Weißgetünchte Cottages und bunte Blumentöpfe - die Gassen von Sandwich

Sandwich – die Stadt, die dem belegten Brot ihren Namen gab

Obwohl Sandwich heute gut drei Kilometer von der Küste entfernt liegt, riecht die Luft nach Meer als ich mit dem Kleinen Entdecker aus dem Zug steige. Der Bahnhof liegt etwas außerhalb des historischen Stadtzentrums, wo wir für die Nacht eine traditionelle Unterkunft im Kings Arms Hotel (wo sich auch ein Besuch zum Lunch oder Dinner lohnt) gebucht haben. So schnallen wir unsere Rucksäcke auf und marschieren los. Kaum haben wir die alte Stadtmauer passiert, finden wir uns in einer der besterhaltenen mittelalterlichen Städte Englands wieder. Die schmalen Gassen, die für Fußgänger und den einen oder anderen schmalen Pferdekarren gemacht sind, werden von schiefen Fachwerkhäusern mit bunten Fensterläden gesäumt. Die oberen Etagen ragen auf nicht sehr vertrauenswürdig erscheinenden Balken über die puppenstubenartigen Erdgeschosse hinaus. Kaum zu glauben, dass hier tatsächlich noch Leute leben.

Sandwich ist eine der besterhaltenen mittelalterlichen Städte Englands
In der Altstadt stehen noch Häuser aus dem Mittelalter

Römer und Sachsen in Sandwich

Das beschauliche Örtchen, das heute etwa 4.500 Einwohner zählt, gehörte im 11. Jahrhundert zu den größten Städten Englands. Schon die Römer siedelten in der Nähe. Die Ruinen von Richborough Roman Fort kann man zum Beispiel mit einem Ausflugsboot von Sandwich aus erreichen. Sandwich selbst wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von den Sachsen gegründet. Im Angelsächsischen beziehungsweise Altenglischen bedeutete das Wort „Sandwich“ so viel wie „Handelsplatz auf dem Sand“. Aus dieser Zeit sind jedoch keine Bauwerke mehr erhalten. Denn bis zur Eroberung durch die Normannen 1066 war Sandwich regelmäßig das Ziel von Überfällen durch die Wikinger, und so ging die Stadt vermutlich mehr als einmal in Flammen auf.

Auf dem Fluss Stour in Sandwich fahren heute nur noch Ausflugsboote
Ausflugsboote auf dem Fluss Stour

Sandwich und die Cinque Ports

Die Nähe zum europäischen Kontinent und die sandige Küste, die kleinen Booten die Landung erleichterte, machten Sandwich zu einem bedeutenden Hafen. Die Stadt gehörte zu den ersten fünf Mitgliedern der Cinque Ports. Dieser Zusammenschluss der wichtigsten Häfen an Englands Südostküste geht mindestens bis ins 11. Jahrhundert zurück und wurde 1260 von Henry III. in einer Charta formalisiert. Die Cinque Ports verpflichteten sich, dem König bei Bedarf Schiffe und Besatzung für Kriegszwecke bereitzustellen. Im Gegenzug erhielten sie verschiedene Privilegien, wie beispielsweise die Befreiung von Zöllen. Nach dem Großen Sturm von 1247 versandete der Hafen jedoch zunehmend. Heute fahren nur noch kleine Ausflugsboote auf dem Fluss Stour. Dennoch durfte Sandwich die Würde, zu den Cinque Ports zu gehören, behalten. Deren Bedeutung sank mit der Entwicklung der Royal Navy im 16. Jahrhundert ohnehin. Die Bezeichnung und die verbliebenen Traditionen haben heute vor allem symbolischen Wert. So war beispielsweise die Queen Mum bis zu ihrem Tod 2002 Lord Warden of the Cinque Ports und residierte in dieser Funktion im nicht weit entfernten Walmer Castle.

Stadttor von Sandwich
Das alte Stadttor

Sandwich während der Restoration

Als Edward Montague im Mai 1660 vor Sandwich die Segel setzte, führte er einen der wichtigsten historischen Kurswechsel in England herbei. Zum damaligen Zeitpunkt war England seit 11 Jahren eine Republik. Aber ihr Lord Protector Oliver Cromwell war zwei Jahre zuvor gestorben und sein Sohn Richard besaß nicht die eiserne Hand seines Vaters. Das Regime fiel nach und nach in sich zusammen und die öffentliche Ordnung war bedroht. Montague war ursprünglich ein überzeugter Republikaner. Aber wie viele seiner Zeitgenossen erkannte er, dass nur die Monarchie dem Land dauerhafte Stabilität verspricht. Deshalb gehörte er zu den ersten, die mit Charles II im französischen Exil Kontakt aufnahmen und kommandierte schließlich persönlich die Flotte, die den König heimholte. In Sandwich betrat der Monarch erstmals wieder englischen Boden. Für seine Verdienste erhielt Edward Montague den Titel Earl of Sandwich.

