Maria Merian’s Butterflies in der Queen’s Gallery

Maria Merian: Menelaus Blue Morpho Butterfly

Als Maria Sibylla Merian 1647 in Frankfurt am Main geboren wird, befindet sich Europa im Schlussakt eines der bittersten Konflikte, die der Kontinent bis dahin erlebt hat – dem Dreißigjährigen Krieg. Trotz der Verheerungen keimt jedoch bereits ein neues Zeitalter herauf. Um 1650 beginnt, was man heute die Epoche der Aufklärung nennt, die es der Tochter eines Verlegers und Kupferstechers ermöglicht, eine anerkannte Naturwissenschaftlerin und Künstlerin zu werden. Eine neue Ausstellung in der Queen’s Gallery widmet sich dieser außergewöhnlichen Frau, würdigt Ihre naturwissenschaftlichen Errungenschaften und bietet dem Besucher einen wahren Augenschmaus.

Maria Merian, Achilles Morpho Butterfly
Branch of West Indian Cherry with Achilles Morpho Butterfly (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Maria wächst in Frankfurt am Main auf. Ihr Vater stirbt als sie drei Jahre alt ist. Ein Jahr später heiratet die Mutter Jacob Marrel, einen deutschen Stillebenmaler, der einen Kunsthandel in Utrecht betreibt. Es ist das „Goldene Zeitalter“ der Niederlande. In der Republik der sieben vereinigten Provinzen gibt es ein starkes und durch den Seehandel wohlhabendes Bürgertum und die Wissenschaften, die andernorts lange durch die Inquisition gehemmt wurden, können sich in den protestantischen Niederlanden frei entfalten.

Maria Merian, Nymphidium Butterfly
Papaya Plant with Nymphidium Butterfly (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Auch in der Kunst kommt es zu einer noch nie dagewesenen Blüte. Es entwickeln sich neue Bildgattungen, fern von kirchlichen Motiven, die den Niederländern nach dem 80-jährigen Unabhängigkeitskrieg gegen das katholische Spanien suspekt sind. Die Malerei spielt aber auch eine wichtige Rolle für die Wissenschaften. Illustrationen helfen, neue Erkenntnisse festzuhalten und wissbegierigen Bürgern zugänglich zu machen.

Maria Merian: Bullseye Moth
Branch of Banana with Bullseye Moth (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Schon früh entwickelt Maria Sibylla ein Interesse für die Malerei, wird aber von ihrer kleinbürgerlichen Mutter in keiner Weise unterstützt. Das Mädchen übt heimlich in der Dachkammer, indem sie Kunstblätter kopiert. Schließlich übernimmt der Stiefvater die Ausbildung. Marias Blumenbilder werden – ganz im Zeichen der Zeit – von der Utrechter Malerschule geprägt, sie entwickelt aber schnell ihren eigenen Stil.

Maria Merian: Menelaus Blue Morpho Butterfly
Pomegranate and Menelaus Blue Morpho Butterfly (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Während dieser Zeit beginnt sie bereits, Seidenraupen zu züchten, dehnt ihr Interesse aber bald auf andere Raupen aus. Sie beschäftigt sich intensiv mit der Metamorphose und zeichnet ihre Beobachtungen auf. Bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts glauben die Menschen, dass Insekten aus verrottetem Fleisch entstehen. Erste Schritte zur Erforschung der Metamorphose hat bereits der Niederländer Jan Swammerdam mithilfe des von seinem Landsmann Antoni van Leeuwenhoek weiterentwickelten Mikroskops unternommen. Maria Merians Werk leistet dennoch aufgrund des großen Umfangs der von ihr beobachteten Arten einen wichtigen Beitrag für die neue Wissenschaft der Insektenkunde.

Maria Merian: Carolina Sphinx Moth
Peacock Flower with Carolina Sphinx Moth (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

1665 heiratet Maria einen Schüler ihres Stiefvaters und bringt in den folgenden Jahren zwei Töchter, Johanna und Dorothea. zur Welt. Die Familie siedelt 1670 nach Nürnberg über. Dort betreibt sie einen Handel mit Farben und Malutensilien und unterrichtet junge Frauen in der Blumenmalerei und –stickerei. Im Rahmen dieser Tätigkeit entsteht ihr „Neues Blumenbuch“, ein Musterbuch für die Stickerei, das in drei Teilen zwischen 1675 und 1680 erscheint. Kurze Zeit später veröffentlicht sie „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“, das die Ergebnisse ihrer bisherigen Studien enthält. 1685 trennt sie sich nach 20 Jahren Ehe von ihrem Mann und zieht gemeinsam mit ihren Töchtern zunächst für einige Jahre nach Schloss Walta-State bei Wieuwerd, das von einer christlichen Sekte betrieben wird, und 1691 schließlich nach Amsterdam.

