Der Tower: Londons mittelalterliche Burg für angehende Ritter

Festung, Palast, Gefängnis – der Tower ist nicht nur eines der ältesten Gebäude Londons, sondern auch sein berüchtigtstes. Es geschah hier, dass die beiden Söhne und Thronfolger Edwards IV (auch bekannt als die Prinzen im Tower) spurlos verschwanden. Und hier wurde auch Anne Boleyn, zweite Frau Henrys VIII, im Innenhof hingerichtet, nachdem sie dem König nur eine Tochter geschenkt und so seine Gunst verloren hatte. Heute gehört der Tower zu den beliebtesten Sehenswürdigkeiten Londons. Entsprechend muss sich der geneigte Besucher auf viele Mitbesucher und einen hohen Eintrittspreis einstellen. Als ich vor über zehn Jahren nach London zog und meine ersten Besichtigungsrunden drehte, fand ich, dass der Tower seinen Preis wert war. Würde ich heute bei einem knapp zehn Pfund teureren Eintrittsgeld und mit dem Kleinen Entdecker an der Hand noch genauso denken?

White Tower im Tower of London

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch: In den Osterferien sind wir in der Normandie auf den Spuren Wilhelms des Eroberers gewandelt. Der Kleine Entdecker ist also mit der Geschichte der normannischen Eroberung vage vertraut. Also fragte ich ihn, als einige Wochen später die Pfingstferien nahten: “Möchtest Du die Burg besichtigen, die Wilhelm der Eroberer gebaut hat?” Natürlich, was für eine Frage! Vor lauter Begeisterung konnte er die Ferien kaum erwarten.

Der kleine Entdecker vor der Ritterrüstung Henrys VIII

Also fuhren wir an einem kühlen Maitag mit dem Boot von Greenwich zum Tower. Die Anreise mit dem Boot ist nicht nur vergnüglich, sie ist auch zeitgemäß für einen Engländer des Mittelalters. Damals war die Themse die Hauptverkehrsstraße Londons. Greenwich gehörte damals noch nicht zu London, der Tower schon. Wilhelm hatte den Bau kurz nach seiner Ankunft in Auftrag gegeben. Es heißt, ein Grund für die erfolgreiche Eroberung Englands war die Errichtung normannischer Burgen an allen strategisch wichtigen Orten. Solche Ungetüme aus Stein hatten die meisten Engländer noch nie zuvor gesehen. Sie galten als uneinnehmbar und waren es auch, zumindest für rebellische Angelsachsen.

Turnierpferde und Ritterrüstungen im White Tower

Nach langem Anstehen, das die Geduld des Kleinen Entdeckers auf eine harte Probe stellte, ließ er sich stolz den Anstecker “Apprentice Knight” anheften. Wir nahmen unseren Kinderreiseführer und stürzten uns ins Getümmel. Zuerst ging es selbstverständlich zum White Tower. Diese über 27 Meter hohe Festung ist das älteste Gebäude des Towers. Hier waren anfangs sowohl die Wohnräume des Königs als auch die Garnison untergebracht. Zwischen den geschmückten Turnierpferden und schimmernden Ritterrüstungen begannen die Augen des Kleinen Entdeckers zu leuchten.

Waffentraining im White Tower

Und als wir den “Hands on” Bereich betraten, gab es kein Halten mehr. Habt Ihr eine Ahnung, wie schwer so eine Ritterlanze ist? An diesem Model, wo man verschiedene Turnierwaffen anheben kann, hing nicht nur der Kleine Entdecker wie ein Schluck Wasser.

Wie fühlt sich ein Kettenhemd an?

Der Tower war damals nicht nur militärisch auf der Höhe der Zeit, er war auch komfortabel ausgestattet. Vermutlich war er damals das einzige Gebäude Londons mit eingebauter Toilette. Während sich der Kleine Entdecker über die Funktionsweise des steinernen Donnerbalkens amüsierte, versuchte ich mir nicht vorzustellen, wie es im Hof unter dem Tower gerochen haben mag.

Garderobe im White Tower:  Londons erste Toiletten

Wenn man mit Kindern unterwegs ist, tut man gut daran, sein Besichtigungspensum nicht zu sehr ausufern zu lassen. Der Tower hat so viel zu bieten, dass es auch ein Erwachsener als überwältigend empfinden dürfte, alles zu besichtigen. Gleichzeitig empfinde ich einen Ausflug meistens nur dann gelungen, wenn auch für mich etwas dabei war. Kriegsgerät reißt mich nicht so vom Hocker, obwohl ich die Ausstellung im White Tower als solche gelungen fand. Aber ich identifiziere mich wohl eher mit den Burgdamen als mit den Rittern und schaue mir lieber Palasteinrichtungen an. Also ging es als nächstes zum mittelalterlichen Privatquartier des Königs.

