The Church ruins near the cliff

Mit dem Rad von der Insel der Toten bis zu den Reculver Towers

Am Strand von Minnis Bay tobt das Leben. Väter mit krebsroten Rücken bauen Sandburgen, die anschließend vom pausbäckigen Nachwuchs niedergetrampelt werden, während Mütter in Kühlboxen kramen oder hinter pinken Strandmuscheln den neuesten Sophie Kinsella Roman lesen. Die bunten Beach Huts, die ein Markenzeichen der englischen Seaside sind, stehen sperrangelweit offen. Davor sitzen Jugendliche neben einem Kasten Bier und etwas weiter drüben ächzen ältere Herrschaften in Campingstühlen, während die Steaks auf dem Grill vor sich hin brutzeln. Die Sonne scheint und das Wochenende ist kurz. So konzentriert sich alles Leben auf diesen Sandstrand am Rande der Isle of Thanet, die, führt man die Herkunft der Bezeichnung auf die griechische Legende von Ynys Thanatos zurück, eigentlich die Insel der Toten heißt. Die alten Griechen glaubten, dass die Toten in der Nacht über das Meer gerudert wurden und auf Ynys Thanatos ihre neue Heimat fanden. Und in der Tat gibt es auf Thanet mehr Grabhügel aus der Bronzezeit als irgendwo sonst in Großbritannien.

Beach Huts in Minnis Bay

Wir sind jedoch nicht gekommen, um am Strand zu sitzen. Es wäre ohnehin kein Platz mehr – jeder Meter Sand mit bunten Badetüchern ausgelegt. Hinter den bunten Holzhütten verläuft ein schmaler Asphaltweg, der zum Viking Coastal Trail, einem Rad- und Wanderweg, gehört. Wir schwingen uns also auf unsere Fahrräder und lassen die lärmende Menge hinter uns. Vor uns liegt das Marschland des einstigen Wantsum Kanals, der Thanet bis ins späte Mittelalter vom britischen Festland trennte. Einst konnten Schiffe über den Wantsum Kanal und den Fluss Stour bis nach Canterbury segeln.

cycling on the Viking Coastal Trail

Es sind etwa sieben Kilometer bis zur anderen Seite des ausgetrockneten Kanals. Der Weg führt über einen Deich. Dahinter liegen Felder. Augustinermönche haben schon im 12. Jahrhundert mit der landwirtschaftlichen Nutzung der vom Meer freigegebenen Flächen begonnen, nachdem die Kiesbänke vor Sandwich – damals ein Hafen an der Südseite des Kanals – eine allmähliche Versandung des Wantsum einleiteten. Manchmal will sich das Meer jedoch zurückholen, was es vorher aufgegeben hat. Während der Hollandsturmflut von 1953, die in England als Great North Sea Flood bezeichnet wird, wurde Thanet für einige Zeit wieder zur Insel. Heute liegt das Meer jedoch friedlich zu unseren Füßen und nur eine leichte Brise kräuselt die stahlblaue Oberfläche.

View from Reculver Towers over the once mighty Wantsum Channel

Als der römische Kaiser Claudius 43 AD seinen Arm nach Britannien ausstreckte, landeten seine Armeen vermutlich am Wantsum Kanal – irgendwo zwischen den heutigen römischen Ausgrabungsstätten Reculver und Richborough. Bewiesen ist das nicht, aber Ausgrabungen belegen, dass im ersten Jahrhundert eine römische Siedlung entstand, wo sich heute die Reculver Towers am Kliff festkrallen. Der größte Teil von Regulbium, wie es die Römer nannten, fiel nach ihrem Abzug Anfang des 5. Jahrhunderts der Witterung anheim und ist zusammen mit den Klippen ins Meer gestürzt. Nur dieses Schild am Rande einer quadratischen Wiese mit Blick über den einstigen Wantsum erinnert noch an die römische Garnison, die hier zur Verteidigung der britischen Küste und zum Schutz der Handelsschiffe eingerichtet wurde.

