Mit der Dampflok durch den High Weald

Spa Valley Railway, Groombridge Station

Manche Dinge lassen sich schwer in Worte fassen, zum Beispiel das Gefühl von Freiheit, das sich in mir ausbreitet, wenn ich den Rucksack aufsetze, vor die Tür trete und eine Reise beginne. Ich finde, meinem Rucksack haftet etwas Abenteuerliches an, was vielleicht daran liegt, dass er schon gemeinsam mit mir um die ganze Welt gereist ist. Die Eisenbahnreise, die der Kleine Entdecker und ich mittlerweile das dritte Jahr in Folge unternehmen, ist eigentlich nicht sonderlich abenteuerlich – nicht nur, weil wir uns im beschaulichen England befinden und in zumeist komfortablen B&Bs und Budgethotels übernachten, sondern weil ich die Reise mit relativ großem Aufwand vorbereite.

Eisenbahnreise

Dennoch gibt es Dinge, die sich nicht planen lassen. Dazu gehört zum Beispiel das Wetter, und das ist hier in England bekanntermaßen immer für eine Überraschung gut. Als der Kleine Entdecker und ich am Sonntagvormittag aufbrechen, ist der Himmel eine einzige tiefhängende graue Wolke und bei einer Temperatur von nur knapp 20 Grad frage ich mich, warum ich keinen Sommerurlaub gebucht habe. Weil wir beim Frühstück ein bisschen gebummelt haben, nehmen wir die spätere der beiden Zugverbindungen nach Tunbridge Wells, die ich mir herausgesucht habe. Die Züge fahren zum Glück alle pünktlich, sodass wir hoffentlich ausreichend Zeitpuffer haben, um vom modernen Bahnhof quer durch das Stadtzentrum zur historischen Tunbridge Wells West Station zu laufen.

Spa Valley Railway, Eridge Station

Royal Tunbridge Wells verdankt seine Entstehung einem gewissen Dudley North. Um sich von den Strapazen am Hof James I zu erholen, hielt sich der höfische Unterhaltungskünstler 1606 im High Weald auf und fand dort Heilquellen. Zurück in London berichtete er von seiner Entdeckung und schon bald wurde die Gegend zu einem beliebten Kurbad für die Reichen und Schönen des Landes. Als der Kleine Entdecker und ich in Tunbridge Wells aus dem Zug steigen, hüllt uns ein schwüler Nieselregen ein. Wir ziehen die Kapuzen über den Kopf und die Regenplane über den Rucksack und laufen los. Unser Weg führt uns direkt durch die Pantiles, die georgianische Kolonnade, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Herz der Stadt bildete. Alles um uns herum ist grau und nass. Eiserne Stühle und Tische stehen verlassen vor Cafés, kein Tourist flaniert unter den Säulengängen. Dennoch versprühen die Pantiles Charme und ich bedaure, dass wir keine Zeit zum Verweilen haben. Vielleicht ein andermal.

Spa Valley Railway, Groombridge Station

Der Weg zur Tunbridge Wells West Station ist weiter als ich dachte, und so verfallen wir in einen Laufschritt, um nicht den nur alle 90 Minuten fahrenden Zug zu verpassen – der Kleine Entdecker mit der Leichtigkeit einer Gazelle und ich mit dem schwankenden schweren Rucksack auf dem Rücken wie eine schnaufende Dampflok. Wir erreichen den Bahnsteig gerade noch rechtzeitig. Kaum schnappt der kleine Eisenriegel der Wagontür ins Schloss, da pfeift der Schaffner und es geht los. Die Lok spuckt dicken weißen Dampf und die Augen des Kleinen Entdeckers leuchten auf.

Dampflok der Spa Valley Railway

Die Spa Valley Railway ist eine der vielen historischen Eisenbahnstrecken, die im letzten Jahrhundert der Moderne zum Opfer fielen. Kurz nachdem in Tunbridge Wells West die Gaslichter ausgingen, formte sich jedoch eine Interessengemeinschaft zum Erhalt der historischen Eisenbahn. Und dieser verdanken wir nun eine neun Kilometer lange Zugfahrt durch eine der schönsten Gegenden Englands.

