Victorian Cottage Garden

Ausstellung zur Entwicklung der Gartenkunst

In der Ausstellung „Painting Paradise – The Art of the Garden“ entführt uns die Queen’s Gallery in heilige Gärten und sündhafte Labyrinthe, zeigt uns Gärten, die als herrschaftliches Statussymbol oder als wissenschaftliches Labor dienen. Natürlich hat die Queen dafür nicht den Buckingham Palace Garden geöffnet. Wir erleben die Gärten über Bilder und andere Kunstgegenstände. So wird die Geschichte der Gartenkunst noch um eine Dimension erweitert. Denn mit der sich wandelnden Bedeutung und Gestaltung des Gartens hat sich im Laufe der Jahrhunderte auch seine Rolle in der Kunst verändert.

“For ‘Paradise’ … means nothing more than a most pleasant garden, abundant with all pleasing and delightful things, of trees, apples, flowers, vivid running waters, song of birds and in effect, all the amenities dreamed of by the heart of man …”

Lorenzo de’ Medici Il Magnifico

Rembrandt van Rijn: Christ and St. Mary Magdalen at the tomb (1638)
Rembrandt van Rijn: Christ and St. Mary Magdalen at the tomb (1638)

Im Mittelalter widmete sich die Kunst fast ausschließlich religiösen Themen. Die Malerei war zu diesem Zeitpunkt eher dem Handwerk zuzuordnen und diente vor allem der Verzierung von Büchern, Kirchenwänden oder Altären. Das Paradies wurde dabei idealisiert auf Basis der Bibel dargestellt und nicht von echten Gärten inspiriert. Nun ist Rembrandt zwar kein Maler des Mittelalters, aber die Auseinandersetzung mit dem Christentum spielte natürlich auch in späteren Epochen noch eine große Rolle. Zudem gilt Rembrandt als einer der ersten, der biblische Szenen künstlerisch interpretierte.

„The Dream-Battle of Poliphilus“ (1499) attributed to Francesco Colonna
„The Dream-Battle of Poliphilus“ (1499) attributed to Francesco Colonna

Während der Renaissance wurden Gärten in Europa zum Statussymbol vieler Monarchen. Aber auch die Gartenkunst selbst wurde revolutioniert. Inspiriert von Romanen, wie „Poliphilos Traumerzählung vom Kampf für seine Liebe“ wurden Gärten zu Fantasiewelten, in denen die Damen und Herren des Hofes nach Lust und Laune feiern, flirten und spielen konnten. Und um in der Hackordnung innerhalb der europäischen Elite mithalten zu können, wurden Künstler beauftragt, die Meisterwerke der Gartenkunst auf Leinwand zu verewigen.

The Family of Henry VIII (c. 1545) British School
The Family of Henry VIII (c. 1545) British School

Auch Henry VIII war ein Meister der Selbstinszenierung. Im Herzen ein Romantiker, wurde Henry VIII zu einem der bedeutendsten Bauherren und Gartengestalter Europas. Sein Irrgarten in Hampton Court dient noch heute der Belustigung vieler Besucher. In englischen Gemälden, anders als in italienischen, traten die Gärten jedoch hinter den Glanz seiner Majestät selbst zurück. Nur durch die Torbögen erhascht man einen Blick auf den Great Garden im Whitehall Palace. Nichtsdestotrotz erkannte das geübte Auge der Zeit einen modernen Garten mit Blumenbeeten, eingefasst in Holzzäune, die in den Tudor-Farben weiß und grün gestrichen waren. Auf Säulen erinnerten die königlichen Wappentiere die Spaziergänger an die allgegenwärtige Macht des Königs.

Leonardo da Vinci: The seed-heads of two rushes with notes (1510)
Leonardo da Vinci: The seed-heads of two rushes with notes (1510)

Etwa zur gleichen Zeit öffnete sich durch die Entdeckung Amerikas und den zunehmenden Seehandel der Blick auf die Welt. Viele Europäer waren fasziniert von den exotischen Pflanzen anderer Kontinente. Die Botanik wurde zu einem beliebten Hobby, nicht nur unter Gelehrten. Botanische Gärten entstanden, in denen versucht wurde, verschiedene Exoten zu kultivieren. Und auch auf die Kunst wirkte sich der Wissensdurst aus. Einerseits waren Zeichnungen, wie die von Leonardo da Vinci, damals ein wichtiger Bestandteil der wissenschaftlichen Arbeit. Andererseits studierten Künstler die Pflanzen im Detail, um sie möglichst lebensecht abzubilden.

Maria van Osterwyck: Still Life with Flowers and Butterflies (1686)
Maria van Osterwyck: Still Life with Flowers and Butterflies (1686)

Besonders in den Niederlanden entstand eine ganz neue Kunstrichtung: die des Stilllebens. Kunst war plötzlich nicht mehr nur ein Mittel, mit dem sich Adlige in Szene setzten. Eine wachsende Mittelschicht erkannte in der Kunst eine Möglichkeit, sich in der Gesellschaft als gebildet und aufgeklärt zu präsentieren.

