Statue of Queen Victoria in London

Victoria (2): Das Kensington System

“I was brought up very simple – never had a room to myself till I was nearly grown up – always slept in my Mother’s room till I came to the Throne.”

So beschreibt Victoria ihre eigene Kindheit. Ihre Mutter, die Duchess of Kent, isolierte sie von der Familie ihres Vaters, der bereits starb, als Victoria noch ein Baby war, und vom Königshof. Die offizielle Begründung war, dass der Hof zu frivol für die junge Thronfolgerin sei und ihr Ansehen beschädigen könnte. In Wirklichkeit waren die Motive der Duchess zwielichtiger.

1830, als William IV den Thron bestieg und klar war, dass Victoria ihm folgen würde, beschloss das Parlament im Regency Act, dass die Duchess of Kent die Regentschaft übernehmen sollte, für den Fall, dass Victoria beim Tod des Königs noch nicht volljährig wäre. William IV traute seiner Schwägerin nicht und ließ verlauten, dass er gedenke, mindestens bis zu Victorias 18. Geburtstag zu leben.

 

 

Kensingten Palace in London
Kensington Palace

Der Hauptgrund für das Misstrauen des Königs war ein gewisser Sir John Conroy. Der attraktive Privatsekretär der Duchess hatte seine verschiedenen Quellen zufolge eher dümmliche Brotgeberin komplett um den Finger gewickelt. Es gab unbestätigte Gerüchte, die beiden wären ein Liebespaar. Jedenfalls entwickelten sie gemeinsam ein Erziehungssystem, das Victoria völlig unselbstständig machen sollte. Auf diese Weise, so hofften sie wohl, könnten sie dauerhaft zu den wahren Strippenziehern der Monarchie werden.

Statue of Queen Victoria in London
Die Marmor Statue vor dem Palast wurde von Victorias Tochter Princess Louise angefertigt, eine der wenigen Bildhauerinnen des 19. Jahrhunderts.

Sie versuchten mehrfach, Victoria dazu zu bewegen, Conroy formell zu ihrem Berater zu machen. Aber die junge Frau entwickelte offensichtlich sehr früh einen gesunden Instinkt und hielt allen Überredungskünsten stand. Am Morgen ihres 18. Geburtstags wollte Conroy in einem letzten panischen Versuch Victoria sogar in ihrem Zimmer einsperren und erst heraus lassen, nachdem sie ein Dokument unterzeichnet hatte, das die Regentschaft mindestens bis zu ihrem 25. Geburtstag verlängerte. Aber das ging Victorias Mutter dann doch zu weit. Stattdessen verbreiteten sie in politischen Kreisen, dass Victoria geistig zurückgeblieben und deshalb nicht regierungsfähig sei. Doch auch dieser Plot ging nicht auf. Am 20. Juni 1837, 27 Tage nach ihrem 18. Geburtstag wurde Victoria Königin.

Victorias Puppenhaus im Kensington Palace
Victorias Puppenhaus in der Ausstellung “Victoria Revealed”. Über dem Kamin hängt ein Bild von der Duchess of Kent mit der kleinen Victoria

Eine ihrer ersten Anweisungen war, das Bett Ihrer Mutter ans andere Ende des Palastes zu verbannen. Sir John erhielt zwar eine Pension und den Titel eines Barons, die ihm aufgrund seiner Position zustanden, und er blieb in Diensten der Duchess, aber die junge Königin erklärte ihn zum persönlichen Erzfeind und er wurde nicht am Hof empfangen. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter blieb distanziert mit einem feindlichen Unterton, was schon bald zum Nährboden für einen Skandal wurde. Aber darüber ein andermal mehr.

„Beneath the new Queen’s much vaunted, and genuine, cordiality, there lurked, as Sarah [Victorias Lady-in-waiting] noted, a ‘vein of iron’.”

Kate Hubbard: Serving Victoria, Life in the Royal HouseholdNeben meiner Lektüre habe ich hier Informationen und Fotos von unserem Besuch im Kensington Palace verwendet. Die Ausstellung „Victoria Revealed“ ist wunderschön aufbereitet und zeigt viele persönliche Gegenstände von Queen Victoria untermalt mit Zitaten aus ihrem Tagebuch. Für Erwachsene sehr empfehlenswert. Dem Kleinen Entdecker sei an dieser Stelle ein dickes Lob ausgesprochen, weil er auf dieser für ihn eher langweiligen Ausstellung trotzdem ganz geduldig geblieben ist. Dafür wurde er anschließend mit einem Ausflug zum nahegelegenen Diana Memorial Playground belohnt, vermutlich einer der besten öffentlichen Spielplätze Londons.

Pirate Ship in Diana Memorial Playground, Kensington Gardens
Diana Memorial Playground in den Kensington Gardens, die direkt neben dem Hyde Park liegen.
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10 thoughts on “Victoria (2): Das Kensington System

  1. Danke für diesen interessanten Artikel. Nun weiß ich gar nicht, ob ich “Victoria Revealed” ansehen oder den “Diana Memorial Playground” besuchen sollte! 😉
    Hab’ ein feines Wochenende,
    Pit

  2. Wahnsinn … wenn man bedenkt, wozu diese “Mutter” in der Lage war – von Liebe zum Kind da keine Spur. Umso bewundernswerter, dass Victoria sich dann doch so gut entwickelte in ihrer Persönlichkeit. Wen hatte sie denn als Vorbild/Vertraute in ihrer Kindheit und Jugend?

    1. Ja, das ist wirklich bewundernswert. Die einzige Person, die ich in meinen Quellen gefunden habe, die Victoria durch die Kindheit begleitet hat, ist eine Art Gouvernante namens Lehzen. Sie war später Victorias Privatsekretärin und Victoria nennt sie in ihren Tagebüchern ihre einzige Verteidigung gegen den Feind Conroy. Aber ich glaube, ein Grossteil liegt wohl auch in der Persönlichkeit Victorias, die sie ja vielleicht vom Vater geerbt hat. 🙂

  3. Ich freue mich schon auf die nächste Folge aus Victorias Leben, Peggy.
    Aufgrund deines letzen Beitrags haben wir uns den Film Mrs. Brown mit Judie Dench angeschaut. Er hat uns sehr gut gefallen!
    Liebe Grüße nach England sendet dir Suanne

    1. Ja, den Film fand ich auch sehr nett. Wobei ich mir nicht sicher bin, wie sehr die Geschichte romantisiert wurde. Aber Judi Dench ist eben eine klasse Schauspielerin. Lieben Gruß, Peggy

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