Leuchtturm

Virginia Woolf: To the Lighthouse

Lily Briscoe hat ein Problem. Sie will die Familie Ramsay in ihrem Sommerhaus portraitieren, aber die Bildkomposition will ihr einfach nicht gelingen. Ist es ihr eigenes Unvermögen? Stimmt es, was Mr. Tansley, ein weiterer Gast im Sommerhaus der Ramsays, sagt, dass Frauen weder schreiben noch malen können?

In ihrem fünften Roman „To the Lighthouse“ aus dem Jahr 1927 seziert Virginia Woolf das Familienleben der Ramsays und einiger ihrer Gäste. Sie schaut hinter die Fassade des Familienidylls und offenbart die unterschiedlichsten Konflikte. Die Geschichte beginnt damit, dass James, der jüngste Sohn der Ramsays, einen Ausflug zum Leuchtturm machen möchte, der auf einem Felsen ein Stück vor der Küste steht. Die Frage ist, ob das Wetter mitspielt.

„Yes, of course, if it’s fine tomorrow,“ said Mrs Ramsay.

“But,” said his father, stopping in front of the drawing-room window, “it won’t be fine.”

Diplomatie ist offenbar nicht Mr. Ramsays Stärke und damit löst er sowohl bei seiner Frau als auch bei seinem sechsjährigen Sohn Ärger und Wut aus, die natürlich, wie es sich bei wohlerzogenen Menschen gehört, nicht nach außen getragen werden. Wie in anderen Virginia-Woolf-Romanen auch, sind die Dialoge eher spärlich gesät. Stattdessen taucht die Autoren in die Gedankenwelt ihrer Charaktere ein, und das klingt dann so:

„If she finished [the stocking she was knitting] tonight, if they did go to the Lighthouse after all, it was to be given to the Lighthouse keeper for his little boy, who was treated with a tuberculous hip; together with a pile of magazines, and some tobacco, indeed whatever she could find lying about, not really wanted, but only littering the room, to give those poor fellows who must be bored to death sitting all day with nothing to do but polish the lamp and trim the wick and rake about on their scrap of garden, something to amuse them. For how would you like to be shut up for a whole month at a time, and possibly more in stormy weather, upon a rock the size of a tennis lawn?”

Indem sich Virginia Woolf abwechselnd in die Gedankenwelt der einzelnen Romanfiguren versetzt, gelingt es ihr, die Komplexität des menschlichen Charakters nachzuzeichnen. Es gibt kein Gut oder Böse. Es gibt nur unterschiedliche Perspektiven, individuelle Wünsche und äußere Zwänge. Während Mr. Ramsay zum Beispiel aus Lily Briscoes Sicht ein Egomane ist, der seiner Frau die letzte Energie raubt, und während Mrs. Ramsay sich über die Insensibilität ihres Mannes gegenüber ihrem kleinen Nesthäkchen James ärgert, wälzt der von der viktorianischen Zeit geprägte Intellektuelle seine ganz eigenen Probleme:

„She knitted with a firm composure, slightly pursing her lips and, without being aware of it, so stiffened and composed the lines of her face in a habit of sternness that when her husband passed, though he was chuckling at the thought that Hume, the philosopher, grown enormously fat, had stuck in a bog, he could not help noting, as he passed, the sternness at the heart of her beauty. It saddened him, and her remoteness pained him, and he felt, as he passed, that he could not protect her, and, when he reached the hedge, he was sad.”

Zugegeben, man muss Virginia Woolfs Prosa mögen, um den Roman in all seinen Facetten zu genießen. Und die Facetten sind zahlreich. Hier geht es nicht nur um die Tücken des ehelichen Zusammenlebens. Generationskonflikte werden aufgezeigt, die Beziehungen zwischen Mann und Frau immer wieder zwischen den verschiedenen Romanfiguren neu austariert. Damit ist „To the Lighthouse“ am Puls der damaligen Gesellschaft. Der erste Teil des Buches spielt um das Jahr 1910, als die Frauenbewegung in Großbritannien unter Emmeline Pankhurst ihren radikalen Höhepunkt erreichte. Und Ethel Smyth, eine Wegstreiterin von Emmeline Pankhurst und enge Freundin von Virginia Woolf, verstärkte in den langen Gesprächen und Briefen sicherlich die eigenen Emanzipationsbestrebungen der Autorin. Während sie den Roman schrieb, befand sich Virginia Woolf darüber hinaus in einer erotischen Beziehung mit Vita Sackville-West, was ihrer Sicht auf die Themen Ehe und Frauen noch eine zusätzliche Dimension gab.

