Das Monument in London ist ein Denkmal für das Große Feuer von 1666

Samuel Pepys und das Große Feuer von London

Vor einigen Wochen waren wir in der Samuel-Pepys-Ausstellung „Plague, Fire, Revolution“ im National Maritime Museum in Greenwich. Die Ausstellung führt den Besucher an der Seite von Samuel Pepys ins London des späten 17. Jahrhunderts. Samuel Pepys war kein Adliger oder bedeutender General. Er stammte aus einfachen Verhältnissen, die wir heutzutage vielleicht als untere Mittelschicht bezeichnen würden. Er besuchte jedoch die Universität und stieg nicht zuletzt aufgrund guter Beziehungen (er war ein Cousin des ersten Earl of Sandwich) zum Staatssekretär im Marineministerium auf und wurde Abgeordneter im Unterhaus. Der Grund, warum wir uns heute noch an ihn erinnern, ist jedoch nicht seine berufliche oder politische Position, sondern sein Tagebuch. Darin notierte er alles, was in seinem täglichen Leben von Belang war und kommentierte politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Das Tagebuch beginnt im Januar 1660, wenige Monate, bevor Charles II. aus dem Exil zurückkehrte und die Monarchie wieder eingeführt wurde. Damit ist es eine wichtige Quelle für Historiker, die sich mit der sogenannten Periode der Restoration beschäftigen. Und außerdem ist es unterhaltsam geschrieben, denn Samuel Pepys war ein Mann, der die schönen Dinge des Lebens zu genießen wusste. Er war kulturell bewandert, sehr belesen und interessierte sich für die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. Vielleicht berichte ich irgendwann mal etwas mehr über ihn.

Ausstellung über Samuel Pepys im National Maritime Museum in Greenwich
Die Ausstellung “Plague, Fire, Revolution” läuft im National Maritime Museum in Greenwich bis zum 28.3.2016

Da ich in der Ausstellung nicht fotografieren durfte, fällt es mir schwer, darüber einen eigenständigen Artikel zu schreiben. Aber allen, die bis zum 28.März 2016 einen Besuch in Greenwich planen, kann ich sie sehr empfehlen. Den Kleinen Entdecker hat besonders eine Installation fasziniert: die über das Große Feuer von London. In der Schule hatten sie bereits über das Thema gesprochen und er stand ganz gebannt vor dem Bildschirm, auf dem man verfolgen konnte, wie sich das Feuer, das am 2.September 1666 in einer Bäckerei in Pudding Lane ausbrach, innerhalb von vier Tagen fast über die ganze Stadt verbreitete. Im Hintergrund las ein Mann die Tagebuchaufzeichnungen von Samuel Pepys vor:

2. September 1666: „Some of our maids sitting up late last night to get things ready against our feast today, Jane called us up, about 3 in the morning, to tell us of a great fire they saw in the City. So I rose, and slipped on my nightgown and went to her window, and thought it to be on the back side of Markelane at the furthest; but being unused to such fires as fallowed, I thought it far enough off, and so went to bed again and to sleep. …”

In einer Bäckerei in Pudding Lane begann das Great Fire of London in 1666
Hier, einige Schritte vom Monument entfernt, brach am 2. September 1666 das Große Feuer von London aus

Am Nachmittag nach der Ausstellung sprachen wir immer wieder darüber, wie eindrucksvoll diese Installation gewesen war, und ich schlug meiner Familie vor, am folgenden Wochenende zum Monument zu fahren, das in den 1670ern zum Gedenken an das „Great Fire of London“ errichtet worden war.

