Ausgetrickst!

Britain votes for Brexit, Remain-Campaign wants second referendum

„Ich hab Dich ausgetrickst“, sagt der kleine Entdecker wenn er mal wieder erfolglos seine Grenzen ausgetestet hat und einlenken will. Damit will er sagen, dass er das, was er gerade lauthals schreiend abgelehnt hat (also z.B. sich anziehen oder mithelfen, den Frühstückstisch zu decken), eigentlich sowieso machen wollte.

Als der englische Außenminister Philipp Hammond drei Tage nach dem Referendum mitteilte, dass das Referendum eine interne Angelegenheit sei und die britische Regierung selbst entscheidet, ob und wann sie den Antrag für das Ausscheiden aus der EU stellt, hat mich das an meinen 5-jährigen Sohn erinnert. Seit Jahren, nein, seit Jahrzehnten, spielt sich Großbritannien innerhalb der Europäischen Union wie ein Rabauke auf, der ständig seine Grenzen austesten muss. Und nun plötzlich, als er die Grenze überschritten hat, hat man den Eindruck, er würde sich gerne umdrehen und rufen „Ich hab Euch ausgetrickst!“

Ausgetrickst gefühlt haben sich in den ersten Tagen nach dem Votum sicherlich auch einige Leave-Wähler, nicht nur von Nigel Farage und seinen falschen Wahlversprechen, sondern auch von Leave-Campaigner Boris Johnson, der sich mit einem Artikel im Guardian gerne als Einheitskandidat für den gerade freigewordenen Premierminister-Posten präsentiert hätte. Am Ende hat er sich gegen eine Kandidatur entschieden, weil er von seinem Leave-Campaign-Kumpel Michael Gove ausgetrickst wurde, der den Posten selbst gern hätte. Ob dieser durch diesen hinterhältigen Akt im Ansehen seiner Kollegen gestiegen ist, darf allerdings bezweifelt werden.

Die wahrscheinlichste Kandidatin für Camerons Nachfolge ist zurzeit Theresa May. Diese hat zwar, zu meiner damaligen Überraschung, das „Remain“-Lager unterstützt, aber wie sie über Ausländer denkt, habe ich ja bereits hier mal erwähnt. Nun ließ sie verlauten, dass sie die Deportation von in UK lebenden EU-Bürgern in Betracht ziehen würde, wenn dem Land der Zutritt zum europäischen Markt verwehrt wird. Hier stilisiert sich jemand zur zweiten Eisernen Lady.

In London halten die Proteste gegen einen Brexit an. Mittlerweile gibt es sogar eine Dating App für Remainers, frei nach dem Slogen: „Never kiss a leaver“. Ein weiteres Zeichen dafür, wie tief das Land gespalten ist. Einige, wie beispielsweise Kazuo Ishiguro hoffen auf ein zweites Referendum. Sein Artikel in der Wochenendausgabe der Financial Times ist sehr lesenswert. (Bei einer kostenlosen Registrierung kann man bis zu drei Artikel pro Monat lesen. Wer das probieren möchte, es gibt auch noch ein schönes Porträt über Chimamanda Ngozi Adichi in der gleichen Ausgabe.)

Und wie denkt die EU-Expat-Gemeinde darüber? Ich habe mich mal ein bisschen umgehört und auch wenn einige Wenige noch auf eine positive Wende in dem Drama hoffen, haben doch Viele bereits begonnen, über andere Optionen außerhalb von Großbritannien nachzudenken. Die Angst von Theresa May, dass der drohende Brexit dazu führt, dass nun Immigranten aus der EU in Scharen nach UK kommen, bevor die Grenze geschlossen wird (ihr angeblicher Hauptgrund für die Deportationsandrohung), erscheint mir aus dieser Perspektive unbegründet.

London Houses of Parliament

 

 

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24 thoughts on “Ausgetrickst!

  1. mannigfaltiges says:

    Und gerade eben kommt die Meldung das Farage “sein Leben zurückhaben möchte” und zurücktritt. Die Geister, die sie riefen, sind ihnen wohl zu unkontrollierbar geworden.
    Wohin soll das nur führen?
    Viele Grüße,
    Erich

    1. entdeckeengland says:

      Ja, die News kamen gerade durch, als ich beim Schreiben war. Das fällt wohl unter die Rubrik: Aufruhr anzetteln kann jeder, die Konsequenzen tragen aber nicht. Ich würde mich allerdings nicht zu früh freuen. Er ist schonmal zurückgetreten und wiedergekommen… Liebe Grüsse aus dem endlich mal wieder sonnigen London, Peggy

  2. dj7o9 says:

    die Münchner Expats die ich kenne schütteln nur noch den Kopf, hoffen das sich der Brexit noch irgendwie abwenden lässt und eventuell zumindest der heilsame Schock war, der ggf Trump in den USA verhindert.
    Strange times … 😦

  3. anglogermantranslations says:

    Vielleicht bewirbt sich Mr Farage (sollten Hugenotten-Abkömmlinge weiterhin im Land geduldet werden? 😉 ) demnächst in D um Asyl? Dank deutscher Gattin dürfte das möglich sein. Eventuell ist er auch noch jung genug, um die von der SPD für junge Briten in Aussicht gestellt doppelte Staatsbürgerschaft zu erhalten. Mist, ich wollte mich doch eigentlich nie öffentlich zur Tagespolitik äußern. 🙂

    1. entdeckeengland says:

      Hi hi, gut, dass Du Dich geäussert hast. Dieser Tage sieht man mich selten lächeln, wenn ich mir die News anschaue, aber Du hast mir gerade ein Schmunzeln entlockt! Mr Farage als Immigrant! Aber im Ernst: Ich halte das mal wieder für einen PR-Trick (nicht sein erster dieser Art). Er will in den Schlagzeilen bleiben, hat aber keine konstruktiven Vorschläge, wie man aus dem Schlamassel, den er mitgeholfen hat einzubrocken, wieder rauskommt. Ich glaube nicht, dass wir von Farage schon das letzte Wort gehört haben. Aber ich hoffe natürlich, dass ich mich täusche. So ein bisschen Willkommenskultur würde Farage sicherlich gut tun 🙂

  4. Maren Wulf says:

    Nach allem, was ich bisher über ihn gelesen habe, scheint mir der kleine Entdecker mehr Weitsicht zu besitzen als mancher von den tricksenden Politikern auf der Insel. Für ein fundierteres Statement fehlen mir gerade die Worte. Sei herzlich gegrüßt!

  5. Achim Spengler says:

    Das Ganze bekommt so langsam eine “Judy und Punch” Dramaturgie. Nur, dass man dort schon anfänglich weiß, wie es am Ende ausgeht.
    Mr. Farage darf natürlich einreisen, aber nur, wenn er sich auch hier zum Kasper macht.

    1. Pit says:

      Nein, lieber Achim, nicht wenn er sich zum Kasper macht, sondern wenn der ihm auf dem Kopf herumhämmern darf! 😉 So, wie ich das in meiner Jugendzeit immer gesehen habe.

  6. Pit says:

    Ganz schlimm finde ich das, liebe Peggy, dass Politiker so verantwortungslos handeln. Mittlerweile ist der Karren so verfahren, dass – so meine ich jedenfalls – komplette Neuwahlen die beste Lösung wären, insbesondere angesichts der Tatsache, dass ja jetzt bei Tories, Labour und UKip das Führungspersonal ausgetauscht wird. Da sollte sich die Regierung ja wohl vom Volk in einer Wahl bestätigen lassen – oder eben auch nicht.
    Hab’s trotzdem fein,
    Pit

    1. entdeckeengland says:

      Ja, Pit, ich stimme Dir zu, eigentlich muesste es eine Wahl geben. Allerdings sieht das die neue Iron Lady anders, und es waere ja momentan leider keine Partei in der Lage, einen Wahlkampf zu fuehren. Na mal schauen, was das noch wird… Ich wuensch Dir ein schoenes Wochenende, Peggy

  7. Sandra Parsons says:

    Und jeden Tag wird eine neue Petition gestartet. Fehlt eigentlich nur noch, dass die Leute Cameron wieder haben wollen 😉

    Wie Pit schon sagt, das Schlimmste ist eigentlich, dass es solche Politiker gibt, dumm-dreiste Populisten, denen jedes Mittel Recht ist um an die Macht zu kommen, die dann aber rein gar nichts zu bieten haben um das Leben der Menschen besser zu machen. Tja, als die Leaver lauthals nach einem “fundamental change” gerufen haben, haben sie leider vergessen dazu zu sagen, dass es sich um eine Veränderung zum Besseren handeln sollte. Schön dumm!

  8. Wolfgang Schnier says:

    Hallo Peggy! Mich würde einmal eine Aktualisierung der Thematik von einem Insider interessieren. Es rauschte viel im Blätterwald, mittlerweile ist es ruhiger geworden. Aber wie verliefen und verlaufen die Diskussionen in Großbritannien selbst? Hat sich die Spaltung weiter fortgesetzt oder sind einige Protagonisten auf einmal reumütig angesichts des Pund- und Börsenkursverfalls? Wie ist die Stimmung im Land, im Kernland und in Schottland? Vielleicht lohnt sich ja wieder ein aktueller Beitrag zu dem Thema! 🙂

    1. entdeckeengland says:

      Hallo Wolfgang, danke für Deine Nachricht. Ja, die Wahlen in den USA haben alles andere in den Schatten gestellt. Hier hat sich bislang noch nicht wirklich viel Neues ergeben. Noch immer erscheint die Regierung zerstritten und planlos über das weitere Vorgehen. Aber ich schreibe gerne mal einen gesonderten Post über die aktuellen Ent- und Verwicklungen, wie sie sich einem Expat darstellen. Herzliche Grüße aus London, Peggy

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