Ausstattung königlicher Räume im Mittelalter

Anfangs waren, wie gesagt, die königlichen Schlafräume noch im White Tower untergebracht. Aber Anfang des 13.Jahrhunderts wurde der Tower ausgebaut. Der besondere Charme dieser Gemächer liegt darin, dass sie teilweise das archäologische Projekt zur Rekonstruktion der mittelalterlichen Zimmer dokumentieren. In einigen Räumen wurden die Wände so freigelegt, dass man mit bloßem Auge verblichene Friese erkennen kann. Auf Schautafeln und mithilfe von Stoffmustern bekommt man einen guten Eindruck, wie die Royals im Mittelalter gelebt haben.

Das königliche Schlafzimmer im Tower von London

Überraschend fand ich vor allem, wie farbenfroh die Zimmer eingerichtet waren. Und schmunzeln musste ich, als der Kleine Entdecker, der die königliche Residenz abschritt, als gehöre sie ihm, mit ausladender Geste auf ein kleines gefliestes Zimmer wies, das in einer Ecke direkt ans Schlafgemach grenzte, und sagte: „Und hier ist das Bad.“  Mich amüsierte der Gedanke, dass, wo heutzutage das private Badezimmer zu finden wäre, damals die Privatkapelle lag. So ändern sich die Prioritäten!

Ensuite: Privatkapelle im Tower von London

Eine relativ neue Installation sind die vielen Modelle exotischer Tiere überall im Hof des Towers. Im Jahr 1255 schenkte King Louis IX von Frankreich dem englischen King Henry III einen Elefanten. Den einfachen Londonern rutschte beim Anblick eines solchen Ungetüms vermutlich das Herz in die Hose. Dass der Tower viele Jahre lang die königliche Menagerie beherbergte, verstärkte wahrscheinlich das Schaudern beim Anblick der Burg.

Elefantenstall im Tower von London

Angefüllt mit so vielen neuen Eindrücken mussten wir nach einer Snackpause im Hof des Towers nur noch eine wichtige Entscheidung treffen: Wollten wir uns die Kronjuwelen anschauen? Die lange Schlange vor der Ausstellung ließ auf mindestens ein Stunde Wartezeit schließen. Ich habe die Kronjuwelen bereits gesehen und gehöre nicht zu den Leuten, die beim Anblick von Gold und Diamanten in rasende Begeisterungsstürme ausbrechen. Aber der Kleine Entdecker war nicht davon abzubringen. Er wollte unbedingt die Kronen sehen. Also hibbelte er sich brav durch das endlos erscheinende Anstehen. Ich hätte nicht gedacht, dass ihn die Kronjuwelen so beeindrucken. Hier sind nicht nur die Kronen selbst zu sehen, sondern auch die anderen Insignien sowie das massive Tafelgold.

„Und warum braucht die Königin so einen riesigen Salzstreuer?“

„Vielleicht isst sie ihr Essen gern salzig.“

So wurden die Kronjuwelen auf unserem Ausflug zum Tower ganz unerwartet zum Salz in der Suppe.

Mein Fazit: Für alle, die gerne Ritter oder Burgfräulein spielen, ist der Tower definitiv einen Besuch wert. Für die Besichtigung sollte man einen ganzen Tag einplanen. Alle wichtigen Informationen findet Ihr auf der Website.

mittelalterlicher Königsthron im Tower von London

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27 thoughts on “Der Tower: Londons mittelalterliche Burg für angehende Ritter

  1. A must for everyone! 🙂 Ganz bezaubernde Aufnahmen mit dem kleinen Entdecker, liebe Peggy. Auf dem Weg zum Flughafen wünsche ich schnell ein frohes Fest und einen guten Rutsch. Bleibt ihr in London?
    Herzliche Grüße von uns Vier,
    Dina xo
    🙂

    1. Danke, liebe Dina. Dann wünsche ich Dir einen guten Flug. Wir bleiben dieses Jahr hier und haben unsere Eltern eingeladen. Ich habe bei unserem Fleischer schon eine schöne Weihnachtsgans bestellt. Lieben Gruß, Peggy

  2. Liebe Peggy, du hast dich mit dem Bericht mal wieder selbst übertroffen. Tolle Fotos, super Text. Nur ein Foto vom Salzstreuer habe ich vermisst. (Schon klar, vermutlich durfte man da nicht fotografieren, hätte aber so prima gepasst 🙂 )
    Euch eine behütete Weihnachtszeit und liebe Grüße, Anna