Das Monument in London ist ein Denkmal für das Große Feuer von 1666
Das Monument wurde in den 1670ern unter der Federführung von Christopher Wren errichtet

Das Monument steht exakt 202 Fuß (61 Meter) von der Stelle entfernt, wo einst in Pudding Lane das Feuer ausgebrochen war. Damals bestanden die meisten Häuser aus Holz und standen sehr eng beieinander, sodass sich die Flammen schnell ausbreiteten. Obwohl es nicht das erste Feuer war, nahm der Lord Mayor die Gefahr anfangs nicht ernst. Ähnlich wie Samuel Pepys legte er sich wieder schlafen, nachdem er das erste Mal alarmiert wurde. Schon Stunden später waren über 300 Häuser abgebrannt und das Feuer hatte unkontrollierbare Ausmaße angenommen. Auf dem Weg zum Büro sah Samuel Pepys die brennenden Häuser und beschloss, sofort den König zu alarmieren:

2. September 1666, late morning: „So I down to the waterside and there got a boat and through the bridge, and there saw a lamentable fire … and nobody to my sight endeavouring to quench it, but to remove their goods and leave all to the fire; and having seen it get as far as the Steelyard, and the wind mighty high and driving it into the city, and everything after so long a drought, proving combustible, even the very stones of churches … I to Whitehall … and did tell the King and the Duke of York what I saw, …”

Im Innern der Säule kann man über eine Wendeltreppe bis zur Aussichtsplattform hochsteigen
311 Stufen im Innern der Säule führen hinauf zur Aussichtsplattform

Wir erklommen die 311 Stufen im Innern der dorischen Säule – ein Markenzeichen ihres Designers Christopher Wren – zur Aussichtsplattform. Heute wird das Monument ringsum von vielen Hochhäusern überragt, aber man hat immer noch einen guten Blick über die City und kann sich eine gute Vorstellung über die Ausbreitung des Feuers machen. Die effektivste Maßnahme zur Bekämpfung eines Feuers diesen Ausmaßes war (und ist heute noch), Häuser niederzureißen und dadurch Brandschneisen zu schaffen. Allerdings gingen die Verantwortlichen zu zaghaft vor und schon in der Nacht begann die Familie Pepys ihre Sachen zu packen.

3. September 1666: „About 4 o’clock in the morning my Lady Batten sent me a cart to carry away all my money and plate and best things to Sir W. Riders at Bednall greene; which I did, riding myself in my nightgown in the Cart.”

Blick von der Aussichtsplattform des Monuments zur Tower Bridge
Blick nach Osten: Samuel Pepys wohnte in Laufweite zum Tower, wo er in einem Büro arbeitet.

Am 3. und 4. September tat Pepys, was alle Londoner taten: er versuchte, seine private Habe, aber auch dienstliche Unterlagen in Sicherheit zu bringen:

4. September: „Sir W. Batten … did dig a pit in the garden … and I took the opportunity of laying all the papers of my office that I could not other wise dispose of. And in the evening Sir W. Penn and I did dig another and put our wine in it, and my parmazan cheese …”

Das Feuer breitete sich weiter rasend schnell nach Westen aus und zerstörte die Stadttore Ludgate, Newgate und Aldersgate. Mittlerweile fühlte sich auch der Hof in Whitehall bedroht. Aber im Osten lag sogar noch ein drängenderes Problem. Im Tower lagerten große Schießpulvervorräte, und mittlerweile hatten sich die Flammen auch hier bedrohlich genähert. Mithilfe des Schießpulvers wurden endlich weiträumige Brandschneisen gelegt. Dennoch schrieb Pepys am Abend:

4. September: „… it is got so far that way, and was running down to Fleetstreet. And Paul is burned, and all Cheapside. I wrote to my father this night; but the posthouse being burned, the letter could not go.”

Blick zur St. Paul's Kathedrale vom Monument
Blick nach Westen: St. Pauls wurde im Großen Feuer zerstört. Die heutige Kirche wurde von Sir Christopher Wren entworfen

Samuel Pepys übernachtete in seinem Büro auf dem Fußboden und wurde um zwei Uhr morgens von seiner Frau geweckt, weil das Feuer mittlerweile fast das Büro und auch sein nahegelegenes Haus erreicht hatte. Er begleitete seine Frau mit dem Gold nach Woolwich. Als er am Morgen wieder nach London kam, fand er zu seiner Erleichterung sowohl sein Haus als auch das Büro intakt. Das Feuer war mittlerweile unter Kontrolle. Die Stadt war fast vollständig zerstört und 70.000 der etwa 80.000  Einwohner waren obdachlos.

