Virginia Woolf: The Years

Gingko im Herbstkleid

“The autumn wind blew over England. It twitched the leaves off the trees, and down they fluttered, spotted red and yellow, or sent them floating, flaunting in wide curves before they settled. In towns coming in gusts around the corners, the wind blew here a hat off; there lifted a veil high above a woman’s head.”

Es ist Herbst, und ich bin zurück in England. Nein, nicht persönlich. Ich bin lesend gekommen, mit einer guten alten Bekannten, die hier auf dem Blog schon häufiger aufgetaucht ist: Virginia Woolf. Im letzten Jahr bin ich richtig auf den Geschmack gekommen und jetzt habe ich mir vorgenommen, mich Stück für Stück durch ihr Werk zu lesen. Bei jedem Roman bin ich aufs Neue überrascht, wie vielseitig die Autorin war, wie mutig sie experimentiert hat, immer bestrebt, sich weiterzuentwickeln, aber auch wie poetisch ihre Sprache und wie zeitlos viele ihrer Gedanken sind.

„What do they mean by Justice and Liberty? he asked, all these nice young men with two or three hundred a year. Something’s wrong, he thought; there’s a gap, a dislocation, between the word and the reality. If they want to reform the world, he thought, why not begin there, at the centre, with themselves?”

“The Years”, geschrieben Mitte der 1930er Jahre, erzählt die Geschichte der Familie Pargiter. Es ist ein Familienepos, das im Wesentlichen zwei Genrationen von Frauen auf ihrem Weg aus dem viktorianischen Zeitalter in die Moderne begleitet. Es beginnt 1880. An einem regnerischen Nachmittag zoomen wir uns durch Londons belebte Straßen, vorbei an Geschäftsleuten im East End und Frauen in rauschen Kleidern im West End, in das Wohnzimmer der Pargiters, wo Milli, eine der Töchter, versucht, das Wasser im Teekessel zum Kochen zu bringen. Nach und nach treffen die anderen Familienmitglieder zum Afternoon Tea ein. An diesem ersten Tag im Jahr 1880 lernen wir die Protagonisten und ihre unterschiedlichen Befindlichkeiten kennen. Eine der Hauptfiguren ist Eleanor, die älteste Tochter, die, seit die Mutter krank ist, die Ankerfunktion in der Familie übernommen hat, die aber trotz der noch starken patriarchalischen Fesseln ihren eigenen Weg geht.

„She wished Milly did not always bring the conversation back to marriage. And what do they know about marriage? she asked herself. They stay at home too much, she thought, they never see anyone outside their own set. Here they are cooped up, day after day …”

Von der Teerunde im klaustrophobisch anmutenden viktorianischen Wohnzimmer geht es in Zeitsprüngen weiter, die manchmal nur einige Jahre, manchmal mehr als ein Jahrzehnt umfassen. An jedem Punkt auf der Zeitachse, die bis in die 1930er Jahre reicht, hält die Autorin nur für einen Tag oder einige Stunden an und beobachtet, wie sich das Leben ihrer Figuren entfaltet. Wie auch in anderen Romanen gelingt es Virginia Woolf, durch die für sie typische Stream-of-Consciousness-Technik den Charakteren eine lebensnahe Komplexität zu geben. Die Leser tauchen in die Gedankenwelt der unterschiedlichen Personen ein und werden dadurch in die Lage versetzt, Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, wie zum Beispiel hier auf der Party in den 1930ern, wo am Ende alle noch einmal zusammen treffen.

Delia, die Gastgeberin denkt:

„All sorts of people were there, she noted. That had always been her aim; to mix people; to do away with the absurd conventions of English life. And she had done it tonight, she thought. There were nobles and commoners; people dressed and people not dressed; people drinking out of mugs, and people waiting with their soup getting cold for a spoon to be brought to them.”

Ihr Neffe North, der im Ersten Weltkrieg gedient hat und den der Horror dazu getrieben hat, sich auf eine einsame Farm in Afrika zurückzuziehen, fragt sich hingegen:

„But where are the Sweeps and the Sewer-men, the Seamstresses and the Stevedores? he thought, making a list of trades that began with the letter S. For all Delia’s pride in her promiscuity, he thought, glancing at the people, there were only Dons and Duchesses, and what other words began with D? he asked himself, as he scrutinised the placard again – Drabs and Drones?”

Der besondere Reiz des Romans liegt aber nicht in der Erzählstruktur an sich, sondern darin, dass sich die Leben der Charaktere vor dem Hintergrund großer gesellschaftlicher Veränderungen entwickeln: Frauen kämpfen für das Wahlrecht, Männer werden durch den Ersten Weltkrieg traumatisiert. Junge Leute, die Generation der Bloomsbury Group, probieren neue Formen des Zusammenlebens aus, die im starken Kontrast zu viktorianischer Prüderie stehen. Auch Bildung wird zugänglicher – sowohl klassen- als auch geschlechtsübergreifend – aber nicht immer zum allgemeinen Wohlgefallen.