    1. Herzlichen Dank, liebe Anna. Ja, das habe ich beim Schreiben auch gedacht und deshalb überlegt, ob ich über den Besuch bei den Kronjuwelen überhaupt schreibe. Aber sie gehören einfach dazu. Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht genau, ob man theoretisch hätte fotografieren dürfen. Aber bei Dämmerlicht etwas hinter Glas zu fotografieren, während einen dauernd andere Besucher anstoßen (es ist wirklich voll dort), das überfordert meine bescheidenen Fotokünste. Ich hab’s gar nicht probiert. Ich wünsche Dir auch ein paar gemütliche Weihnachtstage, Peggy

  3. Hallo Peggy,
    ich glaube mich zu erinnern, dass wir bei unserem Londonbesuch vor knapp zwei Jahren beim Verkehrsbüro Eintrittskarten zum Tower bekommen haben, die ein Anstellen in der Schlange überflüssig gemacht haben. Wir haben dann übrigens eine Führung durch einen der Beefeaters mitgemacht: hoch interessant – natürlich nur für Erwachsene. Der Mann, ein ehemaliger Master Sergeant, war ein Original. Was bei unserem nächsten Londonbesuch auf dem Programm steht: Ceremony of the Keys und – möglicherweise – die Sonntagsmesse in St. Peter ad Vincula.
    Mach’s gut, und liebe Grüße aus einem spätherbstlich tristen Fredericksburg,
    Pit

    1. Hallo Pit, danke für die prima Ergänzung. Es gibt wahrscheinlich auch Kombitickets, mit denen der Eintrittspreis günstiger wird. Obwohl ich mir vor den Ferien überlege, welche Ausflüge interessant sein könnten, entscheide ich immer noch am liebsten spontan morgens am Frühstückstisch. Ich habe aber festgestellt, dass es besser wäre, besonders stark nachgefragte Ausstellungen vorher zu buchen.
      Dann bin ich ja schon gespannt, was Du von Deinem nächsten Besuch berichtest.
      Liebe Grüße aus dem milden Greenwich, Peggy

      1. Hallo Peggy,
        das mit unserem nächsten Besuch in England wird wohl – leider – noch etwas dauern. Im Moment wissen wir noch nicht einmal, ob’s im nächsten Jahr überhaupt Europa werden wird, oder ob wir hier die USA unsicher machen werden.
        Habt’ eine schöne (Vor)Weihnachtszeit,
        Pit

      2. Bei Euch gibt es ja auch viele schöne Ecken zu entdecken. Wenn unser Kleiner Entdecker genug Sitzfleisch für eine Autotour entwickelt hat, stehen die USA auch mal wieder auf unserer Reisewunschliste. Euch auch ein schönes Weihnachtsfest. Liebe Grüße, Peggy

  4. Ach, toll, liebe Peggy! Ich bin immer wieder begeistert, wie du eher museale Räume in eine Art Abenteuerspielplatz zu verwandeln verstehst. Aber dass der Kleine Entdecker nach allen anderen Schätzen auch noch eine Ewigkeit für die Kronjuwelen anstehen wollte, beeindruckt mich wirklich. Gut, dass die Queen gern salzig ist! 😉

    1. Danke, liebe Maren. Als ich den Post heute hochgeladen habe, saß der Kleine Entdecker neben mir. Ich habe ihn gefragt, ob er sich noch erinnern kann, wo wir waren. Er sagte: Dort, wo die Kronjuwelen liegen. Seltsam, dass sich ausgerechnet das eingeprägt hat. Ich hoffe, er entwickelt keine Wünsche, die unsere Mittel übersteigen. 😉

  5. Liebe Peggy,

    informativ wie immer und mit einer guten Portion Ironie und Schmunzeln versehen. Wie immer war es mir ein Vergnügen, auf euren Spuren zu wandeln.

    Liebe, auch bereits weihnachtliche Grüße aus Freiburg an dich und den kleinen Entdecker

    Achim

    1. Dankeschön, lieber Achim. Ich sende Dir ebenfalls weihnachtliche Grüße aus Greenwich. Der erste Weihnachtsbesuch ist heute bei uns eingetroffen. Ich wünsche Dir einen gemütlichen ersten Advent, Peggy

    1. Ich habe den Eindruck, dass in den letzten Jahren viele neue Erkenntnisse gewonnen wurden, wahrscheinlich auch, weil mithilfe neuer Technologie zum Beispiel Farbpigmente gefunden werden können, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Ich finde das unheimlich spannend. Liebe Grüße, Peggy

  6. Jetzt bin ich endlich auch mal dazu gekommen, diesen schönen Bericht zu lesen. Ich fand den Tower bei meinem letzten Besuch (vor etwa 2 1/2 Jahren) auch ziemlich teuer aber trotzdem lohnenswert. Mir hat vor allem ein Spaziergang auf den Verteidigungsgängen Spaß gemacht, und die Architektur fasziniert mich sowieso. Ganz liebe Grüße von unserer Insel, Merry Christmas und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

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