Cancelled or How I wish I could keep calm and carry on

Der Nachmittag fängt eigentlich ganz entspannt an. Pünktlich verlasse ich das Haus und gehe zum Bahnhof. Wenn ich den Kleinen Entdecker von der Schule abhole, muss ich auf halbem Weg umsteigen. Das Buch unter den Arm geklemmt, laufe ich hinüber zum anderen Bahnsteig, und dort trifft es mich trotz der sommerlichen Hitze eiskalt: „cancelled“ steht dort in gemeiner gelber Schrift auf schwarzem Untergrund. Der nächste Zug fährt in einer halben Stunde.

The afternoon starts fairly unstressed. I leave the house on time and walk to the station. When I pick up my son from school I have to change trains halfway. My book under the arm I cross over to the other platform and there I feel suddenly stone-cold despite the heat. The display says “cancelled” in mean yellow letters and the next train is expected in thirty minutes.

Ich schaue auf die Uhr: Mir bleiben noch fünfzehn Minuten, um rechtzeitig zur Schule zu kommen. Ich gehe zum Ausgang und überhole dabei eine Frau, die eine knallrote Hose trägt. Der akkurat zurückgekämmte, blonde Zopf wippt im Takt ihrer gemütlichen Schritte.

I look at my watch: I have fifteen minutes to get to school. I go towards the exit and pass by a woman in bright red trousers. Her neat blond pigtail rocks in tact with her unhurried steps.

Die Bahnstation liegt mitten in einem Wohngebiet. Kein Taxi ist weit und breit zu sehen und der einzige Bus fährt in die falsche Richtung. Dafür hängt vor dem Ausgang eine große Straßenkarte. Während ich sie eingehend studiere, um den kürzesten Weg zur Schule zu finden, schlendert die Frau in der knallroten Hose an mir vorbei.

The station is in the middle of a residential area. No cab can be seen and the only bus goes into the wrong direction. But near the exit is a large map. While I am studying the map to find the shortest way to the school, the woman in the bright red trousers strolls past me.

Als ich glaube, den besten Weg gefunden zu haben, hetze ich los. Der Weg führt durch schmale, gewundene Straßen, die von viktorianischen Häuschen gesäumt sind. An der zweiten Straßenecke bin ich mir schon nicht mehr ganz sicher, ob ich links oder rechts abbiegen muss. Ich entscheide mich für links und laufe die Straße hoch. Der Straßenname am anderen Ende kommt mir jedoch nicht bekannt vor. Langsam fühle ich mich wie in einem Labyrinth. Die Häuser um mich herum sehen alle gleich aus und ich habe keine Ahnung, wo es lang geht. Ich hole mein Smartphone raus und schaue auf die Karte (warum bin ich eigentlich nicht gleich drauf gekommen?). Ich muss tatsächlich den ganzen Weg zurückgehen. Der Blick auf die Uhr sagt mir, dass es noch sieben Minuten bis zum Schulschluss sind. Ich beginne zu rennen. Die Sonne lacht als würde sie über meine Hektik spotten. Schweiß strömt aus all meinen Poren und meine Haare kleben mir in Gesicht und Nacken. Ich habe Mühe, meine Schuhe, die ich nicht für einen Dauerlauf ausgewählt hatte, anzubehalten.

As soon as I believe I found the best way I hurry. The way leads me through narrow winding roads lined with Victorian houses. At the second corner I already feel unsure which way I have to turn. I decide to go left, but the street name at the end of the road sounds unfamiliar. I feel as if I were trapped in a labyrinth. The houses around me look all the same and I have absolutely no clue where to go. I get my smartphone out and look at the map (why didn’t I have that idea earlier?). Indeed, I have to go all the way back. My watch tells me that school finishes in seven minutes. I start to run. The sun is burning. Sweat is running out of all my pores and my hair is clinging to my face and neck. I have to take care not to lose my shoes, which furthermore are unsuitable for running.

