Exploring the inside of Battle Abbey

Battle: Ein Besuch auf dem Schlachtfeld von 1066

Der Ort wirkt unscheinbar für seine historische Bedeutung. Häuser mit niedlichen Fensterfronten und vielen Schornsteinen, Tea Rooms, einige bekannte Modeketten und Läden, die zum Gucken und Stöbern einladen. Dabei klingt der Name der englischen Kleinstadt alles andere als beschaulich: Battle. Benannt ist sie nach der wohl wichtigsten Schlacht der englischen Geschichte – dem Battle of Hastings, der am 14. Oktober 1066, also heute vor 950 Jahren stattgefunden hat.

Das Torhaus von Battle Abbey dominiert die Stadt
Das Torhaus von Battle Abbey dominiert die Stadt

Im Januar 1066 war King Edward the Confessor gestorben. Daraufhin wählte der Adel Harold Godwinson zum König. Harolds Anspruch auf die Krone mag angelsächsischer Tradition entsprochen haben, aber es gab noch zwei weitere Thronanwärter, die bereit waren, ihren Anspruch auch mit Gewalt durchzusetzen. Der erste war König Harald Hardrada von Norwegen. Der Wikinger fiel mit seinen Männern Anfang September 1066 in Nordengland ein. Harold Godwinson stellte in Windeseile eine Armee auf, marschierte nach Norden und schlug die Wikinger am 25. September 1066 bei Stamford Bridge in Yorkshire in die Flucht. Drei Tage später landete Wilhelm, Herzog der Normandie, am anderen Ende der Insel.

Mittelalterliche Karte von Europa
Die Welt um 1066

Wer weiß, ob zu diesem Zeitpunkt in Harolds Lager noch der Siegestaumel überwog oder die Angst vor dem berühmt-berüchtigten Normannen, der bei seinem Unterfangen immerhin vom Papst unterstützt wurde. Vielleicht erinnerten sich die Männer wieder an das böse Omen kurz nach der Krönung Harolds, als mehrere Tage lang ein Stern mit einem hellen Schweif wie ein silbernes Schwert vom Himmel herab zu drohen schien. Heute kennen wir ihn als Halleyscher Komet, aber im Mittelalter konnte eine solche Erscheinung noch Glaubenswelten erschüttern. Jedenfalls gönnte King Harold sich und seinen Leuten keine Rast. In einem Gewaltmarsch zog die Armee zur Südküste.

Visitor Centre of Battle Abbey
Im Informationszentrum können Besucher in die Welt von 1066 eintauchen

Wilhelm hatte in der Zwischenzeit im alten römischen Fort von Pevensey, wo er gelandet war, eine normannische Festung errichtet. Als ihn die Nachricht erreichte, dass Harold nach Süden marschierte, zog er ihm entgegen. Am Abend des 13. Oktober 1066 schlugen die beiden Armeen in Sichtweite zueinander ihr Nachtlager auf. Auf beiden Seiten war es still. Harolds Armee war erschöpft, aber durch den Sieg an den Wikingern motiviert. Wilhelms Männer befanden sich zwar auf unbekanntem Terrain, glaubten aber fest daran, dass sie Gott auf ihrer Seite hatten. Ob aus praktischen Erwägungen oder aufgrund eines ritterlichen Ehrenkodex, es gab keinen nächtlichen Überfall.

View across the battlefield from 1066
Battle Abbey steht dort, wo die Kampflinie der Angelsachsen verlief und wo das meiste Blut vergossen wurde

Kurz nach Sonnenaufgang begannen die Soldaten, sich pflichtgemäß in langen Reihen gegenüberzustellen. Schätzungen zufolge zählten beide Armeen zwischen 5.000 und 7.000 Mann, bei einer Gesamtbevölkerungszahl in England von etwa 1,5 Millionen Menschen eine mächtige Streitmacht. Die Gefechtslinie war vermutlich knapp einen Kilometer lang. Die Angelsachsen standen auf einer Anhöhe, dicht beieinander, die breiten Schilde wie eine Festung. Wilhelm wollte die Krone? Dann musste er sie sich holen. Für die normannischen Ritter war diese Konstellation nicht ideal. Bergauf kämpfte es sich schwer, und die Soldaten waren ein leichtes Ziel für die angelsächsischen Bodenschützen. Gegen 9 Uhr erschollen die Trompeten. Das Startsignal – mochte der Bessere gewinnen.

