Mecklenburgische Seen

Tag 1: Endlich Urlaub! Das bedeutet allerdings noch lange nicht, dass wir ausschlafen können, denn unser Flug von Heathrow startet kurz nach 7 Uhr morgens. Das heißt, wir stehen um 3:30 Uhr auf und schleichen durch das Haus, um uns abfahrbereit zu machen, ohne Junior zu wecken. Um 4:30 Uhr steht das Taxi vor der Tür. Ich wecke den Kleinen Entdecker, setze ihn nach dem Anziehen in den Autositz und drücke ihm eine Tasse Milch und ein Butterbrot in die Hände. Dann geht’s los zum Flughafen. Gegen 10 Uhr landen wir in Berlin Tegel. Graue Wolken hängen so tief, dass sie fast die Dächer berühren, und es regnet – kein sehr einladendes Wetter für einen Bootsurlaub. Naja, vielleicht klart es ja noch auf. Zwei Stunden später übernehmen wir den Seezwerg in Plau am See von meinen Schwiegereltern. Während die Männer unseren Lebensmittelvorrat einkaufen, überlege ich mir magische Formeln, um den Inhalt unserer Seesäcke in zwei winzige Regale zu zaubern. Meine Zauberkünste sind jedoch nicht ausreichend. Ich packe die warmen Sachen in die Backskisten unter den Sitzbänken, in der Hoffnung, dass das Wetter besser wird. Es regnet immer noch. Wir entscheiden uns, in der Marina zu bleiben und lassen uns von den sanften Wellen und dem leisen Tröpfeln in den Schlaf wiegen.

Day 1: Finally holidays! But that doesn’t mean that we can sleep in. Our plane starts from Heathrow shortly after 7am. Therefore, we get up at 3:30am and prepare our departure silently without waking Junior. Our cab arrives at 4:30am. I wake Kleiner Entdecker, dress him and put him into the car seat with a milk cup in one hand and buttered bread in the other. We land in Berlin Tegel around 10am. Grey clouds hang so low that they nearly touch the roofs and it is raining – not an inspiring weather for a boat holiday. Well, it might still clear up. Two hours later we take over Seezwerg from my parents-in-law. The men go to buy provisions and I try to find a magic formula to fit the content of our duffel bags into two tiny shelves. But I find my witchcraft insufficient for the task. I put the warm clothes into the chest underneath the bench and hope that the weather gets better. It is still raining. We decide to stay in the marina over night. Sleep comes easily with the continuous dripping and the gentle rocking of the boat.

Seezwerg
Unser Seezwerg

Tag 2: Der Regen hat aufgehört und es weht ein böiger Wind. Wir segeln nur mit der Fock (vorderes Segel) über den Plauer See und ankern am Nachmittag in der Leistener Lanke. Es ist ruhig auf dem Wasser und wir beobachten Schwäne, Enten und Blesshühner.

Day 2: The rain has stopped and there is a gusty wind. We sail over Plauer See with just the foresail and anchor in Leistener Lanke in the afternoon. It is very quiet on the water and we watch swans, ducks and coots.

Auf dem Wasser erleben wir die Natur und die Tierwelt hautnah.
Auf dem Wasser erleben wir die Natur und die Tierwelt hautnah.

Tag 3: Die Morgenluft ist kalt und klar. Ich kämpfe eine Weile mit mir selbst, überwinde mich dann aber doch zu einem Morgenbad. Es gibt nichts Erfrischenderes, als morgens eine Runde im kühlen See zu schwimmen. Danach macht es mir auch nichts mehr aus, dass der deutsche Schwarztee geschmacklos bleibt. Ich hätte mir eine Packung Twinnings mitnehmen sollen. Vor dem Ankerlichten legen wir den Mast, weil wir auf unserem Weg nach Malchow die Autobahnbrücke unterqueren müssen. Unter Motor fahren wir über den Petersdorfer See bis nach Malchow, wo wir gerade rechtzeitig zur Öffnung der Drehbrücke kommen. Wir legen beim Segelverein an und laufen ins Stadtzentrum, um unsere Vorräte aufzufrischen und einen Eisbecher zu essen.

Day 3: The morning air is crisp. I struggle a bit with my weaker self, but finally I decide to go for a morning swim. There is nothing more refreshing than swimming in the cool water. After that I’m not even fussed about the weak German tea. I should have brought a pack of Twinnings. Before we hoist the anchor, we have to lower the mast, because we have to pass a bridge on our way to Malchow. We start the motor, cross Petersdorfer See and arrive just in time for bridge opening in Malchow. We moor at the sailing club and walk into the town centre to replenish our provisions and to eat ice cream.

Morgendliche Stille auf dem See.
Morgendliche Stille auf dem See.

