Nur noch schnell ein paar Zeilen

Wie eigentlich fast immer am Ende meines Arbeitstages hetze ich los, um den Kleinen Entdecker pünktlich von der Schule abzuholen. Ich greife noch schnell ins Bücherregal und dann kämpfe ich mich gegen den eisigen Nordwind in strömendem Regen zum Bahnhof durch. Notdürftig geschützt unter dem schmalen Dach stehe ich auf dem Bahnsteig und beginne zu lesen. Die feuchte Kälte kriecht langsam an meinen Hosenbeinen hoch und der Wind zerrt unerbittlich an meinen Haaren.

Er zog hier was weg und da was, kramte ein bißchen herum, prüfte, ließ fallen, und während er das tat, entdeckte er, hol’s der Teufel, ein Buch, ein hübsches, handliches Dingchen. Ein Zittern durchlief seinen Körper, eine heillose Freude rumorte in der Brust, und er lehnte hastig, wie ein Süchtiger, die Flinte an einen Stuhl, warf sich, wo er stand, auf die Erde und las. Vergessen war der Schmerz der Kälte in den Zehen, vergessen war Adolf Abromeit an der Luke und Wawrila aus den Sümpfen.

Neben mir spannt ein älterer britischer Gentleman seinen großen Schirm als Windfang auf. „Darling, get behind the umbrella, you’ll catch cold in this wind.“ Ich lächle ihm dankbar, aber abwesend zu. Der Wind kann mir im Moment nichts anhaben. Ich liege gerade neben Hamilkar Schaß auf dem Boden und lese.

„Der Satan Wawrila, Hamilkar Schaß, steht vor der Tür.“ „Das wird“, sagte mein Großvater, „alles geregelt werden zur Zeit. Nur noch, wenn ich bitten darf, die letzten fünf Seiten.“

Einige von Euch haben gefragt, ob uns die Themse schon bis zum Hals steht. Nein, zum Glück ist hier in Greenwich noch alles in Ordnung. Ich hoffe jetzt auf besseres Wetter und lese in der Zwischenzeit Siegfried Lenz „So zärtlich war Suleyken – Masurische Geschichten“.

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12 thoughts on “Nur noch schnell ein paar Zeilen

  1. Dear Peggy. What a lovely post. I love the story in the story. I hope you didn’t catch a cold. By the way I will be disappointed if the English gentleman with the umbrella was a third story 🙂 🙂
    All the best,
    Hanna

    1. Dear Hanna, no, the gentleman was real and they were his exact words. I like this about English people. Many are very polite and even caring to almost every stranger. In my first years here I was a bit irritated, when somebody I didn’t know called me darling or love. In Germany this could definitely lead to misunderstandings 🙂 have a nice evening, Peggy

  2. Ich fand es immer toll, wie einfach man mit den angeblich so reservierten Briten ins Gespräch kommt. Und das umso mehr, wenn einem so ein kleines Monster um die Beine wuselt. Und die Höflichkeit ist mir vor allem im Straßenverkehr immer wieder aufgefallen. Warum bin ich überhaupt da weggezogen? Ach ja, das Wetter 😀
    Vielen Dank für dieses entzückende Stückchen Prosa und ganz liebe Grüße von der anderen Insel, Sandra.

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