View across the battlefield from Harold's perspective
Der Blick über das Schlachtfeld aus Harolds Perspektive

Im Mittelalter waren Kämpfe meist schnell erledigt, denn die Last der Rüstungen raubte den Männern Kraft. Nicht so beim Kampf zwischen Wilhelm und Harold. Wilhelms Männer ritten Angriff um Angriff, aber der Schildwall der Gegner hielt stand. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und das Schlachtfeld hatte sich bereits in einen Morast aus Blut und Erde verwandelt, da machte ein Gerücht die Runde: Wilhelm war gefallen! Einige normannische Soldaten gerieten in Panik und traten den Rückzug an. Jetzt sahen die Angelsachsen ihre Chance zum Angriff. Sie brachen aus dem schützenden Schildwall aus und verfolgten die Fliehenden. Ein fataler Fehler. Wilhelm, als er von den Entwicklungen am Westflügel seiner Armee hörte, riss sich den Helm vom Kopf und stürzte sich ins Getümmel. „Ich lebe! Ich lebe noch!“ Als seine Soldaten ihren Kommandanten sahen, verflog die Angst. Sie scharten sich um Wilhelm und stießen in die nun offene Flanke der Angelsachsen.

Harold Godwinson's place of death in Battle Abbey
Ein Sandstein markiert, wo Harold damals fiel und wo später der Hochaltar der Kirche errichtet wurde

Der Fortschritt war nur von kurzer Dauer. Bald stand der Schildwall wieder und ließ die Angriffe der Normannen abprallen. Noch zwei Mal griff Wilhelms Armee in die gleiche Trickkiste, und beide Male tanzten genug Angelsachsen aus der Reihe, um den Normannen einen Vorstoß zu ermöglichen. Die Sonne verschwand schon hinter den Baumkronen des High Weald, und die Armeen von Wilhelm und Harold kämpften noch immer in grimmiger Umarmung. Da fegte ein Pfeil Harold vom Pferd. Ohne ihren Anführer gaben die Angelsachsen ihren Widerstand auf und flohen. Die Normannen setzten ihnen nach und schlachteten alle ab.

Novices' chamber in Battle Abbey
Das Gewölbe im Erdgeschoss des Wohntraktes diente als Aufenthaltsraum, wo die Mönche ihrem Studium nachgingen und Schreibarbeiten erledigten

Gott hatte entschieden: Wilhelm war rechtmäßiger König von England. Aber dafür wollte Gott einen Gegenwert. Als Buße für das Blutbad ließ Wilhelm dort, wo das Schlachtfeld gewesen war, ein Kloster errichten. Der Hochaltar der Kirche markierte die Stelle, an der Harold gefallen war. Vier Benediktinermönche aus Marmoutier an der Loire bildeten den Stamm der christlichen Gemeinschaft. Wilhelm erlebte die Fertigstellung der Kirche jedoch nicht mehr. Sie wurde 1094 von seinem Sohn Wilhelm II eingeweiht.

Gatehouse of Battle Abbey
Das Torhaus wurde im 14. Jahrhundert zur Verteidigung im Hundertjährigen Krieg erbaut

Um das Kloster herum entstand eine kleine Stadt, die vom Handwerk und Handel mit den Mönchen lebte. Im 14. Jahrhundert, während des Hundertjährigen Krieges mit Frankreich, wurde zur Verteidigung im Falle einer französischen Invasion das massive Torhaus gebaut, das noch heute die Stadt dominiert.

Ruins of Battle Abbey
Was vom Kloster nach der Reformation übrigblieb

Die Kirche und das Kloster wurden während der englischen Reformation unter Herny VIII zerstört. Aber das Torhaus und der Wohntrakt des Abtes dienten in den folgenden Jahrhunderten verschiedenen Familien als Landsitz. Im Jahr 2007 eröffnete English Heritage auf dem Gelände ein Informationszentrum, das wahrlich einen Besuch lohnt. Von London fahren die Züge alle halbe Stunde von Cannon Street oder Charing Cross in knapp 90 Minuten direkt nach Battle. Weitere interessante Städte in der näheren Umgebung, die ebenfalls eine direkte Zugverbindung haben, sind Hastings und Royal Tunbridge Wells.

Hier erfahrt Ihr mehr über die Hintergründe, wie es zur Invasion von 1066 kam.

The ruins of Battle Abbey are a fascinating place to explore
Die Ruinen von Battle Abbey laden Groß und Klein zum Entdecken ein
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22 thoughts on “Battle: Ein Besuch auf dem Schlachtfeld von 1066

  1. Danke für die vielen Informationen, Peggy, ich habe neulich bei Terra X ( 😉 ) erfahren, dass es Archäologen gibt, die sich auf Schlachten spezialisiert haben. Ich hätte nicht gedacht, dass noch soviele Schlachtfelder gesucht werden, weil keine geographischen Informationen vorliegen.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend, Susanne

    1. Ja, liebe Susanne, es gibt schon sehr ungewöhnliche Berufe. Interessanterweise haben die Archäologen laut Guide Book keine Ausgrabungsstücke vom Kampf selbst gefunden. Wahrscheinlich haben die Mönche oder andere das Feld gründlich geräumt. Ich wünsche Dir ein erholsames Wochenende, Peggy

      1. Liebe Peggy, oder die Schlacht fand tatsächlich woanders statt? Schade, dass wir nicht in die Zeit zurückreisen können. Ich wünsche dir auch ein schönes WE von Susanne

  2. Das war wieder hochinteressant und spannend zu lesen, Peggy, gerade in Kombination mit deinen Fotos aus heutiger Zeit, die einem die Stätten und örtlichen Gegebenheiten gleichzeitig so vor Augen bringen! Was muss das damals einerseits für eine Strapaze für die Streitkräfte (speziell von Harold) geweisen sein und dann dieser Tag der Schlacht gegen William … So viel Blutvergießen, so viele Opfer, dabei Wendungen und Irrungen, und am Ende entscheidet der Pfeil auf Harold die weitere Geschichte.
    Es ist gut, dass English Heritage über das gegründete Informationszentrum an Ort und Stelle darüber Auskunft gibt und Geschichte auf diese Art für alle nachvollziehbar macht.