Tag 4: Der Himmel ist noch bedeckt, aber es ist etwas wärmer geworden. Wir stellen den Mast wieder auf. Es weht eine leichte Brise und wir segeln vor dem Wind im Schmetterling (Großsegel und Fock auf entgegengesetzten Seiten, sodass die Segelstellung wie ein Schmetterling aussieht) über den Fleesensee. Dann ziehen wir die Segel wieder ein und tuckern mit dem Motor durch die schmale Durchfahrt in den Jabelschen See. Wir legen am Steg der Damerower Rotunde an, eine Gaststätte mit eigener Fischzucht und Räucherei.

Day 4: The sky is still cloudy, but it is a bit warmer. There is a light breeze. We set up the mast again and sail wing and wing (both sails out to different sides to catch the full wind) before the wind across Fleesensee. We have to get sails down and use the motor to get through a narrow passage into Jabelscher See. We moor at Damerower Rotunde, a restaurant with a fish farm and a smokehouse.

Guten Appetit!
Guten Appetit!

Nach dem Mittagessen laufen wir zum Wisent-Reservat auf dem Damerower Werder. In den 1920er Jahren galten Wisente bis auf einen kleinen Bestand in Zoologischen Gärten als ausgestorben. Alle heute lebenden Tiere stammen von nur 12 Vorfahren ab. Die Reservate versuchen, das Inzucht-Problem durch regelmäßigen Austausch von Tieren zu minimieren. Das Reservat Damerower Werder wurde 1957 errichtet. Hier leben etwa 40 Tiere auf 300 Hektar. Der Wisent ist übrigens ein etwas kleinerer Verwandter des amerikanischen Büffels (oder Bisons).

After lunch we walk to the wisent reservation on Damerower Werder. During the 1920s the European bison was extinct except for a few animals remaining in zoos. Today’s worldwide stock of wisents descends from just 12 animals. To reduce the risks of incest, European reservations regularly exchange animals. The reservation Damerower Werder was founded in 1957. About 40 animals live here on 300 hectares of forest. By the way, the wisent is a slightly smaller relative of the American buffalo (or bison).

Fütterung im Wisent-Reservat
Fütterung im Wisent-Reservat

Tag 5: Der Sommer ist endlich zurückgekehrt. Weil der Wind von vorn kommt, kreuzen wir über den Kölpinsee. Im schmalen Bereich auf der Westseite des Sees müssen wir nicht nur den Ausflugsdampfern ausweichen, sondern auch einfamilienhaus-großen Motorbooten, deren Fahrer glauben, dass sie eine eingebaute Vorfahrt haben. Als wir die Fahrrinne verlassen, wird es endlich ruhiger. Der Wind weht ganz sanft, sodass ich die Fock aus der Hand führe, während mein Mann steuert und das Großsegel bedient. Der Kleine Entdecker schläft auf meinen Knien ein und ich blinzle glücklich über das Wasser, wo die Sonnenstrahlen in Millionen glitzernde Sterne zerspringen.

Day 5: Summer has finally returned. Because the wind blows head on, we have to beat about Kölpinsee (zigzag course). In the narrow shipping passage on the western side we have to give way to the pleasure boats, but also to bungalow-sized motor boats, whose pilots believe they have an integrated right of way. After we leave the passage it becomes quieter. The wind is very gentle and I can lead the foresail with just one hand, while my husband is steering and adjusting the mainsail. Kleiner Entdecker falls asleep on my knees and I look happily across the lake, where the sunlight breaks into millions of stars.

Farbenfroher Wegweiser
Farbenfroher Wegweiser

Nach einer kurzen Badepause legen wir wieder den Mast, um unter der Bundesstraße hindurch in die Binnenmüritz zu fahren. Wir legen im Stadthafen Waren (Müritz) an. Bei 32 Grad Hitze suchen wir uns ein schattiges Plätzchen an Warens lebendiger Uferpromenade und gönnen uns ein Eis.

On the eastern shore we drop the anchor and go for a swim. Afterwards we have to lower the mast again to pass underneath a bridge to go to Waren (Müritz). It is sunny and 32 degrees Celsius. We look for a shady place on Waren’s lively water front and spend the afternoon eating ice cream.

Waren (Müritz)
Waren (Müritz)

Tag 6: Heute soll es noch heißer werden. Aber zum Glück weht auch ein leichter Wind und die Segel spenden uns Schatten. Ich übernehme für eine Weile das Steuer. Die Wellen machen mir als Laie zu schaffen. So schwanken wir im Zickzack-Kurs über die Müritz. Der Wind frischt auf und unser Boot schnurrt mit bis zu 10 km/h über das Wasser. Die beste Lebensgeschwindigkeit. Könnte der Urlaub doch ewig dauern!