Regulbium, former Roman Fort at Reculver Towers

Den kurzen, aber steilen Anstieg zum ehemaligen römischen Fort und den daneben liegenden Reculver Towers können wir nicht mit dem Fahrrad bewältigen. Also steigen wir ab und schieben unsere Räder das kleine Stück bis zur alten Kirchenruine, wo wir uns zwischen den alten Steinen für ein Picknick niederlassen. Im 7. Jahrhundert baute die Kirche an dieser Stelle aus den römischen Überresten ein Kloster. Fünfhundert Jahre später bekam das Gotteshaus seine markanten Türme. Aus der einstigen Klosterkirche war zu dieser Zeit bereits eine Dorfkirche geworden. Aber auch ohne Kloster blieb Reculver ein wichtiger Punkt auf der Seekarte. Selbst nach den Invasionen durch Römer, Sachsen, Wikinger und Normannen blieb der Wantsum Kanal das Tor nach Britannien. Und die neuen Türme, die auf dem Meer weithin sichtbar waren, wurden zu einer Navigationshilfe für die Schifffahrt.

Church Ruin Reculver Towers

Die einzige Konstante im Wandel der Zeit, blieb das Meer. Jahr für Jahr, Zentimeter für Zentimeter trug es die Klippe, auf der die Kirche stand, immer weiter ab. 1805 beugten sich die Gottesgläubigen der Naturgewalt. Die alte Dorfkirche wurde abgetragen und im etwas entfernt liegenden Ort, in sicherer Entfernung vom Meer, wieder aufgebaut. Nur die Doppeltürme blieben als Orientierungspunkt für die Seefahrer stehen.

The Church ruins near the cliff

Mittlerweile sind die Reculver Towers ein beliebtes Ausflugsziel für Lokale. Es gibt ein Visitor Centre, das im Sommer 6 Tage die Woche geöffnet hat, einen brandneuen Abenteuerspielplatz und ein Inn, das solides Pub-Essen anbietet, unter dem Namen King Ethelbert. Am bequemsten erreicht man die Ruine mit dem Auto. An schönen Sommertagen empfiehlt es sich jedoch, früh anzukommen, um noch einen Platz auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz zu bekommen.

Zweimal pro Tag kommt ein Bus. Einer fährt von Herne Bay nach Canterbury, der andere in die Gegenrichtung. Die meisten anderen Busse auf dieser Strecke halten nur in Hillborough, Reculver School, von wo aus man etwa eine halbe Stunde bis zu den Reculver Towers läuft. Informationen über aktuelle Fahrpläne findet Ihr auf der Stagecoach-Website.

Den Aktiven unter Euch empfehle ich jedoch eine Radtour. Der Viking Coastal Trail ist eine 51 Kilometer lange Rundstrecke, die von den Reculver Towers bis hinter Ramsgate an der Küste entlang führt und danach einen Bogen im Inland zurück nach Reculver schlägt. Bis Broadstairs ist der größte Teil der Strecke verkehrsfrei. Eisenbahnanschluss gibt es in Birchington-on-Sea, Westgate-on-Sea, Margate, Broadstairs und Ramsgate. Für mehr Infos über Zugzeiten und die Möglichkeit, Fahrräder mitzunehmen, schaut am besten auf die Website der National Rail. Die Radtour lässt sich auch schön mit den folgenden Sehenswürdigkeiten verbinden:

Margate: Turner Contemporary

Margate: Shell Grotto

Margate: Stories from the Past

Broadstairs: Botany Bay

Broadstairs: Bleak House

Broadstairs: Crampton Tower Museum

Nächste Woche geht es dann wieder weiter mit Queen Victoria.

