#lithund: Der Hund als Mordopfer

Als Birgit von Sätze und Schätze das Projekt #lithund vorstellte, fiel mir sofort ein Buch ein, das schon lange in den Tiefen meines SUB schlummert. Als es 2003 veröffentlicht wurde, sorgte es für viel Aufsehen, es gewann den Whitbread Novel of the Year Award, den Guardian Children’s Fiction Prize und den South Bank Show Book Award. Es stand sogar auf der Long List des prestigeträchtigen Man Booker Prize und wurde mittlerweile erfolgreich fürs Theater adaptiert. Aber wie das so ist: Neue Bücher kommen hinzu und irgendwann sind manche Schätze so tief im SUB verbuddelt, dass nur ein glücklicher Zufall sie wieder zutage bringt. Dieser glückliche Zufall ist in diesem Fall das Blogprojekt #lithund und das Buch, das mir sofort dazu einfiel heißt

Mark Haddon „The Curious Incident of the Dog in the Night-time”

„It was 7 minutes after midnight. The dog was lying on the grass in the middle of the lawn in front of Mrs. Shears’ house. Its eyes were closed. It looked as if it was running on its side, the way dogs run when they think they are chasing a cat in a dream. But the dog was not running or asleep. The dog was dead. There was a garden fork sticking out of the dog.”

Der 15-jährige Christopher, der die Geschichte erzählt, findet eines Nachts den toten Pudel der Nachbarin. Der Junge läuft gerne nachts durch die Straßen, weil sie dann menschenleer sind. Christopher leidet an einer Form des Autismus und es fällt ihm schwer mit anderen Menschen zu kommunizieren. Er findet es oft schwierig, zu entziffern, was andere sagen, weil unsere Sprache voller Ungenauigkeiten und Metaphern ist. Er kann Gemütslagen schlecht einschätzen und kann es nicht leiden, wenn er berührt wird. Mit Hunden geht es ihm anders.

„I like dogs. You always know what a dog is thinking. It has four moods. Happy, sad, cross and concentrating. Also, dogs are faithful and they do not tell lies because they cannot talk.”

Für Christopher ist die Sache klar: Wellington, wie der Pudel hieß, wurde ermordet. Aber wer hatte einen Grund, einen Hund mit einer Forke umzubringen? Christopher beginnt zu ermitteln. Er ist gut im Lösen von Rätseln, zumindest solcher, die mathematischer oder naturwissenschaftlicher Art sind. Das Problem ist: Um den Mord an Wellington aufzuklären, muss er sich überwinden, mit anderen Menschen zu sprechen. Er beginnt seine Nachforschungen in der Nachbarschaft. Als sein Vater herausfindet, was Christopher tut, verbietet er es ihm. Denn Christopher hat das Potenzial in Schwierigkeiten zu geraten, einfach, weil er anders ist als die meisten Menschen um ihn herum. Der Junge lässt sich jedoch nicht abhalten. Und so werden Ereignisse in Gang gesetzt, bei denen Christopher nicht nur Wellingtons Mörder findet sondern auch ein Familiengeheimnis lüftet. Mehr als einmal gerät er in brenzlige Situationen und meistert sie auf seine eigene Art – mit mathematischer Kopfakrobatik.

„The Curious Incident of the Dog in the Night-time“ ist ein Krimi und gleichzeitig eine Geschichte über einen Jungen, der von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Als Autist kämpft er mit vielen Ängsten, aber er überwindet sie und wächst an den Herausforderungen. Das ist manchmal komisch und manchmal herzerweichend. Und während er die Geschichte aufschreibt, bekommt der Leser eine kleine Vorstellung davon, wie Autisten die Welt sehen. Wir erkennen, wie viele Barrieren unsere Gesellschaft – oft unbewusst – für die aufbaut, die anders ticken. Dabei ist Christopher ein hochintelligenter Junge, der sich mit seinen gerade mal 15 Jahren auf die Abiturprüfung in Mathematik vorbereitet und der viele interessante philosophische Gedanken hat:

„Siobhan says people go on holidays to see new things and relax, but it wouldn’t make me relaxed and you can see new things by looking at earth under a microscope or drawing the shape of the solid made when 3 circular rods of equal thickness intersect at right angles. And I think that there are so many things just in one house that it would take years to think about all of them properly. And, also, a thing is interesting because of thinking about it and not because of it being new.”
Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Night-time

Aber nun zum Hund: Der ist hier nämlich kein zufälliges Opfer. Der Mord ist die Folge aus der Beziehung zwischen Mensch und Hund. Die Geschichte wirft damit ganz nebenbei ein Licht auf den Status des Hundes in unserer Gesellschaft. Es gibt Menschen, für die ist der Hund ihr wichtigster Gefährte, und das kann positive wie negative Auswirkungen haben. Christopher zum Beispiel fällt es leichter, mit Hunden umzugehen als mit Menschen. Für ihn ist Wellingtons Tod nicht weniger verstörend, nur weil er ein Hund ist. Deshalb ist der Vorfall für ihn ganz klar ein Mord. Es ist für ihn gar nicht vorstellbar, dass die Polizei den Vorfall nicht als Mord ahndet. Wer einen Hund ermordet, ermordet als nächstes möglicherweise einen Menschen, ist seine Logik. Und diese Sichtweise spielt für Christophers Entscheidungen und den Fortgang der Geschichte eine wichtige Rolle. Ich glaube, man hätte dieses Buch in dieser Form mit keinem anderen Tier schreiben können als mit einem Hund.

Das Buch wurde 2015 ins Deutsche übersetzt und ist unter dem Titel (den ich persönlich nicht so gelungen finde) „Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ erhältlich.

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7 thoughts on “#lithund: Der Hund als Mordopfer

  1. Liebe Peggy,
    ich habe das Buch seinerzeit in der deutschen Übersetzung gelesen und ich fand den Ton sehr einfühlsam und passend – ich kann mich noch erinnern, dass ich das Gefühl hatte, ich verstehe durch die Sprache des Buches ein wenig, was an Gedankenflut einem Autisten durch den Kopf schießt. Aber offen gestanden habe ich vieles vom Buch auch wieder vergessen, peinlicherweise, dass da ein (toter) Pudel so eine tragende Rolle spielt. Daher vielen Dank fürs Mitmachen bei #lithund und die Auffrischung meines Gedächtnisses 🙂 Liebe Grüße Birgit

  2. Das hört sich spannend für mich an. Als Geschichte grundsätzlich und mit der Verknüpfung des Themas Autismus ganz speziell. Ich habe mir den Titel notiert, deine Einführung hat mich jetzt doch sehr neugierig gemacht, Peggy.
    Vielen Dank für den Hinweis auf dieses gar nicht mehr so neue Buch, von dem ich allerdings trotz der zahlreichen Preise, die es seinerzeit erhielt, bisher nichts gehört hatte.

    Liebe Grüße und schönes Wochenende!
    Michèle

    1. Da es sich bei den Buchpreisen um britische handelt, hat man das in Deutschland sicher auch kaum bemerkt. Und es hat ja auch recht lange gedauert, das Buch zu übersetzen. Vielleicht war man sich nicht sicher, ob das deutsche Publikum es genauso mag. Mir hat es jedenfalls sehr gefallen. Liebe Grüße, Peggy

  3. Ich habe eine Aufzeichnung des Theaterstücks gesehen und fand die Geschichte großartig. Leider schlummert das Buch noch ungelesen auf meinem SUB, aber irgendwann wird das sicher noch nachgeholt!

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