Die alte Mauer des Marshalsea Prison

Charles Dickens‘ London: Marshalsea Prison

„Thirty years ago there stood, a few doors short of the church of Saint George, in the Borough of Southwark, on the left hand side of the way going southward, the Marshalsea Prison. It had stood there many years before, and it remained there some years afterwards; but it is gone now, and the world is none the worse without it.”

Little Dorrit, Book the first, Chapter VI

Eingangstor Marshalsea Prison und dahinter das Shard, Southwark, London
Eingangstor zum ehemaligen Marshalsea Prison

Am 20. Februar 1824 wurde Charles Dickens’ Vater ins Marshalsea Gefängnis gebracht, weil er dem Bäcker James Kerr 40 Pfund und 10 Schillinge schuldete (was heutzutage etwas über 3,100 Pfund entspricht) und nicht bezahlen konnte. Seine Mutter und drei kleineren Geschwister zogen im April zum Vater, während Charles, gerade 12 Jahre alt, arbeiten gehen musste, um seinen eigenen Unterhalt zu verdienen. Zuerst wohnte Charles als Lodger in Camden Town, nahm sich jedoch später ein Zimmer in Lant Street nahe Marshalsea Prison. So konnte er morgens und abends durch die eisernen Tore ins Gefängnis gehen und gemeinsam mit seiner Familie essen. Im Mai wurde sein Vater wieder entlassen, weil er die Schulden aus einem kleinen Erbe begleichen konnte. Da die Familienfinanzen aber weiterhin angespannt blieben, musste Charles weiter arbeiten gehen. Dass er dafür seine Schulbildung aufgeben musste, verzieh er seinen Eltern nie.

Little Dorrit ist ein Roman von Charles Dickens
Viele Straßen in der Umgebung sind nach Romanfiguren von Charles Dickens benannt

Diesen Teil seiner Biografie hielt Charles Dickens bis zu seinem Tod geheim. Allerdings verarbeitete er die Erfahrungen in mehreren Romanen. Marshalsea Prison selbst ist einer der Haupthandlungsorte in „Little Dorrit“. Amy, die Hauptfigur, wird in dem Schuldgefängnis geboren und wächst dort auf, weil ihr Vater dort jahrelang aufgrund eines Fehlinvestments und den daraus entstandenen Schulden einsitzt.

Die alte Mauer des Marshalsea Prison
Die kleine Gasse Angel Place liegt auf dem ehemaligen Gefängnisgelände und wird von der alten Gefängnismauer gesäumt

Marshalsea Prison hat eine lange Tradition. Der Name leitet sich vom Marshal of the King’s houshold ab – eine Art Polizeichef, der Straftaten ahndete, die die Königswürde verletzten. Schon im 14. Jahrhundert wurden hier Missetäter, zu denen auch jene gehörten, die Ihre Schulden nicht bezahlten, eingesperrt. Das erste Marshalsea Prison stand jedoch etwas weiter nördlich als das, das Dickens kannte, etwa dort, wo heute die kleine Straße Mermaid Court auf die Borough High Street trifft. Das Gefängnis wurde allerdings aufgrund seines fortschreitenden Verfalls und haarsträubender sanitärer Zustände 1811 geschlossen. Das neue Marshalsea Prison wurde auf dem Gelände des White Lion Prison eingerichtet, dessen südliches Eingangstor auf den Kirchhof von Saint George zeigte. Diese Südmauer mit dem Eingangstor steht heute immer noch. Die Kleine Gasse Angel Place, wo einige Schilder auf Dickens Roman „Little Dorrit“ hinweisen, befand sich einst auf dem Gefängnisgelände.

Schilder mit Auszügen aus Dickens' Roman "Little Dorrit" schmücken Angel Place
In Angel Place weisen Schilder auf Dickens Verbindung zu Marshalsea Prison und auf seinen Roman “Little Dorrit” hin.

Das Leben im Marshalsea Prison war nicht vergleichbar mit dem in anderen Gefängnissen, die echte Straftäter beherbergten. Die Gefangen in Marshalsea Prison konnten sich auf dem Gelände frei bewegen. Ihre Angehörigen konnten sie jederzeit zwischen 8 und 22 Uhr besuchen. Nachts wurden die Tore jedoch abgeschlossen. Oft zogen die Familien der Verurteilten mit ein, wie im Falle von Charles Dickens‘ Eltern. Es gab sogar eine kleine Taverne, in der die Gefangenen so viel Bier trinken durften wie sie wollten – allerdings gegen Bezahlung. Das galt auch für die Unterkunft und Verpflegung, was recht widersinnig erscheint, wenn man bedenkt, warum die Leute einsaßen. Das soll jetzt aber nicht zu beschaulich klingen. Die 9 x 30 Meter große dreistöckige Baracke war in 56 Räume unterteilt. In den etwa 10 Quadratmeter großen Räumen waren in der Regel zwei bis drei Gefangene untergebracht, zu manchen Zeiten auch vier. Da es nur Platz für ein Bett gab, mussten sich die Insassen beim Schlafen abwechseln oder auslosen, wer das Bett benutzen durfte. Über die sanitäre Situation habe ich keine Informationen gefunden. Das will man möglicherweise auch nicht so genau wissen, wenn man sich durchliest, wie der Raum aussah, in dem Amy Dorrit auf die Welt kam.“

