Licht und Farben in der Turner Contemporary in Margate

William Turner (1775 – 1851) war einer der bedeutendsten Maler Englands. Für damalige Verhältnisse war er weit gereist, und seine Kunst speiste sich aus seinen Beobachtungen auf Reisen. Aber ein Ort spielte eine besondere Rolle in seinem Leben wie in seiner Kunst: Margate. Er verbrachte viel Zeit in der Pension seiner Geliebten Sophia Caroline Booth. Von Ihrem Haus direkt an der Küste konnte Turner das Meer beobachten, sah, wie sich die Farben je nach Wetterlage veränderten, und schuf dramatische Landschaftsbilder, die zu seinem Markenzeichen wurden. 2011 eröffnete an der Stelle, an der einst Mrs. Booths Haus stand, die Turner Contemporary. Es ist eine Galerie für moderne Kunst. Turners Werke werden hier nur sparsam und nur im Kontext der modernen Kunstausstellung gezeigt. Was die Künstler mit Turner verbindet, ist die Faszination für Licht und Farbe.

William Turner (1775 – 1851) was one of England’s most important painters. He has travelled far and wide, and his art was strongly influenced by his observations during those travels. But there was one place that played a very important part in his life and in his art: Margate. He spent a lot of time there at the guesthouse of his lover Sophia Caroline Booth. From her guesthouse at the coast he could observe the sea and saw, how the colours changed with the weather. That inspired the most dramatic landscape paintings he became so famous for. In 2011 the Turner Contemporary opened at the same place where Mrs. Booth’s guesthouse once stood. It’s a modern art gallery. Turner’s works are only sparsely displayed and only in context with modern art exhibitions. What the modern artists connect to Turner, is the fascination with light and colour.

Lunch break on the terrace
Lunch break on the terrace

Es ist immer ein Experiment, wenn man mit einem Vierjährigen in eine Kunstausstellung geht. Ich möchte die Kunstwerke längere Zeit auf mich wirken lassen. Und da die Lichtveränderungen im Tagesablauf eine große Rolle spielen, kann ich jedem nur empfehlen, sich für den Besuch viel Zeit zu nehmen. Dafür hat der Kleine Entdecker jedoch noch keine Geduld. Dennoch war der Besuch in der Turner Contemporary eines unserer Highlights unter den Ferienausflügen. Denn die Kunst und die Umgebung, in der sie ausgestellt ist, wirken als Einheit und bieten immer wieder neue Eindrücke und Ausblicke.

It’s always an experiment, if you visit an art exhibition with a four year old. I would like to take my time to look at the artwork. And as the change of light during the day plays a big part in this gallery, I would strongly recommend to every visitor to take their time. But of course, patience it not one of my son’s strong points yet. Still, the Turner Contemporary managed to become one of our highlights during the summer holidays. That’s because the artwork and the place where it is displayed are as one and offer a lot of different impressions and viewpoints.

Atmosphere by Edmund de Waal
Atmosphere by Edmund de Waal

Die Fensterfront des großzügigen Foyers lenkt den Blick des Betrachters auf das Meer und den Himmel, die beide in Turners Werken eine so große Rolle spielen. Der Künstler Edmund de Waal hat sich für seine Installation „Atmosphere“ im Foyer an Turners Brief erinnert, in dem er beschrieb, wie er auf dem Rücken liegend den Himmel anschaute. Wer liegt nicht gerne auf dem Rücken und beobachtet das Vorbeiziehen der Wolken? Bei de Waals Installation sieht man jedoch keine Wolken, sondern Glasvitrinen mit kleinen Porzellangefäßen. Es liegen Matten bereit, die die Besucher dazu einladen, sich auf den Boden zu legen und die unterschiedlich lichtdurchlässigen Glasbehälter von unten zu betrachten. Das Foto oben habe ich aus dem oberen Stockwerk gemacht, um die Privatsphäre der Vitrinenbeobachter zu wahren.

The huge window front of the foyer gives the visitor a great view over the sea and the sky. Both, sea and sky, played an important role in Turners works. For his installation “Atmosphere”, the artist Edmund de Waal remembered a letter from Turner saying he did a great deal of skying. Who doesn’t like to lie on his back watching the sky? In de Waals installation you don’t see clouds, but glass vitrines containing porcelain vessels. Mats are provided to invite visitors to lie down and look at the glass vitrines from below. The photo above was taken from the first floor gallery to protect the privacy of the vitrine spotters.

