Eine seltsame Erfindung von Inigo Jones

“The Queen … is building somewhat at Greenwich which must be finished this sommer, yt is said to be some curious devise of Inigo Jones, …” John Chamberlain to Sir Dudley Carleton, 1617

Inigo Jones
Inigo Jones, Marmorbüste von John Michael Rysbrack

Eigentlich sollte dieser Artikel letzte Woche erscheinen, zum 440. Geburtstag von Inigo Jones. Aber manchmal kommt es halt anders. Ihr fragt Euch, wer war Inigo Jones? Und warum sollten wir seinen Geburtstag feiern? Inigo Jones war der Mann, der Englands Architektur revolutionierte. Manche nennen ihn auch den ersten englischen Architekten. Sein genaues Geburtsdatum ist nicht bekannt, aber er wurde am 19. Juli 1573 getauft. Er wuchs im elisabethanischen London auf. Über seine Kindheit und Ausbildung ist nicht viel bekannt, außer, dass er aus bescheidenen Verhältnissen kam, fernab der verspielten Tudorpaläste, die wie verwunschene Märchenschlösser aussahen, entworfen für einen König, der in Turnieren und Maskeraden den Ideen vom Rittertum nachhing.

I wanted to finish this post last week to celebrate Inigo Jones’s 440th birthday. But sometimes things don’t play out as planned. You are wondering, who was Inigo Jones and why should we celebrate his birthday? Inigo Jones was the man, who changed English architecture. Some call him England’s first architect. His actual birthday is unknown, but he was baptised on 19th July 1573. He grew up in Elizabethan London. Not much is known about his childhood and education, except that he came from a humble background far away from the playful Tudor Palaces that looked like fairy-tale castles, built for a king, who loved the idea of being a knight.

Queen's House

Inigo Jones hielt sich viele Jahre in Italien auf, wo er die Architektur der Renaissance studierte. Besonders fasziniert war er von den Bauwerken Andrea Palladios. Zurück in England stellte Queen Anne of Denmark ihn zunächst als Bühnen- und Kostümdesigner für die königlichen Maskenspiele ein. Eines Tages, im Jahr 1616, hatte die Königin jedoch einen ganz besonderen Auftrag für ihn. Sie bat Jones, ihr einen Pavillion in Greenwich zu bauen. Es sollte ein privater Ort sein, an den sie sich zurückziehen konnte, der aber gleichzeitig repräsentativ genug war, ausgewählte Leute zu empfangen. Außerdem wollte Sie von ihrem Queen’s House nicht nur Zugang zum königlichen Schlossgarten von Placentia haben, sondern auch zum Greenwich Park jenseits der Straße nach Woolwich.

Inigo Jones lived for many years in Italy, where he studied the architecture of the Renaissance. He was especially fascinated by the buildings of Andrea Palladio. Back in England, Queen Anne of Denmark hired him as stage and costume designer for her masquerades. But one day in 1616 the queen had a very special assignment for Jones. She asked him to design a pavilion in Greenwich. She wanted something private, but stately enough to invite special guests. Additionally, she did not just want to have access to the palace garden of Placentia, but also to Greenwich Park on the other side of the Woolwich Road.

Henrietta Maria
Queen Henrietta Maria (1609 – 1669), Studio of Van Dyck

Inigo Jones tat wie ihm geheißen. Allerdings dauerten die Bauarbeiten länger als geplant. Und als die Königin 1618 krank wurde und bald darauf starb, wurden die Bauarbeiten eingestellt. Aber zehn Jahre später bekam Inigo Jones doch noch die Chance, sein Meisterwerk zu beenden, für die neue Königin Henrietta Maria. Allerdings sollte sie die einzige Königin bleiben, die jemals im Queen’s House lebte. Während der Englischen Revolution wurde das Queen’s House zu einem Regierungsgebäude. Nach der Restauration 1660 kehrte Henrietta Maria zwar für kurze Zeit zurück nach Greenwich, zog aber bald fort ins Somerset House.

Inigo Jones did as he was asked. But the building works took much longer than initially expected. And when the queen fell ill in 1618 and died soon afterwards the building works were stopped. Ten years later Inigo Jones had the chance to complete his masterpiece for a new queen, Henrietta Maria. But she would be the only queen, who ever lived at Queen’s House. During the English Revolution the Queen’s House became a government building. After the Restoration in 1660, Henrietta Maria returned to Greenwich for a short time, before she moved to Somerset House.

