The Lodge: Virginia Woolf's writing room

Monk’s House: Zu Besuch bei Virginia Woolf

Sonne flutet das Anwesen in den South Downs. Hinter Obstbäumen, hohen Lupinenbüschen und überwucherten Mauern kommen sie hervor und lassen sich auf dem Gras und auf den warmen Steinen nieder. Das erwartungsvolle Murmeln ebbt ab. Eine Theateraufführung im Garten – darum geht es in Virginia Woolf’s letztem Roman „Between the Acts“. Und unser Besuch in Monk’s House – dem Landhaus, in dem die Schriftstellerin bis zu ihrem Freitod im Jahr 1941 lebte – beginnt mit einer Lesung aus genau diesem Buch, das wie kein anderes von der Landschaft und dem Leben in den South Downs geprägt ist.

Lesung im Garten von Monk's House

Virginia und ihr Mann Leonard kauften Monk’s House in dem Dörfchen Rodmell im Juni 1919, nachdem ihnen ihr vorheriges Landhaus in Asheham vom Vermieter gekündigt wurde. Virginia kam aus einer gutsituierten bürgerlichen Familie, für die es selbstverständlich war, die Sommermonate auf dem Land zu verbringen. Üppig lebten die Woolfs jedoch nicht, und Monk’s House war alles andere als luxuriös.

„The kitchen is distinctly bad. There’s no oil stove, & no grate. Nor is there hot water, nor a bath, & as for the E.C. [earth closet] I was never shown it. These prudent objections kept excitement at bay; yet even they were forced to yield place to a profound pleasure at the size & shape & fertility & wildness of the garden.”

Monk's House, Virginia Woolf's Home

Virginia hatte vier Jahre zuvor ihren ersten Romanerfolg mit „The Voyage Out“ und las 1919 ihr zweites Buch „Night and Day“ Korrektur. In den nächsten Jahren renovierten die Woolfs Monk’s House Schritt für Schritt aus den Einkünften, die Virginia mit ihren Romanen erzielte. „Mrs. Dalloway“ brachte ein Bad und zwei WCs ein, eines davon wurde fortan „Mrs Dalloway‘s Lavatory“ genannt. Mit den Einnahmen von „To the Lighthouse“ kauften sie sich ein Auto und konnten nun auch an Wochenenden schnell mal nach Rodmell fahren. „Orlando“ ermöglichte es Virginia, ein eigenes Arbeitszimmer anzubauen, eine Entscheidung, die sie in ihrem Essay „A Room of One’s Own“ verarbeitete, der ihr die Aufmerksamkeit der Frauenbewegung einbrachte.

A room of one's own: Virginia Woolfs bedroom in Monk's house

Das Schreiben ging ihr dort jedoch nicht so recht von der Hand:

„I cannot write naturally in my new room, because the table is not the right height, & I must stoop to warm my hands. Everything must be absolutely what I am used to.”

So wurde der Raum nach einiger Zeit zu Virginias Schlafzimmer, und zum Schreiben ließ sie eine kleine Lodge im Garten errichten. Hier befindet sich Virginias Schreibtisch, Bleistift und Brille auf einigen Bögen Papier abgelegt, als wäre sie nur kurz vor die Tür getreten, um sich bei einem Blick in die Wildness Inspiration für den nächsten Satz zu holen. Allerdings dürfen wir als Besucher das Arbeitszimmer nur durch eine Glasscheibe betrachten, was das Fotografieren nahezu unmöglich macht.

The Lodge: Virginia Woolf's writing room

Das Haus war ursprünglich einstöckig, aber die Woolfs stockten es auf, als ihre Einnahmen es zuließen. Besucher können die unteren Etagen besichtigen. Hier reihen sich schmale Zimmer unter tiefen Deckenbalken aneinander. Die kleinen, teils durch hohe Büsche verdeckten Fenster tauchen die Räume in ein schummriges Licht. Gemütliche Sessel laden dazu ein, sich niederzulassen und in einem der vielen Bücher zu stöbern. Die Wände hatte Virginia ursprünglich selbst gelb, grün und granatapfelrot angestrichen. Die Möbel und das Geschirr kamen zum großen Teil aus den Omega Workshops, die von Roger Fry, einem der Bloomsbury-Freunde geführt wurden und für die ihre Schwester Vanessa Bell und deren Lebensgefährte Duncan Grant als Designer arbeiteten. Heute hängen im Haus auch viele Zeichnungen und Gemälde von Künstlern der Bloomsbury Group.

