Lost Souls at Cross Bones Graveyard

Unterwegs in Southwark: Cross Bones Graveyard

Über die blaue Eisenbrücke rollt ein Zug in die London Bridge Station. Dahinter fällt der Blick auf die neuesten architektonischen Errungenschaften der City – den Walkie-Talkie und den Cheese-grater. Lärm erfüllt die abgasgeschwängerte Luft: Quietschende Zugbremsen, kreischende Trennschleifer, wummernde Presslufthämmer und jaulende Sirenen versuchen sich gegenseitig zu übertönen. Dem Ausdruck „Ruhe in Frieden“ kommt hier eine ganz neue Bedeutung zu.

Cross Bones
Cross Bones Graveyard liegt nur ein paar Schritte von London Bridge Station entfernt

Zugegeben, Cross Bones Graveyard ist kein Friedhof im klassischen Sinne. Im 12. Jahrhundert gehörte das heutige Southwark zur Diözese von Winchester. Nicht weit entfernt von der Southwark Cathedral stand der alte Bischofspalast, von dem heute nur noch ein paar Mauern und ein Rosetten-Fenster übrig sind. Da diese Gegend südlich der London Bridge nicht unter die strengen Vorschriften der City of London fiel, war sie im Volksmund auch als „Liberty of the Clink“ bekannt, was etwas verwirrt, weil das „Clink“ gleichzeitig auch das Gefängnis des Bischofs bezeichnet. Aber hier im „Liberty of the Clink“ gab es tatsächlich Freiheiten, die es anderswo nicht gab. Der Bischof von Winchester vergab Geschäftslizenzen für alle möglichen in der City streng verbotenen Gewerbe, von Theatern über Tierhetzjagden bis zur Prostitution. Und der mächtige Kirchenmann verdiente prächtig daran.

Ruins of Winchester Palace in London
Die Ruine des Winchester Palace steht direkt am Thames Path zwischen London Bridge und Southwark Bridge

Die Prostituierten, auch „Winchester Geese“ genannt, genossen unter ihrem heiligen Puffvater einen gewissen leiblichen Schutz, der sich jedoch nicht auf das Seelenheil erstreckte. Nach dem Tod blieb den Sünderinnen eine Beerdigung in geweihter Erde verwehrt. Und so wurden sie hier im Cross Bones Graveyard verscharrt. Später kamen, wie mir der ehrenamtliche Hüter des Gartens erzählt, Pestopfer und die Armen der Ärmsten hinzu.

Memorial for the Winchester Geese in Cross Bone Graveyard
Anwohner haben den “Winchester Geese” ein Denkmal errichtet

Der schmächtige Mann, dessen Gesicht von einem graumelierten Wirrwarr aus Haaren und Bart umrahmt wird, erzählt: „Kann gut sein, dass meine Vorfahren hier begraben liegen. Sie gehörten zum Flussvolk, haben Leute die Themse hoch und runter geschifft. Solche Menschen, die Armen, wurden früher hier begraben. Das war im 18. und 19. Jahrhundert. Davor waren es die Pestopfer und davor die Gänse des Bischofs.“

the red iron gates in Redcross Way are a shrine to the nameless dead
Gedenkschleifen am Eisentor, das Cross Bones Graveyard vom Redcross Way trennt.

Um die Eisenstäbe eines alten Tores sind Erinnerungsschleifen und allerhand Ketten, Figürchen und anderer Tand gebunden – Erinnerungsstücke anstelle von Grabsteinen. Auf einigen stehen Namen und Daten, die anhand von Sterberegistern ermittelt wurden. Aber die meisten der hier Beerdigten bleiben namenlos.

Lost Souls at Cross Bones Graveyard
Lost Souls – wer hier beerdigt wurde, gehörte entweder zu den Ausgestoßenen oder hatte nicht genug Geld für ein christliches Begräbnis

Gegenüber haben Menschen auf dem Betonboden einen Schrein errichtet. Neben christlichen und buddhistischen Symbolen stehen jede Menge Gänse aus Porzellan, Holz oder Plastik, Steine in Herzform und ein paar leere Schnapsflaschen. Ich sage: „Ich finde es schön, dass der Ort Raum für alle Religionen bietet. Ich mag den Buddha neben der Madonna.“ Der kleine Mann lacht. „Viele sehen in ihr Maria Magdalena. Für manche ist sie eine heidnische Göttin. Wir nennen sie einfach Cross Bone Mary.“

