Bleak House thront über Viking Bay in Broadstairs

Dickens‘ Broadstairs: Bleak House und große Erwartungen

Charles Dickens, genau wie andere wohlbetuchte Londoner seiner Zeit, wusste einen Sommerurlaub am Meer zu schätzen. Kein Wunder: Verwandelte sich die Stadt doch mit zunehmender Hitze in eine stinkende Kloake. Wer also etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, mietete in der warmen Jahreszeit ein Haus in einer der schicken Küstenstädte. Charles Dickens war 25 Jahre alt und bereits ein gefeierter Autor als er mit seiner jungen Familie das erste Mal Ferien in Broadstairs machte. Ob er, wie es Mode war, jeden Tag zwei Pint Meereswasser trank, dem man eine gesundheitsfördernde Wirkung nachsagte, ist mir nicht bekannt. Aber er frönte einem anderen Zeitvertreib, den die viktorianische Gesellschaft für sich entdeckt hatte: Er ging regelmäßig schwimmen.

Bleak House thront über Viking Bay in Broadstairs

In den ersten Jahren mietete er verschiedene Häuser in Broadstairs, aber in den 1850ern und 1860ern verbrachte er die Sommermonate in Fort House auf der Klippe über dem Hafen. Hier, mit Blick auf den Ärmelkanal und die abenteuerverheißenden Segel der britischen Marine, schrieb er „David Copperfield“ zu Ende, das Werk, das wohl die meisten autobiografischen Züge trägt. Den Namen Bleak House erhielt es erst im 20. Jahrhundert, weil ihn das Haus zum gleichnamigen Roman inspiriert haben soll, was allerdings unter Experten umstritten ist. Heute ist Bleak House ein Hotel. Man muss aber nicht unbedingt Hotelgast sein, um sich Charles Dickens‘ Arbeitszimmer anzuschauen.

Charles Dickens' Arbeitszimmer in Bleak House kann besichtigt werden.

Durch die Küche mit Ihren großen Töpfen, aus denen duftende Dämpfe aufstiegen, gingen der Kleine Entdecker und ich durch schmale, labyrinthartige Gänge. Wir folgten steilen Treppen, deren Wände mit Bildern der Dickens-Familie vollgehängt waren. Der dicke Teppich dämpfte jedes Geräusch und wir fühlten uns fast, als würden wir etwas Verbotenes tun, als würde das Haus uns verschlucken und wir keinen Weg mehr hinaus finden. Aber dann traten wir ein ins heilige Refugium. Der Blick weitete sich, nicht weil Dickens‘ Arbeitszimmer so groß wäre, sondern weil wir über den Schreibtisch hinaus aufs Meer schauten. Ich war froh, dass wir allein waren. Weitere Besucher hätten hier keinen Platz gehabt. Wir nahmen uns Zeit, um uns die Fotos, Bücher, Theaterankündigungen und sonstigen Gegenstände anzuschauen, die die Hotelbetreiber eher nach dem Kriterium der Quantität als der Qualität zusammengesammelt hatten. Dann schrieb der Kleine Entdecker einen Gruß in das Gästebuch und ich hielt die großen Erwartungen, die er auf diesem Stuhl sitzend weckte, mit der Kamera fest.

Kleiner Entdecker schreibt etwas ins Gästebuch von Bleak House.

“For a week or a fortnight I can write prodigiously in a retired place (as at Broadstairs), and a day in London sets me up again and starts me. But the toil and labour of writing, day after day, without that magic lantern, is IMMENSE!!… My figures seem disposed to stagnate without crowds about them.” Charles Dickens

Dickens zog es jedoch immer wieder nach London zurück. Auch während der Sommerferien fuhr er oft für einige Tage in die Stadt, die seine Fantasie beflügelte. Unsere Besichtigung von Bleak House war mit Dickens‘ Arbeitszimmer jedoch noch nicht beendet. Während der Napoleonischen Kriege war hier der Kommandant der Küstenwache stationiert gewesen. Die Schmuggler müssen nicht allzu viel Respekt vor der Küstenwache gehabt haben, denn einige Tunnel, durch die verbotene Waren ins Landesinnere geschmuggelt wurden, verliefen direkt unter Fort House. Hier befindet sich heute ein Schmugglermuseum, dessen Besuch sich allerdings nicht lohnt. Wie schon in Dickens‘ Arbeitszimmer hatte man hier wahllos alte Gegenstände gesammelt und ohne Kontext in Vitrinen gestopft. Angsteinflößende lebensgroße Puppen in Uniform oder Schmugglerkluft erweckten den Eindruck, man sei in einem Gruselkabinett, und der Kleine Entdecker, der normalerweise keine Gelegenheit auslässt, allein auf Erkundungstour zu gehen, blieb dieses Mal fest an meiner Hand. Froh, der beklemmenden Gruft entkommen zu sein, liefen wir ins Stadtzentrum und ließen uns zu einem herzhaften Pub Lunch im „The Charles Dickens“ nieder.