Virginia Woolf's sitting room in Monk's House

Das Leben der Woolfs in Monk’s House folgte einer ruhigen Routine: Nach dem Frühstück, so gegen 10 Uhr setzten sich beide an ihre Schreibtische und arbeiteten bis 13 Uhr. Sie beschäftigten eine Köchin aus dem Dorf, sodass sie sich um so Triviales wie Kartoffeln schälen und Gemüse dünsten nicht sorgen mussten. Nach dem Mittagessen ging Virginia spazieren. Später kümmerten sich beide um ihr Druckerei- und Verlagsgeschäft. Zum Tea kamen häufig Gäste. Virginias Schwester wohnte mit ihrer Familie nur wenige Meilen entfernt und auch andere Bloomsbury-Freunde hatten Häuser in der Nähe. Abends saßen die Woolfs gemütlich in ihrem Wohnzimmer, hörten Musik und lasen Bücher

Reclining Nude by Duncan Grant in Monk's House

Bei schönem Wetter spielten sie auf dem Rasen hinter dem Garten Boule. Virginia und ihre Schwester waren seit Kindheitstagen leidenschaftliche Boule-Spieler. Und auch Besucher können sich, wie hier der Kleine Entdecker, im Zielwerfen der schweren Kugeln versuchen.

Playing bowls in Virginia Woolf's Garden

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs machten die Woolfs Monk’s House zu ihrer Hauptresidenz. Während ihr Haus in London Bloomsbury dem Blitz zum Opfer fiel, planten sie ihren gemeinsamen Selbstmord, sollten die Nazis in Großbritannien einmarschieren. So schlimm kam es zum Glück nicht. Dennoch spürte Virginia im Januar 1941, wie sich die Depressionen, unter denen sie seit der Pubertät immer wieder gelitten hatte, verschlimmerten. Sie befand sich gerade in der Korrekturphase von „Between the Acts“. Die Zeit zwischen der Beendigung eines Romans und seiner Veröffentlichung waren für Virginia schon immer eine Zeit der Selbstzweifel, die mehr als einmal in Nervenzusammenbrüchen geendet hatten. Hinzu kam, dass Sie sich angesichts des Grauens, in das Europa versank, nutzlos fühlte. Sie begegnete dieser Gefahr, wie sie ihr immer begegnet war: durch Arbeit und strikte Routine. Aber am 28. März 1941 konnte sie es jedoch nicht mehr ertragen. Sie schrieb Leonhard, der sie liebevoll durch alle schweren Phasen begleitet hatte, einen Abschiedsbrief:

„I am wasting your life … All I want to say is that until this disease came on we were perfectly happy. It was all due to you. No one could have been so good as you have been. From the very first day till now.”

Leonard Woolf - bust in the garden of Monk's House

Sie packte sich Steine in ihren Mantel und ging in die Ouse. Ihre Leiche wurde erst drei Wochen später gefunden und Leonhard vergrub ihre Asche wie vereinbart im Garten von Monk’s House. Leonhard verbrachte die nächsten 28 Jahre bis zu seinem eigenen Tod damit, Virginias Werk, inklusive ihrer Briefe und Tagebücher aufzuarbeiten.

Virginia Woolf painted by Vanessa Bell

Monk’s House kann Mittwochs bis Sonntags von 13 bis 17 Uhr besichtigt werden. Der Ausflug lässt sich mit einer Wanderung in den South Downs kombinieren. Eine Stärkung gibt’s im nahegelegenen Pub „The Abergavenny Arms“

Monk's House, home of Virginia Woolf in Sussex

Die Zitate und Informationen über Virginia Woolfs Leben habe ich der Virginia-Woolf-Biografie von Alexandra Harris entnommen. Das 170 Seiten kurze Buch, das sehr schön bebildert ist, kann ich wärmstens empfehlen.

