerker ausgepraegt, aber auch die groessere Akzeptanz, dass Leistung belohnt werden soll.

      1. Gerhard Mersmann says:

        Ja, da das sehe ich auch so. Was in GB und den USA vielleicht als zu liberalistisch wirkt, ist in Deutschland zu etatistisch, ohne dass es die teilweise schlimme Verelendung verhindern könnte.

  4. Simon Thompson says:

    Nice post. There are still just a few few remains of the London Dickens wrote about, particularly in the East End, although many areas have become ‘gentrified’ or torn down and replaced by more sanitary but less characterful buildings.

    You have some great photos on your blog by the way.

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