Mit der Spa Valley Railway durch den High Weald

„Weald“ bedeutete im altenglischen und indogermanischen „Wald“, und bis zum Mittelalter war die Gegend trotz der Eisenminen, die schon die Römer hier betrieben, ein dichtes Waldgebiet. Wenn man heute aus dem Zugfenster schaut, sieht man nur noch wenig davon. Aber immerhin ist der Waldbestand im High Weald noch 24,6 Prozent, fast dreimal so hoch wie der Landesdurchschnitt. Über 17 Prozent gelten sogar als ancient forest, also alte Wälder, die seit dem Mittelalter intakt geblieben sind. Deshalb wird der High Weald auch als Area of Outstanding Natural Beauty (AONB) geschützt.

Holzskulptur im Enchanted Forest, Groombridge, England

Da der High Weald auf einem geologischen Sattel liegt, an dem sich die Gesteinsschichten nach oben wölben und aufbrechen, ist die Gegend hügelig und es gibt beeindruckende Felsformationen. Der erste Bahnhof, an dem wir halten, heißt High Rocks. Wer Lust zum Wandern hat, kann hier aussteigen und einem 15 Kilometer langen Rundweg durch die Natur folgen. Mit meinem großen Rucksack bin ich jedoch nicht auf Wander- und Kletterpartien eingestellt. Wir fahren weiter bis Groombridge, wo wir einen Ausflug in den Zauberwald machen. Hier übernimmt der Kleine Entdecker die Führung, denn er war hier schon einmal auf einem Schulausflug und hat mich mit seinem Bericht neugierig gemacht.

Waldspaziergang: Kleiner Entdecker übernimmt die Führung im Enchanted Forest, Groombridge, England

Groombridge Place existiert seit 1230, die mittelalterliche Burg wurde 1662 durch das Herrenhaus ersetzt, das noch heute in privater Hand ist. Die Ländereien sind seit 1990 öffentlich zugänglich und wurden in einen Abenteuerspielplatz der besonderen Art umgewandelt. Der Weg durch den Enchanted Forest führt zu mystischen Teichen, auf Robinson Crusoes Insel, zum fahrenden Volk und auf andere verschlungene Pfade. An Wochenenden und in der Hauptferienzeit gibt es hier jede Menge Aktivitäten. Wir aber teilen uns den ganzen verwunschenen Wald mit wenigen anderen Familien. Und verwunschen wirkt er tatsächlich im Dämmerlicht der hohen Baumkronen. Ein toller Ausflug für Kinder oder Autoren, die Inspirationen für Fantasy Romane suchen.

 

Körperlich verausgabt, aber angefüllt mit fantastischen Eindrücken fahren wir mit dem Zug nach Buxted, wo wir, nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt, im sehr zu empfehlenden Buxted Inn übernachten.

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17 thoughts on “Mit der Dampflok durch den High Weald

  1. Pit says:

    Hallo Peggy,
    schön, dass Ihr trotz des Beginns im Nieselregen einen feinen Tag hattet. Und auf/mit einer historischen Eisenbahn. Mag ich auch sehr. Aber ich bin erst einmal mit einer gefahren. Das war auch in England, mit der Severn Valley Railway von Kidderminster nach Bridgnorth und zurueck. Hat unheimlich Spaß gemacht. Wenn es Dich interessiert, schau doch mal in mein “Bilderbuch Blog. Ab hier [http://tinyurl.com/gp42y4v] gibt es den Tag mit der Severn Valley Railway in Einzelbildern. Ist etwas mühselig, sich da durchzuklicken, aber in dem Blog poste ich fast ausschließlich Einzelbilder.
    Ich freue mich schon auf weitere Berichte von Eurem Urlaub.
    Macht’s gut, und liebe Grüße,
    Pit

    1. entdeckeengland says:

