Jorvik: Ein Besuch bei den Wikingern

25. Oktober 975: Die Stadt strahlt im goldenen Herbstlicht. Das milde Wetter hat die Menschen aus Ihren Häusern gelockt. Vielleicht ist es der letzte schöne Tag des Jahres, bevor der Winter Northumbria in eisige Schauer hüllt. Am Ufer des Ouse sitzen Kinder im Sand. Versunken beugen sie sich über ein Spielbrett. Der Hornarbeiter, ein bärtiger Hühne, steht vor seinem neu errichteten Haus und schnitzt einen Kamm. Sein Geschäft läuft offensichtlich gut, sonst hätte er sich nicht das moderne, zweistöckige Haus aus Eichenholz leisten können. Anderswo sieht man noch die traditionellen, rauchgeschwärzten Häuser aus geflochtenen Weidenzweigen, verputzt mit brüchigem Lehm. Frieden ist gut für die Wirtschaft und Jorvik, das wichtigste Handelszentrum des Nordens, boomt.

Vor zwanzig Jahren war der letzte Wikingerkönig, Eirik Bloodaxe, gestürzt worden und der Sachsenkönig Eadred hatte Northumbria seinem Königreich angegliedert. Seit Ende des achten Jahrhunderts haben Wikinger die Küsten Britanniens heimgesucht, zuerst als Räuber und später als Siedler. Seitdem ringen Angelsachsen, Wikinger und Schotten um die Vorherrschaft im Norden Britanniens. Und Jorvik, dessen Einwohner sowohl angelsächsische als auch skandinavische Gene in sich tragen, ist der Schlüssel zu Northumbria.

Wikinger beim Kampf

Bis vor kurzem stammte fast alles, was wir über die Wikinger in England wissen, aus kirchlichen Aufzeichnungen. Kirchen und Klöster, die Schatztruhen des Landes, waren ein beliebtes Ziel für die Raubzüge der Wikinger. Es verwundert also nicht, dass unser Bild von Wikingern, das von brutalen Räuberbanden ist. Eine Ausgrabung in York hat diesem Bild nun eine weitere Facette hinzugefügt. Denn hier lebten die Wikinger als friedliche Siedler. Sie bauten Häuser, gründeten Familien und gingen ehrlichen Handwerken nach.

Ihr habt es sicherlich bereits geahnt: Jorvik ist der Name der Wikingerstadt, auf deren Fundament das heutige York steht. Schon die Römer hatten in York eine befestigte Siedlung angelegt, aber unter den Wikingern blühte die Stadt erst richtig auf. Als die Normannen England 1066 eroberten, zählte die Stadt zwischen 10.000 und 15.000 Einwohner und war vermutlich das zweitwichtigste Handelszentrum Britanniens nach London.

Jorvik - das Museum

Als die Gegend um Coppergate in den 1970er Jahren neu entwickelt werden sollte, stießen Archäologen auf eine neun Meter dicke Schicht mit Überbleibseln aus der Ära der Wikinger. In der torfigen Erde haben Holzpfosten der Häuser, aber auch Textilien, Samen und Insekten die Zeit überdauert. Diese Informationen geben uns einen tiefen Einblick in das Leben, das die Menschen hier vor über tausend Jahren geführt haben. Der Fund war so bahnbrechend, dass über der Ausgrabungsstätte ein Museum gegründet wurde, in dem die Forschungsergebnisse lebendig und für jedermann zugänglich präsentiert werden. Der Name des Museums: Jorvik

Jorvik - die Ausgrabungsstätte

Hinter dem Ticketschalter steigen wir eine lange Treppe hinunter in das Herz der Ausgrabungsstätte. Nachdem wir uns Schritt für Schritt tausend Jahre Geschichte durchquert haben, stehen wir auf einer Glasplatte. Unter unseren Füßen zeichnen Wände aus geflochtenen Weidenzweigen ab. An einer Seite ist die Steineinfassung des Herds. Überall liegen persönliche Dinge verstreut: Münzen, Würfel, Schmuckstücke, ein Kamm. Links neben dem Haus verläuft der Abwasserkanal, rechts, ebenfalls außerhalb des Hauses steht die Toilette. Eine Ausgrabungskarte hilft uns dabei, unsere Augen für die ansonsten unscheinbaren Schätze zu schärfen. Bildschirme an den Wänden liefern zusätzliche Informationen.

Hornreste aus Jorvik

Nachdem wir uns ein Bild von der Ausgrabungsstätte gemacht haben, steigen wir in eine Gondel und die Zeitreise beginnt. Wir schweben durch Jorvik, beziehungsweise durch eine Straße Jorviks, die auf Basis der Forschungsergebnisse wieder aufgebaut wurde. Selbst das Aussehen der Menschen wurde anhand der gefundenen Skelette rekonstruiert. Es riecht nach verbranntem Holz und Fisch. Vor dem neuen Eichenhaus wurden bei der Ausgrabung viele Geweihabfälle gefunden. Deshalb geht man davon aus, dass hier ein Hornarbeiter sein lukratives Handwerk ausübte. Schlackereste, Werkzeuge und Eisenreste deuten auf eine Schmiede hin. Wir schweben durch ein Haus und beobachten, wie Frauen, tiefgebeugt über dem bodentiefen Herdfeuer, Speisen zubereiten, während die Männer, Krüge in der Hand, auf Schemeln sitzen und über Politik oder die Ernte reden. Es ist nicht leicht, den Wortfetzen im nordischen Dialekt im Vorbeischweben einen Sinn zuzuordnen. Aber eine nette Stimme im Lautsprecher hinter uns erklärt uns, was wir wissen müssen. Leider ist es zu dunkel, um aus der schwebenden Gondel scharfe Fotos zu machen.