Endlich, drei Minuten nach Unterrichtsende taucht das Schulgebäude vor mir auf. Auf meinem Endspurt überhole ich die Frau in der knallroten Hose, ihr Zopf wippt immer noch gemütlich hin und her. Außer Atem und völlig durchgeschwitzt komme ich am Klassenzimmer an, wo der Kleine Entdecker als letztes Kind mit ein paar Bausteinen spielt. Ich entschuldige mich bei der Lehrerin für mein Zuspätkommen und nehme mein Kind in Empfang. Ein wenig schuldbewusst frage ich den Kleinen Entdecker: „Hast Du Dir schon Sorgen gemacht, dass ich Dich nicht abholen würde?“ „Nein, ich hab mir keine Sorgen gemacht.“, erwidert er abgeklärt.

Finally, three minutes after the class finished I see the school in front of me. On my final spurt I pass the woman in bright red trousers. Her pigtail still swinging unhurriedly. Out of breath and completely drenched in sweat I reach the classroom. My son is the last child. He is playing with some bricks. I apologise for my late coming and receive my son. Slightly conscience-stricken I ask him: “Were you afraid I wouldn’t pick you up today?” “No, I was not afraid.” he answers like a grown-up.

Als wir über den Schulhof laufen, höre ich, wie eine Frau in der melodischen Sprache gebildeter Engländerinnen zu ihrer Tochter spricht. Ich drehe mich um. Es ist die Frau mit der knallroten Hose. Auf ihrer Stirn steht keine einzige Schweißperle und der Zopf sitzt immer noch akkurat.

When we walk across the school yard I hear a woman, who talks to her daughter in the melodious language of an educated English woman. I look back. It’s the woman in bright red trousers. There is not a single drop of sweat on her forehead and her hair is still neatly tied back.

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30 thoughts on “Cancelled or How I wish I could keep calm and carry on

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Martina. Ja, Zugprobleme haben wir öfter. Aber bislang hatte ich immer das Glück, dass sie mich nur dort erwischt haben, wo es auch Taxis gibt. Viele Grüße, Peggy

  1. Sandra Parsons says:

    Tja, das ist der Vorteil, wenn man den Weg kennt 😉 Aber das Zugproblem fand ich in England auch immer ätzend. Manchmal kam Neil erst 4 Stunden nach Arbeitsschluss nach Hause, weil wieder irgendjemand ein Kabel geklaut hatte oder wegen ähnlich schräge Situationen. Da die Ruhe zu bewahren… das können echt nur Engländer 🙂 Liebe Grüße, Sandra

    1. entdeckeengland says:

      Müssen sie ja auch. Ansonsten wäre bei den häufigen Zugproblemen das Herzinfarktrisiko zu hoch. Gut, dass bei mir die Entfernungen zur Not zu Fuß überbrückt werden können, zumindest wenn man den Weg kennt. 🙂 liebe Grüße zurück, Peggy

  2. Susanne Haun says:

    Das hätte mir passieren können!
    Ich hätte mich auch auf den Zug verlassen und keinen “Laufweg” gewusst!
    Wie gut, dass es dir nicht nochmals passieren kann.
    lg Susanne

    1. entdeckeengland says:

      Ich habe zumindest gehofft, dass für solche Fälle ein Taxi vor dem Bahnhof steht. Deshalb ist es mir nie vorher in den Sinn gekommen, nach einem Laufweg zu schauen. Naja, jetzt weiß ich’s besser 🙂

      1. Susanne Haun says:

        Das ginge mir auch so. Ich bin auch einmal in einer kleinen Stadt in Deutschland mit dem Zug und einer schweren Tasche angekommen und fand kein Taxi vor dem Bahnhof. Wie habe ich meine schweren Utensilien für den Malunterricht, den ich gab, verflucht.

  3. Hanna says:

    I expected every moment that you would wake up from your nightmare, Peggy. It ended happily happy, but it’s appropriate for a film adaptation ❤
    All the best,
    Hanna

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Dina. Es war ein schönes langes Wochenende und wir hatten Freunde zu Besuch. Heute fing der Ernst des Lebens wieder an. Zum Glück fuhren alle Züge pünktlich 😉

  4. Franzi's Book Chase says:

    Ein sehr toller Bericht. Ich musste sehr lachen. Das hätte ich sein können. Aber besonders schön fand ich die rote Hose, die gelassen und entspannt ankam. Hätte man das voher gewusst…aber dafür hattest du eine kleine sportliche Ausdauerübung – auch nicht schlecht. 🙂
    Liebe Grüße!

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