Maria Merian: Tree-Frogs and Giant Water-Bugs
Water Hyacinth with Tree-Frogs and Giant Water-Bugs (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Amsterdam ist zu jener Zeit der Nabel der niederländischen Kolonialwelt. Regelmäßig laufen Schiffe von den exotischsten Orten der Welt ein und bringen Luxusgüter und Kuriositäten mit, zu denen auch seltsame Insekten gehören. Maria Sibylla findet schnell Anschluss in der Amsterdamer Wissenschaftswelt und erhält neue Impulse für ihre Studien. Sie verdient sich ihren Lebensunterhalt, indem sie Pflanzen und Vögel für wohlhabende Bürger malt. Aber schon bald ist sie frustriert, denn die toten Insekten-Exemplare bieten keine Möglichkeiten, ihren Lebenszyklus zu erforschen. So entscheidet sie sich 1699, mittlerweile 52 Jahre alt, den Inhalt ihres Studios zu verkaufen und das größte Abenteuer ihres Lebens zu wagen. Gemeinsam mit ihrer 21 Jahre alten Tochter Dorothea besteigt sie ein Schiff nach Suriname.

Wencelaus Hollar: America, 1666
Wencelaus Hollar: America, 1666

Suriname war ursprünglich eine englische Kolonie, die jedoch im Zuge der Englisch-Niederländischen Seekriege 1667 von den Niederländern eingenommen wurde. Ihr Hauptzweck bestand im Anbau von Zuckerrohr, Kaffee, Baumwolle und Kakao. Maria und Dorothea lassen sich in der Hauptstadt Paramaribo an der nordöstlichen Südamerikas nieder und beginnen ihre Forschungen. Sie engagieren Führer, mit denen sie Expeditionen in die umliegenden Wälder unternehmen, wo sie alles, was mit Insekten zu hat, sammeln und versuchen, im eigenen Garten zu kultivieren. Mit viel Geduld und Detailbewusstsein beobachten und zeichnen die beiden Frauen die Lebenszyklen zahlreicher Insekten vor dem Hintergrund der Pflanzen, die ihnen als Hauptnahrungsquelle dienen.

Maria Merian: Lanternfly and Cicada
Branch of Pomegranate with Lanternfly and Cicada (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Zwei Jahre lang arbeiten Maria und Dorothea an ihren Insektenstudien. Dann erkrankt Maria plötzlich schwer an Malaria und muss den Forschungsaufenthalt beenden. Die Frauen nehmen zahlreiche Tier- und Pflanzenexemplare mit an Bord des Schiffes, um ihre Beobachtungen auf der Heimreise fortzusetzen. Zurück in Amsterdam stellt der Bürgermeister das Stadthaus zur Verfügung, wo die exotischen Insekten und Pflanzen von der Öffentlichkeit bestaunt werden können. Ihre Zeichnungen und Beobachtungen fasst sie in ihrem Buch „Metamorphosis Insectorum Surinamesium“ zusammen, das 1705 erscheint.

Maria Merian's Metamorphosis Insectorum Surinamensium, 1705
Metamorphosis Insectorum Surinamensium, 1705 (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Das Buch bringt Maria Merian zwar wissenschaftliche Anerkennung, aber die luxuriösen Bücher finden aufgrund ihrer hohen Preise keinen großen Markt. Deshalb müssen sich Maria und Dorothea ihren Lebensunterhalt wieder mit Blumen- und Tiermalereien, Malunterricht und den Verkauf von Malutensilien und Exemplaren aus ihrer Tier- und Pflanzensammlung verdienen. Sie arbeiten an einem Fortsetzungsband, der neben Insekten auch Frösche und Reptilien enthalten soll. Die Arbeit bleibt jedoch unvollendet. Im Jahr 1715 erleidet Maria einen Schlaganfall, der sie an den Rollstuhl fesselt. Zwei Jahre später stirbt sie. Sie gilt als unvermögend und wird in einem Armengrab beigesetzt.

