Britannien erwacht – eine Reise in die Steinzeit

Britische Frühgeschichte und Stonehenge im British Museum

Auch wenn es momentan Viele nicht wahrhaben wollen – Britannien war lange Zeit ein fester Bestandteil Europas und verdankt seine Besiedlung der Einwanderung aus den unterschiedlichsten Gegenden des Kontinents.

Zum Ende der letzten Eiszeit, um 10.000 BC, formten große Teile des Ärmelkanals und der Nordsee eine feste Landmasse, die sich etwa vom heutigen Sussex bis Frankreich im Süden und von Yorkshire bis Dänemark im Norden erstreckte. In den zurückliegenden Jahrtausenden hatte das Land unter einer bis zu 1,5 Kilometer dicken Eisschicht gelegen, unterbrochen von gelegentlich milderen Jahrhunderten, in denen während der Sommermonate Mammute, Rentiere und andere große Tierherden über die weiten Graslandschaften zogen. Ihnen waren die ersten Jäger und Sammler bis in die heutigen schottischen Highlands gefolgt bis der Einbruch des Winters sie immer wieder in mildere Gefilde zurückdrängte.

Mit der Rückkehr des Golfstroms um 9.600 BC endete die Eiszeit in Europa. Wälder breiteten sich von Süden her aus und verdrängten die grasenden Herden in die nördlichen Randgebiete. Bei den Menschen gab es damals wie heute einige, die sich schnell an die neuen Umweltbedingungen anpassten und andere, die an alten Handlungsmustern festhielten und den Herden in der schwindenden Tundra bis in die entlegensten Winkel der Welt hinterherzogen bis auch sie irgendwann von den unaufhaltsamen Veränderungen eingeholt wurden. In dieser Epoche – in der die Menschen zwischen Euphrat und Tigris bereits Weizen, Gerste und Linsen anbauten – beginnt die Geschichte Britanniens.

British Museum für Kinder
Steinäxte aus einem Grab in Essex, um 3.000 BC

Der Kleine Entdecker und ich haben einen Ausflug ins British Museum gemacht, um etwas mehr über das Leben in der Steinzeit zu erfahren. Britannien wurde zum einen über die breite Landbrücke von Mitteleuropa aus besiedelt. Funde in Südostengland zeigen eine Jäger- und Sammler-Kultur, die sich auf die Jagd von Waldtieren, wie Hirsche und Wildschweine spezialisiert hatte. Es gibt Anzeichen, dass Wild in den Wintermonaten mit Futter angelockt wurde, ein erster Schritt in Richtung Viehhaltung. Außerdem deuten Spuren darauf hin, dass Bäume um die Lager herum gefällt wurden, um Haselnüssen, die eine wichtige Nahrungsquelle waren, mehr Raum zu geben.

Es gab aber noch eine andere Route, über die Siedler nach Britannien kamen. Über die atlantische Küste gelangten Stämme aus Südeuropa ins heutige Cornwall, nach Wales, Irland und Schottland bis hoch in die Hebriden. Neben dem Wald nutzten diese auch die Ressourcen, die das Meer zu bieten hatte. Aufgrund der schmelzenden Eismassen stieg der Wasserspiegel in den folgenden Jahrtausenden sukzessive an. Um 7.000 BC, als die Menschen in die nördlichsten Regionen Britanniens vordrangen, waren Irland und Teile der Hebriden bereits Inseln. Einige europäische Steinzeitmenschen waren also schon geübte Seefahrer.

British Museum - Ausstellung über britische Frühgeschichte
Speerspitzen wurden meist aus Geweihknochen hergestellt. Hier ein Fundstück aus Yorkshire, um 8.000 BC

Auch im Südosten wurde die Landbrücke zum Kontinent immer schmaler. Vermutlich war sie für einige Jahrhunderte bei Ebbe noch begehbar. Aber um 5.500 BC machte der Ärmelkanal Britannien endgültig zu einer Insel. Dennoch lebten die britischen Jäger und Sammler nicht so isoliert, wie man vermuten würde. Zum einen gab es offensichtlich einen regen Austausch zwischen den verschiedenen Regionen. So wurden beispielsweise Werkzeuge aus einem für die Insel Arran charakteristischen Pechstein in weiten Teilen des westlichen Schottlands gefunden. Und Artefakte aus Schiefer, der nur in speziellen Gegenden in Cornwall vorkommt, sind bis an die britische Ostküste gelangt. Zum anderen zeigen Ausgrabungen, dass die Verbindung zu Stämmen auf dem Kontinent nie ganz versiegte. Wie rege der Austausch von Gegenständen im frühzeitlichen Europa war, zeigen Jade-Äxte, die sowohl in Schottland als auch in Kent gefunden wurden. Der Stein, aus dem sie hergestellt wurden, stammt aus den italienischen Alpen.

