Mit Roland Barthes auf den Eiffelturm

Buchempfehlung für Paris-Reisen

Nachdem ich fünf Jahre über England gebloggt habe, fällt es Euch wahrscheinlich schwer zu glauben, aber mein erster Sehnsuchtsort war nicht London, sondern Paris. Als ich kurz nach dem Mauerfall aufs Gymnasium wechselte, wählte ich sofort Französisch als dritte Fremdsprache – was damals noch als echtes Strebertum galt und wofür man, angesichts der Tatsache, dass der Unterricht in der 9. und 10. Stunde stattfand, schon ziemlich viel Begeisterung mitbringen musste. Und meine erste eigene Reise, kurz nach dem Abitur, ging natürlich nach Paris.

Damals verkörperte kein anderes Bauwerk meine Sehnsucht nach Paris wie der Eiffelturm. Und als ich, interessanterweise, auf die Woche genau 24 Jahre später den Kleinen Entdecker fragte, was ist Dir wichtig, wenn wir Paris besuchen, stand an oberster Stelle: auf den Eiffelturm fahren. Was hat es mit diesem Bauwerk nur auf sich? Und vor allem: Rechtfertigt sein Zauber, drei Stunden in verschiedenen Warteschlangen zuzubringen? Letztere Frage kann natürlich nur jeder für sich selbst beantworten. Um der ersten Frage auf den Grund zu gehen, hatte ich dieses Mal Roland Barthes „Der Eiffelturm“ aus dem Jahr 1964 im Gepäck, gefunden auf Philea’s Blog. Und mit dem kleinen Band, der sich, wenn man kein Kind dabei hat, auch gut zur Überbrückung der Wartezeit eignet, habe ich „den touristischen Ritus in ein Abenteuer des Blicks und der Intelligenz“ verwandelt. Ich kann es jedem Paris-Reisenden wärmstens empfehlen.

Hier einige Zitate aus dem Buch, die mich den Eiffelturm mit ganz neuen Augen betrachten ließen:

„Gewiß sollte der Eiffelturm von Anfang an die Revolution symbolisieren (deren Hundertjahrfeier man beging) sowie die Industrie (deren große Ausstellung stattfand), doch haben diese Symbolbedeutungen kaum fortbestanden, andere sind an ihre Stelle getreten.“

La Tour Eiffel

„Der Eiffelturm zieht Bedeutung an wie der Blitzableiter den Blitz. Für alle Bedeutungsliebhaber spielt er die verführerische Rolle eines rein Bedeutenden, das heißt einer Form, die die Menschen unablässig mit Bedeutung erfüllen (die sie ihrem Wissen, ihren Träumen, ihrer Geschichte nach Belieben entnehmen), ohne daß doch diese Bedeutung jemals endgültig festgelegt wäre. Wer könnte schon sagen, was der Eiffelturm für die Menschen von morgen bedeutet?“

Der Eiffelturm ragt in den Himmel

„Die Geschichte des Eisens ist eine ganz besonders progressistische. Eiffel hat nichts anderes getan, als diese Geschichte dadurch zu krönen, daß er einerseits das Eisen zum einzigen Material seiner Konstruktion machte, und andererseits dadurch daß er ein Objekt ganz aus Eisen ersann, das wie eine dem Eisen errichtete Stele in den Himmel von Paris ragt. In diesem Material resümiert sich die ganze Leidenschaft des balzacschen und faustischen Jahrhunderts.“

Der Eiffelturm ist eine Stele zur Huldigung des Eisens

„Vor allem jedoch stellte der Eiffelturm gerade durch sein Wesen selbst der jahrhundertalten Vorstellung von plastischer Schönheit einen neuen Wert gegenüber, der seither die Welt erobert hat, den einer funktionellen Schönheit.“

Der Eiffelturm gleicht einer eisernen Brücke

„Angesichts dieses Waldes von Vergangenheitssymbolen, Kirchtürmen, Kuppeln, Bögen erhebt sich der Eiffelturm wie durch einen Akt der Unterbrechung, dazu bestimmt, das Gewicht der früheren Zeit zu entsakralisieren, der Faszination durch die Geschichte und der Verquickung mit ihr (so reich sie auch sei) die Freiheit einer neuen Zeit gegenüberzustellen.“