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29 thoughts on “Monk’s House: Zu Besuch bei Virginia Woolf

  1. Liebe Peggy,
    Du hast ja schon hier und dort mit einigen Fotos eine Spur gelegt – und nun der komplette Beitrag! Das sieht alles so liebevoll gepflegt aus, als sei sie noch dort – und irgendwie wird einem noch schwerer ums Herz, dass jemand, der so krank ist, diese Schönheit nicht ganz und gar genießen kann bzw. dass sie die Person nicht mit Lebensfreude ansteckt…
    Ach ja, länger ist es her, dass ich Virginia Woolf gelesen habe, aber Du machst Lust darauf. Und danke für den Hinweis auf die Harris-Biographie. Gibt es diese in deutscher Übersetzung?
    Liebe Grüße von der begeisterten und knieverletzungsfreien Birgit

    1. Liebe Birgit, es ist ein wirklich schöner Ort und die stündlichen Lesungen im Garten schaffen nochmal eine besondere Atmosphäre. Nach meiner Lektüre glaube ich, dass Virginia Woolf durchaus das Leben genießen konnte. Sie hatte definitiv Humor. Die Depressionen kamen in Schüben. Heutzutage hätte man sie behandeln können. Ich habe mal schnell gegoogelt und eine deutsche Übersetzung gefunden: https://steidl.de/Buecher/Virginia-Woolf-0609162224.html
      Liebe Grüße
      Peggy

  2. Ein ganz toller Beitrag, der wunderbare Erinnerungen an meinen Ausflug weckt. Falls es Dich nochmal in die Ecke verschlagen sollte, schau Dir auf jeden Fall noch Tilton House an und ihr müsst ein Bier trinken im Ram Inn – ein ganz wunderbarer Pub, in Firle. Hmmmmm, jetzt will ich sofort wieder los. Komm wir treffen uns da im Pub und ich geb ne Runde “Burning Sky” aus 😉

  3. Immer wieder schön, mit dir durch England zu streifen und Ecken zu entdecken, die ich nicht kenne. Würde mich dann Sabine anschließen und mitkommen 🙂 LG Anna

  4. Peggy, das war höchst interessant zu lesen und ein sehr schöner Einblick in das Leben des Ehepaar Woolf sowie die Arbeit von Virginia. Speziell die Arbeitsweise und die Gepflogenheiten im Monk’s House, sei es nun zu Zeiten, als es noch reine Sommerresidenz war oder später nach Kriegausbruch als Hauptwohnsitz.
    Schön auch zu verfolgen, wie Haus und Ausstattung mit zunehmenden Einnahmen durch ihre Werke sich langsam (positiv) veränderten. Wie aber doch jeder so seine festen Punkte, Rituale etc. braucht, um kreativ schaffen oder sich nur konzentrieren zu können!
    Es ist wirklich traurig, dass man ihr damals offenbar nicht helfen konnte und ihre Depressionen ihr jeglichen Lebensmut und -willen nahmen. Dieses Porträt von ihr auf einem deiner Fotos … so traurige Augen. Man entdeckt oft bei Menschen mit Depressionen, gerade, wenn diese in Schüben auftreten, dass sie (wie du auch in einem Kommentar schreibst) trotz allem Humor haben, lustig sein können. Speziell in den “besseren” Phasen. Mir ist nur aufgefallen, dass selbst dann ein Lachen nur in ganz seltenen Fällen die Augen erreicht …

    Mit hat dein Beitrag sehr gefallen!
    Liebe Wochenendgrüße aus Hamburg!
    Michèle

    1. Hab lieben Dank, Michele. Das Thema Depressionen ist ja immer noch ein sehr schwieriges Thema in der Gesellschaft, obwohl es in den letzten Jahren sehr viel mehr Aufklärung gibt. Bei meinen Recherchen zu dem Artikel habe ich auch gelesen, dass das Vorurteil, dass der Grad zwischen Genie und Wahnsinn sehr schmal ist, auch nicht gerade zum Verständnis beiträgt, dass es sich bei Depressionen um eine Krankheit handelt. Liebe Grüße aus der Uckermark, wo ich die letzten Tage der Sommerferien genieße, zumal das Sommerwetter ja nochmal zurückkehrt.