Maria Merian: Cassava Root with a pregnant Garden Tree Boa, Sphinx Moth and Treehopper
Cassava Root with a pregnant Garden Tree Boa, Sphinx Moth and Treehopper (Maria Sibylla Merian, Royal Collection Trust)

Die Ausstellung läuft noch bis zum 9. Oktober 2016.

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24 thoughts on “Maria Merian’s Butterflies in der Queen’s Gallery

  1. Wolfregen & Constanze says:

    Ach, das ist aber schön, wirklich ein wahrer Augenschmaus, diese Ausstellung würde ich mir sofort ansehen, wäre ich an Ort und Stelle. Danke für den eindrucksvollen Beitrag!

    Dir herzliche Grüße auf die Insel
    von Constanze

  2. Susanne Haun says:

    Liebe Peggy,
    schade, dass die Ausstellung noch nicht lief, als wir in London waren. Maria Sybilla Merian gehört zu meinen ganz großen Favoriten.
    Vor zwei Jahren habe ich zum Thema “Das Geschlecht der Dinge, über die Metamorphosen der Schmetterlinge im Werk der Maria Sybilla Merian” eine Hausarbeit geschrieben. Wenn dich das Thema interessiert kann ich dir die Hausarbeit gerne zusenden.
    Ich wünsche dir und deiner Familie ein schönes Pfingsfest,
    viele Grüße von Susanne

    1. entdeckeengland says:

      Liebe Susanne, ich kann mir gut vorstellen, dass Dir die Ausstellung gefallen hätte, zumal auch die Audioguides in der Queen’s Gallery immer sehr umfangreiche Informationen haben. Dieses Mal gab es unter anderem auch Beiträge von einem Biologen, der selbst auch Insektenforschung betreibt.
      Deine Hausarbeit würde mich sehr interessieren. Danke für Dein Angebot. Meine E-Mail Adresse ist peggy@entdeckeengland.com
      Herzliche Grüße aus Greenwich, Peggy

  3. Sandra Parsons says:

    Ein toller Bericht, da lacht das Biologinnenherz! Ich fand schon immer faszinierend, mit wieviel Detailtreue und Geduld Biologen früher ihre Ergebnisse als Zeichnungen festgehalten haben. Da fällt mir immer auch Ernst Haeckel mit seinen “Kunstformen der Natur” ein. Heute haben wir es mit Kameras und Mikroskopen so viel einfacher, aber das Ergebnis ist niemals auch nur annähernd so schön!

    1. entdeckeengland says:

      Ich habe auch so an Dich gedacht, als ich dort rumgelaufen bin. Ihr habt also im Studium keine Zeichnungen angefertigt, die dann vielleicht in 300 Jahren in irgendwelchen Ausstellungen hängen 😉 ?

  4. SätzeundSchätze says:

    Liebe Peggy, ein toller, runder Beitrag und wunderbare Illustrationen. Ich bin ein paar Mal um das Inselbuch im Laden rumgeschwirrt (http://www.suhrkamp.de/buecher/das_insektenbuch-maria_sibylla_merian_20012.html), habs dann aber nicht gekauft – aber jetzt habe ich richtig Lust dazu, mich mehr mit dieser tollen Frau zu beschäftigen. Es gibt in Nürnberg diesen Garten: http://www.schloesser.bayern.de/deutsch/garten/objekte/nbg_merian.htm

    – evt. komme ich nächstens da mal hin, dann berichte ich Dir! LG Birgit

    1. entdeckeengland says:

      Ach ja, bei dem Buch könnte man tatsächlich schwach werden. 🙂 Und ein Maria Merian Garten in Nürnberg – noch ein Grund mehr, eine Reise nach Süddeutschland zu planen. Ich freue mich schon, wenn Du uns darüber berichtest. Liebe Grüße, Peggy

  5. Maren Wulf says:

    Die Zeichnungen sind wirklich wunderschön. Aber vor allem: was für eine interessante Frau! Und so unbeirrt ist sie ihren Weg gegangen. Vielen Dank für diesen faszinierenden Bericht, liebe Peggy!

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