Mit dem Zug durch England

From A Railway Carriage

Faster than fairies, faster than witches,
Bridges and houses, hedges and ditches;
And charging along like troops in a battle
All through the meadows the horses and cattle:
All of the sights of the hill and the plain
Fly as thick as driving rain;
And ever again, in the wink of an eye,
Painted stations whistle by.
Here is a child who clambers and scrambles,
All by himself and gathering brambles;
Here is a tramp who stands and gazes;
And here is the green for stringing the daisies!
Here is a cart runaway in the road
Lumping along with man and load;
And here is a mill, and there is a river:
Each a glimpse and gone forever!

Robert Louis Stevenson

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Es war ein Anblick, der die Augen des Kleinen Entdeckers leuchten ließ: Eine ganze Halle voller Modelleisenbahnen aus den unterschiedlichsten Epochen. Bis auf zwei ältere Herren, die Kaffee tranken und sich unterhielten, war keine Menschenseele weit und breit zu sehen. Kaum taten wir den ersten Schritt hinein, unterbrachen die beiden Männer ihr Gespräch und einer der beiden schlurfte langsam von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück, um sie anzustellen. Überall um uns herum setzten sich die Minizüge in Bewegung und drehten unbeirrbar ihre Runde. Bald surrte und brummte es in dem Gebäude wie in einem Bienenstock. „Wir dürfen sie nur anschalten, wenn ein Besucher hier ist.“, erzählte er uns, und ich glaubte, ein jungenhaftes Leuchten in seinen Augen zu erkennen, das dem des Kleinen Entdeckers nicht unähnlich war. Kurze Zeit später sah ich den Alten und den Jungen konzentriert über eines der Modelle gebeugt in ein „Fachgespräch“ vertieft.

Der Kleine Entdecker im Crampton Tower Museum

Ich stellte erstmal meinen Rucksack ab und kam mit dem anderen Mann, der neben dem altertümlichen Ticketschalter auf einem Campingstuhl saß, ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er der ehrenamtliche Bürgermeister von Broadstairs war. Ich erzählte ihm von unserer Eisenbahnreise und dass ich fand, dass sich die Gegend seit meinem letzten Besuch vor zehn Jahren deutlich zum Besseren entwickelt hatte. Die Küstenstädte Südostenglands hatten seit den 1950er Jahren ihren Glanz verloren. Mittlerweile schien sich die Region jedoch neu zu erfinden. Hier traf ich, nicht ganz überraschend, auf offene Ohren, und ich erfuhr mehr über das Crampton Tower Museum, zu dem die Modelleisenbahn-Halle gehörte.

Crampton Tower

Crampton Tower war einst ein Wasserturm und wurde in dieser Funktion von Thomas Russel Crampton entwickelt. Wer noch nie etwas von Thomas Russel Crampton gehört haben sollte (zu denen zählte ich mich bis vor kurzem auch): Er war eines dieser typischen Multitalente der Industriellen Revolution. Neben seiner Tätigkeit als Eisenbahningenieur kümmerte er sich nicht nur um die Wasserversorgung von Broadstairs, sondern war auch der erste, der erfolgreich ein Telegrafen-Kabel durch den Ärmelkanal verlegte. Er wurde 1816 in Broadstairs geboren. Zu dieser Zeit war die erste richtige Eisenbahn, die Derby Canal Railway, gerade 21 Jahre alt. Damals wurden die Güterwaggons noch von Pferden gezogen. Aber schon 1825 setzte man auf der Stockton and Darlington Railway die ersten Dampflokomotiven ein. Außerdem durften auf der Stockton and Darlington Railway erstmals auch Personen mitfahren. Mit 23 Jahren begann Crampton als Assistent Marc Brunels für die Great Western Railway zu arbeiten. Später wechselte er zur South Eastern Railway, auf der der Kleine Entdecker und ich in diesem Urlaub unterwegs waren. Im Turm selbst gibt es eine kleine Ausstellung zu diesem berühmten Sohn der kleinen Stadt.

Thomas Russel Crampton

Zu Cramptons Zeiten ging die Karriere der britischen Eisenbahn steil bergauf: Das Schienensystem expandierte von knapp 100 Meilen um 1830 auf über 10.000 Meilen in den 1860er Jahren. Um 1900 verkauften alle Eisenbahnlinien zusammen über eine Milliarde Tickets pro Jahr. Nach dem zweiten Weltkrieg wendete sich das Glück jedoch. Die Eisenbahn wurde verstaatlicht und eine Reihe von Fehlentscheidungen führte dazu, dass die britische Eisenbahn ihr Image als Technologieführerin verlor. Das Auto lief der Eisenbahn den Rang ab. Die fallenden Einnahmen führten zu Kosteneinsparungen, und es wurde noch weniger in nötige Modernisierungen investiert. Erst mit der Privatisierung zwischen 1994 und 1997 floss wieder neues Geld in die britische Eisenbahn. Die Verstopfung und Umweltbelastung in vielen Städten und die Ausdehnung der Speckgürtel haben die Nachfrage nach guten Zugverbindungen, besonders bei Pendlern, wieder steigen lassen. Im Jahr 2010 lag die Anzahl der Fahrgäste erstmals wieder über dem Level der 1920er Jahre und steigt weiter an.

