Mein Jahr in Büchern (2015)

Kaum brennen die ersten Lichterketten in den Fenstern, scheint jemand die Uhren auf Schnelldurchlauf zu stellen. Eigentlich wollte ich Euch noch von unserem Aufenthalt in Sandwich auf unserer Eisenbahnreise durch Kent berichten und endlich das Geheimnis lüften, für welches Sandwich sich der Kleine Entdecker entschieden hat. Aber stattdessen haben wir lustige Kamellieder für die Schulaufführung geübt, Plätzchen gebacken und Weihnachtskarten geschrieben.  Nun stehen mittlerweile die Schulferien vor der Tür, und in wenigen Tagen brechen wir Richtung Deutschland auf. Da ich den Eindruck hatte, dass vielen von Euch mein Leserückschau letztes Jahr gefallen hat, habe ich mich entschieden, auch dieses Jahr mit einem kleinen Bücher-Rückblick zu beschließen. Das waren also die Highlights des Jahres 2015:

IMG_1291Begonnen hat dieses Jahr mit einem Klassiker, naja, besser gesagt mit einer komplementären Geschichte zu einem der größten englischen Klassiker. Die Rede ist natürlich von Jo Bakers „Longbourn“. Lange bin ich in unserem Buchladen um die Bestseller-Auslage herumgeschlichen. Nachdem mir P. D. James‘ „Death comes to Pemberley“ nicht besonders gefallen hatte, hatte ich so meine Zweifel, ob Fortsetzungsgeschichten oder wie in diesem Falle Parallelgeschichten zu Klassikern überhaupt mein Ding sind. Aber die Rezension bei Buchpost hat mich dann doch überzeugt. Und ich habe es nicht bereut. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Plötzlich erlangten die Figuren viel mehr Tiefe. Während Mr Wickham even more wicked wurde, kam Mr Collins deutlich sympatischer rüber. Ich habe etwas mehr Verständnis für Mrs Bennet entwickelt, und sehe Mr Bennet sehr viel kritischer. Alles in allem also eine sehr schöne Leseergänzung zu Jane Austens Roman, die die Lebensumstände im 18. Jahrhundert genauer unter die Lupe nimmt (was Jane Austen ja nicht musste, schließlich lebte sie in der Zeit und kannte keine andere).

IMG_1293Anschließend bin ich ins Tudor-Zeitalter abgetaucht. Hilary Mantel ist die bislang einzige Frau, der der Man Booker Prize zweimal verliehen wurde, und das sogar für die zwei aufeinanderfolgenden Teile „Wolf Hall“ und „Bring up the Bodies“. Die Geschichte von Thomas Cromwell, Berater Henrys VIII. und Strippenzieher der englischen Reformation, wurde mittlerweile fürs Theater adaptiert. In London waren die Tickets schnell ausverkauft. Das BBC verfilmte die Bücher mit einem brillanten Mark Rylance als Thomas Cromwell und einem nicht weniger schillernden Damien Lewis als Henry VIII. Die Serie wurde Anfang 2015 ausgestrahlt und die Bücher wurden zumindest in meinem Bekanntenkreis eine Zeit lang zu einem der kontroversesten Diskussionsthemen. In einem waren sich alle einig: Die Geschichte ist spannend. Das Geschehen am Tudor-Hof, die religiösen Zwistigkeiten im Europa des 16. Jahrhunderts und der Aufstieg und Fall der Anne Boleyn sind Themen, die wohl nie langweilig werden. Erzählt aus der Perspektive Thomas Cromwells, der aus der unteren sozialen Schicht bis zum Vertrauten des Königs aufsteigt – ein großartiger Einfall. Aber in einer Sache gingen die Meinungen weit auseinander. Die einen loben Mantels modernen, oft minimalistischen Schreibstil, die anderen konnten sich nicht damit anwärmen. Ich untertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich mich durch das erste Drittel des Buches gequält habe, nur vorangetrieben von meinem Interesse an der Geschichte selbst. Als ich mich dann endlich eingelesen hatte, habe ich die Bücher in einem Rutsch durchgelesen. Aber meine Lieblingsschriftstellerin wird Hilary Mantel nicht. Dennoch werde ich auch das dritte Buch „The Mirror and the Light“ lesen, das im ersten Halbjahr 2016 veröffentlicht werden soll, weil ich wissen will, wie die Geschichte weitergeht (natürlich weiß ich schon, wie Cromwell endet, aber das Drumherum ist so spannend). Wer sich ebenfalls für die Geschichte interessiert, sollte sich von meiner Kritik nicht gleich abschrecken lassen, sondern sich eine zweite Meinung einholen, zum Beispiel bei Nettebücherkiste.

