J.M.W. Turners letzte Jahre: Eine Ausstellung in der Tate Britain

Woran erkennt man das ganz große Talent? Was macht einen Maler zu einem angesehenen Künstler? Im England des frühen 19. Jahrhunderts war das ziemlich genau definiert. Im Zeitalter der Aufklärung wurde selbst die Kunst mit großer Sachlichkeit und Akribie analysiert. In dieser Atmosphäre war der junge William Turner, der einst mittellose Sohn eines Barbiers, zu großem Ruhm aufgestiegen – nicht unumstritten, aber doch ein Star in kunstinteressierten Kreisen. Doch dann ging es mit ihm bergab. Glaubt man zeitgenössischen Kritikern, wurde Turner mit zunehmendem Alter senil. Außerdem ließ sein Sehvermögen nach. Deshalb verloren seine späteren Werke an Details. Oder war Turner vielleicht doch ein Genie? Der Vorreiter des Impressionismus? Erfinder der abstrakten Kunst?

LateTurner

In der Ausstellung „Late Turner – Painting set free“ in der Tate Britain begegnete ich dem 60-jährigen Turner. Ich begleitete ihn auf seinen Europareisen und erkannte einen von der Malerei besessenen Mann. Jüngere Kollegen fühlten sich beschämt. Während sie in Italien la dolce vita genossen, sahen sie den Meister hart arbeiten. Turner ging nie ohne Skizzenbuch los und hielt mit wenigen effizienten Strichen Eindrücke und Emotionen fest. Die Skizzen dienten ihm nach seiner Rückkehr als Vorlagen für Ölgemälde oder Aquarelle. Die Ausstellung zeigt viele Skizzen und unvollendete Werke, die eine Vorstellung davon geben, wie Turner sah und zeichnete.

Das 19. Jahrhundert war nicht nur von viktorianischer Strenge geprägt, sondern auch vom Fortschritt. Es war eine Zeit, in der ständig neue Stoffe entdeckt und neue Techniken entwickelt wurden. Turner experimentierte sein ganzes Leben lang mit neuen Materialien und Formen. Unter anderem wird die Palette ausgestellt, die er in den letzten Jahren benutzte und die Spuren von damals neuartigen Pigmenten aufweist. Neben der Palette hängen zwei Brillen. Denn Turner litt, wie so viele, unter Altersweitsichtigkeit. Aber nicht nur das: Man vermutet heute, dass er unter einer Form des grauen Stars litt. Deshalb konnte er wohl besonders Gelbtöne nicht mehr richtig wahrnehmen, was ihn dazu verleitete, seinen Bildern einen „Gelbstich“ zu geben.

War also tatsächlich eine Augenkrankheit Auslöser für seine Entwicklung hin zu abstrakter Kunst? Ganz davon abgesehen, dass es heutzutage niemand mehr nachprüfen kann, wäre das zu einfach. Turners Bilder erzählten Geschichten. Dieses traditionelle Element in seiner Kunst behielt er bis zu seinem Lebensende bei. Es ging ihm darum, Stimmungen wiederzugeben. Und er wusste, wie er mit kleinen Mitteln große Effekte erzielen konnte. Diese Fähigkeit brachte er im Alter zur Perfektion. Tritt man an die Werke ganz nah heran, erkennt man, dass Turner viele seiner Motive nicht mehr vorzeichnete, sondern frei mit Farbe kreierte. Was von Nahem wie wahllos verteilte Farbkleckse aussieht, wird, tritt man einige Schritte zurück, die Silhouette einer Stadt oder ein Menschenauflauf.

John Ruskin, ein unermüdlicher Verteidiger Turners sagte einst:

„Through his paintings the world can be seen in new ways.”

Ich persönlich halte J.M.W. Turner für einen begnadeten Maler, der bis zum Schluss über die Grenzen seiner körperlichen Schwäche hinauswuchs. Was die Ausstellung allerdings so sehenswert macht, ist, dass sie eben nicht einfach eine unreflektierte Lobeshymne an einen ohnehin heutzutage hochgeschätzten Künstler ist. Turner wird mit all seinen Stärken, Schwächen und exzentrischen Facetten portraitiert. Man kann nachvollziehen, woher die zunehmende Kritik kam. Und es gibt Raum für Zweifel.

Die Ausstellung läuft in der Tate Britain bis zum 25. Januar 2015

(Fotografieren war in der Ausstellung leider verboten.)

 

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21 thoughts on “J.M.W. Turners letzte Jahre: Eine Ausstellung in der Tate Britain

  1. Martina Ramsauer says:

    Auch mir waren die Probleme mit seiner Gesundheit und vor allem den Augen unbekannt, aber ich kann da ganz gut nachfühlen. WIr werden im November in Kensington sein, wer weiss ob wir es dann schaffen diese Ausstellung zu besuchen. Herzlichen Dank für deine Informationen.

    1. entdeckeengland says:

      Ich kann sie jedenfalls empfehlen. Die Tate Britain wurde ein bisschen umgebaut und modernisiert. Bis auf diese Sonderausstellung habe ich mich aber noch nicht umgeschaut. Ganz liebe Grüße aus dem endlich mal wieder herbstgoldenen Greenwich, Peggy

    1. entdeckeengland says:

      Die Ausstellung würde Dir sicherlich gut gefallen, weil es auch viele “handwerkliche” Informationen gibt. Aber ich bin sicher, dass Du bei einem späteren Besuch in der Tate auch noch einige schöne Werke von Turner findest. Liebe Grüße Peggy

  2. saetzebirgit says:

    Tolle Einführung in diese Ausstellung…Turner-Bilder haben für mich eine ganz eigene Magie und ich hoffe sehr, dass aus meinem Londonbesuch etwas wird, gerade, weil ich diese Ausstellung unbedingt sehen will…

    1. entdeckeengland says:

      Im Moment kann ich eine Reise nach London sehr empfehlen. Im Spätherbst und Winter gibt es einerseits (etwas) weniger Touristen und andererseits gibt es zur Zeit jede Menge interessant klingender Ausstellungen. Wenn es Dich nach Greenwich verschlagen sollte, könnten wir uns sogar auf eine Tasse Tee treffen.

  3. Leo's Literarische Landkarten says:

    Danke für den Bericht. Ich habe mir vor Jahren eine Turner-Ausstellung in Mannheim angesehen. Dabei fiel mir auf, dass in den meisten Bildern im Hintergrund direkt die Sonne zu sehen ist. Womit der Gelbstich ja auch malerisch begründet wäre. Grüße. Leo

  4. ww says:

    Jetzt spricht der pure Neid aus mir: OH WIE SCHÖN! Und vielen Dank für den Beitrag! Die Ausstellung hätte ich auch zu gern gesehen. Als kläglichen Ersatz werde ich mir den Film “Mr. Turner – Meister des Lichts” ansehen (http://bit.ly/1ywZPPL). Der Film läuft seit Anfang November in ausgewählten Kinos. Nun freue ich mich noch mehr auf meinen nächsten Kinobesuch.

    Vielen Dank!!!

    (Endlich habe ich auch die Zeit gefunden, durch diesen wunderbaren Blog zu durchstöbern.)

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