Great Hall

Fortan wurde das Queen’s House als Gunstbezeigung Angestellten des Englischen Hofs überlassen. Die ersten Bewohner waren die niederländischen Marine-Maler Willem van de Veldes, Vater und Sohn. Ihre Bilder, wie auch die Gemälde der Stuart Monarchen, können heute im Queen’s House besichtigt werden. Seit 1934 ist es Teil des National Maritime Museums. Von der Pracht der Stuarts ist nicht viel übrig geblieben: der Marmorfußboden in der Great Hall, die Deckenbemalung in einem der Empfangsräume und das Geländer der Tulip Stairs. Heute finden neben den Dauerausstellungen zur Geschichte des Queen’s House und der Gemäldeausstellung zur Marinemalerei auch Sonderaustellungen zeitgenössischer Künstler statt. Bis August 2013 stellt die Textil-Künstlerin Alice Kettle Werke zum Thema “The Garden of England” aus. Besonders beeindruckend ist der “hängende Garten” im Treppenhaus der Tulip Stairs.

Since then the Queen’s House was given as a mark of favour to servants of the English court. First it was given to the Dutch marine painters Willem van de Veldes, father and son. You can see their paintings as well as portraits of the Stuart Monarchs when visiting the Queen’s House. In 1934 it became part of the National Maritime Museum. There is not much left of the Stuart splendour: the marble floor of the great hall, the ceiling painting in the Queen’s Presence Chamber and the ironwork of the tulip stairs. Today the Queen’s House is home to permanent exhibitions about its own history and the history of marine painting. Additionally there are temporary exhibitions by modern artists. Until August 2013 textile-artist Alice Kettle shows her work themed “The Garden of England”. The most impressive exhibit is the “hanging garden” in the Tulip Stairs.

Tulip Stairs

Das Queen’s House ist in zweierlei Hinsicht außergewöhnlich. Erstens ist es eines der ersten Gebäude Englands, das nach den Regeln der klassischen Architektur gebaut wurde. Fortan waren verspielte Ritterburgen out und wurden von symmetrischen, von der Antike inspirierten Bauwerken abgelöst. Zweitens wurde es über eine Straße hinweg gebaut, um der Königin Zugang zum Greenwich Park zu geben. Heute verläuft die Straße nach Woolwich etwas weiter südlich zwischen National Maritime Museum und Old Royal Naval College, also über den einstigen Schlossgarten. Anstatt einer rumpeligen Straße überspannt das Queen’s House heute einen eleganten Säulengang. Er entstand zwischen 1807 und 1812, als das Queen’s House und das heutige Museum die Schule für verwaiste Seefahrerkinder beherbergten.

The Queen’s House is extraordinary in two ways. First, it is one of the first classical buildings in England. Its symmetric design, inspired by the ancient Romans, meant the end of the picturesque castles of knighthood dreams. Second, it was built over a road to give the queen access to Greenwich Park. Today the road runs a bit further south between the National Maritime Museum and the Old Royal Naval College, which were once the palace grounds of Placentia. Today, instead of a humpy road, the Queen’s House spans over an elegant colonnade. It was built between 1807 and 1812, when the Queen’s House and today’s National Maritime Museum housed the school for orphans of seamen.

Säulengang

Inigo Jones arbeitete bis 1643 als Gutachter für den König. In dieser Position war er unter anderem für den Wiederaufbau des niedergebrannten Banqueting House und für Umbauarbeiten am Somerset House verantwortlich. Sein Glück änderte sich mit der Revolution. Er verlor seine Stelle und seine Besitztümer wurden zeitweise konfisziert. Gut möglich, dass er auch einige Zeit im Gefängnis saß. Die Restauration erlebte er nicht mehr. Er starb 1652 in Somerset House. In den knapp vierzig Jahren seines Schaffens hatte er die Renaissance nach England gebracht und die englische Architektur für immer verändert.

Inigo Jones worked as surveyor to the king until 1643. In this position he was responsible for the building of the Banqueting House and for modifications to the Somerset House. His luck turned during the English Revolution. He lost his position and his properties were confiscated for a time. It is possible, that he spent some time in prison. He did not live to see the Restoration. He died in 1652 in Somerset House. In his nearly forty years as an architect he had brought the Renaissance to England and changed English architecture for good.

Queen's House

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14 thoughts on “Eine seltsame Erfindung von Inigo Jones

  1. Pit says:

    Hallo Ingo,
    diesen sehr informativen Artikel hätte ich lesen müssen, BEVOR wir im Mai in Greenwich waren. 😉 Aber auch ohne diese Hintergrundkenntnisse war es lohnenswert. Wir haben das Queen’s House übrigens nicht von innen gesehen. Wir haben uns die Painted Hall und das National Maritime Museum sowie das Observatorium angesehen. Und außerdem jede Menge Aston Martins: da war ein Treffen für Besitzer dieser Luxuskarossen und ich schätze mal, da waren mehr als hundert Wagen im Park des Royal Naval College – neue und alte. Da standen ein paar Millionen in der Gegend rum.
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

    1. entdeckeengland says:

      Hallo Pit, ja das Queen’s House wird leicht uebersehen. Ich glaube, ich kann mich an das Autotreffen erinnern. Aber warum nennst Du mich eigentlich Ingo? Ich bin doch immer noch die Peggy 😉

  2. ramblingbrother says:

    Liebe Peggy,

    ein wunderschöner und interessanter Bericht zu Inigo Jones.Den palladianischen Baustil mag ich sehr. Habe gerade gelesen, dass der sich auch in den Nierlanden niederließ und sogar bis nach USA reichte. Hier lernt man nie aus und ich freue mich schon auf die nächsten Schatzkästchen aus deiner Feder.