5. September 1666: „Walked into Moorfields (our feet ready to burn, walking through the town among the hot coles) and find that full of people, and poor wretches carrying their goods there, and everybody keeping his goods together by themselfs (and a great blessing it is to them that it is fair weather for them to keep abroad night and day) …“

Die Todesrate war erstaunlich gering. Weniger als zehn Menschen waren laut offiziellen Aufzeichnungen in den Flammen umgekommen. Diese Zahl wird jedoch von einigen Forschern angezweifelt. König Charles II verfügte, dass die Obdachlosen in umliegende Städte und Dörfer umgesiedelt werden sollten. Er wollte die Gelegenheit nutzen und aus London eine Barockstadt machen, gegen die Paris armselig aussah. Aber obwohl das Volk Charles II. als König zurückgeholt hatte, besaß er nicht die gleiche absolutistische Macht wie sein französischer Kollege, der Sonnenkönig. In England konnte man niemanden einfach so enteignen, nicht einmal, wenn auf dem Grundstück nur noch Schutt und Asche lag. Die juristischen Herausforderungen waren am Ende zu groß, und so wurde die City auf Basis des alten Grundrisses wieder aufgebaut. Allerdings wurden bessere Vorkehrungen getroffen, um ein Feuer dieser Art in Zukunft zu vermeiden: Häuser wurden aus Stein gebaut statt aus Holz, die Straßen wurden verbreitert und der Zugang zum Fluss durfte nicht versperrt werden. Auch die Hygieneeinrichtungen wurden verbessert, wobei das Feuer selbst vermutlich schon viel dazu beigetragen hatte, die Pest, unter der London zuvor gelitten hatte, für immer aus der Stadt zu verbannen.

Vom Monument blickt man auf viele Hochhäuser in der City Londons
Heute wird das Monument von vielen Hochhäusern ringsum überragt

Für Samuel Pepys begann schon kurz nach Ende des Großen Feuers die berufliche Routine (sofern man das so nennen konnte). England befand sich zu dieser Zeit im Krieg mit den Niederlanden. Die Navy hatte gerade einige Verluste einstecken müssen und viele Londoner fürchteten eine Invasion. Als Staatssekretär im Marineamt beschäftigte er sich zwar nur mit der Verwaltung, hatte jedoch trotzdem alle Hände voll zu tun, während um ihn herum sein Haus und sein Büro wieder hergerichtet wurden.

15. September: „All morning at the office, Harman being come, to my great satisfaction, to put up my beds and hangings; so I am at rest, and fallowed my business all day. … Mighty busy about this account, and while my people were busy, myself wrote near 30 letters and orders with my own hand. At it till 11 at night; …”

Selbstverständlich suchte man nach einem Schuldigen für das Feuer. Einige sahen es als eine Strafe Gottes für das liederliche Leben, das die Londoner (inklusive Samuel  Pepys, der mehrere außereheliche Affären hatte) führten. Eine sehr viel nachhaltigere Wirkung hatten jedoch die Gerüchte, das Feuer sei von den Franzosen gelegt worden, als ein weiterer Versuch, den Protestantismus in England auszurotten. So schürte das Große Feuer von 1666 als eines von vielen Ereignissen die Angst vor einem katholischen Plot und trug darüber mit zur Glorious Revolution von 1688 bei.