Day 6: Today it is supposed to get even hotter. But luckily there is also a good breeze and the sails give us a bit of shade. I take the helm for a bit. I am not the sailor in our family and the waves are constantly upsetting my course. We seem to oscillate in a zigzag course across the Müritz. The wind increases and our boat swishes with up to 10 km/h across the water. That is the best pace of life. I wish the holiday could last forever!

Besuch auf der Ankerboje
Besuch auf der Ankerboje

Am Südzipfel des Sees ankern wir, um zu baden. Plötzlich sehen wir, wie von Westen her ein Gewitter aufzieht. Der Himmel sieht aus, wie von Caspar David Friedrich gemalt. Wir fahren nach Rechlin, einem verschlafenen Örtchen an der Kleinen Müritz. Das ist eine gute Entscheidung, denn kurze Zeit später zucken die ersten Blitze und der Himmel öffnet seine Schleusen.

At the southern tip of the lake we drop anchor and go for a swim. Suddenly we see a thunderstorm brewing in the west. The sky looks like a painting by Caspar David Friedrich. We set sail again and go to Rechlin, a sleepy village on the shores of Kleine Müritz. That is a good decision, because shortly after we are moored in the marina we see the first flash of lightning and the clouds finally break into a heavy downpour.

Morgenstimmung in Rechlin
Morgenstimmung in Rechlin

Tag 7: Unser letzter Tag auf See. Die Sonne scheint und es weht wieder ein leichter Wind. Wie segeln die Müritz hoch und ankern am Ostufer, nördlich des Naturschutzgebietes, um zu baden. Am Nachmittag segeln wir südwestlich nach Röbel und übernachten dort im Stadthafen mit Blick auf die imposante Marienkirche. Am nächsten Vormittag übergeben wir das Boot wieder an meine Schwiegereltern. Auf Wiedersehen, Seezwerg! Bis zum nächsten Jahr.

Day 7: Our last day on the lakes. The sun is shining again and we have a gentle breeze. We sail north across the Müritz and drop anchor at the eastern shore north of the wildlife sanctuary to go for a swim. In the afternoon we sail southwest to Röbel, with its impressive Marienkirche. On the next morning we hand the boat over again to my parents-in-law. Goodbye, Seezwerg! Until next year.

Röbel
Röbel
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31 thoughts on “Mecklenburgische Seen

  1. Susanne Haun says:

    Liebe Peggy,
    sehr schöne Fotos und Eindrücke.
    Ich habe mich amüsiert als ich vom schwarzen Tee las. So schnell hast du dich an die guten Seiten Englands gewöhnt 🙂
    Einen schönen Wiedereinstieg in die Arbeit wünscht Susanne

  2. Janet says:

    Na das wird wohl Zeit, dass auch der kleine Mann den Segelschein macht, so dass Ihr Euch von ihm chauffieren lassen könnt. Ich glaube sogar, dass schon Kids Segelscheine in Deutschland machen können, wenn ich da an meine eine Kollegin denke.

    1. entdeckeengland says:

      Naja, wir fangen erstmal mit schwimmen lernen an. Aber wir haben eine Gruppe 8-10-jaehriger beobachtet, die scheinbar Ferien im Segel-Camp verbracht haben und jeden Tag mit ihren kleinen Jollen raus auf den See gefahren sind. Mal sehen, ob das irgendwann mal interessant ist. Liebe Gruesse, Peggy

  3. ramblingbrother says:

    Liebe Peggy,

    beeindrückend schöne Bilder, die Lust auf einen Segeltörn machen. Ach, könnte ich doch …. und hätte ich doch vor Jahren meinem spontanen Impuls, den Binnenseesegelschein (oder wie man diesen heißt) zu machen, nachgegeben. Wer weiß, vielleicht mach ichs noch 🙂 Von der Mecklenburgischen Seenplatte hat mir einer meiner Schwager immer vorgeschwärmt. Vielleicht sollte ich mal ein Jahr Pause machen von Englandbesuchen und mich dort einmal umschauen.