Modelleisenbahnen im Crampton Tower Museum

Der Ruf der britischen Eisenbahn ist allerdings nicht so steil aufgestiegen wie die Nutzung. Besonders im täglichen Pendelverkehr haben Fahrgäste mit überfüllten Zügen, Verspätungen und Ausfällen zu kämpfen. Ich erinnere mich hier selbst an eine Episode, als ich den Kleinen Entdecker von der Schule abholen wollte. Aber fährt man aus den Ballungszentren heraus, gibt es keine bequemere Art zu reisen als mit dem Zug. Und auf unserer Eisenbahnreise durch Kent und Sussex hatten wir kein einziges Mal Probleme. Naja, vielleicht gab es mal ein paar Minuten Verspätung, aber das war allenfalls „a minor inconvenience“, wie wir (Wahl-)Engländer zu sagen pflegen.

Wer übrigens selbst einmal eine Zugreise durch England machen möchte: Zugverbindungen, Fahrpläne und sogar Online-Tickets findet man auf http://www.nationalrail.co.uk/

Das Crampton Tower Museum befindet sich gegenüber dem Bahnhof von Broadstairs.

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23 thoughts on “Mit dem Zug durch England

  1. Dear Peggy. This is a lovely post. Travelling through landscapes with train is a beautiful way to relax and enjoy so eminent expressed by Robert Louis Stevenson. I didn’t knew that poem and I grow fond of it immediately.
    My best wishes to you and your family,
    Hanna

    1. Thanks, Hanna. I was actually looking for a poem by Betjeman, because he is so famous for his railway poetry. But I didn’t find anything fitting. Then I stumbled across this one and like you fell in love with it immediately.

  2. Hallo, da seid ihr ja wieder! Mit einer Eisenbahn-Geschichte, die ich als wunderbar entschleunigt empfinde, und einem Eisenbahn-Gedicht, in das man sich wirklich nur verlieben kann. 🙂

    1. Danke, liebe Maren. Wir sind schon seit einiger Zeit zurückgekehrt, treiben uns aber momentan noch in Deutschland rum. Während jetzt der Kleine Entdecker und sein Papa Urlaub machen, habe ich schon wieder sachte nebenbei angefangen zu arbeiten. Aber wenn man mit dem Laptop bei 30 Grad im Schatten auf der Terrasse sitzt, fühlt sich das auch noch fast wie Urlaub an. 🙂

  3. Wunderschön geschrieben! Ich kann mir die beiden alten Herren in dem Museum sehr gut vorstellen – und unseren Großen mittendrin, der hätte auch seine helle Freude daran! 🙂
    Rund um London hatten wir mal etwas Pendler-Pech, aber das hatte mehr damit zu tun, dass wir als Touri-Pendler nicht auf Anhieb durch das System gestiegen sind. Es gibt ja so viele verschiedene Zuggesellschaften dort.
    Ich bin gespannt, was du noch so von eurer Zugreise berichten wirst!

    1. Hallo Lena, ja Zugfahrten im Londoner Ballungsgebiet haben nicht viel mit Urlaub zu tun. Ich sehe, Ihr seid auch wieder zurück. Seid Ihr nicht gerade erst losgefahren? Es kann doch nicht schon wieder ein Jahr um sein! 🙂

    1. Ach ja, diese Liste! Auf jeden Fall kann ich es sehr empfehlen. Man kann sehr viele Sehenswürdigkeiten bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Lieben Gruß zurück, Peggy

  4. Hallo Peggy,
    da MUSS ich auch hin! 😉 Bei Modelleisenbahnen schlaegt mein Herz auch hoeher. Aber auch bei den “richtigen” Museumseisenbahnen. Ich erinnere mich noch sehr gerne an die Fahrt von Kidderminster nach Bridgnorth vor ein paar Jahren mit der Severn Valley Railway: fantastisch, diese alten Lokomotiven [http://tinyurl.com/qafngxn] und Wagen [http://tinyurl.com/nqg5cs3]. Hierzulande steht eine solche Reise noch aus. Kommt aber bestimmt noch.
    Habt’s fein,
    Pit

    1. Ha, ha, das hab ich mir schon gedacht! Die Engländer haben schon ein Herz für ihre historischen Eisenbahnen. Wir werden bestimmt auch noch die eine oder andere ausprobieren. Lieben Gruß aus Deutschland. Wir genießen hier die letzten richtigen Sommertage bei 30 Grad, bevor wir nach England und in den Alltag zurückkehren.

  5. Ja, liebe Peggy, die Eisenbahn nimmt meiner Meinung nach wieder an Wichtigkeit zu, aus Gründen, die du auch erwähnt hast. Bei uns in der Schweiz wird nächstes Jahr ein Teil der “Alptransit” -Herzstück der neuen Bahnverbindung durch die Alpen-eröffnet, welche eine sehr viel schnellere Nord-Südverbindung anbieten wird.
    Ausserdem kann ich mich noch sehr gut an meine Kindheit und die verschiedensten Modelleisenbahnen in unserer Familie erinnern, von denen ich total begeistert. 🙂 Lieben Dank für deinen Beitrag und cari saluti Martina

    1. Vielen Dank, liebe Martina. Die Schweiz ist ja leider auch noch so ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Aber wenn ich mit dem Kleinen Entdecker in ein paar Jahren England umrundet habe, setze ich die Eisenbahntour einfach in Europa fort (wenn er dann noch mit mir verreisen will 🙂 )

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