Lamb House Garden

Lamb House: Afternoon Tea mit Henry James

“Under certain circumstances there are few hours in life more agreeable than the hour dedicated to the ceremony known as afternoon tea.”

The Portrait of a Lady

Als Henry James 1895 seinen Freund Edward Warren besuchte, entdeckte er ein Aquarell, das der britische Architekt gemalt hatte und das den Garden Room von Lamb House zeigte. Henry James war sofort vernarrt und fuhr nach Rye, um sich das Haus anzuschauen. Nach dem Desaster seines letzten Theaterstücks „Guy Domville“ hatte er keine Lust mehr auf London und sehnte sich nach einem ruhigen Landhausleben.

Lamb House in Rye

 

Er machte sich jedoch nichts vor. Weder stand das Haus zur Vermietung oder zum Verkauf noch hielt Henry James es für erschwinglich. Der amerikanische Autor, der seit über 20 Jahren in England wohnte, lebte zwar in bescheidenem Wohlstand, hatte Hausangestellte und war Mitglied in mehreren Londoner Clubs, aber er war keinesfalls reich. Dennoch, zwei Jahre später erhielt er eine Nachricht von einem lokalen Händler, dem er seine geheime Leidenschaft gebeichtet hatte, dass der Erbe des Hauses einen Mieter suchte. Henry James brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden. Zunächst unterzeichnete einen 21-jährigen Pachtvertrag. Zwei Jahre später kaufte er das Grundstück für 2.000 Pfund. Von 1897 bis zu seinem Tod 1916 verbrachte Henry James die Sommer in Rye und blieb, wenn das Wetter mild war, sogar bis Weihnachten. Im Winter zog es ihn nach London, denn ganz ohne Großstadtgetümmel und Kultur ging es auch nicht.

Henry James at Lamb House

Henry James wurde 1843 in New York City geboren, verbrachte aber lange Phasen seiner Kindheit auf dem europäischen Kontinent, vor allem in London, Paris und Genf. Zurück in Amerika, schrieb er sich an der Harvard Law School ein, stellte jedoch bald fest, dass sein Interesse der Literatur galt. Er verdiente sein erstes Geld mit der Rezension von Theaterstücken und Romanen und veröffentlichte erste Kurzgeschichten. Wie es unter Europäern und Amerikanern der Oberschicht damals üblich war, unternahm er eine Grand Tour durch Europa, auf der er viele führende Schriftsteller und Philosophen der Zeit kennenlernte, die sein Schreiben beeinflussten. 1869 ließ er sich in London nieder und begann Serienromane für verschiedene Verlage zu schreiben, die zuerst in Zeitungen und Zeitschriften erschienen und später als Bücher verlegt wurden.

Fountain in the Garden of Lamb House, Rye

Den ersten großen Durchbruch hatte Henry James 1878 mit „Daisy Miller“. Der kurze Roman dreht sich um eine junge Amerikanerin, die sich auf ihren Reisen durch Europa nicht entsprechend der gesellschaftlichen Normen verhält. Und dafür zahlt sie einen hohen Preis. Diese kulturellen Differenzen zwischen dem alten und dem neuen Kontinent spielten eine dominierende Rolle in Henry James‘ Werk, so auch in seinem ersten großen Meisterwerk „The Portrait of a Lady“, das 1881 erschien. Obwohl er mittlerweile ein anerkannter Schriftsteller war, waren seine Bücher nie Bestseller. Die nächsten Romane wurden in der Presse verrissen. Da er aber Geld verdienen musste, um seinen Lebensstil aufrechtzuerhalten, widmete er sich dem Schreiben von Theaterstücken, allerdings ebenfalls mit eingeschränktem Erfolg.

Former Garden Room of Lamb House

16 Jahre nach seinem ersten großen Erfolgsroman fühlte Henry James sich ausgebrannt. Lamb House gab ihm neue Inspiration. Jeden Morgen wurde er um 8 Uhr geweckt, frühstückte im Bett und begann um 10 Uhr mit der Arbeit. Im Garden Room von Lamb House schrieb er die Romane „The Wings and the Dove“, „The Ambassadors“ und „The Golden Bowl“, die ihm den Kosenamen „The Master“ einbrachten. Birgit von Sätze und Schätze hat die deutsche Ausgabe von „The Ambassadors“ hier vorgestellt. 1915, ein Jahr vor seinem Tod, nahm Henry James die britische Staatsbürgerschaft an.

