Eine Amerikanerin in Paris: Spurensuche in der Rue de l’Odéon

Sylvia Beachs "Shakespeare and Company in der Rue de l'Odéon

Um die Pariser Literaturszene der 1920er und 30er Jahre ranken sich viele Mythen – zumeist männliche, voller Trinkgelage und Sexorgien. Aufgrund dieser Verklärung wird oft übersehen, wie viele Frauen zu dieser Zeit dort tätig waren, ohne die einige der heute weltberühmten Schriftsteller wahrscheinlich gar nicht so weit gekommen wären. Während unseres Parisaufenthalts im Sommer haben der Kleine Entdecker und ich uns auf die Spurensuche nach einem der weiblichen Zentren des literarischen Paris begeben. Wir fuhren zur Rue de l’Odéon, wo eine Zeitlang zwei von Frauen geführte Buchläden zum Treffpunkt der literarischen Avantgarde wurden.

Rue de l'Odéon heute
Die Rue de l’Odéon mit Blick aufs Theater

Eine der beiden Frauen hieß Sylvia Beach. Ihre Memoiren, die den gleichen Titel tragen wie seinerzeit ihr Buchladen, begleiteten mich auf der Reise:

„Shakespeare and Company“

Sylvia Beach war Amerikanerin, wuchs aber in einer frankophilen Familie auf und verbrachte in ihrer Jugend einige Jahre in Paris. Als sie vierzehn war, übernahm ihr Vater für einige Jahre die Seelsorge der Pariser Students‘ Atelier Reunions. Dadurch war Sylvia schon früh von Intellektuellen und Künstlern umgeben. 1917 folgte die damals Dreißigjährige ihrer Schwester nach Paris, wo diese im Filmgeschäft arbeitete. Paris litt damals unter den Folgen des Ersten Weltkriegs, was es insbesondere für Amerikaner zu einem billigen Pflaster machte. Hinzu kam, dass Frauen in keiner anderen Stadt so viele Freiheiten besaßen, was ihre berufliche Entfaltung sowie ihren Lebensstil anging. Ihr Interesse an der modernen französischen Literatur führte Sylvia eines Tages zu Adrienne Monniers Buchladen „La Maison des Amis des Livres“ in der Rue de l’Odéon.

Adrienne Monniers "La Maison des Amis des Livres" befand sich in der Nr. 7 Rue de l'Odéon.
In der Nr. 7 Rue de l’Odéon befand sich einst “La Maison des Amis des Livres”

Heute erinnert nicht einmal ein Schild an den „kleinen grauen Buchladen“ in der Nummer 7 Rue de l’Odéon. In dem Geschäft, in dem Sylvia und Adrienne stundenlang über Bücher sprachen, befindet sich heute ein Friseur. Es ist schwer vorstellbar, dass sich in dieser gediegenen Straße, wo Frauen mit teuren Handtaschen an hübschen Boutiquen vorbeischlendern und Touristen in Straßencafés an Weingläsern nippen, einst eigensinnige und innovative Autoren wie Gertrude Stein, Ernest Hemingway, Djuna Barnes und James Joyce die Klinke in die Hand gaben.

„Opening bookshop in Paris. Please send money“

Adrienne hatte ihr Geschäft, das eine Mischung aus Buchverleih und Buchhandel war, 1915 mithilfe einer Unfallentschädigung, die ihr Vater nach einer Verletzung erhalten hatte, gegründet. 1919 bat Sylvia ihre Mutter um Geld, um ihren eigenen Laden, das amerikanische Gegenstück zu Adriennes, zu eröffnen. Zuerst ließ sie sich um die Ecke in der Rue Dupuytren nieder. 1921 erfuhr Adrienne, dass der Antiquitätenhändler gegenüber von „La Maison des Amis des Livres“ einen Nachmieter suchte. So kam es, dass „Shakespeare and Company“ ebenfalls in die Rue de l’Odéon zog. Sylvia Beach und Adrienne Monnier wurden unzertrennlich und förderten durch ihre Zusammenarbeit den literarischen Austausch zwischen Frankreich und Amerika.

