Young Queen Victoria

Victoria (4): Die Königin in der Krise

Großbritannien befindet sich zurzeit in einer politischen Krise, die ihresgleichen sucht, und es scheint nicht, als sei die Erlösung nah. Machen wir es uns also für kurze Zeit bequem und schauen zurück auf Victorias erste Krise, die zwar völlig andere Ursachen, aber ebenfalls ihre skurrilen Momente hatte.

“The whole town has been engrossed for some days with a scandalous story at Court, … the palace is full of bickerings and heart-burnings, while the whole proceeding is looked upon by society at large as to the last degree disgusting and disgraceful.”

Diary of Charles Greville on 2nd March 1839

Der Skandal, der seit Anfang 1839 am Hof schwelte und der im weiteren Verlauf nicht nur die Familienfehde zwischen Victoria und ihrer Mutter, sondern auch die politischen Grabenkämpfe der britischen Zwei-Parteien-Gesellschaft offenbarte, drehte sich um Flora Hastings, Lady-in-Waiting der Duchess of Kent, Victorias Mutter. Er zeigt, wie fragil das soziale Gefüge am Hof war.

Young Queen Victoria

Hintergrundwissen: Ladies-in-Waiting und Ladies of the Bedchamber

Ladies-in-Waiting ist eine Bezeichnung für adlige Damen, die Mitgliedern der königlichen Familie als Vertraute und persönliche Assistenten an die Seite gestellt werden. Sie dienen einerseits der Unterhaltung, schließlich haben es die Royals schwer, private Freundschaften zu knüpfen, andererseits übernehmen sie auch offizielle Aufgaben. Eine der offiziellen Positionen, die von Ladies-in-Waiting übernommen wird, ist die der Lady of the Bedchamber. Queen Victoria hatte acht Ladies-in-Waiting für diesen Job, von denen jeweils immer zwei im Dienst, oder britisch ausgedrückt in waiting, waren. Die Ladies, die oftmals auch eigene familiäre Verpflichtungen hatten, kamen dreimal im Jahr für jeweils einen Monat an den Hof.

Heutzutage ist die Position überwiegend zeremonieller Natur, aber zu Zeiten Elizabeths I gehörte es unter anderem zu ihren Aufgaben, den Nachttopf der Königin zu leeren. Unter Queen Victoria fiel diese Aufgabe den niederen Bediensteten zu. Aber sie halfen ihr noch beim Ankleiden und überahmen die Funktion von privaten Sekretärinnen. Flora Hastings gehörte, wie bereits erwähnt, nicht zum Haushalt der Queen, sondern zu dem ihrer Mutter und war darüber hinaus John Conroy, dem Erzfeind der Königin, freundschaftlich gesinnt. Das war für Victoria Grund genug, Flora Hastings nicht zu mögen.

„The Queen was a creature of absolutes. Her judgements were instinctive but categorical. Towards those she loved she was fiercely, sometimes blindly, loyal, while those who displeased, or worse, were met with resolute froideur.”

Young Queen Victoria

Die Flora-Hastings-Affäre

Flora Hastings kehrte im Januar 1839 zurück an den Hof. Für die Fahrt nach Windsor teilte sie sich eine Kutsche mit John Conroy. Einige Tage später wurde sie krank, und die Ladies der Queen, die die Abneigung ihrer Patronin gegen Flora Hastings teilten, bemerkten, dass der Unterleib der jungen Frau angeschwollen war. Nun begannen die Gerüchte zu kursieren.

„Within the confined, airless world of the household – a small group of people, not necessarily sympathetic to each other, lacking in occupation, cut off from family, friends and the ‘outer world’ – morsels of gossip were pounced on and devoured.”

Da eine Frau von zweifelhaftem Charakter nichts in der Nähe einer Königin zu suchen hatte, wurde Flora Hastings zu einer peinlichen Untersuchung gezwungen. Die wohlgemerkt männlichen Ärzte stellten zwar ihre Jungfräulichkeit fest, philosophierten anschließend jedoch indiskret im Kreise der Queen und ihrer Ladies darüber, dass trotzdem eine Schwangerschaft vorliegen könnte. Flora Hastings schrieb einen Brief an ihren Onkel, in dem sie sich über die unerhörte Behandlung beschwerte. Und damit schwappte der Skandal vom Hof in die obersten politischen Kreise über.

