Looking for sanctuary in Avranches

Regen. So haben wir uns unseren Urlaubsbeginn in der Normandie nicht vorgestellt. Über unserem Ferienhaus hat noch die Sonne vielversprechend durch die Löcher in der Wolkendecke gelacht. Deshalb haben wir unsere Regensachen fein säuberlich zusammengefaltet dort gelassen. Aber als wir zwanzig Minuten später Avranches, die Stadt auf dem Felsen, erreichen, ist der Himmel dunkelgrau und es gießt wie aus Eimern. Vom Parkplatz vor der Touristeninformation rennen wir ins nächstgelegene Café. Zum Glück gibt es hier immer und überall leckeren Apfelkuchen und Milchkaffee.

It’s raining. This is not how we imagined the start of our holiday in Normandy. Back at our holiday home the sun was shining promisingly through the clouds. That’s why we left our raincoats there. But at our arrival in Avranches twenty minutes later the sky has turned a dark grey and it’s raining cats and dogs. From the car park next to the tourist information we run into the next café. Thankfully you can always find delicious apple pie and coffee.

Castle walls, Avranches

Der Wolkenbruch ist vorüber. Stattdessen nieselt es sachte vor sich hin. Das ist ganz eindeutig ein Museumstag. Gut, dass es hier in Avranches ein ganz besonderes Museum gibt, nämlich das Scriptorial, das illuminierte Manuskripte ausstellt, die auf dem nahegelegenen Mont St Michel angefertigt wurden. Schlecht, dass heute Montag ist. Montags ist nämlich Ruhetag. Wir stehen also vor verschlossenen Türen im Regen. Und was machen wir jetzt? Zurückfahren zum Ferienhaus und den Kamin anwerfen? Wenn wir schon mal hier sind, können wir ja noch einen kurzen Abstecher zum Square Thomas Becket machen, schlage ich vor. Nass sind wir ohnehin. Also schlendern wir mit der Gemütlichkeit von Sommerspaziergängern durch mittelalterliche Gassen. Die Einheimischen haben sich hinter ihre dicken Feldsteinmauern zurückgezogen. Bei diesem Wetter haben wir die Stadt ganz für uns allein.

The torrential downpour makes way for a slight drizzle. This is definitely a museum day. Good that Avranches can boast with a very special museum, the Scriptorial, where illuminated manuscripts are exhibited which were made on nearby Mont St Michel. Bad that it’s Monday, because it is closed. So we are standing in the rain in front of closed doors. And now? Should we go back to our cottage and light the fireplace? Well, I cautiously suggest, as we are already here, we might as well walk to the Square Thomas Becket. We can’t get any wetter now anyway. Therefore we stroll through medieval lanes like promenaders in the summer sun. The locals are hiding behind their thick cobblestone walls. In this weather we have the town to ourselves.

empty lanes in Avranches

Es dauert tatsächlich nur ein paar Minuten, bis sich vor uns der Square Thomas Becket auftut, von dem man bei besserem Wetter einen schönen Blick bis zum Mont St Michel hat. Aber heute hüllt sich der heilige Berg in Nebelwolken. Ich bin ohnehin hauptsächlich an einer kleinen Granitplatte interessiert, die dem Platz seinen Namen gegeben hat. Denn hier kniete im Mai 1172 der englische König Henry II und tat Buße für den Mord an Thomas Becket. Einst stand hier eine hohe Kathedrale, die jedoch scheinbar noch zu den frühen Probeexemplaren gotischer Baukunst gehörte, denn sie stürzte laut meinem Rough Guide irgendwann aufgrund mangelnder Stabilität ein. Der Streit zwischen dem König und dem Erzbischof von Canterbury war eines der vielen Kapitel im Machtkampf zwischen Krone und Kirche, der das mittelalterliche Europa charakterisierte. Die Geschichte Thomas Beckets erzähle ich Euch jedoch ein anderes Mal, denn das würde heute zu weit führen. Schließlich sind wir nur auf einen kurzen Abstecher hierhergekommen und stehen noch im Regen.

It takes indeed just a few minutes before the Square Thomas Becket opens in front of us. In finer weather you can see Mont St Michel from here, but today the holy mount remains hidden behind grey mist. But I am anyway more interested in a small granite platform that has lent the place its name. In May 1172 the English king Henry II kneeled here to do penance for the murder of Thomas Becket. Once there stood a great cathedral here. But apparently it was one of the early trials of gothic architecture as it collapsed due to proper support, according to my Rough Guide. The quarrel between the king and the archbishop of Canterbury is one of many chapters in the power struggle between crown and church that marked medieval Europe. But I will tell you the whole story of Thomas Becket another time, because it would take too long just now. After all, we only came here for a short stroll and we are still standing in the rain.

place of penance, Place Thomas Becket, Avranche

Wie setzen unseren Stadtrundgang durch die einsamen Gassen fort, vorbei an Blumenrabatten, in denen Tulpen und Narzissen um die Wette blühen. Vom ehemaligen Burgfelsen geht es zunächst bergab Richtung Marktplatz und anschließend wieder bergauf zum Place Carnot. Wäre das Wetter besser, würden wir durch den vielgelobten Jardin des Plantes laufen.