The Skies can’t keep their secret by Spencer Finch
The Skies can’t keep their secret by Spencer Finch

Der kleine Entdecker fand es zwar lustig, sich auf dem Boden zu rollen, aber die Glasvitrinen als Abstraktion von Wolken konnten seine Aufmerksamkeit nicht lange fesseln. Ich hatte ihm auf unserer Zugreise schließlich auch eine richtige Wolke versprochen. Also gingen wir ins erste Obergeschoß zu Spencer Finchs Ausstellung „The Skies can’t keep their secret“. Finch hat aus einer Art Transparentpapier eine Wolkenskulptur kreiert. Beim Anblick dieser tiefhängenden Wolke war der Kleine Entdecker so begeistert, dass er sie berührte, bevor ich den Museumsangestellten überhaupt um Erlaubnis fragen konnte. Anfassen war natürlich verboten, aber der Kunsthüter sah den Vorfall gelassen und zog als Ausgleich einen Stapel Folien hervor, die man stattdessen berühren konnte. Noch lange nach der Ausstellung fragte mich der Kleine Entdecker immer wieder, ob das tatsächlich eine echte Wolke aus dem Himmel war.

My son liked to roll around the floor, but the abstraction of clouds in form of the glass vitrines did not hold his attention for long. Anyway I had promised him a real cloud on our train journey to Margate. Therefore we went to the first floor to Spencer Finch’s exhibition “The Skies can’t keep their secret”. Finch had created a cloud sculpture from translucent filters. As soon as he saw the low hanging cloud my son ran to touch it faster than I could ask the museum attendant, if that was allowed. Of course it was not, but the museum attendant was very relaxed about the incident and got a pack of sample sheets out we could touch instead. Long after we had left the exhibition my son still asked me, if that had been a real cloud from the sky.

Back to Kansas by Spencer Finch
Back to Kansas by Spencer Finch

Ebenfalls in Spencer Finchs Ausstellungsraum befindet sich diese Sammlung verschiedenfarbiger Quadrate. Der Titel „Back to Kansas“ spielt auf das Technicolorverfahren an, das beim Spielfilm „The Wizard of Oz“ verwendet wurde. Wenn man in der Dämmerung vor diesen Quadraten sitzt, kann man beobachten, wie die Farben nach und nach ins Grau übergehen. Das Schauspiel hätte ich mir gern angesehen, aber um diese Zeit hat mein Kleiner Entdecker bereits in tiefen Träumen die Eindrücke des Tages verarbeitet.

Also in Spencer Finch’s exhibition was this collection of coloured squares. The title “Back to Kansas” relates to the technicolor used for the film “The Wizard of Oz”. If you sit in front of this installation during dusk you can see how the colours slowly fade into grey. I would have loved to watch this, but at that time my son was already asleep dreaming about all the impressions he had on that day.

How to become an artist
How to become an artist

Als nächstes ging es in die Werkstatt, wo Groß und Klein ihren eigenen künstlerischen Ideen freien Lauf lassen können. Der Kleine Entdecker entschied sich, eine Muschel zu kopieren, die wir aus der Muschelgrotte mitgebracht hatten (darüber ein anderes Mal mehr).

Next we went to the workshop, where young and old can get creative themselves. My son decided to copy a shell he had brought from the shell grotto (more about that at another time).

Dwelling by Krijn de Koning
Dwelling by Krijn de Koning

Und dann kam das Highlight für meinen kleinen Wirbelwind: Krijn de Konings „Dwelling“. Direkt neben dem Gebäude stand ein knallbunter Komplex aus Gängen, Türen und Fenstern. Ich konnte mich in diesem Labyrinth an den geometrischen Formen und Farben kaum satt sehen. Ist diese Unterkunft, wie dwelling auf deutsch heißt, nun von moderner Architektur inspiriert oder von den oft verbaut wirkenden viktorianischen Häusern (ich weiß, wovon ich spreche, wir wohnen in einem)? Vermutlich von beidem. Die Kinder machten sich darüber keine Gedanken. Sie wurden hier nicht müde, Verstecken und Fangen zu spielen.

And then came my son’s highlight of the day: Krijn de Koning’s „Dwelling“. Beside the gallery was the colourful complex of walkways, doors and windows. I was fascinated by this labyrinth of geometric forms and colour. Was this dwelling inspired by modern architecture or by the labyrinthine inside of Victorian houses (I know what I’m talking about, we are living in one)? Probably by both. The children did not spend any time meditating about that question. They were too busy playing hide and seek and catching.

Dwelling by Krijn de Koning
Dwelling by Krijn de Koning

Die Ausstellungen in der Turner Contemporary wechseln mehrmals im Jahr. Einige der Ausstellungen, die ich Euch beschrieben habe, sind bereits zu Ende. Aber mein Gefühl sagt mir, dass die Kuratoren auch in Zukunft innovative und unterhaltsame Ausstellungen konzipieren. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen. Margate ist mit dem Zug nur knappe zwei Stunden von London entfernt.

The exhibitions in the Turner Contemporary change several times a year. Some of the exhibitions I described above are already closed. But my feeling tells me that the curators will create more innovative and enjoyable exhibitions in future. I will certainly come back. By train Margate is less than two hours away from London.

