Wilhelm der Eroberer: Wie es zur Invasion von 1066 kam

Eine Reise in die Normandie ist unweigerlich auch eine Reise in die englische Geschichte. Denn einige Dinge, die für uns heute untrennbar mit England verbunden sind, nahmen hier ihren Anfang. Castles zum Beispiel, die heute zu den beliebtesten Touristenattraktionen zählen, waren vor 1066 auf der Insel nahezu unbekannt. Und auch Englands größte gesellschaftliche Errungenschaften – das moderne Parlament und das Rechtssystem – entstanden in ihren ersten Zügen unter der Herrschaft normannischer Herzoge, wenngleich als Zugeständnis an angelsächsische Grafen und aus Angst, andernfalls den englischen Thron wieder zu verlieren. Die normannische Eroberung unter Wilhelm I. im Jahr 1066, die letzte erfolgreiche Invasion der Insel, ist eines der wichtigsten historischen Ereignisse Englands. Und die Stadt, die zum Symbol für Wilhelms Macht diesseits und jenseits des Ärmelkanals wurde, ist Caen.

A journey to Normandy is also a journey into England’s history. Many things we see as typical English today originated here. Castles for instance, today one of the most popular tourist attractions, were hardly known on the island before 1066. And even England’s biggest achievements – the modern parliament and the common law – began life under Norman dukes, even though as concession towards Anglo-Saxon earls and out of fear to lose the English throne again. The Norman Conquest under William I in 1066, the last successful invasion of the island, is undoubtedly one of the most important events in English history. And the city that symbolises William’s power on both sides of the Channel best is Caen.

Die Burgmauern von Caen
Die Burgmauern von Caen

Caen verdankt ihren Aufstieg der Schlacht von Val-ès-Dune, die wenige Meilen südöstlich stattgefunden hat. Wilhelm hatte 1035 als Siebenjähriger das Herzogtum der Normandie von seinem Vater geerbt. Wie so häufig, wenn ein Kind ein solches Erbe antritt, war seine Autorität im Herzogtum anfangs alles andere als sicher. Seine Nachbarn überfielen Burgen im Grenzland und auch in den eigenen Reihen lauerten hinterhältige Attentäter. Wilhelms Kindheit zwischen Flucht und Kampf formte ihn zu einem der meistbewunderten und gefürchtetsten Ritter des westfränkischen Königreichs. Im Jahr 1047 festigte er als Neunzehnjähriger in der Schlacht von Val-ès-Dune endlich seine Macht als Herzog der Normandie. Er machte Caen zu einem seiner wichtigsten Standorte und ließ die Stadt mit einer der größten Burganlagen Europas befestigen. Da Caen während des Zweiten Weltkriegs fast vollständig zerstört wurde, findet man hinter den dicken Burgmauern heute jedoch nur noch wenige mittelalterliche Überreste.

Caen owes its rise to the battle of Val-ès-Dune that took place a few miles southeast. William inherited the duchy of Normandy from his father in 1035 when he was only seven years old. As happens often when a child takes over such inheritance, William’s authority in Normandy was all but secure. His neighbours seized castles in the borderlands and even within his own ranks lurked assassins. William’s childhood between flight and battles made him into an admired as well as feared knight in West Francia. In 1047, nineteen years old, he finally consolidated his position as duke of Normandy in the battle of Val-ès-Dune. He made Caen one of his major strongholds and built one of the largest medieval fortresses in Europe. There is not many medieval remnants left within the castle walls, because Caen was nearly flattened during World War II.

Durch ein schweres Eingangstor gelangt man auf das Burggelände.
Durch ein schweres Eingangstor gelangt man auf das Burggelände.

Es ist gut möglich, dass Wilhelm Caen im Laufe der 1060er befestigen ließ, weil man von dort über den Fluss Orne bequem in den Ärmelkanal und hinüber nach England gelangte. Schließlich hatte Wilhelm guten Grund anzunehmen, dass er bald auch über das Land der Angeln regieren würde. König Eduard, ein Cousin seines Vaters, war kinderlos geblieben und hatte ihm, als nächstem Verwandten, 1051 die Thronfolge versprochen. Es gab nur ein Problem. Eduard war zwar formell König, aber die tatsächliche Macht lag bei den Godwinsons und ihren Gefolgsleuten, die als Earls über den größten Teil des Landes bestimmten. Und da Eduard mit Godwins Tochter Edith verheiratet war, sah sich ihr Bruder Harold, Earl of Wessex, selbst als Nachfolger des Königs. Und sein Thronanspruch war nach angelsächsischem Brauch nicht völlig von der Hand zu weisen. Denn bei den Angelsachsen konnte nur der König werden, der auch die mehrheitliche Zustimmung der Earls hatte. Und dieser Zustimmung war sich Harold Godwinson, genau wie Wilhelm ein weithin bewunderter wie gefürchteter Kämpfer, nach jahrzehntelangen Eroberungsfeldzügen und politischen Machtspielen gewiss.

