Tasmanien: Von Strafkolonien und Völkermord

Tasmania, Australia

Auf der Suche nach dem mythischen Kontinent „Terra Australis Incognita“ stieß der niederländische Entdecker Abel Tasman 1642 auf Land. In Huldigung des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien nannte er es Van Diemen’s Land. Die Insel südlich von Australien lag jedoch zu weit entfernt von den damaligen Interessen der europäischen Kolonialherren. So blieb sie noch weitere gut 200 Jahre kaum mehr als ein Fleck auf der Landkarte.

Wineglass Bay, Tasmania, Australia

Das änderte sich, nachdem im Januar 1788 die „First Fleet“, an Australiens Südküste landete und dort, wo sich heute der Hafen von Sydney befindet, am 26. Januar die britische Flagge hisste. Dieser Geburtsakt der Kolonie New South Wales wird in Australien heute als Australia Day gefeiert. An Bord der elf Schiffe der „First Fleet“ befanden sich rund 1.400 Männer, Frauen und Kinder. Es waren überwiegend Sträflinge, die für aus heutiger Sicht triviale Vergehen wie Viehdiebstahl deportiert worden waren. In den folgenden Jahrzehnten kamen immer mehr Strafgefangene und später auch freie Siedler auf den Kontinent am anderen Ende der Welt.

Mit der Entstehung einer eigenen Gesellschaft wurden Rufe laut, die Straftransporte nach Sydney und Umgebung zu reduzieren. Da kam die Insel vor der Südspitze Australiens gerade recht. 1803 gründeten die Briten dort ihre erste Siedlung. Über 70.000 Männer, Frauen und Kinder wurden zwischen 1803 und 1852 nach Tasmanien deportiert. Untergebracht wurden sie in Gefängnissen wie Port Arthur, das 1830 gebaut wurde. Teil der Strafe war die Arbeit in der Holzindustrie, in einer nahegelegenen Mine oder in der Landwirtschaft. Port Arthur diente bis 1877 als Gefängnis. Danach wurden große Teile des Industriegebiets verkauft und es entwickelte sich eine kleine Stadt. Das einstige Gefängnis ist heute ein Museum, wo man sich über die Geschichte der Strafkolonie informieren kann.

Port Arthur, Tasmania

Schätzungen zufolge wohnten vor der Ankunft der ersten Europäer zwischen 5.000 und 10.000 Aborigines auf der Insel, die 1825 in Anerkennung des Entdeckers in Tasmanien umbenannt und eine eigene britische Kolonie unabhängig von New South Wales wurde. Rund 12.000 Jahre, seit Tasmanien nach dem Ende der letzten Eiszeit zur Insel geworden war, hatten seine Ureinwohner in völliger Isolierung gelebt. Nun besiedelten Fremde die Jagdgründe und holzten die Wälder ab, die für die Jäger und Sammler eine wichtige Lebensgrundlage bildeten.

Es dauerte nicht lange, bis Blut floss kam. Die tasmanischen Aborigines mit ihren Speeren waren den bewaffneten Briten jedoch weit unterlegen. Die als „Black War“ bezeichneten Auseinandersetzungen erreichten ihren Höhepunkt in den 1820er Jahren. Hinzu kam, dass die Europäer Krankheiten mitbrachten, gegen die die Aborigines nicht immun waren. So kam es, dass das ohnehin schon kleine Volk der tasmanischen Aborigines dreißig Jahre nach der ersten Besiedelung durch die Briten auf rund 300 zusammengeschmolzen war.

sheep on a field, Tasmania

1830 wurde der britische Bauunternehmer George Augustus Robinson auf die Misere der tasmanischen Aborigines aufmerksam. Er war 1824 mit seiner Familie nach Tasmanien gekommen. Um eine friedliche Lösung für den Konflikt zu finden, setzte er sich dafür ein, dass die Aborigines zu ihrem eigenen Schutz auf Flinders Island, eine Insel in der Bass Straight, die Tasmanien von Australien trennt, umgesiedelt wurden.

Obwohl seine Intention sicherlich gut war, wird seine Methode, die Aborigines zu zivilisieren, heute kritisiert. Religiöse und kulturelle Zeremonien wurden verboten. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, um sie dem Einfluss der Traditionen zu entziehen und sie so leichter umzuerziehen. Nachdem sich Robinsons Interesse Richtung australisches Festland verschob, wo er zum Chief Protector of Aborigines aufstieg und das Protektorat Port Phillip übernahm, verschlechterte sich die Lage der tasmanischen Aborigines weiter. Sie lebten auf Flinders Island wie in einem Gefängnis, hatten kaum Frischwasser und ausreichend Nahrung. 1847 wurden die letzten 47 Überlebenden auf das Festland zurückgesiedelt. Die letzte rein tasmanische Aborigine, Truganini, starb 1876. Innerhalb von 73 Jahren hatten britische Siedler und Soldaten ein ganzes Volk ausgelöscht.

