Victoria (3): Die Queen und ihr erster Premierminister Lord Melbourne

Queen Victoria riding out with her Prime Minister Lord Melbourne

“Every morning ‘Lord M’ came to discuss the business of the day; every afternoon he rode out with the Queen through Windsor Great Park; most evenings he sat at her side. So fatherly, so solicitous, and yet so very entertaining, even, occasionally, a trifle shocking. For Victoria, scarcely more than a schoolgirl, and an ill-educated one at that, the conversation of a highly sophisticated, witty, informed man such as Melbourne was intoxicating.”

Victoria war zwar nicht so ungebildet, wie uns diese Passage aus Kate Hubbards “Serving Victoria” glauben lassen will – sie konnte immerhin mehrere Sprachen und hatte mit 16 Jahren laut ihren eigenen Aufzeichnungen bereits 150 Bücher gelesen, darunter Voltaires Biografie Karls XII von Schweden im französischen Original und Goldsmiths „History of England“ – was ihr jedoch fehlte, war die Erfahrung im Umgang mit Politikern und Politik selbst. Bei Victoria war dies sicherlich besonders ausgeprägt, weil ihre Mutter sie bis zu ihrer Thronfolge vom Hof und von jeglicher anderen Gesellschaft ferngehalten hatte. (Was wohl mal wieder eine Bestätigung dafür ist, wie wichtig Lesen für die Bildung ist.)

Seit der Glorious Revolution von 1688 war England zwar eine konstitutionelle Monarchie und die wahre Macht lag beim Parlament, dennoch war die Königin ein fester Bestandteil der politischen Maschinerie. Jedes Gesetz, das im Parlament verabschiedet wurde, musste von ihr unterzeichnet werden, bevor es in Kraft trat. Das war in den meisten Fällen ein rein zeremonieller Akt, aber Victorias Vorgänger William IV hatte gelegentlich noch Gesetze abgelehnt. Zudem wurde von ihr erwartet, dass sie eine beratende Funktion übernahm. Eine wichtige Rolle in Victorias Entwicklung kam deshalb ihrem ersten Premierminister zu.

Queen Victoria riding out with her Prime Minister Lord Melbourne
Sir Francis Grant: Queen Victoria Riding Out (with her Prime Minister Lord Melbourne to her left), Royal Collection Trust

 

Lord Melbourne: Mentor und Vaterfigur

William Lamb, 2nd Viscount Melbourne war in den ersten vier Jahren ihrer Regierungszeit Victorias Mentor und eine Art Vaterfigur. Er erhielt ein eigenes Apartment in Windsor Castle und sah die Queen täglich mehrere Stunden. Lord Melbourne war bekannt dafür, dass er während des Gottesdienstes und beim allabendlichen Dinner hin und wieder einschlief und laut schnarchte, was ihm Victoria vergab (gegenüber anderen Mitgliedern der Hofgesellschaft war sie weniger versöhnlich). Zeitweise gab es sogar Gerüchte, die Königin würde den 40 Jahre älteren Witwer heiraten. Hier noch eine schöne Passage, die einen Einblick in das Leben bei Hofe gibt:

“The story of his wretched marriage to Caroline Ponsonby … only added a further layer of fascination, an air of romantic melancholy. At fifty-eight, he was still attractive and still capable of racing a lady-in-waiting down the Corridor at Windsor.”

Bis 1830 war Lord Melbourne ein eher unbeachteter MP auf den hinteren Bänken der politischen Fraktion, die sich Whigs nannte. Ins Rampenlicht geriet er erstmals 1812, nicht aufgrund seiner politischen Aktivitäten, sondern weil sein Frau Caroline Ponsonby eine öffentliche Affäre mit Lord Byron, einem Studienfreund Melbournes, hatte und vier Jahre später ihre Ehe und die Affäre in der Gothic Novel „Glenarvon“ verarbeitete. Seiner politischen Karriere hat das nicht geschadet.

Der widerwillige Reformer

England befand sich Anfang des 19. Jahrhunderts in einem tiefgreifenden sozialen Umbruch. Die industrielle Revolution entwertete die menschliche Arbeitskraft in immer mehr Bereichen. Dem Reichtum einiger Industrieller stand eine zunehmende Armut der Arbeiterklasse gegenüber. Hinzu kam, dass King George III psychisch krank war und sich der Prinzregent und spätere George IV in der Verschwendungssucht mit dem Sonnenkönig messen konnte. Der Finanzskandal um den Buckingham Palace war nur eine von vielen Episoden, die das Volk gegen den Monarchen aufbrachte. Mit der Demokratie war es auch nicht weit her. Nur etwa drei Prozent der Bevölkerung waren wahlberechtigt. Und so entlud sich der Unmut in Aufruhr. Maschinen wurden zerstört und Fabrikinhaber überfallen.