IMG_1295Aufgetaucht bin ich dann wieder im 20. Jahrhundert und habe am Strand Herrn Churchill und Herrn Chaplin belauscht. Das Thema Depression wird ja in unserer Gesellschaft gerne totgeschwiegen. Umso wichtiger ist dieses Buch, weil es zeigt, dass es selbst die Größten treffen kann. Zwei Persönlichkeiten, die das letzte Jahrhundert auf ihre ganz eigene Weise geprägt haben, versuchen hier fernab des schillernden Rampenlicht-Images und der großen Taten ihr eigenes, privates Leben in den Griff zu bekommen. Interessant ist natürlich auch, die gesellschaftlichen Ereignisse der Zeit aus dieser persönlichen Perspektive zu betrachten. Weitere Gedanken und Rezensionen zu Michael Köhlmeiers „Zwei Herren am Strand“ gibt’s bei Skyaboveoldblueplace, AllesMitLinks und Buzzaldrins Bücher.

 

IMG_1296Selbstverständlich verlasse ich auf meinen Lesereisen auch mal die britischen Inseln. Sätze&Schätze hat mich dazu inspiriert, mit dem britischen Offizier Richard Burton eine Zeitreise nach Indien, Arabien und Afrika zu unternehmen. Ilja Trojanow beschreibt in seinem Roman „Der Weltensammler“ wie sich Burton selbst aus der englischen Kolonialgesellschaft ausgrenzt und, getrieben von unstillbarem Wissensdurst, tief in die Kulturen der lokalen Bevölkerung eintaucht. Obwohl das Buch als Roman bezeichnet wird, sind Dichtung und Wahrheit hier eng miteinander verwoben. Dass ich einige der Kulturen und Orte, in die sich Burton im wahrsten Sinne des Wortes assimiliert, bereits selbst kennenlernen durfte, machte den Ausflug sogar noch spannender. Trojanows eigene Reise auf Burtons Spuren, niedergeschrieben in „Nomade auf vier Kontinenten“ wartet schon auf mich im Bücherregal.

 

IMG_1297Auf eine weitere Zeitreise, diesmal nach Portugal ins Jahr 1938, schickte mich Antonio Tabucchi’s Roman „Erklärt Pereira“ Hier erlebte ich, wie der Kulturredakteur einer regimetreuen Zeitung versucht dem repressiven Polizeistaat auf seine eigene Weise ein Schnippchen zu schlagen, immer schwankend zwischen dem bürgerlichen Bedürfnis nach Stabilität, dem romantischen Wunsch, noch einmal die Abenteuerlust der Jugend zu kosten, und seinem eigenen Gewissen. Ein sehr lesenswertes Buch, das zeigt, woraus echte Helden gemacht sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den Buchtipp aus einem Blog habe, konnte aber nicht mehr rekonstruieren, woher. Also gerne einfach melden, dann verlinke ich gerne.

IMG_1300Seit Elementares Lesen zu einem meiner Lieblingsblogs geworden ist, hat das Wachstum meiner Bücherwunschliste exzessive Ausmaße angenommen. Und wenn ich in Büchern wie „Evolution“ von Jan Paul Schutten und Floor Rieder blättere, empfinde ich den wohl eher unnatürlichen Wunsch, der Kleine Entdecker möge doch noch schneller heranwachsen, sodass ich mit ihm gemeinsam über die Wunder der Natur lesen kann. Das Buch richtet sich an Acht- bis  Zehnjährige, aber ehrlich gesagt, hat mich auch schon immer interessiert, warum der Hai nie Schluckauf hat oder wie alt Außerirdische werden.