Cross Bone Mary: Mary Magdalene or Pagan Goddess?
Cross Bone Mary

Seit vielen Jahren versuchen Geschäftsleute und Politiker das Land als Bauland zu konfiszieren. Southwark ist schon lange nicht mehr das Ghetto von London. Wohnungen auf der Südseite der Themse, so nah an der City, sind begehrt und für Normalverdiener kaum noch erschwinglich. Baugrundstücke sind in der 8,6-Millionen-Metropole rar. Aber trotz Wohnungskrise scheiterte das Vorhaben am Widerstand der Anwohner. Die „Southwark Mysteries“ von John Constable, ein Theaterstück über die mittelalterliche Geschichte Southwarks und eine Ode an die gegenseitige Vergebung und die Überbrückung kultureller Differenzen, das erstmals im Jahr 2000 im Globe aufgeführt wurde, trug ebenfalls dazu bei, Cross Bones vor den Planierraupen zu bewahren.

a stone pyramid to remember the dead in Cross Bone Graveyard
Ein Steinhaufen in der Blumenrabatte anstatt Grabsteine

„18 Jahre lang haben wir gegen das Bauvorhaben gekämpft“, berichtet der Mann. „Vor zwei Jahren konnten wir das Grundstück endlich pachten. Da habe ich mir gesagt, jetzt will ich auch bei der Gestaltung helfen, und habe mich freiwillig gemeldet.“ Ein öffentlicher Garten wurde entwickelt – allerdings keiner mit manikürtem Rasen und pittoresken Beeten. Die Blumenrabatten sind von Bruchbeton eingefasst, neben einem Steinhügel, der als Grabdenkmal dient, liegt ein buntbemalter Totenkopf. An einer Mauer hängt ein Insektenhotel. Ein kleiner Teich soll das Ökosystem Southwarks bereichern. Ein Potpourri, das keine modernen ästhetischen Normen erfüllt und dennoch in seiner Widerspenstigkeit und Kreativität Charme besitzt.

Cross Bones Graveyard is a mix of garden, shrine and artwork
Ein Mix aus Garten, Gedenkstätte und Kunstwerk

Trotz des Lärms jenseits der Mauern strahlt Cross Bones Graveyard Ruhe aus. Hin und wieder treten Leute durch den hölzernen Bogengang am Eingang. Die meisten haben ihr Lunchpaket dabei – Borough Market mit seinen vielen kulinarischen Ständen ist nicht weit entfernt – und genießen eine kurze Auszeit vom hektischen Büroleben. Allen, die auch mal hinter Londons touristische Fassade blicken wollen, kann ich einen Besuch sehr empfehlen, vielleicht als Teil eines Dickens-Spaziergangs. Ganz in der Nähe lag das berühmte Marshalsea Prison, wo Dickens’ Vater einst einsaß und wo der Roman „Little Dorrit“ spielt. Mehr darüber in meinem Post “Charles Dickens’ London: Marshalsea Prison”.

remembering the victims of the Ipswich serial killer in Cross Bones Graveyard
Auch den fünf Frauen, die 2006 Opfer eines Serienmörders wurden, wird hier gedacht.
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18 thoughts on “Unterwegs in Southwark: Cross Bones Graveyard

    1. Oh, was für ein Zufall. Ja, in der Gegend gibt es viel zu sehen. Gleichzeitig ist es aber auch noch nicht allzu gentrified, wobei sich das nach und nach ändert. Liebe Grüße und einen schönen Abend, Peggy

  1. Hallo Peggy,
    danke fuer diesen interessanten Artikel. Bei unserem letzten London-Besuch sind wir zwar auch durch Southwark spaziert, und auch an der Ruine des Bischofspalastes vorbeigekommen, aber den Friedhof haben wir – leider – verpasst.
    Hab’ ein feines Wochenende,
    Pit

    1. Er liegt etwas abseits der üblichen Routen, die man als Besucher läuft. Deshalb stelle ich hier ja gerne solche Perlen vor, auf die auch ich oft nur durch Zufall stoße, weil ich irgendetwas gelesen oder gehört habe. 🙂 Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende, lieber Pit.

      1. Wir muessen aber ganz kurz dran vorbeigekommen sein, denn wir haben uns eine ganze Weile in Southwark herumgetrieben. Na ja, gerade habe ich mal bei Google Maps nachgesehen: so nah sind wir nun doch nicht dran gewesen. Wir sind naeher an der Themse geblieben. Danke fuer diese Tipps zu London. 🙂

  2. Ein heiliger Puffvater, aber hallo! Sowas sticht mir natürlich sofort ins Auge. Ein spannender Spaziergang, liebe Peggy. Und ich hoffe, dass ich nicht ganz klassisch werde, bevor ich mal wieder nach London komme – und die Friedhofsgegend noch ungentrifiziert sehen kann. Dickens wäre ja auch noch so ein Klassiker 🙂

    1. In London gibt’s ja zum Glück eine gute Mischung aus Klassikern und Kuriositäten 😉 Die Leute vom Cross Bones Graveyard machten mir auch den Eindruck, als würden sie sich nicht allzu schnell unterkriegen lassen.