Wikinger-Münzen prägen lassen

Nachdem wir Jorvik wieder verlassen haben, treten wir in den Ausstellungsraum. Traditionelle Glasvitrinen, Multimediainstallationen und als Wikinger verkleidete Museumsangestellte enthüllen die Geheimnisse des Wikingerlebens. Bei einem Münzer möchte sich der Kleine Entdecker eine Wikinger-Münze prägen lassen. Als die zierliche Frau dem Metall die Prägung, die den in Coppergate gefundenen Münzen nachempfunden ist, mit einem schweren Hammer und einem lauten Knall verpasst, will er vor Schreck am liebsten weglaufen. Die Zeit der Wikinger war definitiv nichts für zartbesaitete. Aber dann empfing er doch voller Stolz seine Münze. Zurück im Tageslicht haben Museumsmitarbeiter eine kleine Ausgrabungsstätte für Kinder aufgebaut. Mit Pinseln können sie verschiedene Objekte freilegen. Ein schöner Abschluss für unseren Ausflug.

Ausgrabungsspaß für Kinder

Wer nach York fährt, sollte dieses sehenswerte Museum unbedingt besuchen. Alle Informationen findet Ihr auf der Website.

 

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24 thoughts on “Jorvik: Ein Besuch bei den Wikingern

  1. artigomariktizomifar says:

    I notice that you plumped for a masculine Ouse. How do we know whether a river is masculine or feminine? There doesn’t seem to be any authoritative work whatsoever. Keep up your excellent work, Peggy. I love your blog. Remember that it is no less interesting and helpful for Brits learning German than it is for Germans learning English.

    1. entdeckeengland says:

      Wow, your German must be excellent to spot that one. To be honest it didn’t occur to me to research if the River Ouse would be used in the feminine or masculine form in German. I simply followed my instinct. I quickly checked Wikipedia and they use the feminine form. But Wikipedia does not really count as authoritative. As with other foreign words and product names there is probably no right or wrong here. So I follow Bastian Sick’s reasoning: “Manchmal ist eben einfach Fantasie gefragt – nicht nur bei der Suche nach neuen Namen, sondern auch bei der Suche nach dem passenden Geschlecht…” (aus “Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod”) Thanks for your comment. If my blogs helps a bit to encourage understanding between our cultures I am more than happy.

  2. Hanna says:

    Hi Peggy. I wish I had been an archaeologist in York in the 1970s. A treasury with a depth of 9 meters absolutely amazing 🙂 ❤
    Thank you for sharing a great post,
    Hanna

  3. Pit says:

    Hallo Peggy,
    danke fuer den interessanten Bericht. Frueher habe ich das Museum wegen der langen Schlangen nicht besucht, und bei unserem letzten Aufenthalt in York hatten wir irgendwie dafuer keine richtige Lust und haben uns fuer Anderes entschieden. Aber jetzt, nach Deinem Bericht, muss ich sagen: wir haben etwas verpasst. Also beim naechsten Mal.
    LG,
    Pit

    1. entdeckeengland says:

      Ja, man muss sich immer etwas fürs nächste Mal lassen. Die Schlange war wirklich lang, aber es ging dann doch recht flott. Und drinnen es war natürlich auch nicht gerade leer. Aber das hat dem Erlebnis keinen Abbruch getan. Liebe Grüße, Peggy

  4. suzy says:

    So interessant und spannend, habe ichfür unseren nächsten Aufenthalt direkt gedanklich mit abgelegt. Das muss man wohl gesehen haben !
    Danke!

  5. Petra Gust-Kazakos says:

    Das klingt ja nach einem tollen Museum, wenn sogar versucht wird, den Geruch der Zeit einzufangen … Ich sehe ja ganz gern diese historisch etwas locker gestrickte Serie Vikings, auch nichts für Zartbesaitete, aber unterhaltsam. Das Museum würde ich mir allerdings auch gern ansehen … Liebe Grüße
    Petra

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Maren. Ich hoffe, der Kleine Entdecker sieht das später auch so. Dafür besucht er im Gegensatz zu seinen Schulfreunden keine Zusatzkurse neben der Schule. Und einen Tutor hat er auch nicht. (Kein Scherz: Wer was auf sich hält, bucht für seine Vierjährigen einen Tutor). Liebe Grüße, Peggy

  6. Achim Spengler says:

    Sehr schön, liebe Peggy. Da scheint es für jede Sinnesrichtung etwas zu geben. Ich war leider noch nie in York. Ich werde mal bei meinen Schwestern nachfragen. Sie waren dort des Öfteren und ich verwette einiges darauf, dass sie dieses Museum kennen.

    Grüße, auch an den kleinen Entdecker

    Achim

    1. entdeckeengland says:

      Hi hi, das ging mir auch so. Ich hatte natürlich das englische Heft, und darin steht antler. Im Leo habe ich keine passende Übersetzung gefunden und habe dann erst eine ganze Weile recherchiert, bis ich in Geschichtstexten auf das Wort Hornarbeiter gestoßen bin. Liebe Grüße, Peggy

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