Reculver Towers - day out for the whole familiy

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16 thoughts on “Mit dem Rad von der Insel der Toten bis zu den Reculver Towers

    1. Das freut mich! Jetzt, wo der Kleine Entdecker etwas mehr Durchhaltevermögen hat, werden wir sicherlich öfter die englischen Radwege erkunden, und ich werde hier darüber berichten. 🙂

  1. Jetzt muss ich dann wohl bei meinem naechsten Englandbesuch mein Rad mitbringen! 😉 Danke fuer diesen informativen und interessanten Artikel, und habt ein schoenes Wochenend,
    Pit

    1. Schön, lieber Pit. Man kann hier sicherlich auch Fahrräder ausleihen, allerdings weiss ich nicht, wie es um die Qualität bestellt ist. Euch auch ein feines Wochenende, Peggy

      1. Hallo Peggy, ganz bestimmt kann ma auch Raeder da ausleihen. Ich bin nur sehr eigen, was meinen Drahtesel angeht. Es kaeme aber sehr auf die Anzahl der Touren an. Fuer eine oder zwei wuerden sich die Kosten ja nicht lohnen. Dann eben leihen.
        LG,
        Pit

      2. Das kann ich gut verstehen. Da wir unsere eigenen Räder haben, weiß ich auch wirklich nicht, wie gut die Qualität ausgeliehener Räder ist. Allerdings ist dieser Weg sehr einfach zu befahren, sodass man ans Rad keine großen Ansprüche stellen muss. Liebe Grüße, Peggy

  2. Hallo Peggy, ich liebe ja Dein Adlerauge und die wundervollen Fotos, die Du von allem, was Du so siehst, machst. Aber am besten finde ich immer noch die herrlichen Beschreibungen, mit denen Du Deine Beobachtungen in Worte fasst. Die Strandszene war so lebendig, ich hab mir fast selbst den Buckel verbrannt! 😀

    Ganz liebe Grüße, Sandra

    1. Oh, vielen Dank, ich werde ja ganz rot bei so einem Kompliment 🤗 Aber mal was anderes: Die andere Sandra will Euch Anfang Juli zu einer grossen Feier einladen, um ihr Nomadenkind willkommenzuheissen, und hat mich gefragt, ob ich Deine Nummer habe. Die ich habe, ist mit Sicherheit alt. Kannst Du mir die aktuelle also bitte mal auf meine Mail peggy@entdeckeengland.com schicken? Liebe Grüsse und ein schönes Wochenende von Insel zu Insel, Peggy

  3. Liebe Peggy, eine schöne Tour, die ihr da gemacht habt! Es hat mich gleich daran erinnert, wo wir mit meinen inzwischenen erwachsenen Entdecker mit dem Fahrrad gefahren sind. Danke für die Erinnerungen,
    Susanne

    1. Gern geschehen, liebe Susanne. Noch müssen wir bei der Auswahl und Länge der Strecke sehr genau hinschauen, aber so langsam können wir mit dem kleinen Entdecker immer mehr machen. Lieben Gruß aus Greenwich, Peggy

      1. So beginnt vielleicht ein lebenslange Radfahrerleidenschaft. Mein Sohn ist inzwischen 22 Jahre alt und fährt keine Radrennen mit. Am Sonntag ist er beim 120 km Berliner Velothon mitgefahren und erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von knapp 38 km.

  4. Hallo Peggy
    sehr schöner Bericht den ich direkt meinem Sohn gezeigt habe…nur das mit dem Leihrad fand er nicht so toll, wir werden also als typisch Deutsche mit unseren voll übergestylten SUV…äh, ich meine …Mountainbikes die Reise antreten 🙂
    Lieber Gruss aus Hamburg von Jürgen

    1. Hallo Jürgen, schön, dass ich Euch inspirieren konnte. Und da Dein Sohn ja, wie es klingt etwas älter ist als meiner, könnt Ihr die Strecke ja auch schön ausdehnen, über Botany Bay zum Beispiel und die Küste entlang nach Süden. Lieben Gruß nach Hamburg, Peggy

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