„I am writing to a rhythm and not to a plot.“ (aus einem Brief an Vita Sackville-West)

Dennoch ist das Buch leise, denn das meiste spielt sich in den Köpfen der Protagonisten ab. Es gibt keine wilden Auseinandersetzungen, keinen dramatischen Plot. Mit ihrer „Stream-of-Consciousness“-Technik setzte Virginia Woolf neue Maßstäbe in der Literatur. Sie komponierte ihre Romane. Und genauso wenig, wie man sich Wagners „Ring der Nibelungen“ auf dem Weg zu Arbeit über den Stöpsel im Ohr anhört, ist „To the Lighthouse“ kein Buch, das man schnell zwischendurch liest. Es ist zwar mit seinen knapp 240 Seiten (Penguin-Ausgabe von 1964) schnell gelesen, aber es erfordert eine gewisse Ruhe, um einzutauchen und sich ganz der Musik der Worte hinzugeben.

Besonders tief resoniert diese Melodie im zweiten Teil des Buches „Time passes“. Mrs. Ramsay stirbt und hinterlässt einen verstörten Mr. Ramsay. Während des Ersten Weltkrieges fällt Sohn Andrew. Tochter Prue stirbt im Kindbett. In dieser Zeit steht das Sommerhaus auf der Isle of Skye leer und ist den Angriffen der Witterung schutzlos ausgeliefert.

„Night after night, summer and winter, the torment of storms, the arrow-like stillness of fine weather, held their court without interference. Listening (had there been anyone to listen) from the upper rooms of the empty house only gigantic chaos streaked with lightning could have been heard tumbling and tossing, as the winds and waves disported themselves like the amorphous bulk of leviathans whose brows are pierced by no light of reason, and mounted one on top of another, and lunged and plunged in the darkness or the daylight (for night and day, month and year ran shapelessly together) in idiot games, until it seemed as if the universe were battling and tumbling, in brute confusion and wanton lust aimlessly by itself.”

Zehn Jahre später kommen die überlebenden Familienmitglieder und ihre Freunde aus alten Tagen im dritten Teil des Romans wieder zusammen. Das Haus wurde zuvor von lokalen Frauen wieder zum Leben erweckt. Mr. Ramsay will nun endlich den Ausflug zum Leuchtturm machen. Der mittlerweile 16-jährige James sollte sich freuen. Aber aus dem trotzigen 6-Jährigen ist mittlerweile ein Pubertierender geworden. Generationenkonflikte verändern sich, aber lösen sich nie auf.

Auch Lily Briscoe ist wieder zu Gast und beobachtet vom Garten des Sommerhauses, wie sich das Boot mit den Ausflüglern dem Leuchtturm nähert. Ob sie es dieses Mal schafft, das Porträt zu beenden?

Fazit: Ein empfehlenswertes Buch für alle, die ein bisschen Muße haben und Lust, sich auf neue Perspektiven und Gedankengänge einzulassen.

Leuchtturm

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13 thoughts on “Virginia Woolf: To the Lighthouse

  1. Du beschreibst sehr schön die stille Sprache, die Beobachtungsgabe, die ich bei meinen flüchtigen Begegnungen bisher mit dem Werk von Virginia Woolf auch als bemerkenswert empfand. Und ich blinzele so mit einem kleinen schlechten Gewissen auf die vier Bücher, die ich von ihr im Regal habe und den nicht umgesetzten Vorsatz, das Buch parallel zu Deiner Lektüre zu lesen – wie immer kam immer was dazwischen. Aber der Leuchtturm strahlt ja weiter und motiviert nach Deiner Besprechung erneut.

    1. Laut Guardian gehört es wohl auch zu den 10 bedeutendsten britischen Werken, wobei ich persönlich nicht allzu viel auf solche Listen gebe. Mir hat es jedenfalls sehr gefallen, sowohl sprachlich als auch aufgrund der Themen, die hier in recht philosophischer Weise aufgearbeitet werden.

  2. Der strahlende Leuchtturm hat dazu geführt meinen mal wieder aus dem Regal und in den SUB zu schupsen. Werde euch demnächst mal wieder von dort oben winken 🙂

  3. “Es gibt kein Gut oder Böse. Es gibt nur unterschiedliche Perspektiven(…)”. Das hast Du fein herausgearbeitet.

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