Walmer Castle und der Tod des Eisernen Dukes

Das Meer liegt ruhig zu unseren Füßen. Kein Dunst versperrt die Sicht auf die Küste Frankreichs, die sich als schmaler dunkler Streifen vom Horizont abhebt. Hier in Kent trennen England nicht einmal 40 Kilometer vom europäischen Kontinent. Zu turbulenteren Zeiten war die Invasionsgefahr hier am größten. Davon zeugt noch die Bastion von Walmer Castle, die sich über dem steinigen Strand erhebt. Von den runden Plattformen, die sich kleeblattartig um den Hauptturm legen, blicken trotzige Kanonen über das Wasser, ein Symbol des bis heute von Misstrauen geprägten Verhältnisses zu allem Kontinentalen. Aber zum Glück ist heute alles friedlich. Spaziergänger genießen die wärmenden Strahlen der Aprilsonne, die auch uns ans Meer gelockt hat.

Calm lies the sea beneath us. With the last morning mist gone we can see the narrow dark band on the horizon that is the French coast. Less than 40 kilometres separate England from the continent here in Kent. During more turbulent times the threat of invasion was considered greatest on this stretch of the English coast. The imposing walls of Walmer Castle above the pebbly beach are still bearing witness to that. From the round platforms that are arranged like a shamrock around the gun-tower cannons look defiantly across the Channel, symbol for the still lingering mistrust towards everything continental. But thankfully everything is peaceful today. Ramblers enjoy the warm April sun that drew us to the coast.

Walmer Castle

Walmer Castle wurde 1539 gebaut, nachdem sich Henry VIII. im Streit um die Scheidung von Katherine of Aragon mit dem Papst überworfen und sich von der katholischen Kirche losgesagt hatte. Getrieben von der Angst vor einer spanischen Invasion ließ Henry VIII. an Englands Ost- und Südküste eine ganze Kette neuer Festungen bauen, die auf die Kriegsführung mit Kanonen spezialisiert waren. Mittelalterliche Burgen waren dieser neuen Angriffstechnik nämlich nicht gewachsen. Die neuen Bastionen waren niedriger und vor allem breiter, sodass sie genügend Platz für große Geschütze hatten. Walmer Castle wurde jedoch nie von Invasoren angegriffen. Ein einziges Mal musste sich die Festung beugen. Das war im Jahr 1648 und da kam der Feind auf dem Landweg in Gestalt der parlamentarischen Armee während des Bürgerkriegs.

Walmer Castle was built in 1539, after Henry VIII broke with the pope and the Catholic Church over his divorce from Catherine of Aragon. Driven by fear of a Spanish invasion he fortified England’s east and south coast with a chain of new castles. The old medieval castles were no longer useful in the modern warfare that used artillery instead of archers. The new bastions were at a lower level and wider to provide enough space for the cannons. As it happens, Walmer Castle was never attacked from the sea. Only once it had to succumb to an enemy. And that enemy came in 1648 from the homeland. It was the parliamentary army during the civil war.

Walmer Castle Gate

Bis auf das Kanonendeck erinnert heute nicht mehr viel an die Verteidigungsanlage. Durch ein von eisengeschlagene Türen gesäumtes Tor tritt man in einen schmalen Innenhof. Die Tische des Tearooms, dekoriert mit fröhlichen Narzissen, stehen dort im Schatten der hohen Verteidigungsmauer. Mitten im Gang, wo früher Soldaten zu Ihren Posten liefen, erhebt sich ein Wohnhaus aus weißen Brettern. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verlegte der Lord Warden of the Cinque Ports seinen Sitz nach Walmer Castle. Die Cinque Ports nennt man das Bündnis der ursprünglich fünf wichtigsten Häfen Südostenglands. Bis zur Gründung der Royal Navy war es Aufgabe dieser Hafenstädte, Schiffe und Besatzungen zur Verteidigung bereitzustellen. Um das seit dem Mittelalter anwachsende Bündnis besser zu organisieren wurde vom König ein Lord Warden ernannt. Das Bündnis und mit ihm das Amt des Lord Warden haben heute nur noch einen repräsentativen Charakter. So hielt beispielweise die Queen Mum diesen Titel bis zu Ihrem Tod im Jahr 2002.