IMG_1301Bei Sätze&Schätze hatten wir vor einiger Zeit die Diskussion, welche modernen Bücher wohl irgendwann zu Klassikern werden würden. Und hier ist mein Vorschlag: Tuomas Kyrös „Bettler und Hase“. Der Roman erzählt die Geschichte des Rumänen Vatanescu, der (oh böser Wirtschaftsflüchtling) von der russischen Mafia nach Finnland geschmuggelt wird, wo er hofft, als Bettler des Mafioso Yegor Kugar so viel Geld zu verdienen, dass er seinem Sohn ein paar Fußballschuhe kaufen kann. Allerdings läuft das nicht so wie geplant. Ausgebeutet und in die Ecke getrieben, schlägt Vatanescu den Mafiaboss nieder und flieht anschließend aus Angst vor Rache. Die Flucht führt ihn durch halb Finnland. Überall nimmt er Arbeit an, um das Geld für die Fußballschuhe zu verdienen, und trifft dabei auf die unterschiedlichsten Menschen – teils hilfsbereit, teils feindselig. Vatanescu ist ein Antiheld, der sich bei all den Widrigkeiten seine Menschlichkeit bewahrt. Und ja: ein Hase kommt auch darin vor. Das Buch ist skurril, witzig und hintersinnig zugleich. Wenn ich es mit etwas vergleichen sollte, kämen mir einige Coen-Filme in den Sinn (z.B. „Fargo“ oder „Burn after Reading“). Ich habe den Roman vor der großen Flüchtlingswelle gelesen, aber seitdem hat er für mich nur an Bedeutsamkeit gewonnen. Angesichts der neuen Herausforderungen in Europa kann ich das Buch jeder Schulbibliothek wärmstens empfehlen. Es liefert mit Sicherheit viel Material für eine lebendige Diskussion.

Damit beende ich nun offiziell das Bloggerjahr bei Entdecke England und freue mich auf ein neues Jahr voller Inspirationen.

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19 thoughts on “Mein Jahr in Büchern (2015)

    1. Danke, liebe Susanne. So viel wie die Buchblogger lese ich bei weitem nicht. Aber ich brauche eine gewisse Lesezeit in meinem Alltag, um gedanklich aus dem Hamsterrad der Termine auszusteigen und mich zu entspannen. Ich wünsche Dir auch eine besinnliche Weihnachtszeit und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

      1. An Hörbücher bin ich bislang nicht herangekommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es beim Zeichnen inspiriert. Aber da ich bei meiner Arbeit vor allem lese und schreibe, würde mich das zu sehr ablenken. Ich höre beim Schreiben gelegentlich Musik.

  1. Liebe Peggy,
    danke für die Verlinkungen – aber vor allem freut es mich, dass Dir das Buch über Richard Burton zusagte! “Erklärt Perreira” hat mir seinerzeit auch sehr gut gefallen und mich dazu gebracht, mich mit der Diktatur in Portugal einmal etwas mehr zu beschäftigen. Und den “Bettler und Hasen” hast du jetzt ja NOCH schmackhafter gemacht – danke für die versprochene Vorstellung des Buches! Tolles Gedächtnis hast Du, das muss ich auch mal sagen…
    Dir und dem kleinen Entdecker und der ganzen Familie frohes Fest!

    1. Danke, liebe Birgit. Naja, ganz so weit her ist es mit dem Gedächtnis auch wieder nicht, wie man sieht. 😀Aber wenn mir ein Buch gut gefällt, dann bleibt es eben auch lange in Erinnerung und hallt nach. Ich hoffe, Du hattest ein paar geruhsame Tage, und ich wünsche Dir einen guten Rutsch ins neue Jahr.

  2. Liebe Peggy, danke für die schöne Leserückschau. Birgits Bewunderung für dein Gedächtnis schließe ich mich ausdrücklich an – ebenso wie dem Wunsch, die Geschichte von Tuomas Kyrös jetzt aber wirklich zu lesen. Habt eine schöne Zeit in Deutschland, kommt gut ins neue Jahr – und lass mal wieder von dir hören / lesen!

    1. Danke, liebe Maren. Nach einer Woche des Herumreisens sind wir nun in der beschaulichen Uckermark angekommen und genießen das eigentlich viel zu milde Wetter bei ausgedehnten Spaziergängen durch die Natur. Ich wünsche Dir auch noch ein paar besinnliche Tage zur Jahreswende.

  3. Ich wünsche Euch ein schönes Weihnachtsfest, ruhige, besinnliche Feiertage und einen guten Rutsch in das neue Jahr! Freue mich schon von Euch im neuen Jahr zu lesen 🙂

  4. Eine interessante Zusammenstellung, liebe Peggy. Außer dem Evolutionsbuch, das du freundlicherweise bei mir verlinkt hast, sind gleich drei Titel dabei, die ich auch schon kenne! Den “Weltensammler” habe ich als Hörbuch von Frank Arnold gesprochen. Reisebeschreibungen höre ich mir generell sehr gern an. Von den übrigen habe ich sogleich “Bettler und Hase” auf meine Leseliste gesetzt, das klingt sehr verlockend!

    1. Ja, so sehe ich das auch. Aber ob ein Schreibstil gefällt oder nicht, ist vor allem Geschmackssache. Am interessantesten fand ich, wie leidenschaftlich über die Bücher und ob sie lesenswert sind, diskutiert wurde. 😀

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