Rocks and water, Tasmania, Australia

Nach einem Referendum trat Tasmanien 1901 dem Commonwealth of Australia bei. Heute leben knapp 500.000 Menschen auf der Insel. Lange vernachlässigt beginnen die Australier langsam, auch die dunklen Kapitel der Geschichte ihrer Kolonialzeit aufzuarbeiten. Immer mehr Stimmen werden laut, den Australia Day zu verlegen, weil der 26. Januar, als die „First Fleet“ in Australien anlegte, für die Aborigines den Beginn der Zerstörung ihrer Kultur markiert. Bislang liefen die Proteste jedoch ins Leere.

In Großbritannien, dem eigentlichen Verursacher des Genozids, gab es bereits während der Kolonialzeit zahlreiche Menschen, die den Umgang mit der indigenen Bevölkerung von Kolonien kritisierten. Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs war es jedoch in Literatur und Museen weit verbreitet, das Aussterben der tasmanischen Aborigines als Folge der Unterlegenheit ihrer Rasse darzustellen. Auch hier hat zumindest in akademischen Kreisen ein Umdenken stattgefunden. Offen diskutiert wird das Thema kaum.

Einige Links zum tasmanischen Genozid:

https://combatgenocide.org/?page_id=146

https://theibtaurisblog.com/2014/01/27/a-british-genocide-in-tasmania/

 

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12 thoughts on “Tasmanien: Von Strafkolonien und Völkermord

  1. dj7o9 says:

    Spannender und trauriger Artikel.
    Habe mal in einer Bar in Luan Prabang in Laos in einer feuchtfröhlichen Nacht ganz viel über Tasmanien, Ernst Toller und den tasmanischen Teufel gelernt, da mehr die fröhlicheren Seiten, aber dein Artikel hat mir jetzt auch noch mal die Seite gezeigt, über die ich bislang wenig wußte.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende …

    1. entdeckeengland says:

      Ach, Luang Prabang, wo wir uns schon überall hätten treffen können 😀. Tasmanien ist eine wirklich schöne Insel und einen Besuch wert. Aber ich finde es eben auch wichtig, nicht nur die schönen Seiten der Geschichte zu sehen. Gerade in Zeiten wie diesen ist die Aufarbeitung wichtiger denn je. Denn sie hilft uns zu verstehen und hoffentlich eine Wiederholung zu vermeiden. Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende.

  2. SätzeundSchätze says:

    Liebe Peggy,
    ich schließe mich Sabine an: Bisher wußte ich über Tasmanien auch nicht viel mehr, als dass es den tasmanischen Teufel gibt und Errol Flynn, ein anderer tasmanischer Teufel, dort geboren wurde. Danke für diesen eindrücklichen Geschichtsunterricht …
    Und es ist immer wieder bedrückend, wie schwer sich die Nachfolgeorganisationen von manchen Staaten immer noch damit tun, sich für die Sünden der Vergangenheit zu entschuldigen – sei es nun, dass die australischen Aboriginis über 100 Jahre warten mussten, sei es der anhaltende Konflikt in der Türkei, was die Anerkennung des Genozids an den Armeniern als Völkermord angeht …
    Gerade in solchen Zeiten, da sich vieles wieder rückwärts dreht, ist es gut, wenn mit Artikeln wie dem deinen Erinnerungsarbeit geleistet wird. Herzliche Grüße Birgit

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Birgit. Das war einer der Gründe, warum ich mich mit dem Thema beschäftigen wollte. Ich verfolge ja sowohl die deutsche als auch die britische Presse, und mein Eindruck ist, da Deutschland sich sehr viel stärker mit den dunklen Episoden seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, ist der Protest in der Bevölkerung bei nationalistischen Äußerungen sehr viel größer. Die Briten pflegen vor allem eine Sieger-Geschichte, was in der derzeitigen Stimmung gefährlich werden könnte. Ich glaube durch die Aufarbeitung wird eine Gesellschaft stärker. Ich grüße Dich herzlich und wünsche Dir ein schönes Wochenende.

  3. Maren Wulf says:

    Noch so ein dunkles Kapitel der Geschichte. Es reiht sich nahtlos ein in die Kette der Völkermorde an den Armeniern und an den Herero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Danke fürs Erinnern!

  4. Susanne Haun says:

    Danke, Peggy, das war eine sehr aufschlussreiche Lektüre am Morgen. Mir lief beim Lesen ein Schauer über den Rücken. 73 Jhre braucht es, um ein ganzes Volk zu vernichten. Der Mensch hat wahrlich eine grausame Natur (was keine Entschuldigung sein soll!).
    Was nutzen die lehrreichen Texte der Philosophen über moralisches Handeln, wenn sie nicht angewandt werden.
    Liebe Grüße und einen schönen Samstag von Susanne

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