Aside from the bastion there is not a lot that reminds of the old fortress. Walking through a gate with a pair of iron cladded doors you come into a narrow courtyard. Tearoom tables, decorated with happy daffodils, are standing there in the shadow of the high defence walls. In the middle of the courtyard, were once soldiers hurried to their posts, stands a weather-boarded house. At the beginning of the 18th century the Lord Warden of the Cinque Ports moved his residence to Walmer Castle. Cinque Ports is the name of the confederation of the initially five port towns in Southeast England. Before the Royal Navy was founded, it was their responsibility to provide ships and men for the defence of the coast. To organise the growing confederacy during the Middle Ages the king created the office of the Lord Warden. Today, the Cinque Ports and the Lord Warden have only a representative character. The office was for instance held by the Queen Mum until her death in 2002.

Walmer Castle Courtyard

Als Residenz der Lord Wardens benötigte Walmer Castle natürlich repräsentative Wohnräume. Der Duke of Dorset begann in den 1730ern das zweistöckige Wohnhaus in den Innenhof der Festung zu bauen und viele seiner Nachfolger erweiterten es und passten die Räumlichkeiten an ihre Bedürfnisse an. Jeder Lord Warden brachte seine eigenen Möbel mit. So änderte sich der Charakter der Festung ständig. In den 1930er Jahren unter Marquess of Reading und seiner Frau begann man jedoch einige Zimmer wieder so herzurichten, wie sie einst den Lord Wardens und ihren Besuchern dienten. So wurde Walmer Castle zu einem Zeitfenster, das dem Besucher einen Blick in unterschiedliche Epochen bietet. Innen ist das Fotografieren leider verboten.

As residence of the Lord Warden Walmer Castle needed of course representative living quarters. The Duke of Dorset began to build the two-storey house in the middle of the courtyard during the 1730s. His successors added more and adapted the rooms to their own personal circumstances. Every Lord Warden brought his own furniture. Therefore, the character of the castle was constantly changing. But during the 1930s under Marquess of Reading and his wife some rooms were recreated to show how they were used by former Lord Wardens and their visitors. This is how Walmer Castle became a time window, through which visitors can look into long gone eras. Unfortunately, photography is forbidden inside.

Walmer Castle

Geht man die Treppe hoch in den zweiten Stock, kommt man in einen schmalen, blaugrün gestrichenen Korridor, dessen Wände goldgerahmte Bilder schmücken. Von ihnen lächeln uns alle Persönlichkeiten an, denen einst die Ehre zuteilwurde, zum Lord Warden ernannt zu werden. Neben Queen Mum gehörten dazu zum Beispiel Winston Churchill und WH Smith (ja, der von der Buchladenkette). Jeder, der schon einmal England besucht hat, weiß, dass die Engländer besessen von ihrer eigenen Geschichte sind. Im Walmer Castle nimmt das durchaus makabre Züge an. Geht man hinter dem Treppenabsatz gleich in den ersten Raum auf der rechten Seite, gelangt man in den Duke of Wellington‘s Room. Das war der Wohn- und Schlafraum des Napoleon-Bezwingers. Und hier steht der Sessel, in dem der Eiserne Duke starb. Ich sog vorsichtig die Luft ein, um zu testen, ob noch ein Leichengeruch in der Luft liegt, aber es roch nur nach muffigen alten Möbeln. Wem das noch nicht makaber genug ist, der begibt sich in das angrenzende Wellington Museum. Hier hängt in prominenter Position die Totenmaske. Darunter liegt das Seidentuch, mit dem der Kiefer des toten Dukes geschlossen gehalten wurde. Ich könnte Euch noch die übrigen Räume beschreiben, aber der geblümte Himmel über Queen Victorias Bett (das sie während eines einmonatigen Besuchs benutzte) kann mit dem Totensessel des Dukes einfach nicht mithalten. Hübsch anzusehen ist Queen Mum‘s Dining Room, hergerichtet, als würde gleich eine königliche Dinner Party beginnen. Schade ist, dass es keine Beschreibungen in den Zimmern gibt. Wer hierher kommt, muss über die Geschichte Walmer Castles Bescheid wissen oder sich gleich am Eingang das informative Heft kaufen.

