Bhupen Khakhar: Eine Kunstreise nach Indien

Bhupen Khakhar Exhibition

Ernst schaute mich der junge Mann durch seine dunklen, eckigen Brillengläser an. Obwohl er ein Gewehr in der Hand hält, wirkt er in seinem Unterhemd verletzlich. Im Hintergrund rollen Panzer durch das Dorf, Soldaten in grünen Uniformen liegen auf der Lauer. Hinter dem Dorf drei Männer in Zivilkleidung, einer richtet das Gewehr auf den anderen. Über den Bergen am Horizont fliegen Bomber und Raketen. Dieses Bild von Bhupen Khakhar aus dem Jahr 1972 mit dem Titel „Muktibahini Soldier with a Gun“ hing gleich im ersten Raum der Ausstellung und zog mich sofort in seinen Bann. Es ist eines der frühen Werke des indischen Künstlers. Muktibahini wurden die bengalischen Freiheitskämpfer genannt, die 1971 um die Unabhängigkeit Bangladeschs von Pakistan kämpften. Ob der junge Guerilla bereits ahnt, dass sein Land trotz Unabhängigkeit lange nicht zur Ruhe kommen wird?

Bhupen Khakhar Exhibition

Die Ausstellung zum Lebenswerk Bhupen Khakhars, die von Anfang Juni bis Anfang November dieses Jahres im neuen Anbau der Tate Modern zu sehen war, war klein und – zumindest als ich dort war – wenig besucht. Vielleicht war es die Stille, die dieses Bild noch stärker auf mich wirken ließ, vielleicht sind es die Parallelen zur Gegenwart. Aber vor allem ist es Khakhars Stil. Seine Porträts wirken naiv und unvollkommen. Sie haben jedoch eine starke erzählerische Kraft und strahlen oft eine gewisse Verwundbarkeit aus.

Zwischen Pop Art und indischer Folklore

Bhupen Khakhar wurde 1934 in Mumbai, das damals noch Bombay genannt wurde, geboren. Sein Vater starb an den Folgen von Alkoholismus als er vier Jahre alt war. Die Familie war finanziell zumindest so gut gestellt, dass Khakhar, das jüngste von vier Kindern, Politik und Wirtschaft studieren konnte. Auf Wunsch seiner Familie wurde er Buchhalter und arbeitete viele Jahre in dem Beruf, widmete sich aber in seiner Freizeit der Kunst und der Literatur. 1958 traf er den Dichter und Maler Ghulam Mohammed Sheikh, der ihn dazu ermutigte, nach Baroda an die frisch gegründete Faculty of Fine Arts zu kommen. Beeinflusst von Pop Art und indischer Folklore entwickelte er seinen eigenen, unverkennbaren Stil.

Bhupen Khakhar – Künstler der kleinen Leute

In seiner ersten großen Schaffensphase stellte er den einfachen Mann in den Mittelpunkt. Er malte Handwerker und Yogi, Fensterputzer und Ehepaare. Sein Blick für Details und seine poppig-folkloristische Farbpalette lassen die Szenen des indischen Alltags lebendig werden.

In der indischen Kunstszene wurden seine „trade paintings“ zunächst mit Befremden aufgenommen – sie wurden als ungelenk und trivial abgetan. Auch seine zunehmend offene Darstellung von Homosexualität stieß in der indischen Gesellschaft auf Ablehnung. Aber britische Künstler, insbesondere Howard Hodgkin, die in Indien auf seine Arbeit gestoßen waren, verschafften ihm internationale Aufmerksamkeit. So kam er 1976 und 1979 nach England, wo er unter anderem einige Monate an der Bath Academy of Arts unterrichtete.

“You Can’t Please All”

Es war der Titel, „You Can’t Please All“, der mich auf die Ausstellung neugierig gemacht hat. In dem gleichnamigen Gemälde aus dem Jahr 1981 porträtiert sich Bhupen Khakhar selbst als nackten Mann, der vom Balkon auf eine Äsopsche Szene blickt: Ein Vater und ein Sohn bringen einen Esel zum Markt. Zuerst reitet der Sohn auf dem Tier, aber vorbeigehende Passanten schimpfen, wie der junge Mann seinen Vater zu Fuß gehen lassen könnte. Die beiden Männer tauschen. Wieder schimpfen die Leute ob der Hartherzigkeit des Vaters. Also steigen beide auf das Tier. Nun ereifern sich Einige, dass beide zusammen zu schwer wären, also steigen sie ab und tragen stattdessen den Esel. Als sie auf eine Brücke kommen, straucheln sie. Das Tier fällt zu Boden und stirbt. Das Gemälde zeigt einen Künstler, der selbstbewusst genug ist, nicht mehr auf das Geschwätz der Leute zu hören, sondern seinen eigenen Weg zu gehen. Sowohl die Botschaft als auch die Umsetzung – der Blick auf das tägliche Leben, die Farben, die Komposition – machen es zu einem meiner Favoriten in der Ausstellung.

Alter und Krankheit in der Kunst

In den 1990ern litt Bhupen Khakhar an Katarakten, die seine Sehfähigkeit beeinträchtigten. Als Vollblutkünstler war es für ihn jedoch keine Alternative, mit dem Malen aufzuhören. Er passte seinen Stil an, entwickelte ihn weiter. Auch thematisch war eine Veränderung zu beobachten. Alter und Krankheit rückten ins Zentrum seines Schaffens. Die Gemälde kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 schockieren und berühren zugleich. Sie führen dem Betrachter die eigene Endlichkeit vor Augen. Dieser große Geschichtenerzähler mit seinem subtilen Sinn für Humor, der einst die indische Kunstwelt schockierte, war auch nur ein Mensch. Alter und Tod sind Teil des Lebens, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.

Bhuphen Khakhar - Stationen eines Künstlerlebens
Bhupen Khakhar – Schaffensphasen in drei Bildern

Bhupen Khakhar richtete seine Perspektive aber nicht ausschließlich nach innen. Er interessierte sich weiterhin für die Menschen und ihre gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen. „Bullet Shot in the Stomach“ entstand 2001 nach den Gewaltexzessen zwischen Hindus und Moslems in Gujarat. Nach diesem Gemälde im letzten Ausstellungsraum führte der Weg zurück zum Muktibahini am Eingang und der Kreis schloss sich. Nirwana muss warten.

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