Mothering Sunday by Graham Swift

Graham Swift: Mothering Sunday

Heute wird hier in England Mothering Sunday gefeiert, ein Tag, der ähnlich wie der deutsche Muttertag begangen wird. Das heißt, Schulkinder basteln hübsche Karten für die Mama, und erwachsene Kinder besuchen ihre Mutter und bringen Blumen und Konfekt mit. Oft trifft sich die ganze Familie zu einem gemütlichen Sunday Lunch. Beliebte Restaurants sind schon Wochen vorher ausgebucht.

Die Tradition des Mothering Sunday ist schon sehr alt und hatte ursprünglich gar nichts mit dem Muttersein zu tun. Es gehört zur christlichen Tradition, dass Gläubige einmal im Jahr die Kirche besuchen, in der sie getauft wurden, sozusagen ihre Mutterkirche. Denn auch früher waren Familien, insbesondere wenn sie zu den unteren Klassen gehörten, über das Land verstreut. Kinder wurden teilweise schon als Zehnjährige in fremde Dienste gegeben. Meist waren es die Mädchen, die als Dienstmägde in reichen Familien fernab der Eltern arbeiteten. Und dort gingen sie dann auch sonntags zur Kirche. Am Mothering Sunday erhielten die Angestellten einen freien Tag, um der Tradition folgend ihre Mutterkirche zu besuchen. Für die meisten war der Tag gleichzeitig ein großes Familientreffen. Obwohl Mothering Sunday in die Fastenzeit fällt, nämlich auf den vierten Fastensonntag, wurden die Vorschriften, was das Essen betraf, an diesem Tag gelockert.

Buch und Blumen vor Bücherregal

Der neue Roman von Graham Swift, 2016 veröffentlicht, spielt am Mothering Sunday im Jahr 1924. Die 22-jährige Jane Fairchild arbeitet als Dienstmädchen bei den Nivens. Jane hat keine Eltern. Sie ist in einem Waisenhaus aufgewachsen. Während also alle Angestellten der Nivens nach Hause fahren, hat Jane den Tag für sich. Nun ja, nicht ganz für sich. Schon seit einiger Zeit unterhält sie eine Affäre mit Paul, Sohn der mit den Nivens eng befreundeten Sheringhams und Erbe des Upleigh Estates, dessen Hochzeit mit einer ihm gleichgestellten jungen Frau bereits geplant ist. Anfangs hatte Paul Jane jedes Mal für ihre körperlichen Dienste bezahlt, aber mit der Zeit war mehr daraus geworden und Jane wollte kein Geld mehr.

„It was March 1924. It wasn’t June, but it was a day like June. And it must have been a little after noon. A window was flung open, and he walked, unclad, across the sun-filled room as carelessly as any unclad animal. It was his room, wasn’t it? He could do what he liked in it. He clearly could. And she had never been in it before, and never would again. And she was naked too.”

Mothering Day 1924 ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Für Jane ist es der Tag, an dem die Vergangenheit endet und die Zukunft beginnt. An diesem frühlingshaften Tag, an dem überall das Leben hervorbricht, spürt man förmlich, wie eng das gesellschaftliche Korsett sitzt. Graham Swift zeichnet in der ihm eigenen schnörkellosen Art den Niedergang der englischen Oberklasse und beschwört mit wenigen Pinselstrichen eine Tragödie herauf, die Jane Fairchilds Leben für immer verändert.

Nach ihrem geheimen Treffen muss Paul los. Die Sheringhams haben ebenfalls ein Familientreffen organisiert, zu dem er gemeinsam mit seiner Braut eingeladen ist. Jane bleibt zurück und gibt sich ihren Gedanken hin. Darunter mischen sich mit Fortschreiten der Geschichte die Gedanken der über 90-jährigen Jane, die auf diesen für sie so bedeutsamen Tag zurückblickt.