Sylvia Beachs "Shakespeare and Company in der Rue de l'Odéon
Dank der Unterstützung des Kleinen Entdeckers, erblicken wir hier noch einmal “Shakespeare and Company” in der 12 Rue de l’Odéon.

Sylvia Beach und Adrienne Monnier waren nicht wohlhabend. Sie besaßen etwas Startkapital und erhielten gelegentlich finanzielle Unterstützung durch ihre Familien. Aber beide benötigten für ihre Buchläden ein Geschäftsmodell, das sich selbst trug. Vom Buchverkauf allein, konnten sie die monatlichen Ausgaben nicht bestreiten. Einen wichtigen Beitrag lieferten die monatlichen Mitgliedsbeiträge für den Buchverleih. Außerdem organisierten sie Lesungen und andere Veranstaltungen in ihren Läden.

Sylvia pflegte ein großes Netzwerk. Ihr Bekanntheitsgrad erstreckte sich sogar über den großen Teich. Für viele Neuankömmlinge aus den Staaten war sie die erste Anlaufstelle in Paris. Sie stellte Kontakte zu Gertrude Stein her, die ihren angesehen Literatursalon nicht weit entfernt in der Rue de Fleurus hatte. Etliche Amerikaner nutzten „Shakespeare and Company“ als Postanschrift. Dennoch stand sie mehr als einmal kurz vor dem Ruin. Ihre prekäre finanzielle Situation hatte sie unter anderem ihrer Unfähigkeit zu verdanken, nein zu sagen, und einem ganz speziellen Autor, der dies auszunutzen wusste. Die Rede ist von James Joyce. Eine unscheinbare Steintafel an der Fassade der 12 Rue de l’Odéon erinnert an die wesentliche Errungenschaft, für die Sylvia Beach heute noch bekannt ist: die Veröffentlichung von „Ulysses“.

In der 12 Rue de l'Odéon wurde James Joyce's "Ulysses" veröffentlicht.
Eine kleine Steintafel an der Fassade erinnert and die Veröffentlichung von James Joyce’s “Ulysses”.

Das erste Mal begegnete Sylvia dem Autor 1920 auf einer privaten Party.

„I strolled into a little room lined to the ceiling with books. There, drooping in a corner between two bookcases, was Joyce. Trembling, I asked: “Is this the great James Joyce?” “James Joyce,” he replied. We shook hands; that is he put his limp, boneless hand in my tough little paw – if you can call that a handshake.”

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Joyce bereits seit sieben Jahren an “Ulysses“ und verkaufte das Manuskript auf Raten an einen Verleger in New York. Aber die strenge Zensur machte eine Veröffentlichung in den USA unmöglich. In England hatte „Ulysses“ bereits zwei andere Damen, Margaret Anderson und Jane Heap, in den Ruin getrieben. Leonard und Virginia Woolf, die den kleinen Verlag Hogarth Press betrieben, wollten das Buch in England veröffentlichen. Da sie aber noch mit Handsatz arbeiteten, erwies sich das Manuskript für sie zu umfangreich. Andere englische Drucker lehnten das Manuskript aufgrund seines obszönen Inhalts ab.

All das hielt Sylvia jedoch nicht davon ab, „Shakespeare and Company“ zu Joyce‘s persönlichem Verlag zu machen. Gut zehn Jahre unterstützte sie James Joyce, war seine Sekretärin, Buchhalterin, PR-Beauftragte und Laufburschin. Sie schaffte das Unschaffbare: „Ulysses“ wurde veröffentlicht und James Joyce berühmt. Über ihr Netzwerk organisierte sie sogar den Schmuggel in ihr Heimatland. Da Sylvia in ihrer naiven Begeisterung nicht auf die Idee kam, sich einen Anteil an den Erlösen zu sichern, war alles, was sie für ihre Arbeit erhielt, ein billiges Gedicht von Joyce. Nachdem die Kuh gemolken war und ein besseres Angebot aus den Staaten kam, verschwand er von der Bildfläche. Es ist erstaunlich, wie sie es geschafft hat, in ihren Erinnerungen nochmal die Bewunderung für Joyce aufleben zu lassen. Er muss ein äußerst charismatischer Mensch gewesen sein. Nur ganz selten klingt etwas Bitterkeit durch die ansonsten mit viel Humor geschriebenen Zeilen.

