Memorial to heroic self sacrifice in London's Postman' s Park

Helden

Wer ist ein Held? In meiner (ostdeutschen) Kindheit waren die Partisanen Helden. Ich erinnere mich an Fotos und Kurzporträts im Pionierleiterzimmer von jungen Menschen, eigentlich noch Kindern, die im Kampf gegen Faschisten ihr Leben ließen. Wenn ich heute daran zurückdenke, kommen mir gleichzeitig unweigerlich Bilder von Kindersoldaten in Afrika und im Nahen Osten in den Sinn. Später hießen meine Helden Odysseus oder Siegfried. Der Begriff klang plötzlich erhabener, sauberer und ließ im Kopf meist ein Bild von muskulösen Männern entstehen. Abenteuer statt Verzweiflung. Heute bewege ich mich zwischen Ninja-Geburtstagsparty und Lego-Batman-Movie. Das Wort „Held“ wird in unserer Gesellschaft reichlich überstrapaziert. Kein Wunder also, dass in Zeitungsartikeln, auf Blogs und in Büchern eine gewisse Heldenmüdigkeit eingekehrt ist. Die Zeit der Helden ist vorbei, ist die scheinbar einhellige Stimmung in unserer Epoche. Dabei bräuchten wir sie heute mehr denn je. Und damit meine ich nicht schwert- oder laserpistolenschwingende Machos.

Alice Ayres memorial plaque in Postman's Park

Helden helfen anderen ohne Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse. Und genau das tat das Dienstmädchen Alice Ayres, als sie 1885 die drei Kinder ihres Arbeitgebers aus dem brennenden Haus rettete und dabei selbst starb. Nur eine kleine Todesanzeige in der Zeitung erinnerte an ihre Heldentat. Als der viktorianische Künstler George Frederic Watts sie las, beschloss er, ihr und anderen Helden wie Alice ein Denkmal zu setzen, denn:

„The material prosperity of a nation is not an abiding possession; the deeds of its people are.“ G. F. Watts

In einem kleinen Innenhof hinter der alten Londoner Post liegt der Postman’s Park. Hinter den hohen Häusern ebbt das Brausen des Verkehrs zu einem sachten Rauschen ab. Hohe Bäume beschatten einige Bänke, die um Blumenrabatten und einen Springbrunnen gruppiert sind. Hier, unter einem niedrigen moosbewachsenen Dach, das sich an eine Häuserwand lehnt, befindet sich das „Memorial to heroic self sacrifice“.

Gedenkstätte für Helden im Postman's Park in London

Alice blieb nicht lange allein. Sie bekam bald würdige Nachbarn. Die meisten Gedenktafeln stammen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Aber es gibt auch eine aktuelle aus dem Jahr 2007. Liest man die blankpolierten Fliesen, erkennt man, was es bedeutet eine Heldin oder ein Held zu sein. Hier liegen keine großen Krieger, sondern einfache Menschen, die in einem Moment höchster Not ohne zu zögern und ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben jemand anderen retteten. Sie hätten auch wegsehen können, weitergehen, vor Angst wegrennen. Aber das taten sie nicht. Und das gibt mir Hoffnung, dass die Zeit der Helden doch noch nicht vorbei ist, dass in vielen von uns vielleicht Helden schlummern, ohne dass wir uns das bewusst machen.

Memorial to heroic self sacrifice in London's Postman' s Park

Für alle, die den stillen Helden bei ihrer nächsten Reise nach London ihren Respekt erweisen möchten: Der Postman’s Park liegt in der Nähe der Tube Station St. Paul’s und ist von Montague Street und St. Martin’s Le Grand zugänglich.

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14 thoughts on “Helden

  1. Das ist ein schöner Ort, den du beschreibst, Peggy, schade das wir letztes Jahr nicht dorthin gingen als wir in London waren.
    Vielleicht ein anderes Mal.
    Liebe Grüße aus Berlin von Susanne

    1. Danke, liebe Susanne. Er liegt ein bisschen versteckt, aber ich finde die Idee dahinter so schön. Es kommen auch immer wieder einzelne Besucher und lesen sich die Gedenktafeln durch. Es ist sehr berührend, wenn man sie liest. Herzliche Grüße aus dem frühlingshaften London, Peggy

  2. Eine feine Idee! Dieser Ort kommt auf die Liste für meinen nächsten London-Besuch. Gefallen würde mir auch, wenn solche Tafeln an den Orten angebracht würden, wo die Helden des Alltags mutig zur Tat schritten. Stell dir nur mal vor, Peggy, wie schön es wäre, wenn sich die Straßen Stück für Stück mit Zeugnissen des Hinsehens und des Einschreitens zugunsten Hilfsbedürftiger füllten…

    1. Das wäre doch mal ein prima Vorschlag für die Stadtplaner. Ich finde auch, wir sollten uns mehr an solche Menschen erinnern. Schließlich ist die Erinnerung ja ein wichtiger Teil unseres kulturellen Bewusstseins. Ganz liebe Grüße über den Kanal, Peggy

  3. Ein sehr schöner Beitrag über einen – wie es mir scheint – sehr besonderen Ort, den auch ich mir für meine nächste London-Reise vormerken werde. Zu gern entdecke ich solche versteckten Orte, die meist mehr erstaunen und berühren als so manch bekannte Sehenswürdigkeit. Vielen Dank dafür und herzliche Grüße aus Dresden Isa

  4. Liebe Peggy, da ich vor einigen Tagen den Film “Unterkannte Heldinnen” sah, passt dein Thema genau dazu! Ich bin auch der Meinung, dass es viel mehr selbstlose Menschen, wie Alice Ayres, braucht, damit wir sehen, dass man auch Dingen tun kann, die nicht uns selbst helfen, sondern den anderen! Im Film “Hidden Figures” geht es um drei afro-amerikanische Frauen, die in den 60iger Jahren bei der NASA arbeiteten und ihre schwarze Hautfarbe und ihr weibliches Geschlecht sehr zu spüren bekamen, obwohl sie Genies waren! Lieben Gruss

  5. Wusste gar nicht, dass der “Postman’s Park” heißt. Hier habe ich ein paarmal auf dem Weg zum Barbican einen gepflegt langweiligen Nachmittag verbracht. Danke für dieses Erinnerungsstück!

      1. Zugegeben, das war nicht der Zweck deines Artikels, und auf den bin ich auch nicht eingegangen. Die Tafeln habe ich Ignorant auch erst beim zweiten Besuch entdeckt, beim ersten waren die schattigen Bänke wichtiger.

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