    Liebe Grüße aus Freiburg

    Achim

    1. entdeckeengland says:

      Danke, lieber Achim. Es ist eine wirklich schoene Gegend. Ich geniesse es vor allem, mitten in der Natur zu sein. Allerdings wird es dort von Jahr zu Jahr voller. Du solltest Dich also beeilen 🙂 Liebe Gruesse, Peggy

  4. RuleBritannia says:

    Liebe Peggy,
    was für ein schöner Bericht und tolle Photos! Wir waren vor 5 Jahren an der Seenplatte (aber ohne Boot) zu unserem 20. Hochzeitstag. Es ist sehr hübsch dort. Das mit dem Tee hat mich ja sehr zum Schmunzeln gebracht. Ohne meinen Tetley’s fahre ich nirgends hin! Und der deutsche Schwarztee ist wirklich nicht zu vergleichen…
    Liebe Grüße
    Heike

    1. entdeckeengland says:

      Liebe Heike, danke fuer Deinen netten Kommentar. Ja, ich hatte beim Packen der Tasche darueber nachgedacht, meinen Tee mitzunehmen, aber es war am Ende einfach kein Platz mehr. Liebe Gruesse, Peggy

  5. Dina says:

    Liebe Peggy,
    du stellst eine Landschaft vor die ich nicht kenne, aber immer gerne besuchen wollte. Wunderschön sieht es dort aus und du schreibst sehr gut und unterhaltsam. Ob ich Segeln würde bleibt offen, ich habe viele Urlaube auf engem Raum und rauer See verbracht, so ganz meins ist es nicht. 😉
    Guten Einleben in London!
    ♥liche Grüße aus dem Rheinland
    Dina

    1. entdeckeengland says:

      Du hast viele Urlaube auf rauher See verbracht? Das klingt ja interessant. Aber ich gebe zu, dass ich ja eigentlich auch nur ein Schoenwettersegler bin. Naja, eigentlich bin ich ja gar kein Segler, sondern mein Mann. Als er mich damals das erste Mal aufs Boot gelockt hat, hat er mir versprochen, dass ich ja gar nichts machen muesste, sondern nur der Badegast waere. Das waren aber nur leere Versprechungen, wie das so ist 🙂 Liebe Gruesse, Peggy

  6. Pit says:

    Hallo Peggy,
    Dein wunderschöner Bericht macht echt Lust darauf, diese Reise nachzuerleben! 🙂 Schon wieder ein Punkt mehr auf meiner Urlaubsreisenliste. Und die ist schon voll genug. Man müsste VIEL mehr Zeit haben. 😉
    Apropos Tee: normalerweise [hierzulande und in Deutschland] bin ich eine ausgesprochene “Kaffeenase”. Aber wenn ich in England bin, gibt’s keine Alternative zu Tee. Früher habe ich mir von Englandreisen immer “echten” englischen Tee mitgebracht oder mir welchen im Versandhandel bestellt.
    Liebe Grüße aus dem südlichen Texas,
    Pit

  7. entdeckeengland says:

    Hallo Pit, das mit der Zeit kenne ich gut. Meine Reiseliste waechst auch immer schneller als ich sie abarbeiten kann. Ich war frueher auch eine richtige “Kaffeetante”, aber hier in England habe ich irgendwann begonnen, Tee zu trinken. Er schmeckt ja hier auch einfach am besten. Liebe Gruesse aus Greenwich, Peggy

    1. entdeckeengland says:

      Thanks, Mitch for the information. The Ranger of the reservation told us that the European and the American bison share the same ancestor. They are so closely related that they could produce fertile offspring. They probably spread out, when the continents were still connected by land or ice.

  8. mirjam says:

    Was für ein schöner Seezwerg!
    Und ich kann meinen Vorrednern nur zustimmen: Ich möchte dahin! Du hast das so lebendig geschildert, dass man einfach Lust bekommt, das selber mit allen Sinnen zu erleben.
    Schicke dir liebe Grüsse aus der Schweiz,
    Mirjam

  9. Sandra Parsons says:

    “ich blinzle glücklich über das Wasser, wo die Sonnenstrahlen in Millionen glitzernde Sterne zerspringen” – Ich wusste gar nicht, dass in dir ein Poet steckt 😉 Aber dieser Satz war für mich die Krönung deiner tollen Reisebeschreibung. Und das mit dem Tee… tja, ich wusste schon, dass ich nicht für immer in England bleiben würde, als ich seltsamerweise NICHT zum Tee-Junkie wurde wie alle anderen Parsons-Frauen.

  10. Tanja says:

    Die Mecklenburgische Seenplatte ist wirklich wunderschön. Dort in der Nähe, habe ich meinen Mann kennengelernt! 🙂 Danke für diesen wundervollen Beitrag. Da kommen wieder Erinnerungen hoch.

    Viele liebe Grüße,
    Tanja

  11. andrea says:
      1. andrea says:

        Liebe PEGGY:))
        Ich DANKE dir HERZlichst für deinen BESUCH und deine netten KOMMENTAR(e)bei mir….komme gerne wieder vorbei du hast viel INTERESSANTES…..ich DANKE dir für dein KOMPLIMENT an mich liebe PEGGY…ein schöner NAME wie ich finde.Hab einen schönen MonTAG und eine HERRliche WOCHE….HERZlichst ANDREA:))

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