Die Hastings-Familie gehörte dem politischen Lager der Tories an, die seit 1830 in der Opposition waren. Queen Victoria hatte sich jedoch auf Anraten ihres Premierministers und Mentors Lord Melbourne ausschließlich mit Ladies aus dem Lager der regierenden Whigs umgeben. Die Hastings-Familie entschied sich, den Brief in einer Tory-nahen Zeitung zu veröffentlichen. So wurde, was ursprünglich aus einer persönlichen Animosität zwischen der Königin und ihrer Mutter entstanden war, nun in den Augen vieler eine Konspiration der Whigs gegen die Tories. Und obwohl sich Flora Hastings in dem Brief mit keiner Zeile negativ über Victoria selbst äußerte, sank das Ansehen der Queen in der Öffentlichkeit dramatisch.

„The public could hardly get enough of it all. Sympathies lay firmly with Lady Flora, while the Queen was judged to have behaved harshly and heartlessly. ‘Poor, poor Lady Flora,’ wrote Elizabeth Barret Browning. ‘Was it the Queen’s doing? Do you think she really has no feelings?’ [Thomas] Carlyle judged her to have ‘behaved like a hapless little fool and indeed looks like one now (very strikingly since last year to my sense)’. By early summer Her Majesty, to her great indignation, was being insulted in public. At Ascot she was pursued by cries of ‘Mrs Melbourne’.”

young queen victoria, Kensington Palace

Die Bedchamber Crisis

Am 5. Juli 1839 starb Flora Hastings an einem Lebertumor, wie die anschließende Obduktion ergab. In der Zwischenzeit entwickelte sich eine handfeste politische Krise, die zwar nicht direkt mit der Flora-Hastings-Affäre zu tun hatte, deren Ausgang jedoch maßgeblich von dem Skandal beeinflusst wurde und Queen Victoria einmal mehr nicht im besten Licht zeigt.

Im Mai 1839 trat Lord Melbourne nach einer politischen Niederlage zurück. Robert Peel, der Kandidat der Tories wurde mit der Bildung einer Minderheitsregierung beauftragt.

„The prospect of losing Melbourne, when she had never needed him more, left the Queen distraught: ‚All ALL my happiness gone! That peaceful happy life destroyed, that dearest kind Lord Melbourne no more my Minister!’ How could she bear the Tories, by whom she had felt so attacked over Lady Flora, let alone their leader, Sir Robert Peel, that ‘cold old man’?”

Peel bat die Königin, einige ihrer Whig-Ladies durch Tory-Damen zu ersetzen, um, wie es seit der Etablierung der konstitutionellen Monarchie Tradition war, die Überparteilichkeit des Hofes zu demonstrieren. Victoria, voreingenommen wie sie war, interpretierte „einige“ als „alle“. Sie schrieb Lord Melbourne und dieser unterstützte sie, indem er sie darin bestätigte, dass sie sich ihre Begleiterinnen selbst aussuchen dürfe. Peel zog seine Konsequenzen und lehnte die Regierungsbildung ab. Melbourne kehrte zur großen Freude Victorias zurück, aber nicht für lange. Das Ansehen der Whigs war beschädigt. Bei der nächsten Wahl 1841 gewannen die Tories und Peel wurde doch noch Premierminister.

Zu diesem Zeitpunkt war die Queen bereits mit Albert verheiratet. Der diplomatische Prinz nutzte seinen Einfluss und konnte so eine Wiederholung des Skandals verhindern. Durch die Heirat 1840 und die Geburt des ersten Kindes ziemlich genau 9 Monate später stieg auch Victorias Ansehen im Volk nach und nach wieder an, besonders nachdem Albert es schaffte, den Einfluss Lord Melbournes auf Victoria zu reduzieren.

Victoria and Albert, Kensington Palace

Kate Hubbard: Serving Victoria, Life in the Royal Household

Alle Zitate stammen aus Kate Hubbards „Serving Victoria – Life in the Royal Household“. Die Fotos habe ich im Kensington Palace aufgenommen.

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4 thoughts on “Victoria (4): Die Königin in der Krise

  1. Es ist doch immer wieder auch politisch erhellend, einen Blick in die Schlafgemächer der Herrschenden zu werfen… 😉 Vielen Dank für die interessanten Einblicke, liebe Peggy!

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