Paris zu unseren Füßen: Ausblick vom Eiffelturm

„Die utilitaristischen Gründe, sosehr sie durch den Mythos Wissenschaft auch geadelt sein mögen, sind nichts im Vergleich zu der großen Imaginationsfunktion, die den Menschen hilft, im eigentlichen Sinne Mensch zu sein.“

Kleiner Entdecker auf dem Eiffelturm

„Der Eiffelturm ist ein Objekt, das sieht, ein Blick, der gesehen wird, ein vollständiges, gleichzeitig aktives und passives Verb, dem keine Funktion fehlt.“

Blick nach oben: Der Eiffelturm wurde als Tor zur Weltausstellung 1889 konzipiert.

„In Wirklichkeit ist er nichts, er verwirklicht eine Art Nullzustand des Monuments.“

Mit dem Buch von Roland Barthes den Eiffelturm entdecken.

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14 thoughts on “Mit Roland Barthes auf den Eiffelturm

    1. entdeckeengland says:

      Danke, Maren, ich fand es auch schön, ihn mal durch die Augen des Autors zu betrachten. So viele Gedanken darüber, woher die Faszination kommt, habe ich mir vorher noch nie gemacht. 🙂

  1. SätzeundSchätze says:

    Oh wie schön, diese Kombination aus Texten und Detailfotos! Ich habe es mir vor einiger Zeit, als das Buch bei Suhrkamp erschien, auch zugelegt mit dem Vorsatz bald mal nach Paris zu fahren. Bisher habe ich das nicht geschafft – aber durch Deinen Post habe ich jetzt doch etwas Seine- und Eiffelturm-Feeling für das Wochenende 🙂

    1. entdeckeengland says:

      Es ist wirklich ein schöner Reisebegleiter und passt ja, weil er so dünn ist, auch in die Handtasche. Ich fand es sehr schön, nach so langer Zeit wieder einmal durch Paris zu schlendern. Ich hätte mir natürlich noch ein bisschen mehr Zeit für literarische Streifzüge gewünscht, aber ich wollte ja vor allem dem Kleinen Entdecker einen Bezug zur Stadt geben, weil er doch ab diesem Jahr in der Schule Französisch lernt. Das hatte auch den erwünschten Effekt. 😀

  2. suzy says:

    Ich fand ihn auch immer sehr beindruckend! Am schönsten ist es wenn man gegen Abend hochgeht dann hat man erst Tageslicht und danach die Aussicht im Dunkeln wenn alle Lichter leuchten ist atemberaubend.
    Wenn man zu Fuss hochgeht muss man übrigens nicht lange warten…..

    1. entdeckeengland says:

      So kenne ich das von damals auch, und vor 24 Jahren sind wir hochgelaufen. Aber seit den Terroranschlägen herrscht ja immer noch Ausnahmezustand in Frankreich. Das gesamte Areal um den Eiffelturm ist abgesperrt. Man kann nicht mal mehr einfach so drunter durch laufen, was ich sehr schade finde. Wir mussten zwei Sicherheitskontrollen mit langen Schlangen durchlaufen. Danach war es egal, ob man läuft oder fährt. Aber nach über zwei Stunden mehr oder weniger stehen, war laufen für meinen zu dem Zeitpunkt noch Sechsjährigen keine Option mehr 🙂

  3. Sandra Parsons says:

    Also die Bilder fand ich wirklich wunderschön, aber den Text, muss ich zugeben, leider etwas schwer verdaulich. Nun ja, vielleicht liegt’s ja an der späten Stunde (1:10 Uhr)… Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass die Fremdsprachenwahl Deines Mannes doch wesentlich streberhafter war als Deine 😉
    Liebe Grüße von der Insel, Sandra

    1. entdeckeengland says:

      😀 Naja, wie so oft ist es ja Geschmackssache, welches Buch gefällt und welches nicht. Manche Gedankengänge wirken zugegebenermaßen ein bisschen abstrus. Aber ich fand, darin liegt auch ein gewisser Charm. Da ich ja schon mal dort war und es nichts sensationell Neues gab, hat das Buch meine Besichtigung auf jeden Fall bereichert. Liebe Grüße zurück, heute mal etwas hoffnungsfroh, weil wir eine Wohnung besichtigt haben, die sowohl Wasserhahn in der Küche als auch Waschmaschine hat. 😀

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