„It was a hot summer day, and the prison rooms were baking between the high walls. In the debtor’s confined chamber, Mrs Bangham, charwoman and messenger, who was not a prisoner (though she had been once), but was the popular medium of communication with the outer world, had volunteered her services as fly-catcher and general attendant. The walls and ceiling were blackened with flies. Mrs Bangham, expert in sudden device, with one hand fanned the patient with a cabbage leaf, and with the other set traps of vinegar and sugar in gallipots; at the same time enunciating sentiments of an encouraging and congratulatory nature, adapted to the occasion.

‘The flies trouble you don’t they, my dear?’ said Mrs Bangham. ‘But p’raps they’ll take your mind off of it, and do you good. What between the buryin ground, the grocer’s, the waggon-stables, and the paunch trade, the Marshalsea flies gets very large.’ ”

Little Dorrit, Book the first, Chapter VI

Marshalsea Prison wurde 1842 geschlossen. 1869 schaffte das Parlament Schuldgefängnisse ab. Außer in Fällen von Betrug durfte niemand mehr für seine Schulden eingesperrt werden. In „Little Dorrit“ findet Amy als junge Frau ihr Glück mit Arthur Clennam. Und die Namen beider Protagonisten schmücken Straßen in der Nähe der alten Mauer des Marshalsea Prison.

Clennam Street, benannt nach Arthur Clennam aus Dickens' Roman "Little Dorrit"
Arthur Clennam ist Amys Zukunft außerhalb von Marshalsea Prison.

 

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19 thoughts on “Charles Dickens‘ London: Marshalsea Prison

  1. Hallo Peggy,
    danke für die interessanten Informationen. Den Namen dieses Gefängnisses hatte ich schon einmal gelesen, in historischen Seekriegsromanen von Dudley Pope. Insofern war dieser Artikel für mich umso interessanter.
    Mach’s gut,
    Pit

    1. Hi Pit, sorry für meine späte Antwort. In den letzten Wochen war es mal wieder so hektisch, dass keine Zeit fürs Bloggen blieb. Es wundert mich nicht, dass Du den Namen des Gefängnisses aus Seekriegsromanen kennst. Besonders Schmuggler landeten im Marshalsea. Das war auch noch zu Dickens’ Zeiten so. Liebe Grüße, Peggy

      1. Kein Problem, Peggy, mit einer etwas spaeten Antwort. Ist doch klar, dass man nicht immer genug Zeit zum Bloggen hat. Es gibt ja auch noch Anderes.
        Eine schoene Vorosterwoche, und dann frohe Ostern,
        Pit

  2. Das ist der Blogname wieder Programm: Entdecke England. Dankeschön Peggy, für die unterhaltsame und informative Dickens-Gefängnis-Exkursion. Auch wenn ich Dickens mag, so war mir dieses Gefängnis und der Zusammenhang mit ihm nicht bekannt, was für mich den Artikel noch interessanter gemacht hat.
    Genieße das Wochenende,
    Stefan

  3. Liebe Peggy,
    wenn ich literarisch die Niederlande wieder hinter mir gelassen habe, stelle ich mir ganz obenauf auf den Buchstapel meine Dickens-Bücher – die ich schon so lange mal wieder lesen wollte. Und dann werden mich Deine Blogbeiträge begleiten 🙂
    Es ist einfach grandios, wie Du Dein Wissen über Literatur und Deine Wahlheimat zusammenbringst. Danke sehr!

  4. Danke, Peggy, ich kann mir gut vorstellen, welche Bitterkeit Dickens empfand, weil er seine Schulausbildung abbrechen musste. Jedoch haben sich seine Eltern den Aufenthalt im Schuldgefängnis sicher nicht ausgesucht. Schulden für Brot zu machen, ist sicher kein Verbrechen.
    Ich behalte Little Dorrit im Hinterkopf und werde es irgendwann einmal lesen.
    LG von Susanne

    1. Da ist was dran, liebe Susanne. Dickens hat seinen Eltern vorgeworfen, dass sie nicht mit Geld umgehen können. Auch später half er seinem Vater noch aus. Aber sicherlich sehen die Dinge aus der Perspektive eines erfolgreichen Autors anders aus. Liebe Grüße, Peggy

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