Um eine Revolution wie in Frankreich 1789 zu verhindern, zogen die Whigs 1830 mit Reformversprechen in den Wahlkampf und gewannen. Lord Melbourne wurde Home Secretary. Er selbst stand jedoch im Gegensatz zu seinen Parteifreunden den Reformen skeptisch gegenüber. Dafür stimmte er unter anderem für die Abschaffung von Habeas Corpus, die es ermöglichte, Aufrührer ohne Gerichtsverhandlung zu verurteilen und entweder zu exekutieren oder zu deportieren, und unterstützte die gewaltsame Niederschlagung von Protesten. Dennoch wurde auf Druck des Volkes 1832 der Reform Act beschlossen, der das Wahlrecht zumindest auf die etwas besser gestellte Mittelschicht ausdehnte (es Frauen jedoch komplett entzog, unabhängig davon, wie wohlhabend sie waren).

Im damaligen politischen Umfeld galt Lord Melbourne als moderat, weil er es verstand, zwischen dem Reformwillen der radikaleren Whigs und den Interessen des Adels und der Industriebarone auszugleichen. Das brachte ihm ab 1834 den Posten des Premierministers ein. Mit seinen politischen Ratschlägen tat er jedoch Queen Victoria nicht immer einen Gefallen. Seiner eigenen Maxime „Why not leave it alone?“ folgend, bezeichnete er beispielsweise Reformvorschläge, um die Arbeitsbedingungen für Kinder in den Minen zu verbessern, der Königin gegenüber als völlig unnötig. Für Victoria verheerender waren seine Empfehlungen im Umgang mit der „Bedchamber Crisis“, die das öffentliche Ansehen der jungen Königin 1839 arg beschädigte. Aber darüber beim nächsten Mal mehr.

Kate Hubbard: Serving Victoria, Life in the Royal HouseholdDie Zitate und die Inspiration für den Artikel kamen wie auch bisher aus Kate Hubbards “Serving Victoria – Life in the Royal Household”. Allerdings wollte ich gerne mehr über die politischen Verhältnisse zu Beginn von Victorias Regierungszeit wissen – einerseits, um Lord Melbourne und seinen Einfluss auf die Queen besser verstehen zu können, und andererseits, um das Leben Victorias auch ins Verhältnis zu ihren Untertanen zu setzen.

Edward Vallance: A Radical History of BritainDeshalb habe ich als zweite Quelle das Buch “A Radical History of Britain – The men and women who fought for our freedoms” hinzugezogen, das mir bereits bei meinem Artikel über King John und die Magna Carta gute Dienste geleistet hat. Allerdings geht dieses Buch sehr ins Detail und es kommen gefühlt mehr Personen darin vor als im Londoner Telefonbuch, was es nicht gerade erleichtert, den einzelnen Plots und Gegenplots zu folgen.

 

Kleiner Nachtrag: Wie die australische Stadt Melbourne zu ihrem Namen kam

1835 gründete John Batman eine Siedlung am Yarra River in der britischen Kolonie New South Wales im heutigen Australien. Ein Jahr später wurde diese zum Administrationszentrum auserkoren und der Plan für den heutigen Business District angelegt. 1837 wurde Batmania, wie die Siedlung bis dahin genannt wurde, umbenannt nach dem zu der Zeit amtierenden britischen Premierminister Melbourne. Zehn Jahre später erhielt sie von Queen Victoria offiziell das Stadtrecht und wurde zur Hauptstadt der neu gegründeten Kolonie Victoria. Hier ein Blick auf die moderne Stadt vom Eureka Skydeck.

Melbourne am Yarra River in Australien

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10 thoughts on “Victoria (3): Die Queen und ihr erster Premierminister Lord Melbourne

  1. SätzeundSchätze says:

    Spannend, auch weil man nebenbei bei Dir noch soviel zusätzliches erfährt … Die Novel der untreuen Gattin muss ich gleich mal googeln ( Ich wundere mich ja, wieviele der Frauen um Shelley dann anfingen zu schreiben). Und bin gespannt auf die Fortsetzung – wenn ich es richtig erinnere, emanzipierte sich Victoria dann ja auch von Melbourne?

    1. entdeckeengland says:

      Oh, danke … Ja, wenn ich irgendwo bei den Recherchen an einem Zipfel ziehe, kommt immer gleich mehr zutage als ich erwartet habe 🙂 Ich war kurz versucht, auch noch über Byrons Ausflug in die Politik zu schreiben, aber das wäre doch etwas zu viel geworden.
      Victoria hat sich in der Tat bald abgenabelt, aber vor allem weil sie einen neuen männlichen Einfluss hatte – Albert. Im Vergleich zu modernen Frauen war Victoria schon sehr dem traditionellen Rollenbild verbunden. Liebe Grüße, Peggy

  2. Sandra Parsons says:

    Und ich hatte mich schon gefragt, warum mir der Name Melbourne so bekannt vorkam 😉 Dankeschön für die interessante Geschichtslektion, ich freu mich schon auf die nächste Folge!
    Liebe Grüße, Sandra

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