Blick von der Aussichtsplattform des Monuments

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25 thoughts on “Samuel Pepys und das Große Feuer von London

  1. Wie immer hoch interessant – und vielleicht viel lebendiger, als wenn Du “nur ” über und aus der Ausstellung berichtet hättest, liebe Peggy! Und wieder mal denke ich mir, dass ich endlich auch mal in die Pepys -Tagebücher reinlesen will… Liebe grüße von Birgit

    1. Ja, das dachte ich mir auch, liebe Birgit. Zu lesen, wie er seinen Wein und seinen Parmesan-Käse verbuddelt, um sie vor dem Feuer in Sicherheit zu bringen, hat schon eine komödiantische Note, obwohl das für ihn wahrscheinlich todernst war. 😀

      1. Ja, da hast Du Recht. Das war wohl in dieser Epoche in den Londoner Vergnügungsvierteln besonders schlimm. Nicht umsonst haben einige das Große Feuer und auch die Pest für eine Rache Gottes gehalten.

    1. Ja, das dachte ich nach der Ausstellung auch. Ich habe sogar überlegt, ob ich vielleicht eine kleine Serie zusammenstelle über Pepys London, ich weiß nur noch nicht, ob ich passendes Bildmaterial dazu finde. Liebe Grüße, Peggy

  2. Eine richtig gute Idee, liebe Peggy, nach dem (historischen) Ausstellungsbesuch noch einen Spaziergang zu den (heutigen) Orten des Geschehens zu machen, mit den alten Tagebuchaufzeichnungen in der Hand – so entsteht Geschichte zum Anfassen. Die Stelle mit Pepys vergrabenem Wein und Parmesan hat mich an eine Familienanekdote erinnert: Einer meiner Urgroßväter hatte im Zweiten Weltkrieg von meiner Großmutter den Auftrag erhalten, einen Bollerwagen zu packen, mit dem die Familie vor den Bombenangriffen in die nahen Wälder fliehen wollte. Statt praktische Dinge für die vier minderjährigen Kinder der Großmutter hatte der Urgroßvater der Legende zufolge vor allem selbstgedrehte Zigarren und Whiskey eingeladen.

    1. Ha, ha, ha … Ja, so hat jeder seine eigene Definition, was Lebensnotwendig ist. Wobei ich das beim Whisky durchaus nachvollziehen kann. Und der kam bestimmt in der einen oder anderen Situation ganz gelegen 😉

    1. Ja, das lohnt sich, zumal es nicht lange dauert, dort hoch zu steigen, und man kann es gut in einen Spaziergang einbauen, zum Beispiel von St. Pauls zum Tower (und anschließend Lunch auf der Südseite der Tower Bridge – die Lagerhäuser auf der Ostseite wurden in ein nettes Viertel restauriert.) Liebe Grüße, Peggy

  3. Dear Peggy. It is moving to read these diaries. A diary is personal and it feels as if you’ve known the narrator. Fires have always been terrible, but back then with wooden houses and narrow passages, it must have been scary.
    I once read a diary of a Danish lieutenant who lived during the British bombardment of Copenhagen in 1807. He lived close to my home and went for his daily strolls in the area where I have my strolls too. He talks about the threats, his dearest ones, the people around him and the thoughts he gets on rumours and the safety of Denmark. The story leaves no one in peace.
    It accumulates a liquefied excitement when a new date looms, along with the personal story just as in Samuel Pepys’ diary.
    It seems that your little explorer has acquired a taste for history. Soon I may expect a blog from him too ❤ 🙂
    Love,
    Hanna

  4. Wieder einmal eine herrliche Informationsfülle. Und Pepys’ Sprache überrascht mich durch ihre Klarheit, aber auch für heutige Verhältnisse Einfachheit in der Diktion.

    Liebe Grüße

    Achim

    1. Dance, lieber Achim. Was die Einfachheit angeht, weiß ich nicht genau, wie stark der Text überarbeitet wurde. Pepys selbst hat sein Tagebuch verschlüsselt geführt. Deshalb hat er sich auch nicht davor gescheut, über Vorgänge bei der Marine oder seine Affären zu schreiben. Liebe Grüße, Peggy

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