„Kitty took up the paper. ‘It’s the leading article, ‘ said Mrs Malone. That man almost always said the very thing that she was thinking, which comforted her, and gave her a sense of security in a world which seemed to her to be changing for the worse. ‘Before the rigid and now universal enforcement of school attendance …’ Kitty read out. ‘… the children saw a good deal of cooking which, poor as it was, yet gave them some taste and inkling of knowledge. They now see nothing and they do nothing but read, write, sum, sew or knit.”

Hinzu kommen die Veränderungen im Stadtbild Londons, die dem aufmerksamen Leser nicht entgehen werden und die „The Years“ zu einem eindrucksvollen London-Roman machen. Bewegen sich die Pargiters zu Beginn noch mit Pferdekutschen durch die Stadt, sehen wir sie später in Bussen, Autos und der Tube.

Allerdings liegt in der Verarbeitung der gesellschaftlichen Entwicklungen auch die Schwäche des Romans, der Grund, warum er sowohl in den Augen der Autorin als auch in den Augen vieler Kritiker ihr schwächster ist. Virginia Woolf wollte mit “The Years” einen Gesellschaftsroman schreiben, einen Essayroman, der die großen gesellschaftlichen Themen und ihre Auswirkungen, besonders auf Frauen, in ihrer Komplexität zeigt. Das ist ihr nur zum Teil gelungen. So begleiten wir Eleanor zu Meetings, erfahren aber nichts über deren Inhalt. Wir lesen, dass Rose, die Jüngste, eine Zeitlang im Gefängnis sitzt, weil sie auf einer Demonstration einen Stein geworfen hat, aber wir kennen nicht die genauen Umstände. Ein Bekannter, der gemeinsam mit Eleanor während eines Bombenangriffs 1917 im Keller sitzt, muss sich verstecken, weil er homosexuell ist.

All diese Referenzen zu den gesellschaftlichen Entwicklungen prägen zwar die Rahmenhandlung und das Denken der Romanfiguren. Dennoch bleiben sie zu wenig ausgearbeitet, um den hohen Ansprüchen der Autorin gerecht zu werden. Der eigentliche Plot bleibt im Alltäglichen, bei Besuchen innerhalb der Familie, zufälligen Begegnungen und Partys. Mich hat das beim Lesen jedoch nicht gestört, denn in dieser Hinsicht ist das Buch wie das echte Leben. Nur die wenigsten Menschen sind Teil einer großen Bewegung und gestalten diese aktiv mit. Und die meisten großen Veränderungen sind im Grunde die Summe vieler kleiner Anstöße, die das Denken über einen langen Zeitraum, manchmal erst über mehrere Generationen hinweg, beeinflussen.

„Now those ladies have got the vote, ‘he said, turning to North, ’are they any better off?”

Eine Frage, die über dem ganzen Roman zu hängen scheint und doch unbeantwortet bleibt. Aber in diesem Unbestimmten, dem Gegenüberstellen verschiedener Sichtweisen liegt für mich auch eine der größten Stärken der Autorin. Virginia Woolf zwängt den Lesern keine Meinung auf, sie regt sie zum Nachdenken an. Letztlich hängt das Glück oder Unglück der einzelnen Figuren nicht nur von der einen großen gesellschaftlichen Errungenschaft – dem Wahlrecht der Frau – ab, sondern von zahlreichen anderen persönlichen Entscheidungen sowie der inneren Einstellung.

„She held her hands hollowed; she felt that she wanted to enclose the present moment; to make it stay; to fill it fuller and fuller, with the past, the present and the future, until it shone, whole, bright, deep with understanding.”

Virginia Woolf ging es ohnehin um mehr als den Inhalt, deshalb wächst ihr Schreibstil über den Plot hinaus. Mit ihren Worten malt sie Bilder von atemberaubender Schönheit. Zwischen den Zeilen wird spürbar, dass Virginia Woolf von Künstlern umgeben war, allen voran von ihrer Schwester, der Malerin und Designerin Vanessa Bell und deren Lebens- und Künstlergefährten Duncan Grant. Die Bloomsbury Group war im Grunde mehr durch die Kunst geprägt als durch die Literatur. Und das hatte einen großen Einfluss darauf, wie Virginia Woolf die Welt sah und in Worten einfing.

„She laid herself out, under the cold smooth sheets, and pulled the pillow over her ears. The one sheet and the one blanket fitted softly round her. At the bottom of the bed was a long stretch of cool fresh mattress. The sound of the dance music became dulled. Her body dropped suddenly; then reached ground. A dark wing brushed her mind, leaving a pause; a blank space. Everything – the music, the voices – became stretched and generalised. The book fell on the floor. She was asleep.”