Weißgetünchte Cottages und bunte Blumentöpfe - die Gassen von Sandwich
In der Altstadt gibt es viele hübsche Gassen

Wie das Sandwich zu seinem Namen kam

Heute ist Sandwich ein verschlafenes Örtchen, in das sich vermutlich kein einziger Tourist verirren würde, wenn es nicht zum Namensgeber der englischen Klappstulle geworden wäre. Und das kam so:

John Montague war der 4th Earl of Sandwich. Wie seine Vorfahren hatte er jedoch bis auf den Titel keine wirkliche Beziehung zu der Kleinstadt am Inselrand. Er lebte in London, wo er, wie es seinem Stand ziemte, eine Reihe wichtiger politischer und militärischer Posten ausübte. Montague war ein vielbeschäftigter Mann – sozusagen der City-Workaholic des 18. Jahrhunderts. Unabkömmlich wie er war, gönnte er sich oft keine Mittagspause, sondern ließ sich stattdessen von seinen Bediensteten eine Scheibe kaltes Rindfleisch zwischen zwei Scheiben Brot an den Schreibtisch bringen. Dieser Gewohnheit folgte er selbst dann, wenn er geschäftliche Gespräche in seinem Haus abhielt (womit das Sandwich womöglich ein Vorläufer der Meeting-Kekse war) oder, wie böse Zungen behaupten, wenn er nicht bei seiner zweiten Leidenschaft, dem Glücksspiel, unterbrochen werden wollte. Jedenfalls sprach sich diese Kuriosität herum, und bald bestellten auch andere Londoner das Gleiche wie „Sandwich“.

Mühlenstein in der White Mill von Sandwich
Großer Mühlenstein – einst sehr wichtig für die Grundversorgung der Stadt

Spaziergang durch die Gassen der Stadt

Unsere Erkundungstour beginnt an der White Mill. Die Windmühle, die etwas außerhalb der alten Stadtmauer steht, stammt aus dem 18. Jahrhundert und wird seit Jahren liebevoll von freiwilligen Helfern restauriert. Während uns ein älterer Herr erzählt, wie die kinderreiche Familie Stanley vor zweihundert Jahren in dem kleinen Cottage lebte, beobachten wir einen Handwerker bei der Arbeit an einem der Außengebäude. Die Mühle selbst ist bereits restauriert und wir können an den riesigen Mühlsteinen vorbei bis nach ganz oben zum Windgetriebe steigen. Faszinierend! Nach diesem lehrreichen Ausflug schlendern wir durch die historische Innenstadt. Sandwich hat vier historische Kirchen, die alle einen kurzen Blick ins Innere wert sind. Im Stadtzentrum reihen sich niedliche Läden aneinander, vor deren Auslagen alte Damen stehen und schwatzen. Wenn man nicht hin und wieder Platz für ein Auto machen müsste, das sich langsam durch eine der Gassen quetscht, könnte man vergessen, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden. Auf dem Marktplatz steht die wunderschön anzusehende Guildhall. Auf einen Besuch des in ihr beherbergten Heimatmuseums haben wir allerdings keine Lust mehr.

Die Guildhall von Sandwich
Die Guildhall, die das Rathaus und ein Museum beherbergt.

Wir gehen lieber in den gegenüber liegenden Sandwich-Shop und stärken uns ganz traditionell wie der Earl. Den Kleinen Entdecker reißen Roastbeef und Meerrettich jedoch nicht vom Hocker. Er entscheidet sich für ein Jam Sandwich.

Im Sandwich Shop kann man sich beim Stadtbummel stärken
Der Sandwich Shop gegenüber der Guildhall
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24 thoughts on “Sandwich – die Stadt, die dem belegten Brot ihren Namen gab

  1. Hallo Peggy,
    danke fuer diesen hochinteressanten Artikel. Bei “Cinque Ports” hatte ich immer eher an Romney und/oder Rye gedacht, aber nicht an Sandwich. Jetzt habe ich dann also ein weiteres Ziel.
    Apropos Sandwich: dass der kleine Entdecker nicht auf Meerrettich steht kann ich sehr gut nachvollziehen! 😉
    Hab’ ein feinen Wochenende,
    Pit

    1. Danke, Pit. Sandwich hat mich ehrlich gesagt ein bisschen an Rye erinnert, bloß ohne die vielen Touristen. Rye hat sicherlich etwas mehr zu bieten, was Sehenswürdigkeiten angeht, aber das Flair ist ähnlich. Es gibt natürlich auch ein paar Touristen, aber es ist überschaubar, während Rye ja leider sehr überlaufen ist. Jetzt sind wir zwar schon wieder im nächsten Wochenende, aber macht es Euch trotzdem schön. Liebe Grüße, Peggy

  2. Gut zu wissen, wie der Ort zu seinem Namen kam, liebe Peggy, was der Kleine Entdecker auf seiner Klappstulle aß – und noch so ein oder zwei Kleinigkeiten…. 😉 Herzliche Grüße!

    1. Ja, beschaulich ist eine passende Beschreibung. Nichts gegen London, das ich sehr liebe, aber in Städtchen wie Sandwich erlebt man den wahren englischen Charme 😀. Liebe Grüße, Peggy

  3. Sie lebt! Und, liebe Peggy, du präsentierst mir wieder einmal ein Reiseziel, das ich im Rahmen einer Reise nach Suffolk und Kent, vielleicht schon in diesem Jahr, sehr gerne aufsuchen möchte. Danke für die interessanten Informationen, wie immer wohl temperiert und und eingänglich präsentiert.

    Liebe Grüße aus Freiburg

    Achim

  4. Eure Reise nach Kent und dem historischen Sandwich, sowie deine Informationen zur Geschichte über Eduard Montague, den Earl of Sandwich, liebe Peggy, haben einserseits schöne Erinnerungen in mir wachgerufen und Abenteurlust aufflammen lassen:) Liebe Grüsse Martina

  5. Sehr informativ und gleichzeitig unterhaltsam ist es, mit dir durch Sandwich zu schlendern. Und nebenbei habe ich noch das schöne Wort “Klappstulle” kenengelernt 🙂
    Herzliche Grüße in eins meiner Lieblingsländer, Petra

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