It is very likely that William strengthened Caen during the 1060s, because the river Orne provided an easy way into the Channel and across to England. William had after all every reason to believe that he would soon also rule over the lands of the Angles. King Edward, his father’s cousin, had no children and had promised William the throne in 1051. But there was one problem. Edward might have been formally the king, but the real power lay with the Godwinsons and their followers, who dominated the majority of the land. Edward was married to Godwins daughter Edith. Therefore, her brother Harold saw himself as the king’s successor. And his claim to the throne was not totally unreasonable. Under Anglo-Saxon customs a successor needed the support of the majority of the earls to become king. After decades of conquering expeditions and political intrigues Harold Godwinson, like William a much admired and feared fighter, could very much count on that support.

Heute befindet sich auf dem Burggelände unter anderem das Museum der schönen Künste.
Heute befindet sich auf dem Burggelände unter anderem das Museum der schönen Künste.

Nach Eduards Tod im Januar 1066 bot der Rat der Noblen die Krone wie erwartet Harold an. Seine Regierung als Harold II begann jedoch im wahrsten Sinne des Wortes unter keinem guten Stern. Ende April 1066 erschien ein Stern mit einem langen Feuerschweif am englischen Himmel. Heute kennen wir ihn unter dem Namen Halleyscher Komet. Für die Menschen im Mittelalter war diese Erscheinung ein böses Omen. Und siehe da, im September des gleichen Jahres fielen die Wikinger im Norden des Landes ein. Harold II ritt mit seiner gesamten Armee nach Norden. Er besiegte die Wikinger, aber er hatte die Südküste Englands ungeschützt gelassen. Noch während Harold II im Norden des Landes weilte, landete im heutigen Sussex die größte Schiffsflotte, die man je gesehen hatte.

After Edwards death in January 1066 the council of the nobles, as expected, offered the throne to Harold. But his reign as Harold II did literally not begin under a good star. End of April 1066 a bright star with a long tail appeared on the English sky. Today we know it as Halley’s Comet, but for medieval people it was a really bad omen. And just a few months later, in September, the Vikings invaded the North of the country. Harold II rode with his whole army north to face them. He beat the Vikings, but had left his Southern coast unprotected. And while Harold II was still in the north, the largest fleet that has ever been seen landed in today’s Sussex.

Wilhelm war außer sich, als er von Harolds Machtergreifung erfuhr. Noch ein Jahr zuvor hatte Harold das Thronfolgeversprechen persönlich bestätigt und so die Freilassung seines Neffen erwirkt, der seit über zehn Jahren eine Geisel an Wilhelms Hof war. (Es war eine übliche Praxis im Mittelalter, Verwandte an den Hof eines Bündnispartners zu senden, um so den Frieden zu sichern.) Harold hatte sogar Seite an Seite mit Wilhelm gegen den bretonischen Grafen Conan II gekämpft. Und nun dieser Verrat! Sofort schickte er einen Gesandten an Papst Alexander II. Der Papst bestätigte Wilhelms Anspruch und befürwortete eine militärische Kampagne. In den folgenden Monaten versammelte Wilhelm eine Armee von etwa 7.000 Mann um sich, gigantisch für diese Zeit. Er benötigte rund 700 Boote, um Männer, Pferde und Proviant ans andere Ufer zu bringen. Unter dem päpstliche Banner, das der Invasion den göttlichen Segen gab, setzte die Flotte Ende September über.

William was furious about Harold’s usurpation. Just a year earlier Harold had confirmed Williams claim to the English throne in exchange for his nephew, who had been a hostage at William’s court for over ten years. (It was common practice in the middle ages to send relatives to an allies’ court to secure the peace.) Harold had even fought side by side with William against the Breton earls Conan II. And now this betrayal! William instantaneously sent an embassy to Pope Alexander II. The pope confirmed Williams claim and supported a military campaign. During the following months William gathered an army of around 7.000 men around him, a gigantic number for this time. He needed about 700 boats to get men, horses and provisions across the Channel. End of September, under the papal banner that gave the campaign the divine blessing the fleet set off.

Von den Burgmauern hat man einen schönen Blick über Caen.
Von den Burgmauern hat man einen schönen Blick über Caen.

Die Armeen trafen bei Hastings aufeinander. Nach einer langen, blutigen Schlacht gewann Wilhelm die Oberhand. Harold II fiel angeblich, nachdem er von einem Pfeil ins Auge getroffen wurde. Das war der endgültige Beweis für Harolds widerrechtliche Machtergreifung. (Schon König Zedekia büßte im Alten Testament für seinen Eidbruch mit dem Augenlicht.) Ob Harold tatsächlich den Tod eines Eidbrechers starb, wird heute von vielen Historikern bezweifelt. Aber fest steht, König Harold II überlebte die Schlacht von Hastings nicht. Wilhelm der Eroberer hatte gewonnen und ließ sich schon am Weihnachtstag 1066 zum neuen englischen König krönen.