Virginia Woolf mag nicht der Gesellschaftsroman gelungen sein, den sie ursprünglich anstrebte. Stattdessen hat sie ein Gemälde ihrer Zeit entworfen, dessen Detailreichtum fasziniert und fesselt, und dessen Inhalt dazu anregt, über die unterschiedlichen Lebensentwürfe von Frauen nachzudenken. Ein Buch, das in keiner Frauenbibliothek fehlen sollte.

Der Roman ist auf Deutsch unter dem Titel „Die Jahre“, übersetzt von Brigitte Walitzek, erhältlich.

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10 thoughts on “Virginia Woolf: The Years

  1. Isabel says:

    Oh jetzt habe ich aber Lust auf das Buch bekommen. “Gemälde ihrer Zeit” klingt ganz verlockend..vielen Dank für die Empfehlung und herbstliche Grüße aus Deutschland!

  2. dj7o9 says:

    Den kenne ich ja noch gar, werde ich umgehend auf die Liste packen. Von Frau Woolf möchte ich irgendwann einmal alles gelesen haben. Habe deinen Artikel sehr sehr gerne gelesen 🙂

  3. SätzeundSchätze says:

    Liebe Peggy, schön, dass Du den Faden beim Virginia Woolf-Lesen wieder aufnimmst. Sobald ich diesen bayerischen Buchpreis bewältigt und noch ein paar Pflichten erfüllt habe, schließe ich mich an – ich will jetzt eine ganze Zeit lang vor allem Literatur von Schriftstellerinnen lesen, da liegen die Bücher von Virginia Woolf schon griffbereit. Und ja, auch bei Mrs Dalloway hatte ich bei einigen Szenen den Eindruck: Hier malt eine Autorin mit Worten. So schön!

    1. entdeckeengland says:

      Das passt ja gut! Ich musste beim Lesen auch immer wieder an Deine Frage denken, was eigentlich einen Klassiker ausmacht und welche Bücher in den Literaturkanon aufgenommen werden sollten. Ich finde, Virginia Woolf gehört auf jeden Fall dazu. Sie schreibt Zeitdokumente, die jedoch viele zeitlose Gedanken enthalten. Sie experimentiert mit der Sprache und hat mit ihrem Stil zur Weiterentwicklung der Literatur beigetragen. Und das Beste, was auch gut in unser derzeitiges Thema passt: Sie ist eine Frau, die (wenn auch nicht ausschließlich) über Frauen schreibt, der man mit Sicherheit nicht unterstellen kann, dass sie nur erfolgreich war, weil sie „männlich“ schreibt, und die trotzdem von beiden Geschlechtern mit Gewinn gelesen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass Dir „The Years“ gut gefällt, auch wenn wie gesagt, die großen Themen eher im Hintergrund ablaufen. Liebe Grüße, Peggy

  4. Blumentorte says:

    Vielen Dank für diesen wundervollen, detaillierten Einblick in “The Years”. Für mich wäre es nichts, diese Art von Beschreibung einer Epoche und Gesellschaft habe ich bei anderen Autoren in jüngeren Jahren gelesen, da vermisse ich dann mittlerweile doch die Schilderung der persönlichen Entwicklungen. Aber es war lustig hier diese Eigenart von V. Woolfe wiederzufinden mit der Zeit so unbefangen umzugehen, und auch dieses “Zoom In” und “Zoom Out” – ich hatte es fast vergessen! Liebe Grüße und ich freue mich auf Deine weiteren Eindrücke!

    1. entdeckeengland says:

      Die persönliche Entwicklung gibt es schon – ich hoffe, ich habe mich hier nicht missverständlich ausgedrückt. Die Frauen entwickeln sich ja allesamt zwischen 1880 und den 1930ern weiter. Allerdings wirken Virginia Woolfs Betrachtungen trotz des Stream-of-Consciousness auch immer etwas distanziert, was vielleicht auch daran liegt, dass sie zwischen den Personen und deren Perspektiven hin und her springt. Virginia Woolfs Schreibstil muss man mögen, um die Bücher zu genießen. Bei diesem speziellen Buch „The Years“ würde ich mir allerdings wünschen, dass es vielleicht auch mal in der Schule behandelt würde, gerade weil hier Themen verarbeitet werden, die auch heute noch aktuell sind. Was genau meinst Du denn damit, dass Virginia Woolf unbefangen mit der Zeit umgeht? Ich glaube nicht, dass sie sich selbst so beschreiben würde. Der Auslöser für den Roman war ja, dass sie gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen wollte, die damals aktuell waren. Liebe Grüße, Peggy

      1. Blumentorte says:

        LIebe Peggy, vielen Dank für Deine weiterfürhrenden Erläuterungen. Betreffend den Umgang mit der Zeit, meinte ich “Orlando”, die Wandel, die Sprünge, die V. Woolfe immer wieder wagt. Ich meinte damit also nicht die Epoche sondern die in ihren Werken häufig eine Rolle spielende Zeit (Jahre, Jahrzehnte, das Altern etc.). Eines ihrer Werke hieß ja sogar “The Hours”. Liebe Grüße, die Blumentorte

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