„On the night of Mothering Sunday 1924, when for good reasons, she was utterly unable to sleep or rest, she picked up again Joseph Conrad’s Youth. What else could she do? Cry? And cry again? In her little plank of a bed. People read books, didn’t they, to get away from themselves, to escape the troubles of their lives?“

“A Romance” steht auf dem Buchcover unter dem Titel. Dabei ist die Liebesgeschichte in „Mothering Sunday“ nur eine von vielen, die den Lebensweg der Jane Fairchild beeinflussen. Mindestens genauso wichtig, wenn nicht gar wichtiger, sind Bücher. Jane ist eine eifrige Leserin. Die Bibliothek der Nivens ist der Raum, den sie am liebsten sauber macht. Und der Hausherr erlaubt ihr, sich Bücher auszuleihen. Die Geschichten, die sie gelesen hat, fließen ebenfalls in ihre Gedanken ein, was es auch ein bisschen zu einem Buch über Bücher macht. Vor allem aber ist „Mothering Sunday“ ein Roman über eine Frau, die ihren eigenen Weg geht, eingebettet in eine Zeit, in der die Frauenbewegung in Großbritannien an Fahrt gewinnt. Auch wenn Letzteres in der Geschichte nicht erwähnt wird, so geben doch die Gedanken der Protagonistin einen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse der 1920er Jahre, als immer mehr Frauen begannen, ihren eigenen Wert zu erkennen. Es ist ein feministisches Buch, eines, das die Leser auch darüber nachdenken lässt, wie stark unser eigener Lebensweg durch Zufälle – glückliche und unglückliche – bestimmt wird. Kurzum, ich habe es sehr gerne gelesen und kann es von ganzem Herzen weiterempfehlen.

Da bei mir die Regale kurz vor dem Bersten sind und ich in den nächsten Monaten sehr viele Bücher in Kisten packen muss, möchte ich gerne einer oder einem von Euch eine Freude machen und das Buch weiterverschenken. Wer Interesse hat, kann es hier in einem Kommentar bekunden. Gibt es mehrere Interessenten, wird der Kleine Entdecker in einer Woche den oder die Glückliche auslosen.

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10 thoughts on “Graham Swift: Mothering Sunday

  1. Lass mich raten: Wenn Jane in der Bibliothek putzt, faszinieren sie besonders die beiden Janes, Jane Austen und Jane Eyre, richtig? Mir kommt das wie ein typischer Topos in englischen Romanen vor. Übersetzt habe ich das auch schon mehrmals und mich darüber gewundert. Junge Frau aus armen Verhältnissen strebt nach Bildung und stößt dabei unweigerlich auf die beiden Janes oder eine der beiden. Ich habe mich oft gefragt, ob in der deutschen Literatur ähnliche Topoi vorkommen und falls ja, welche Schriftstellerinnen das dann wären. Sie müssten ja irgendwo zwischen Marlitt und Hochliteratur angesiedelt sein. Auf Anhieb fallen mir überhaupt keine Namen ein. Haben wir denn nur Lore-Hefte und Droste-Hülshoff und dazwischen nichts Austen oder Bronte Vergleichbares? (So, jetzt habe ich mich als Nichtgermanistin geoutet! 🙂 )

    Den Muttertagsband von Graham Swift möchte ich nicht haben, da ich selbst gerade viele von meinen Büchern verschenke.

    1. Nein, so stereotypisch ist Swift nicht. Die Protagonistin liest eher Abenteuerbücher, eher “Männerliteratur”. Und es ist auch kein Roman nach dem Muster armes Mädchen kriegt nach einigen Umwegen reichen Mann. Das Buch ist sehr viel realistischer. Es ist eine Geschichte im Geiste der Emanzipation – und das auf mehreren Ebenen.
      Was die deutsche Literatur und ihre Heldinnen angeht, fürchte ich, bin ich nicht so versiert, aber ich bin ja auch keine Germanistin, nicht mal eine Anglistin, sondern reine Hobbyleserin. Ist aber eine interessante Frage. Vielleicht beschäftige ich mich mal irgendwann näher damit.

  2. Ach, die Regale hier sind eigentlich voll genug, aber der Roman steht definitiv auf meiner Wunschliste, also bekunde ich hiermit Interesse 🙂 LG, Anna

  3. Liebe Peggy,
    auch ich würde mich über das Buch freuen, es klingt nach guter Lektüre, die ich eingekuschelt in meinem Bett lesen kann.
    Liebe Grüße und harmonisches Packen sendet dir
    Susanne

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