  3. Ich sollte echt wegbleiben von deinem Blog jedes Mal bin ich danach kurz davor einen Flug nach London zu buchen – ich habe mächtig Heimweh nach meiner ehemaligen Heimat. Liebe Grüße und danke für diesen tollen Ausflug – Southwark ist eine ganz tolle Ecke, die mochte ich immer sehr 🙂

  4. Was für ein anrührender Ort, liebe Peggy! Und mit so viel Liebe präsentiert, dass ich es kaum erwarten kann, dort selbst einmal herumzustreifen. Ganz herzlichen Dank und ebensolche Grüße!

    1. Das ist er wirklich, liebe Maren. Ich fand es auch schön, dass sich der Mann in ein so angenehmes Gespräch verwickeln ließ. Dadurch berührte mich der Besuch noch mehr. Ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent.

  5. Hallo Peggy, was für eine Perle die Du da beschreibst. Hoffe sehr das diese erhalten bleibt, denn viel zu schnell sind gierige Finanzhaie auf schnellen Gewinn aus und zerstören so diese kleinen “Paradiese”.
    Wieder ein guter Anreiz für einen Besuch von London, obwohl ich Großstädte nicht gerade gerne besuche, lieber eher das Land, die kleineren Städte (z.B. Canterburry) aber mehr noch die Burgen, Schlösser, Parks und Landschaften. Aber in 2 Jahren wäre unser nächster Urlaub in England geplant und da auch London, nun sind unsere beiden auch schon älter und so wäre sicher die Stadt auch sehr interessant für Sie. Freue mich auf jedenfall schon auf deinen nächsten interessanten Artikel und wünsche Euch ein friedvolles und ruhiges Fest bzw. Festtage.
    Liebe Grüße aus einem (heute zumindest) frostigen Österreich, Bernd

    1. Hallo Bernd, vielen Dank erstmal. Ich hoffe auch, dass der Ort eine lange Zukunft hat. Großstädte können in der Tat recht stressig sein und London hat darüber hinaus den wohlverdienten Ruf , sehr teuer zu sein. Allerdings gibt es hier auch die besten Museen, die je besucht habe, viele von ihnen kostenlos und so ausgerichtet, dass gerade auch Kinder auf ihre Kosten kommen. Also auf jeden Fall ein paar Tage einplanen. Jetzt im Winter grasen wir mal wieder viele Museen ab. Vielleicht schreibe ich im nächsten Jahr mal darüber, was beim Kleinen Entdecker am besten ankam. 🙂 Ganz liebe Grüße, Peggy

  6. Hallo Peggy, ja das wäre fein. Ich finde es schön wenn auch Kinder so interessiert sind etwas Neues zu entdecken. Wir z.b. waren vor 2 Jahren im Haus der Natur (Salzburg), auch wie ein Museum – auf 3 Stockwerken, bunt gemischt auch mit Aquarien und Schlangenterarrien, besonders unser Sohn, damals 6 Jahre und unsere Kleine 5 Jahre (etwas weniger) waren sehr interessiert, nur war das damals der sehr heiße Sommer und so die Anreise strapaziös. Aber wen Du schreibst das auch Dein kl. Entdecker da Spass daran hat (beim Entdecken von Museen), glaube und hoffe ich das sich auch unsere dafür erwärmen können. Aber wie Du ja sagst, London ist soooo groß und bietet soooo viel, das 2 – 3 Tage viel zuwenig sind. Und vor allem soll ein Urlaub nicht aus dem Hetzen von einer zur nächsten Attraktion bestehen. Also wünsche ich Euch viel Spass bei den Entdeckungen und freu mich auf Deine nächsten Erzählungen. LG, Bernd

    1. Ja, das stimmt. Man kann in London auch zwei Wochen verbringen und hat immer noch nicht alles gesehen. Ich lebe seit 12 Jahren hier und selbst ich als eifrige Museumsbesucherin habe noch nicht alles gesehen 🙂 . Das Wichtigste für einen Londonaufenthalt, egal ob ein Wochenende oder eine Woche, ist, dass man das akzeptiert und ganz klare Prioritäten setzt. Liebe Grüße, Peggy

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