We continue our walkabout through solitary lanes, bordered by tulips and daffodils competing for attention. From the old castle rock we walk down to the market place and up again to Place Carnot. If the weather were any fairer, we would walk through the much praised Jardin des Plantes.

daffodils in Avranche

Stattdessen suchen wir Zuflucht in einem Gotteshaus. Vor uns erhebt sich Notre-Dame-des-Champs, ein neugotischer Bau aus dem 19. Jahrhundert. Wir treten durch die schwere Holztür und empfangen dankbar die trockene Wärme. Wir sind allein in der riesigen Kirche, umgeben von absoluter Stille. Während ich noch staunend im Mittelschiff stehe, schleicht der Kleine Entdecker auf mich zu und flüstert: „Wir müssen ganz leise sein.“ Seine Worte hallen laut wie Donner von den kahlen Steinwänden zurück. Dann greift er meine Hand. „Komm, Mama, wir warten auf den König.“

Instead we look for sanctuary in a church. In front of us rises Notre-Dame-des-Champs, a neo-Gothic building from the 19th century. We enter through a heavy wooden door and receive the dry warmth with thanks. We are alone in this gigantic hall of prayer surrounded by complete silence. While I am still standing in awe in the central nave my Kleiner Entdecker tiptoes to me and whispers: “We have to be silent.” His voice echoes as loud as thunder from the naked stonewalls. Then he takes my hand. “Come, mummy, let’s wait for the king.”

Notre Dame des Champs, Avranche

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24 thoughts on “Looking for sanctuary in Avranches

  1. Wolfregen & Constanze says:

    Nicht selten entfaltet sich in uns beim Anblick solch altehrwürdiger Stätten gerade an Schlechtwettertagen eine ganz besondere Magie, welche ich auch in Deinen Beschreibungen und Fotos hier zu spüren vermochte.

    Sei herzlich gegrüßt

    von Constanze

  2. Dina says:

    Liebe Peggy, deinen einfühlsamen und unterhaltsamen Bericht + stimmungsvollen Aufnahmen dokumentieren was jedes Lehrbuch schreibt; das graue Wetter wirkt spannender und bekommt eine andere Stimmung als die Hochglanzfotos im Sonnenschein. Wir warten gespannt auf die Fortsetzung, auf weitere Entdeckungen! 🙂
    Herzliche Grüße aus Norwegen, Dina

  3. Hanna says:

    It is a nice good-humored story you tell, dear Peggy. It’s great to be able to improvise during unforeseen circumstances 🙂
    Your pictures in BW is a great choice.
    All the best,
    Hanna

    1. entdeckeengland says:

      Thanks, Hanna. I actually like a walk in the rain, at least when I have a rain coat on 🙂 Well, the buiIdings looked kind of BW anyway in this weather. I was thinking about if I should mix BW and colour pictures in the post. But that way each picture looked at its best. Love, Peggy

  4. Susanne Haun says:

    Ich mag die Geschichte auch, Peggy! Die Fotos geben den Inhalt wieder und ich sehe euch vor mir, wie ihr auf den großen König wartet…..
    Es erinnert mich daran, dass mein Sohn und ich vor ca. 15 Jahren im neue renovierten Schloß in Oranienburg auf “den großen König” warteten. Das Schloß verliert nie dieses Gefühl, mit seinem Kind auf eine Unmöglichkeit zu warten und Geschichten zu erzählen.
    Einen schönen Sonntag wünscht euch Susanne

  5. Martina Ramsauer says:

    Liebe Peggy, ich wollte auch sagen, dass dieses Wetter einfach zu diesen Fotos und Häusern des Mittelterters in Avranches gehört! Auf die Thomas Becket Geschichte warte ich gerne und wünsche dir/euch noch wundervolle Ferientage in der spannenden Normandie: L. G. Martina

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Martina. Der Urlaub liegt nun mittlerweile drei Wochen zurück. Ich hänge mit dem Bloggen zur Zeit etwas hinterher, weil ich recht viele Auftragsanfragen bekomme. Das ist natürlich erfreulich, lässt aber leider manchmal zu wenig Zeit für den Blog.

  6. Sandra Parsons says:

    Ich mag deinen Schreibstil total gern. Als würde ich gerade mit euch zusammen im Regen stehen. Kein Wunder, dass ich langsam auch anfange, mich für (englische) Geschichte zu interessieren – normalerweise nicht meine Schokoladenseite 😉 Liebe Grüße vom Strand (wo natürlich wie immer die Sonne scheint), Sandra

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