    Liebe Grüße

    Achim

    1. entdeckeengland says:

      Danke, lieber Achim. Ich mag den Baustil auch sehr. Ich finde, das Queen’s House ist das eleganteste Gebaeude in Greenwich. Ich wusste gar nicht, dass sich der Baustil so weit verbreitet hat. Aber es verwundert eigentlich nicht. Inigo Jones war ja nicht der einzige, der sich auf einer Italienreise inspirieren liess. Liebe Gruesse, Peggy

  3. Susanne Haun says:

    Liebe Peggy,
    sehr gute Bilder und ein toller, informativer Text.
    Ich mag die quadratische Form bei Häusern (um es laienhaft auszudrücken).
    Das Foto vom Treppenhaus ist auch toll.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Susanne. Das Treppenhaus ist sehr schoen. Ich hatte von frueheren Besuchen schon ein Foto, aber mit dem haengenden Garten von Alice Kettle gefaellt es mir noch mehr. Ich hoffe ein bisschen, dass sie es haengen lassen. Liebe Gruesse, Peggy

  4. kbvollmarblog says:

    Liebe Peggy,
    habe Dank für diesen informativen Artikel. Ich bin jedoch einer, der den palladinischen Stil nicht so mag. Er wirkt auf mich zu autoritär und streng und oftmals, wie z.B. in Holkham Hall, zu klotzig. Vielleicht bin ich da auch als Deutscher vorbelastet, da Speers architektonische Entwürfe während des Faschismus von einem ähnlichen Rückgriff auf die Klassik geprägt waren. Damit möchte ich jedoch nicht die Leistungen I. Jones schmälern. Er und später Capability Brown haben in erstaunlicher Weise England sein heutiges Aussehen gegeben.
    Und deine Fotos finde ich sehr ansprechend, sie können mich glatt mit seiner Architektur aussöhnen.
    Ganz lkebe Grüße von der knalleheißen Küste
    Klausbernd
    Siri, Selma und ihr Tolllienhaber lassen dich auch aus Norwegen, wo es ebenso heiß ist, lieb grüßen.

    1. entdeckeengland says:

      Lieber Klausbernd, ich finde es schoen, dass Geschmaecker auseinandergehen. Die Welt waere sonst ziemlich langweilig. Ja, die Bauten der Antike wurden schon immer gern kopiert, besonders von jenen, die sich besser glaubten als andere. Vielleicht mag ich den Baustil so sehr, weil er mich an schoene Urlaube erinnert, in denen ich unter bruetend heisser Sonne durch griechische und roemische Ruinen stapfte. 🙂
      Heute sieht es hier nach Regen aus und fuehlt sich nach Gewitter an. Mal sehen, ob wir heute Abend ausnahmsweise mal nicht giessen muessen.
      Lieben Gruss, Peggy

      1. kbvollmarblog says:

        Liebe Peggy,
        zum Glück hat es hier gegen Morgen ein paar Stunden geregnet und die Wassertonen gefüllt. Nun scheint aber schon wieder die Sonne.
        Liebe Grüße
        Klausbernd

  5. seitengeraschel says:

    Ein toller Artikel. 🙂 Ich fahre im September nach London auf Kursfahrt und überlege gerade, ob das nicht was für meine Schüler sein könnte… ich werd sie mal fragen. 😉

  6. entdeckeengland says:

    Greenwich kann ich nur empfehlen! Damit kannst Du einen Tagesausflug fuellen. Wir haben hier ganz tolle Sehenswuerdigkeiten und einen riesigen Park. Deine Schueler/Studenten kannst Du aber wahrscheinlich am besten ueberzeugen, wenn Du von unserem Greenwich Market berichtest. 🙂 Das ist ein huebscher kleiner Markt, auf dem man jede Menge Kunsthandwerk und Souvenirs kaufen kann. Man kann dort uebrigens auch sehr gut und guenstig essen. Stoeber doch mal unter der Rubrik Greenwich. Dort habe ich schon einige Sachen vorgestellt, wenn auch bei weitem noch nicht alles. Lieben Gruss, Peggy

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