„Adrienne and I just managed to make ends meet by living in the simplest style. But Joyce liked to live among the well to do – he wanted to get away as far as he could, no doubt, from the sordidness of the surroundings of his youth.”

Janet Flanner, Journalistin in Paris und eine Landsfrau von Sylvia, schrieb, diese war wie ein „Lasttier; das sich mit der erdrückenden Bürde eines einmalig genialen und selbstgefälligen Autors abmühte, einer Last, die im Fall des Dubliner Joyce so schwer wie Stein oder Marmor war … Joyce‘ Dankbarkeit, die er fast nie zum Ausdruck brachte, hätte an sie als Frau gerichtet werden müssen. Denn die Geduld, die sie ihm entgegenbrachte, war weiblich … Sie gab immer mehr, als sie selbst zurückbekam. Die Veröffentlichung von ‚Ulysses‘ war ihre großzügigste Tat.“

Das Odéon ist ein Theater in Paris
Am Ende der Rue de l’Odéon befindet sich das Theater, das der Straße ihren Namen gab.

Hemingway, ebenfalls ein Mitglied in Sylvias Bibliothek und regelmäßiger Besucher, erinnert sich in seinem autobiografischen Buch „A Movable Feast“ an den Buchladen und dessen Inhaberin so:

„On a cold windswept street, this was a warm, cheerful place with a big stove in winter, tables and shelves of books, new books in the window, and photographs on the wall of famous writers both dead and living. The photographs all looked like snapshots and even the dead writers looked as though they had really been alive. Sylvia had a lively, sharply sculptured face, brown eyes that were as alive as a small animal’s and as gay as a young girl’s, and wavy brown hair that was brushed back from her fine forehead and cut thick below her ears and at the line of the collar of the brown velvet jacket she wore. She had pretty legs and she was kind, cheerful and interested, and loved to make jokes and gossip. No one that I ever knew was nicer to me. I was very shy when I first went into the bookshop and I did not have enough money on me to join the rental library. She told me I could pay the deposit any time I had money and made me out a card and said I could take as many books as I wished.”

French Windows in the Rue de l'Odéon
Nostalgisch: Fensterläden in der Rue de l’Odéon

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verließen viele, die die Literaturszene belebt hatten, Paris. Sylvia Beach blieb. Gemeinsam mit Adrienne beobachtete sie den Treck der Flüchtlinge, der sich über den Boulevard Sébastopol zog, und den Einzug der Nazis. „Shakespeare and Company“ blieb geöffnet – bis zu dem Tag im Jahr 1941, als ein deutscher Offizier kam und ein Buch von James Joyce kaufen wollte. Sylvia lehnte ab. Daraufhin drohte ihr der Offizier, alle Bücher zu beschlagnahmen. Nachdem er den Laden wütend verlassen hatte, trommelte sie ihre Freunde zusammen. Binnen zwei Stunden räumten sie den Laden leer und versteckten die Bücher in einem unbenutzten Apartment im dritten Stock. Einige Zeit später wurde Sylvia verhaftet. Sie verbrachte sechs Monate in einem Internierungslager. Nach ihrer Freilassung kehrte sie zurück nach Paris, wo sie sich aus Angst vor einer erneuten Verhaftung bei einer Freundin versteckte. An einem Tag im August 1944, die Deutschen waren bereits auf dem Rückzug, rollten einige Jeeps durch das Quartier Latin. Hemingway war gekommen, um die Rue de l’Odéon persönlich zu befreien.