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24 thoughts on “Licht und Farben in der Turner Contemporary in Margate

  1. suzy@silverbluelining says:

    Tolle Bilder in der Ausstellung und sehr schöne Fotos! ❤
    mit meinen kids bin ich auch immer im Schweinsgalopp durch irgendwelche Ausstellungen, lnage hielten sie sich nirgendwo auf. Jetzt wo sie Teenager und fast erwachsen sind hat mein Großer gar kein Interesse mehr (leider) aber der Kleine 15j. nimmt sich viel Zeit und hat auch Interesse daran, zum Glück nur eine Kunstbanause 😉

  2. Hanna says:

    Thank you Peggy because you make me even wiser about William Turner. It is an interesting post and your little boy looks good in the deckchair ❤ 🙂
    All the best,
    Hanna

  3. Martina Ramsauer says:

    Liebe Peggy, eine William Turner Ausstellung ist für mich immer eine Reise wert. Dieser berühmte Maler war ja mehrmals im Tessin und deshalb wurden auch hier schon Ausstellungen mit seinen Bildern organisiert. Edmund de Waal, von dem du hier sprichst ist ja wahrscheinlich derselbe, der das wunderschöne Buch “Hare with Amber Eyes” geschrieben hat. Das Farbenspiel, von dem du sprichst, würde ich mir auch gerne ansehen! Noch viele schöne Stunden mit deinem kleinen Entdecker. Lieben Dank für deinen schönen Beitrag.

  4. Maren Wulf says:

    Ein toller Ausstellungsreport mit super Bildern, liebe Peggy! Am liebsten würde ich sofort zu einem Besuch aufbrechen. Auf die To-do-Liste für den nächsten London/England-Aufenthalt wandert die Turner Contemporary auf jeden Fall. 🙂

    1. entdeckeengland says:

      Das lohnt sich wirklich, obwohl Margate ansonsten nicht sehr attraktiv ist. Aber man kann es gut als Tagesausflug von London organisieren. Oder Du fährst abends ein paar Minuten mit dem Zug nach Broadstairs oder Ramsgate. Lieben Gruß, Peggy

  5. Bernd P. says:

    Guten Morgen aus einer noch trüben Steiermark. Habe nun deinen Artikel gelesen und wieder ist mein ein Interesse geweckt. Da wir im Mai 2015 sowieso in Broadstairs sind, bietet sich eine Besichtigung an. Ich verfolge immer mit wachen Auge Deine sehr informativen und schönen Artikeln. Und super finde ich auch das Du diese in Englisch und Deutsch schreibst. Nun bin ich in der Lage mein Englisch wieder etwas aufzubessern. Freue mich jetzt schon auf Deinen nächsten Artikel und ganz besonders auf Mai 2015.
    LG, Bernd

  6. Stefan says:

    Liebe Peggy, Turner gehört zu meinen Lieblingsmalern. Übrigens der Film “Mr. Turner” von Mike Leigh läuft bei Dir im Oktober an. Der Kritiken in Cannes, wo er vorgestellt wurde, waren mehr als positiv. Danke für Deine schönen Eindrücke und Ausblicke.
    Lieben Gruß und ein schönes Wochenende
    Stefan

      1. Stefan says:

        Gern geschehen. Meines Wissens nach voraussichtlich in 2015, vermutlich im Frühjahr. Und der Trailer zum Film ist zudem richtig klasse.

  7. Klausbernd says:

    Liebe Peggy,
    danke für deinen informativen Ausstellungsbericht.
    Wie Stefan bin ich auch auf den Turner-Film gespannt.
    Turner war einer der ersten ausländischen Maler, die sich eingehend mit Goethes Farbenlehre beschäftigt haben und ich glaube, er übersetzte auch Teile davon ins Englische. Allerdings soll er ein unerträglicher Mensch gewesen sein, zumindest nach Zeugnissen von Zeitgenossen.
    Liebe Grüße von der Küste Norfolks
    Klausbernd und der Rest der Gang 😉

    1. entdeckeengland says:

      Ja, besonders in seiner späten Schaffensperiode war er wohl sehr exzentrisch. In der Tate Britain gibt es gerade eine Ausstellung über seine letzten kreativen Jahre, die ich unbedingt sehen will. Liebe Grüße, Peggy

      1. entdeckeengland says:

        Dann schau doch mal auf meinen letzten Post 🙂 Ich war diese Woche gut organisiert und dachte mir, ich nutze die Zeit. Es gibt in diesem Herbst so viele verlockende Ausstellungen – da muss ich jeden freien Tag nutzen. Euch ein schönes Wochenende. Wir düsen jetzt erstmal für eine Woche nach Griechenland. Lieben Gruß, Peggy

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