Walking up the stairs you will reach a narrow, blueish green painted corridor, with walls full of golden framed pictures. They show all the people, who had the honour to become the Lord Warden, among them Winston Churchill and WH Smith (yes, the one from the bookshop chain). Everyone, who has ever visited England, know that English people are obsessed with their own history. In Walmer Castle this obsession is bordering onto the macabre. If you go into the first room to your right after climbing the stairs, you will enter the Duke of Wellington’s Room. This was the sleeping and living room of the man who defeated Napoleon. Here stands the armchair where the Iron Duke died. I sniffed cautiously to find out if there was still the odour of death lingering, but it just smelled of musty old furniture. If that isn’t macabre enough go into the next room, which contains the Wellington Museum. In a prominent position you will find the Duke’s death mask and beneath it the silk handkerchief that was used to keep the jaw closed. I could describe to you the other rooms, but the floral curtains around Queen Victoria’s bed (she used it during a month-long visit) can simply not keep up with the Duke’s armchair. The most pleasant room is Queen Mum’s dining room, the table set as if a Royal dinner party will start any minute. It is a shame that there are hardly any information in the rooms. Visitors either have to know Walmer Castle’s history or they should buy the informative castle guide at the entrance.

Queen Mum's Garden at Walmer Castle

Bei dem strahlenden Sonnenschein hielten wir uns nicht allzu lange mit der Innenbesichtigung auf. Walmer Castle hat nämlich eine schöne Gartenanlage. Am Teich in Queen Mum’s Garden fand der Kleine Entdecker schnell einen Freund. Gemeinsam versuchten sie, Frösche aus dem Wasser zu fischen. Anschließend spazierten wir durch den Park und über die Wiese, wo wir, wie alle anderen Familien auch, unser Picknick ausbreiteten.

With the sun shining outside we did not spent too much time visiting the rooms. Walmer Castle has wonderful gardens that are well worth a visit. At the pond in Queen Mum’s Garden our Kleiner Entdecker soon found a friend. Together they tried to lift frogs out of the water. Afterwards we walked through the woodland and over the lawn, where we like all the other families around us sat down for a picnic.

Walmer Castle

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35 thoughts on “Walmer Castle und der Tod des Eisernen Dukes

    1. entdeckeengland says:

      Im Moment schwankt er zwischen Feuerwehrmann und König. Vielleicht bekommen ja William und Kate noch eine Tochter. Ich fürchte nur, dass wir uns die Schule nicht leisten können, wo solche Liebesgeschichten stattfinden.

  1. Hanna says:

    Then you did as I suggested; Was busy with pen, paper and camera 🙂
    It is a very interesting review and I almost like to see the macabre objects quickly passing by the course 🙂
    Love,
    Hanna

    1. entdeckeengland says:

      This is still one from before our holidays. It was half ready when we left and I thought I’d finish it before I start to talk about our holiday. But my travel notebook is of course full of new impressions. Have a nice evening, Peggy

      1. Hanna says:

        I’m a disgrace for my country and my blog 🙂 Brighton it is. A very long day of hiking may excuse me just a little bit.
        All the best,
        Hanna

      1. ledrakenoir says:

        I lived a large part of my childhood in the northern Germany, so “keine probleme” – mostly I write in english, but I speak and understand german very good… 😉

  2. Sandra Parsons says:

    Wo treibst du nur immer diese tollen Ausflugsziele auf? Ich lese deine Berichte immer mit Begeisterung, aber selbst wenn wir noch in England leben würden, bezweifle ich, dass ich meine Männer da überall hin schleppen könnte. Wochenende war bei uns immer Cricket- oder Hockey-Zeit 😉

    Liebe Grüße von uns allen und frohe Ostern, Sandra

  3. bernd says:

    Hallo Peggy, hab jetzt erst den tollen Bericht von Walmer Castle von Dir gelesen. Habe dieses Castle schon lange auf meiner Liste, sowie auch Dover Castle und Deal Castle. Als ich nun Deinen Bericht las, wußte ich das ich nicht umsonst denn Heritage Pass und auch den National Trust Pass für Visitor´s nehmen werde. Meine Frau und ich freuen uns schon sehr auf England und hoffen auch auf so ein angenehmes Klima im Mai. Freue mich jetzt schon auf Deine nächsten Berichte, viel Spass wünsche ich Euch dabei. LG, Bernd

    1. entdeckeengland says:

      Hallo Bernd, Die English Heritage und National Trust Mitgliedschaften lohnen sich wirklich, wenn man viel besichtigen will. Ich fürchte, neue Berichte kann ich in nächster Zeit arbeitsbedingt nicht schreiben. Aber ich wünsche Euch dennoch einen tollen Urlaub mit vielen interessanten Eindrücken.
      Liebe Grüße, Peggy

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