 

George I at Lamb House

Der Garden Room wurde leider bei einem Bombenangriff während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Dennoch lohnt sich ein Besuch in Lamb House. Anfang des 18. Jahrhunderts gebaut, gibt seine Geschichte Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse des frühen georgianischen Zeitalters, als England zum weltumspannenden Handelsimperium aufstieg. James Lamb war ein Weinhändler, der die Erbin einer Brauerei geheiratet hatte. Aufgrund guter Kontakte wurde er Zollbeamter von Rye und wurde mehrfach zum Bürgermeister der kleinen Stadt in Sussex gewählt. 1726 hatte er sogar die Ehre, King George I zu beherbergen, nachdem dessen Schiff wegen des schlechten Wetters auf Grund gelaufen war. In dieser Sturmnacht brachte Mrs. Lamb einen kleinen Jungen zur Welt, und der König wurde sein Taufpate.

The little wilderness in Lamb House Garden

Der Star des Museums ist jedoch „The Master“ sowie ein anderer Autor, E.F. Benson, der das Haus nach dem Tod von Henry James bewohnte. Im Garten können sich Besucher ganz stilecht einen Afternoon Tea bestellen. Wer sich in die Wildnis jenseits des englischen Rasens wagt, findet vielleicht die letzte Ruhestätte der vierbeinigen Begleiter der beiden Autoren. Der Hund spielt offensichtlich nicht nur in der Literatur sondern auch für Literaten eine Rolle. (Hier ein kleiner Nebenverweis auf das neue Blogprojekt „Auf den Hund gekommen“ von Sätze und Schätze, Bingereader und Das graue Sofa  🙂 )

The dogs graveyard of Lamb House

Selbstverständlich gibt es auch einen kleinen Bookshop. Da ich Lamb House gemeinsam mit dem Kleinen Entdecker während unserer Eisenbahnreise 2015 besucht habe und das Gepäck für uns beide auf dem Rücken trug, musste ich mich zurückhalten und entschied mich für die beiden dünnen Bücher „The Aspern Papers“ von Henry James (besprochen hier bei Philea) und „The Age of Innocence“ von Edith Wharton (hier eine Besprechnung bei Dandelion), einer engen Freundin von Henry James, die oft in Lamb House weilte und den Master in ihrem Auto auf Spritztouren mitnahm. Beide Bücher fand ich sehr lesenswert.

Wer Lamb House besuchen möchte, sollte sich vorher über die Öffnungszeiten informieren, denn das Museum ist nur an ausgewählten Tagen in der Woche geöffnet. Informationen gibt es auf der Website des National Trust. Rye ist mit dem Zug eine gute Stunde von London entfernt.

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8 thoughts on “Lamb House: Afternoon Tea mit Henry James

  1. Liebe Peggy, wie wunderbar, dass Du Lamb House vorstellst … schon so lange träume ich auch von einer Visite dort auf Spuren von Henry James, von dessen Büchern ich nie genug bekommen kann.
    Ehrlich gesagt habe ich mich bislang immer auf die Dialoge in seinen Romanen konzentriert und auf seine Kunst, allen Schwingungen der menschlichen Seele nachzuspüren, so dass ich die Hunde in seinen Romanen (dunkel erinnere ich mich, dass da immer wieder ein Vierbeiner vorkommt) bisher vernachlässigt habe … da muss ich mal recherchieren…
    Und herzlichen Dank auf die Links sowohl auf meine Gesandten als auch auf unser #lithund-Projekt. Einen schönen Nachmittag wünscht Birgit, die sich hier von der fälligen Haus(halts)arbeit gerne ablenken lässt 🙂

    1. Sehr gerne! 😊Ohne Deine Gesandten hätte ich mich vielleicht gar nicht mehr daran erinnert, dass ich noch einen Artikel über Lamb House schreiben wollte. Es gibt immer so viele Ideen und so wenig Zeit. Ehrlich gesagt, habe ich aus seinen Romanen auch keine Hunde in Erinnerung. Aber bei einem so schönen Friedhof muss er doch sehr an ihm gehangen haben. Liebe Grüße, Peggy

  2. Ein Beitrag ganz nach meinem Geschmack, denn ich liebe über alles die Besichtigung von Wohnhäusern berühmter Literaten, noch dazu, wenn es sich um ein englisches Landhaus aus dem 18. Jahrhundert handelt. Deshalb ganz lieben Dank für diese eindrucksvolle Beschreibung und für die hübschen Fotos dazu, liebe Peggy!

    Herzliche Grüße
    von Constanze

  3. Von meiner ersten James-Lektüre The Turn of the Screw war ich ja etwas enttäuscht, aber das lag auch daran, das es einfach nicht so gruselig war wie versprochen. Als Nächstes werde ich mir wohl einmal The Europeans vornehmen. Ich wusste gar nicht, dass Henry James mit Edith Warton befreundet war!

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