  5. Liebe Peggy,
    vielen Dank für diesen wundervollen Beitrag über eine faszinierende Schriftstellerin. Er ist sehr gut geschrieben! Auch in meinem Zimmer steht ein Wälzer von Virginia Woolf. Ich habe erst letztens einen Film über ihr Leben gesehen und war so beeindruckt, dass ich mir gleich sämtliche Werke beschafft habe. Da bekommt man mal wieder Lust, sich damit eingehender zu beschäftigen.

    Liebe Grüße
    Steffi

      1. Ja, der Film heißt “The hours” mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman. Ich fand ihn sehr berührend, aber er ist schon ziemlich deprimierend.

      2. Ja, den habe ich auch gesehen, die Verbindung der Erzählstränge ist klasse. In der Biografie, die ich gelesen habe, wurde allerdings kritisiert, dass Virginia Woolf sehr einseitig und humorlos dargestellt wurde. In Wirklichkeit war sie oft in Gesellschaft, liebte Klatsch und Tratsch auszutauschen und hat sogar Witze über ihre eigene Krankheit gemacht, sinngemäß: Da ich insgesamt 5 Jahre an meine Krankheit verloren habe, bin ich eigentlich erst 35. Ich glaube, sie war eine wirklich starke Frau.

      3. Ja genau darum finde ich sie auch so faszinierend. Filmbiografien sind ja immer schwierig. Ich fand sie aber auch sehr düster dargestellt. Wie heißt das Buch, das du gelesen hast denn?

  6. Da will ich hin, da muss ich mal sein 🙂 Und mit Schrecken fällt mir in Erinnerung, dass ich 1980, auf Vancouver Island, das erste und bislang letzte Buch von ihr gelesen habe: “To the Lighthouse”. Zeit, mehr von ihr zu lesen. Lieben Dank für deine erhellenden Ausführungen.

    Gruß nach London (oder immer noch Uckermark?)

    Achim

    1. Ein sonniges Hallo aus der Uckermark! Die letzte Hitzewelle nehme ich noch hier am See mit, bevor nächste Woche wieder die Schule beginnt. Ich lese übrigens auch gerade “To the Lighthouse” und werde demnächst hier auf dem Blog berichten. Ich habe auch “Mrs Dalloway” gelesen, das zu einem Spaziergang durch London einlädt. Nach der Lektüre von Virginia Woolfs Biografie gibt es aber noch einige Bücher von ihr, die ich gerne lesen möchte. Monk’s House kann ich Dir wärmstens empfehlen. Es liegt nicht weit entfernt von der hübschen Stadt Lewes. Liebe Grüße, Peggy

  7. Ein toller Beitrag, Peggy, ich kann mich nur meinen Vorkommentatorinnen anschliessen.
    Vielleicht schaffen wir es auch einmal, Monk’s House zu besuchen. Ich hoffe es.
    Viele Grüße von Susanne

    1. Danke, liebe Susanne. Vielleicht hast Du ja mal Gelegenheit, Südengland zu erkunden. Auf unserer Eisenbahnreise war ich überrascht, wie viele schöne und sehenswerte Städte es gibt. Herzliche Grüße, Peggy

  8. Ich bin gerade in Irland und fühle mich beim Ansehen Deiner Fotos, als sollte ich mal “rüberhopsen”. Die Fotos und Dein Bericht sind ganz wunderbar unterhaltsam, informativ und einladend zusammengefasst. Viele Dank dafür, hat mir am heutigen Morgen viel Freude und Lust auf mehr Reisen gemacht!

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