Jade-Äxte im British Museum in London
Jade-Äxte aus den italienischen Alpen, um 4.000 BC. Diese Äxte hatten vermutlich keinen praktischen Nutzen, sondern dienten als Statussymbole oder religiöse Artefakte.

Um 4.000 BC kam es zu größeren gesellschaftlichen Verwerfungen auf dem Kontinent. Vermutlich führte die Verbreitung der Landwirtschaft ausgehend vom Nahen Osten zu einem starken Bevölkerungswachstum. Eigentum erlangte eine neue Bedeutung und löste wahrscheinlich zunehmende kriegerische Auseinandersetzungen aus. Niemand weiß, ob es die Suche nach neuen Ressourcen oder Flucht vor aggressiven Nachbarn war, die die Menschen in Westeuropa dazu veranlasste, den Kontinent zu verlassen. Jedenfalls kamen neue Siedler auf die Insel. Im Gepäck hatten sie Technologien, die das Leben in Britannien komplett umkrempelten (auf neudeutsch würde man wohl von disruption sprechen):  die Landwirtschaft und die Töpferei.

steinzeitliche Werkzeuge im British Museum
Einführung der Landwirtschaft: Reibemühle aus der Jungsteinzeit

Mit den neuen Technologien kam eine veränderte Lebensweise. Auch diese wurde zunächst von den Neuankömmlingen geprägt. Siedlungsbefestigungen und Gräber aus dem frühen britischen Neolithikum zeigen enge Parallelen mit kontinentalen Baustrukturen. Auf Basis von DNA-Analysen wurde festgestellt, dass sich die alten und neuen Britannier durch gegenseitige Vermählungen vermischten. Ausgrabungen aus der Zeit nach 3.800 BC deuten darauf hin, dass sich auf den britischen Inseln innerhalb von etwa zehn Generationen eine eigenständige und kohärente Kultur entwickelte, die zwar regionale Unterschiede kannte, aber auch so viele Gemeinsamkeiten aufwies, dass man davon ausgehen kann, dass es zwischen den einzelnen Regionen einen intensiven Kontakt gab, während die Verbindungen zum Festland ab dieser Zeit wohl eher sporadisch blieben. Diese neue Epoche, die bis ungefähr 2.500 BC anhielt, war die Zeit, in der massive Steinmonumente von Stonehenge im südlichen England bis zum Ring of Brodgar auf Orkney entstanden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Britische Frühgeschichte und Stonehenge im British Museum
Zeitenwende: Im Hintergrund Stonehenge, ein Steinkreis aus dem späten Neolithikum, im Vordergrund Überreste eines menschlichen Grabes aus der Beaker-Kultur um 2.200 BC

Die Inspiration für diesen Artikel verdanke ich einem Besuch im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. In der sehr atmosphärischen Dauerausstellung ist die Steinzeit für mich das erste Mal zum Leben erwacht. Hätte ich dort Fotos machen dürfen, hätte ich dem Museum einen eigenen Blogpost gewidmet. Aber auch ohne Fotos und eigenen Blogpost möchte ich dieses Museum jedem, der sich für europäische Frühgeschichte interessiert, wärmstens empfehlen.

Barry Cunliffe: Britain begins, Buch über die britische SteinzeitDie Informationen über die britische Steinzeit habe ich hauptsächlich Barry Cunliffes „Britain begins“ entnommen, ein recht wissenschaftlich, aber auch anschaulich geschriebenes Buch mit vielen sehr informativen Abbildungen, das sich mit den unterschiedlichsten Theorien zur Besiedelung und kulturellen Entwicklung auseinandersetzt.

 

Das British Museum steht in Bloomsbury nahe der Tube Station Tottenham Court Road. Bis auf Sonderausstellungen ist der Eintritt frei. Die Frühgeschichte Britanniens befindet sich im Raum 51 im ersten Obergeschoss. Es gibt kostenlose Activity Trails für Kinder, die man sich vorher ausdrucken oder am Informationsstand abholen kann. Die Idee für die Activity Trails ist zwar schön, wir fanden die Informationen zu den einzelnen Objekten allerdings etwas spärlich. Als alleiniger Museumsführer sind sie nicht geeignet.

Auf unserem Museumsbesuch entstand auch die Geschichte über das Geheimnis der Folkton Drums.