„I heard a deep voice calling ‚Sylvia!‘ And everybody in the street took up the cry of ‘Sylvia!’

‘It’s Hemingway! It’s Hemingway!’ cried Adrienne. I flew downstairs; we met with a crash; he picked me up and swung me around and kissed me while people on the street and in the windows cheered.”

Mit dieser romantischen Note enden Sylvia Beachs Memoiren. Sie lebte bis zu ihrem Tod 1962 in Paris, ohne jedoch „Shakespeare and Company“ wiederzueröffnen. Seit 1964 trägt eine andere Buchhandlung in der Rue de la Bûcherie Sylvia zu Ehren den Namen.

Kleiner Nachtrag:

Birgit von Sätze und Schätze hat das Buch ebenfalls gelesen. Ihre Gedanken dazu findet Ihr hier.

Ingrid von Stift und Schrift hat Adrienne Monniers “Aufzeichnungen aus der Rue de l’Odéon” gelesen, ein Buch, das ich mir ebenfalls vorgenommen habe.

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12 thoughts on “Eine Amerikanerin in Paris: Spurensuche in der Rue de l’Odéon

  1. SätzeundSchätze says:

    Ein wundervoller Beitrag, liebe Peggy – und danke für die tollen Bilder. Ja, die Memoiren von Sylvia Beach habe ich auch verschlungen, natürlich auch “Paris, ein Fest fürs Leben”, die selbstverklärenden Erinnerungen von Hemingway und vieles mehr aus dieser Zeit. Manchmal wünschte man sich man könnte – ähnlich wie in diesem Woody Allen-Film – Zeitreisen in die Vergangenheit unternehmen und noch ein wenig dieser Stimmung mitretten. Auch wenn, wie Du es ja treffend beschreibst, Frauen wie Sylvia Beach diejenigen waren, die die Verantwortung und die Last trugen, um so “selbstgefällige” Herrschaften wie Mr. Joyce berühmt zu machen …

    Liebe Grüße, Birgit.

    1. entdeckeengland says:

      Danke, liebe Birgit. Ehrlich gesagt, nach der Lektüre verspüre ich keine große Lust mehr, Ulysses zu lesen. Schade, dass Sylvia Beach nicht mehr geschrieben hat. Sie hat so einen humorvollen, anekdotischen Schreibstil. Es ist eines der Bücher, die viel zu kurz sind 🙂

      1. entdeckeengland says:

        Ja, das hat sie sicherlich nicht beabsichtigt. Aber der Mann ist mir zutiefst unsympathisch geworden. Ich weiß ja, man sollte die Kunst von der Person trennen, aber ehrlich gesagt, es gibt so viele gute Bücher…

      2. SätzeundSchätze says:

        Ja, aber dieses Trennen, das klappt halt nicht immer – ich habe jetzt etwas Biographisches über Hemingway gelesen, das meine Meinung über ihn als Mensch eigentlich nur bestärkt. Wenn ich wieder etwas von ihm lese, wird das sicher auch auf die Lektüre abfärben…

  2. literaturreiseblog says:

    Ein äußerst interessanter Beitrag! Vielen Dank dafür. Mal abgesehen von dem Buch, ist die Thematik an sich auch interessant. Und tatsächlich dachte ich bisher bzgl. dieser (Literatur)epoche nur an die bekannten männlichen Vertreter wie Hemingway & Co und nicht an die weiblichen Autoren.
    Also sehr spannend und schön von dir geschrieben 🙂

  3. dj7o9 says:

    Ich habe das Buch auch geliebt und werde es definitiv auf meine nächste Paris-Reise mitnehmen. Dein Beitrag hat mir riesige Lust gemacht umgehend die Koffer zu packen, Buch zu schnappen und loszudüsen.
    Und mir ging es genauso mit Herrn Joyce und seinem ollen Ulysses 😉

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