Portrait of Queen Victoria and Prince Albert by Sir Edwin Landseer

Victoria (5): Das Zeitalter der Steifheit

„The Queen is perfectly kind and civil and good natured. At first however the restraint and peculiar frame of society here was very disagreeable to me, but I have I think got into it and feel settled into a proper stiffness.”

Das schrieb Sarah Lyttelton, Lady of the Bedchamber, deren Tagebücher und Briefe eine der Hauptquellen des Buches „Serving Victoria“ sind. Geboren 1787 hatte sie noch den lockeren georgianischen Hof kennengelernt. Mätressen und illegitime Kinder waren dort nicht nur geduldet, sie bekamen teilweise sogar lukrative Posten zugeschoben. Für die schlagzeilenhungrige Presse waren die Ausschweifungen am Hof immer ein gern gefundenes Fressen. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte das britische Königshaus ein echtes Imageproblem. Und das zunehmend belesene Volk begann, die Monarchie als Gesellschaftsform infrage zu stellen.

Mit Victorias Thronfolge begann eine moralische Säuberung und Neuorientierung, die durch die Ehe mit Prinz Albert noch verstärkt wurde. Beide, Victoria und Albert, blickten auf Familiengeschichten voller Sexskandale zurück. Und beiden war bewusst, dass sich die britische Monarchie neu erfinden musste oder in den Zahnrädern der Moderne zerrieben werden würde. Die junge Königsfamilie orientierte sich deshalb an den Werten des aufstrebenden Bürgertums: Bildung, Fleiß und Tugendhaftigkeit. Das mag aus heutiger Sicht nicht sehr revolutionär klingen, aber damals war das eine großartige Image-Kampagne.

Mehr als hundert Jahre zuvor hatte die Monarchie auf Druck des Parlaments das Feld der Politik geräumt und damit die Frage nach ihrer Daseinsberechtigung aufgeworfen. Unter Queen Victoria und Prinz Albert fand sie eine neue Rolle. In einer Zeit, in der die industrielle Revolution massive soziale Umbrüche mit sich brachte, wurde die Königsfamilie zum gesellschaftlichen Symbol für Stabilität und konservativ-bürgerliche Werte und sicherte damit ihren eigenen Fortbestand.

Portrait of Queen Victoria and Prince Albert by Sir Edwin Landseer
Sir Edwin Landseer: Windsor Castle in modern times: Queen Victoria, Prince Albert and Victoria, Princess Royal, 1840-45

 

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4 thoughts on “Victoria (5): Das Zeitalter der Steifheit

  1. Schön, dass Du Deine Victoria-Serie nochmals aufnimmst – so richten wir uns auch für einige Minuten sicher ein im Gefühl wohltuender Steifheit und Stabilität 🙂 Irgendwie wünscht man sich das insgeheim in Zeiten, da man von durchdrehenden Macho-Männchen auf Regierungsposten umzingelt ist.

    1. Nach allem, was ich so über das viktorianische Zeitalter bislang gelesen habe, glaube ich, dass diese Entwicklung tatsächlich darauf zurückging, dass sich die Leute nach Stabilität gesehnt haben. Heute scheinen sich viele Leute eher nach vermeintlich starken Männern zu sehnen. Hoffen wir, dass die ganzen Pseudoalphas bald enttarnt werden und sich die Menschen wieder mehr nach Demokratie und Toleranz sehnen.

  2. Wieder mal ein interessanter Artikel. 🙂
    Hab’s fein,
    Pit
    P.S.: Zum Thema “Literarisch Reisen” habe ich in der New York Times einen interessanten Artikel gefunden, sozusagen London auf Dickens’ Spuren, aber als Grafik [http://www.nytimes.com/interactive/2017/01/13/travel/nicholas-noyes-novel-as-guidebook.html?em_pos=large&emc=edit_tl_20170114&nl=travel-dispatch&nlid=17562677&ref=headline&te=1]
    oder Kurzlink: http://tinyurl.com/jgkc32f

    1. Hallo Pit, ich habe Dich heute zufällig aus dem Spam gefischt. Zum Glück standst Du relativ weit oben und ich habs gesehen, bevor ich “Empty Spam” gedrückt habe. Danke für den Link. Das ist eine super Idee, das so grafisch aufzuarbeiten. Liebe Grüße, Peggy

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