      Hi Pit, das war ja jetzt eine schöne Feierabendlektüre 😉 Hab heute ziemlich lange an einem Corporate-Blog-Konzept für einen Kunden gearbeitet. Da war es schön, jetzt nochmal in die Idylle abzutauchen 🙂 Das Wetter war ja bei Euch damals scheinbar sehr ähnlich. Zum Glück ist es bei uns im Verlauf der Reise immer besser geworden. Die Zuglinie werde ich mir auf jeden Fall für zukünftige Reiseplanungen vormerken. Danke für den Tipp. Viele Grüsse, Peggy

      1. Pit says:

        Hallo Peggy,
        es freut mich, dass Dir dieser Teil meines Blogs so gut gefallen hat. Diese Eisenbahnlinie ist es mit Sicherheit wert, dass Du sie Dir merkst, ganz besonders auch deswegen, weil sie auf der Mitte der Strecke ein prima Museum haben. Wir hatten damals übrigens unheimlich Glück, dass gerade eine besondere Ausstellung war, mit mehr Zug- und sonstigem Material als üblich.
        Unser Wetter auf der Narrowboat Tour war übrigens sehr unterschiedlich – von strahlendem Sonnenschein bis eisig kaltem Regen. Letzteren aber nur ganz kurz. Insgesamt war das einer der schönsten Englandurlaube, den ich je gemacht habe – wenn nicht sogar DER schönste.
        Ich könnte mir übrigens vorstellen, dass das auch etwas für den Kleinen Entdecker wäre – so an Bord und bei den Schleusen mitzuhelfen. Wir hatten damals für einen Tag eine ehemalige englische Kollegin [die mit mir zusammen lange Zeit Schüleraustausch organisiert hat] mit ihren Kindern dabei, und vor Allem dem Jungen hat es riesigen Spaß gemacht [http://tinyurl.com/h6fqvc8].
        Gerade diese Rundstrecke [Wotton Wawen – Stratford – Tewkesbury – Worcester – Kidderminster – Birminghal – Worcester – Wotton Wawen] fand und finde ich ganz für einen Urlaub auf einem Narrowboat ideal, weil sie in zwei Wochen gut machbar ist und England in seiner ganzen Breite [ländlich, dörflich, großstädtisch und industriell] zeigt. Ja, jetzt bin ich wieder ins Schwärmen geraten! 😉
        Mach’s gut und liebe Grüße,
        Pit

      2. entdeckeengland says:

        Hi Pit,
        ja die Narrowboat Tour ist mir auch schon ins Auge gefallen. Das wäre ganz sicher etwas, auch für den Großen Entdecker.
        Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende, Peggy

  2. Maren Wulf says:

    Herrlich, Peggy! Das nächste Abenteuer liegt gleich um die Ecke. In der Gegend von Tunbridge Wells bin ich auch schon gewandert (mit dem Time Out Book of Country Walks near London), aber ich muss wohl noch einmal hin, in den Zauberwald…

    1. entdeckeengland says:

      Danke, Maren. Dieser Enchanted Forest ist auch einzigartig. Die Zielgruppe sind definitiv Kinder, aber weil er mitten im Wald liegt und auf Fahrgeschäfte und ähnliche künstliche Action verzichtet, hat er richtig Charme. Ich wäre auf diese Perle gar nicht gestoßen, wenn der Kleine Entdecker dort nicht einen Schulausflug hingemacht hätte und so begeistert davon gewesen wäre. Der Schulausflug sollte übrigens der Ideenfindung fürs Creative Writing dienen. Ganz liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende, wünscht Dir Peggy

      1. Maren Wulf says:

        Mir scheint, nicht nur ihr sondern auch die Schule öffnet dem Kleinen Entdecker eine Menge Türen und Schubladen. Wie schön! Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende!

    1. entdeckeengland says:

      Sehr gern geschehen, lieber Achim. Während ich die Fotos so aussortiere und die Reise aufarbeite, bekomme ich selbst schon wieder Lust auf die Weiterreise. Aber das muss wohl wieder ein Jahr warten. Ganz liebe Grüsse, Peggy

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