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23 thoughts on “Britannien erwacht – eine Reise in die Steinzeit

  1. Susanne Haun says:

    Liebe Peggy, wir waren während unseres London Aufenthalts auch im British Museum. Wir wollten immer hingehen, wenn es regnet. Da es nie regnete nahmen wir uns am letzten Tag zu weinig Zeit für das Museum. Ich hatte eine App heruntergeladen und wir schauten uns in 3 Stunden die Topp 20 des Museums an. Es war interessant aber wir sind als Berliner natürlich von unserer Museumslandschaft verwöhnt und bewunderten am meisten den Lichthof von Norman Forster. Jedoch hat Forster auch in Berlin architektonisch gewirkt und das neue Meuseum wieder aufgebaut.
    Viele Grüße sendet dir Susanne

    1. entdeckeengland says:

      Ja, liebe Susanne, das British Museum kann in seinem Umfang ziemlich überwältigend sein. Die top 20 reichen sicherlich aus, um einfach mal ein Gefühl für das Museum zu bekommen. Ich mag das Dach von Foster auch. Liebe Grüße, Peggy

  2. SätzeundSchätze says:

    Liebe Peggy,
    was für ein spannender Artikel über das Werden Britanniens – und dein Eingangssatz deutet es ja an: Niemand ist eine Insel. Schön, wie Du die Fäden verknüpfst und zeigst, wie zum einen ja auch dies am Anfang ein Landstrich war, der nur durch Zuwanderung (Völkerwanderungen zu diesen Zeiten) aufblühen und gedeihen konnte und zum anderen dann ja auch durch die Verbindung zum Festland sich weiterentwickeln konnte. Spannend … das macht Lust mal wieder auf London und einen oder zwei Tage im British Museum zu verbringen (das ich als eine Wundertüte im Andenken behalten habe).
    Liebe Grüße Birgit

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Birgit. Ich habe es selbst voller Faszination und Aha-Effekte gelesen. Es ist schön, Dinge mal ins Verhältnis zu setzen, auch wenn meine Stimme beim Referendum nicht erwünscht ist.
      Aber auch unabhängig vom aktuellen Bezug war ich überrascht, dass die Steinzeit gar nicht so langweilig ist, wie ich sie aus dem Geschichtsunterricht in Erinnerung habe. Liebe Grüße und einen schönen Sonntag Abend, Peggy

  3. nettebuecherkiste says:

    Ich bin ja ein Riesen-Vorgeschichte-Freak, es gibt für mich nichts Spannenderes! Ich frage mich oft, was zum Vorschein kommen würde, wenn man auf dem heuten Meeresboden der ehemaligen Doggerbank graben könnte. Danke auch für den Buchtipp!

    1. entdeckeengland says:

      Ja, der Gedanke mit dem Meeresboden kam mir auch schon. Das Buch reicht sogar bis zur normannischen Eroberung, aber die Frühgeschichte nimmt schon einen sehr großen Teil ein. Ich kann Dir wie gesagt einen Besuch in Halle sehr empfehlen. In Sachen europäische Frühgeschichte schlägt es das British Museum um Längen, und das will was heißen 😉

  4. Maren Wulf says:

    Vielen Dank für den spannenden Beitrag, liebe Peggy. Ich bin immer wieder fasziniert, wie sehr ein Blick in die Geschichte gegenwärtige Befindlichkeiten und Festschreibungen zu relativieren vermag. Wollen wir hoffen, dass wenigstens ein paar Brexit-Anhänger hier mitlesen! Liebe Grüße aus dem sonnigen Hamburg.

    1. entdeckeengland says:

      Ja, das wäre schön, liebe Maren, aber große Hoffnungen mache ich mir da nicht. Leider sind das ja eher die Leute, die nicht allzu weit über den eigenen Tellerrand schauen. Und wenn Nationalisten tatsächlich deutsch sprechen und mir erzählen, wie toll sie Deutschland finden, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Sonnige Grüße zurück, Peggy

      1. Pit says:

        Hallo Peggy,
        hier ist es gar nicht hochsommerlich, sondern bedeckt. Bei Temperaturen um die 30 Grad [das ist hier KEIN (Hoch)sommer] kann es in dieser Woche auch regnen. Von mir aus kann der Hochsommer auch noch etwas auf sich warten lassen, denn dann wird es (normalerweise) etwa drei Monate um die oder sogar ueber 40 Grad sein. Und trocken, trocken, trocken. Suedtexas eben.
        Mach’s gut,
        Pit

      2. entdeckeengland says:

        Hi Pit, für englische Verhältnisse wäre das schon zu heiß 😉 allerdings ist es hier für gewöhnlich auch schwül. Deshalb reichen 25 Grad völlig aus, um ein hochsommerliches Gefühl zu bekommen. Liebe Grüße, Peggy

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