    LG Michèle

    1. Vielen Dank für Deine Gedanken, liebe Michele, die Engländer sind ja ganz versessen auf Geschichte (und haben mich angesteckt). English Heritage führt anlässlich des 950. Jahrestages schon das ganze Jahr viele Veranstaltungen durch. Dieses Wochenende wird in Battle Abbey die Schlacht in einem riesigen Spektakel nachgestellt. 🙂 Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, Peggy

    1. Danke, Melanie. Ich kann es wirklich sehr empfehlen. Wir haben fast den ganzen Tag dort verbracht. Es gibt einen schönen Waldspaziergang um das Schlachtfeld herum. Ich habe mir übrigens den Kinder-Audioguide genommen und der war ganz fantastisch 🙂 Lieben Gruß, Peggy

    1. Sehr guter Punkt 🙂 und im Grunde war die normannische Hofkultur und Gesellschaftsform ja auch die Wiege für Parlament und Demokratie (wobei man natürlich nie weiß, wie es andersherum gekommen wäre)

  3. Die beeindruckende Stickarbeit von Bayeux und Wilhelms Burg in Falaise – Erinnerungen an eine Reise vor einigen Jahren in die Normandie, nun durch Deine Beschreibung bei mir wach gerufen …

    1. Ja, der Wandteppich von Bayeux ist wunderschön 🙂 In Falaise war ich noch nicht, habe aber Berichte gehört, dass die Burg sehr sehenswert sein soll. Vielleicht verschlägt es uns ja nochmal in die Normandie.

      1. Mir gefiel damals (mein Besuch liegt nun schon zehn Jahre zurück) das moderne Ausstellungskonzept sehr gut. Irgendwie wirkten die Medieninstallationen wie ein – im positiven Sinne – seltsamer zeitlicher Kontrast zur mittelalterlichen Burg.

  4. Dein Bericht hat mich an meine Zeit in England erinnert, als ich versuchte, in der kleinen Bücherei von Ware anhand von Kinderbüchern die Geschichte der Insel schnell zu erarbeiten. Ich mag die Fotos von dem Jungen in dieser historischen Umgebung, er wirkt so winzig, wie ein Zeitreisender. Toller Beitrag!

    1. Danke für Deine Nachricht. Ja, es gibt hier sehr gute Kinderbücher über die Geschichte. Wo und wie lange warst Du denn in England? Und hatte es eine besondere Bewandtnis, dass Du die Geschichte recherchiert hast?

      1. Ich habe 2 Jahre in Ware (Herts) gearbeitet, war einsam und tat mich schwer, die Abende anders totzukriegen als im Pub, zumal 1993 die Deutschen dort auch nicht sehr beliebt waren. (Die Wende brachte brennende Asylheime, da waren wir in der englischen Presse gleich wieder im Verdacht, alle noch Nazis zu sein.) Ich war eine unbeliebte Ausländerin, eine sehr prägende Erfahrung. Mir war also langweilig im Winter, und ich besuchte viele Schlösser und Museen, das war gratis, aber hatte ich die Geschichte immer vor Augen. Ich besuchte die Bücherei, das war preiswert und ich traf Büchermenschen, was mit gut tat. Also nahm ich die komprimierte Form: das Bilderbuch als Schnellkurs mit tollen Lernmaterial. 🙂 Im Sommer reiste ich dann per Bahn herum und konnte mich super in der alten Zeit orientieren. Das war sehr bereichernd! Liebe Grüße!

      2. Leider bewegen wir uns momentan auch wieder in diese Richtung. Dieses Mal sind die Leidtragenden zwar vorrangig die Osteuropäer, aber mich stimmt das trotzdem traurig und wütend.

      3. Ja, es ist eine böse Wendung. Die aktuellen Ereignisse sind sehr bedrückend und nicht gut nachvollziehbar in einer Nation, die durch ihre Kolonialzeit immer schon mit fremden Völkern durchsetzt war. Der Ursprung der Windsors ist deutsch, wenn ich nicht irre? Coburg? Naja egal: Alle verrückt. Dir geht es aber gut?

      4. Das Königshaus hat seinen Namen während des ersten Weltkriegs geändert – aus nachvollziehbaren Gründen. Hier in London ist alles noch wie zuvor, aber außerhalb hört man schon von Hassnachrichten und Übergriffen.

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