Studio of Marco Ricci: A View of the Cascade, Bushy Park Water Gardens (1715)
Studio of Marco Ricci: A View of the Cascade, Bushy Park Water Gardens (1715)

Das 17. Jahrhundert war in großen Teilen Europas eine ausgesprochen turbulente Zeit. Protestanten und Katholiken rissen in ihrem Kampf um die Vorherrschaft tiefe Gräben in den Kontinent. England zerfetzte sich im Bürgerkrieg, und das Experiment mit der Republik endete in einer Militärdiktatur. In der Kunst spiegelte sich die Obsession mit der Macht in der neuen Stilrichtung des Barock wieder. Bei der Anlage von Schlossgärten ging es nun nicht mehr allein um Prestige, sondern auch darum, die Macht des Menschen über die Natur zu feiern. Kein Stück Erde wurde so belassen, wie es war. Künstliche Terrassen wurden aufgeschüttet, Bäche umgeleitet und Bäume gerodet, um den Blick auf das Gesamtkunstwerk Garten freizugeben. Und auch die Darstellung der Gärten veränderte sich. Die wahre Pracht der Gartenkunst entfaltete sich erst in der Vogelperspektive. Die Landschaftsmalerei  emanzipierte sich zudem. Im oberen Gemälde steht der Wassergarten von Bushy Park, Lord Halifax‘ Anwesen nahe Hampton Court, im Mittelpunkt. Man könnte fast übersehen, wen der Lord rechts unten im Bild empfängt: George, Prince of Wales, der spätere König George II, und seine Frau Caroline von Ansbach.

Paul Sanby: The garden of the Deputy Ranger’s Lodge, Windsor Great Park (c. 1798)
Paul Sanby: The garden of the Deputy Ranger’s Lodge, Windsor Great Park (c. 1798)

Um die Mitte des 18. Jahrhunderts kam das Extrem des Barock-Gartens aus der Mode. Die Natur selbst wurde wieder zum Schönheitsideal. Parks und Gärten wurden so angelegt, dass sich bei einem Spaziergang immer neue überraschende Eindrücke ergaben. Mit dieser neuen Kunstrichtung kamen auch die Maler wieder auf den Boden der Tatsachen. Statt einer einzigen Luftaufnahme zeigten Sie nun den Blick von einem ausgewählten Standort und produzierten von manchen Landschaftsgärten ganze Serien verschiedener Perspektiven. Bemerkenswert an dieser Stelle ist, dass die Gartenkunst zuvor meist aus Italien und Frankreich nach England importiert wurde. Mit dem Landschaftsgarten hatte England nun seine ganz eigene Stilrichtung entwickelt. Gemälde von Landschaftsgärten erfreuten sich zudem in ganz Europa großer Nachfrage, und der zunehmende Gartentourismus steigerte noch das Interesse am englischen Landschaftsgarten.

William Leighton Leith: The Swiss Cottage, Osborne House (1855)
William Leighton Leith: The Swiss Cottage, Osborne House (1855)

Mit dem Landschaftsgarten waren Blumen fast vollständig aus der Gartenkunst verschwunden. Das änderte sich wieder im viktorianischen Zeitalter. Mit der Erfindung des Rasenmähers und der Entstehung mehrerer Gartenmagazine wurde das Gärtnern zu einer Lieblingsbeschäftigung der Engländer fast aller sozialer Klassen. Sogar Königin Victoria und Prinz Albert zeigten ein großes Interesse am Gartenbau und unterrichteten ihre Kinder im Swiss Cottage in der Zucht von Blumen und Gemüse. Auch in der Kunst galten nicht mehr nur herrschaftliche Anwesen als betrachtungswürdig. Viele Künstler ließen sich vom Cottage-Garten inspirieren und prägten damit ein ganz neues Bild der englischen Gartenkunst.

Caleb Robert Stanley: Adelaide Cottage, Windsor Home Park (1839)
Caleb Robert Stanley: Adelaide Cottage, Windsor Home Park (1839)

Die Ausstellung ist wie immer hervorragend kuratiert und natürlich sehr viel umfangreicher als mein verhältnismäßig kurz gehaltener Überblick. Der Audioguide enthält viele zusätzliche Informationen und ist im Preis inbegriffen. Und auch der Ausstellungskatalog ist eine Augenweide. Wer wie ich Glück hat, besichtigt genau dann die Ausstellung, wenn einzelne Kuratoren der Royal Collection vorbeikommen und Hintergrundgeschichten zu ausgewählten Ausstellungsstücken erzählen. Neben Gemälden kann man auch andere Kunstobjekte wie Wandteppiche, Möbel, Porzellan und die Fabergé-Blumensammlung von Queen Alexandra bewundern.

Die Ausstellung läuft noch bis 11. Oktober 2015. Eine Reservierung ist empfehlenswert.

https://www.royalcollection.org.uk/exhibitions/qgbp/painting-paradise-the-art-of-the-garden

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4 thoughts on “Ausstellung zur Entwicklung der Gartenkunst

  1. Wenn ich all die Zementbauten sehe, die auch in meiner Umgebung am Laufmeter entstehen, frage ich mich unablässig, wann es wohl die Menschen merken werden, wie wichtig Bäume, Blumen, Brunnen oder Vogelgezwitscher für unsere Seele sind!!! Vielen Dank für deinen eindrücklichen Bericht.:)

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