Gemütliches Pub-Lunch: The Charles Dickens, Broadstairs, Kent

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14 thoughts on “Dickens‘ Broadstairs: Bleak House und große Erwartungen

    1. Liebe Susanne, von St Pancras und Victoria gibt es Direktverbindungen. Die Züge fahren zwischen 1:20 und 2 Stunden. Aber so malerisch es auch ist, ich weiß nicht, ob sich ein Tagesausflug dorthin wirklich lohnt, wenn Du nur ein paar Tage in London hast. Aber falls Du es Dir trotzdem überlegen willst, kannst Du auf nationalrail.co.uk nach Verbindungen suchen. Broadstairs könnte man auch mit Botany Bay verbinden. Bus Nr. 33 fährt aus dem Stadtzentrum in etwa 10 Minuten dorthin. Hab einen schönen Abend, Peggy

      1. Wir wisen noch nciht genau, was wir alles sehen wollen, Peggy. Ich war das letzte mal vor 30 Jahren in London. Nach London fahren wir vom 6. – 12 April nach Cley zu Klausbernd und Hanne. Kennst du in London ein preiswertes Hotel oder Hostel mit Zimmer mit Toilette, wo wir reservieren können oder ist booking . com besser? LG und einen schönen Samstag von Susanne

      2. Leider kenne ich mich mit Hotels in London nicht so gut aus. Vielleicht lohnt es sich, Travelodge oder Premier Inn auszuchecken. Die beiden Ketten haben in den letzten Jahren ganz schön zugelegt und werben mit preisgünstigen Zimmern. Aber speziell in London ist es so eine Frage, was preisgünstig ist… Ich würde empfehlen, etwas außerhalb zu wohnen, aber mit guter Zug-, DLR oder Tube-Verbindung. In Greenwich gibt es ein Ibis-Hotel, in dem meine Freundin mal übernachtet hat, und sie fand es ganz ok. Am Bahnhof Greenwich hat gerade eine Travelodge eröffnet. Und in Debtford Bridge (eine DLR- Station von Greenwich entfernt) gibt es auch eine Travelodge. Vielleicht lohnt es sich zu schauen, ob es günstigere Hotels an den DLR-Stationen östlich von Canary Wharf gibt. Die DLR-Verbindung ist nämlich sehr gut. Es gilt das gleiche Ticket wie für Tube und Bus. Mehr fällt mir momentan nicht ein. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, Peggy

      3. Liebe Peggy, das sind sehr gute Hinweise, wir haben uns auch überlegt etwas außerhalb zu wohnen und dann mit dem Zug hineinzufahren. Mal schauen, was wir an Hotels finden. Die Suche muß bis nächste Woche warten, wenn ich meine Ausstellung hinter mir habe. Liebe Grüße, herzlichen Dank und ein schönes Wochenende von Susanne

    1. Na, Du hättest wahrscheinlich auch gerade noch so mit in das winzige Zimmer gepasst. Vielleicht fand Mr. Dickens das ja praktisch. So konnten ihn zumindest nicht alle seine 10 Kinder gleichzeitig stören 😜

    1. Thanks Drake, the one with the desk was most difficult, because the room was quite dark and the light from the window so bright. But it is understandable that he wanted to look at the sea when he was working. And I didn’t dare to move the furniture. 😜

  1. Thank you for an interesting story, Peggy. I’m glad that you got the intense experience of Dickens’ study. I have never been there, but I had the same great experience while I stood in Karen Blixen’s study on Rungstedlund – all alone. That speaks to the imagination 🙂
    Best regards and best weekend to you and your family,
    Hanna

  2. Da hat sich Dickens aber ein schönes Zimmer mit Aussicht gesucht! Seine Erfahrung, eine Zeitlang sehr produktiv zu sein in der Abgeschiedenheit, dann aber wieder den kreativen Kick der Großstadt zu suchen, kann ich gut nachvollziehen.

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