The armies met near Hastings. After a long bloody battle William got the upper hand. Harold II fell supposedly after he was hit by an arrow in the eye. This was the final proof that Harold was just a usurper. (Like King Zedekiah in the Old Testament he paid for his broken oath with his eyesight.) Today, many historians doubt that Harold indeed died that way. But one thing is certain. Harold II did not survive the Battle of Hastings. William the Conqueror had won and celebrated his own coronation only a short time later, on Christmas Day in 1066.

Abbaye aux Hommes wurde von Wilhelm dem Eroberer gestiftet.
Abbaye aux Hommes wurde von Wilhelm dem Eroberer gestiftet.

In den folgenden zwei Jahrzehnten verbrachte Wilhelm viel Zeit auf dem Ärmelkanal. Kaum hatte er eine Rebellion in England unterdrückt, bedrohte der König der Franken die Grenzen der Normandie und umgekehrt. Der einstige Kindsherzog war weit gekommen. Aber als er 1087 starb, übergab er seinen Söhnen alles andere als ein gesichertes Reich. Wilhelm hatte England zwar militärisch erobert, aber die Engländer hatten den fremdländischen König noch lange nicht akzeptiert. Und auch Wilhelm betrachtete sein Königreich wohl mehr als Trophäe denn als sein eigenes Land. Denn seine letzte Ruhe wollte er in seiner Heimat finden, in der Stadt, der er einst zum Aufstieg verhalf. Er wurde wunschgemäß in der von ihm selbst gestifteten Abbaye aux Hommes in Caen beigesetzt.

The next two decades William spent constantly crossing the Channel. As soon as he had suppressed a rebellion in England the king of Francia challenged Normandy’s borders and vice versa. The child duke had come a long way. But when he died in 1087 his sons inherited anything but a stable empire. William might have conquered England militarily, but the English people were still far from having accepted the alien king. But William too seemed to have looked upon England rather as a trophy than as his own country. He wanted to find his final peace in his home country, in the town he once helped to build. According to his wishes William was buried in his own Abbaye aux Hommes in Caen.

Wilhelm der Eroberer ist in der Abbaye aux Hommes begraben.
Wilhelm der Eroberer ist in der Abbaye aux Hommes begraben.

Marc Morris' "The Norman Conquest"Wer mehr über die normannische Eroberung erfahren möchte, dem empfehle ich Marc Morris’ Buch “The Norman Conquest”, das meine Hauptquelle für diesen Artikel war.

To everybody who wants to learn more about then Norman Conquest I recommend Marc Morris‘ book „The Norman Conquest“. It was the main source for this article.

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15 thoughts on “Wilhelm der Eroberer: Wie es zur Invasion von 1066 kam

  1. Petra Gust-Kazakos says:

    Seid ihr auch in Bayeux gewesen, das berühmte Stickcomicteil ansehen? Fand ich sehr eindrucksvoll, wenn man auch ganz schön dran vorbei gescheucht wird mit den unzähligen anderen Touristen … Liebe Grüße!

    1. entdeckeengland says:

      Ja, waren wir und ich war hin und weg. Bei uns war es zum Glück nicht sehr voll, aber an der Geschwindigkeit des Audioguides, bei dem man auch nicht mal Pause drücken kann, lässt erahnen, wie voll es dort werden kann. Liebe Grüße zurück, Peggy

  2. Susanne Haun says:

    Liebe Peggy,
    danke für deine Ausführungen…. die Fotos sind wie geschaffen zur Dokumentation meines Architektur-Seminars. Ich sehe Kreuzgewölbe und korinthische Kapitelle…..
    Einen schönen Muttertag von Susanne

  3. Martina Ramsauer says:

    Liebe Peggy, ich habe die Doku zu dieser berühmten Geschichte unlängst am Fernsehen
    angeschaut und da hat man gesagt, dass der König (Eduard) auf dem Totenbett seine Meinung geändert habe und Harold zu seinem Nachfolger erkoren habe und nicht, wie vorher abgemacht, Wilhelm. Vielen Dank für deine einfühlsame Präsentation mit der tollen Bebilderung. Eine gute Woche wünscht Martina

    1. entdeckeengland says:

      Liebe Martina, danke für Deinen interessanten Kommentar. Die Quellen aus dem Mittelalter sind ja sehr lückenhaft, deshalb kursieren oft verschiedene Versionen der Geschichte. Marc Morris hat die Version, die Du gesehen hast, auch erwähnt. Er hält sie aber für unwahrscheinlich, weil Eduard und Harold zeitlebens politische Feinde waren. Und auch die Zeugen am Sterbebett standen politisch auf Harolds Seite, weshalb sie für Morris nicht vertrauenswürdig sind. Wie es wirklich war, darüber können wir heute nur noch spekulieren. Lieben Gruß, Peggy

      1. Martina Ramsauer says:

        Guten Morgen liebe Peggy,
        du hast natürlich recht, dass man nicht alles ganz genau wissen kann, was damals passierte, aber ich finde deine Erklärungen schon einleuchtend.
        Das Thema ist trotzdem sehr interessant.
        Bis bald:) Martina

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