November 2017: Durchatmen

Global Village, Dubai

Einatmen – eins, zwei, drei; ausatmen – eins, zwei, drei … Schwer donnern meine Schritte auf dem gepflasterten Weg, da hilft auch kein Luftpolster in den Turnschuhen. Nach monatelanger Sportabstinenz klingen mein Atem und meine Bewegungen wie die einer Maschine aus den Anfängen der industriellen Revolution. Fehlt nur noch, dass mir Dampf aus den Ohren kommt. Plötzlich überholt mich von links eine große, athletische Frau mit langen Schritten und der Eleganz einer Antilope. Was mich verblüfft, ist nicht, dass ich alte Dampflok von einem modernen Hochgeschwindigkeitszug überholt werde, sondern dass die Frau einen Hidschab trägt, ein Kopftuch, das den Hals umschließt und in das Sporttrikot hineinreicht. Bislang existierten die Bilder von Joggern und von muslimischer Kleidung in separaten Sektionen meines Gehirns. Obwohl ich seit Jahrzehnten mal mehr, mal weniger diszipliniert laufe, habe ich noch nie eine Frau mit Kopftuch joggen gesehen. Das mag an meiner beschränkten Wahrnehmung liegen, wenn ich durch die Gegend hechle, aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ist Dubai, wenn man hinter die glitzernden Fassaden schaut, ein guter Ort, um einige alte Denkmuster zu überwinden.

Laufen im Grünen in Dubai

November ist ein schöner Monat in Dubai – ein bisschen wie Mai im nördlichen Europa, nur umgekehrt. Die angenehmen Temperaturen, die tagsüber kaum noch die dreißig Grad übersteigen und nachts auf knapp zwanzig Grad fallen, locken die Menschen aus den Häusern. Sie fahren zum Beispiel zum Garden Glow, das den Zabeel Park abends in ein leuchtendes Fantasieland verwandelt – sehr kitschig, aber unterhaltsam für Kinder und all jene, die sich ein bisschen Kinderseele erhalten haben.

Garden Glow in Dubai

Gleich nebenan liegt der Dinopark, dessen animierte Saurier bei den Besuchern je nach seelischer Verfassung Erstaunen, Belustigung oder Grauen auslösen können.

Dinosaurier Park in Dubai

Mein persönlicher Favorit bislang ist das Global Village, ein internationaler Markt, wo es alles Mögliche zu kaufen gibt, von Datteln aus Saudi-Arabien, über Küchengeräte aus Kuwait bis hin zu feingerippter Unterwäsche aus Ägypten. Jedes Land hat dabei einen eigenen, liebevoll bis kitschig eingerichteten Marktplatz, auf dem auch landestypische Aktivitäten und Kultureinlagen angeboten werden. Und selbstverständlich kommen auch die Gaumenfreuden nicht zu kurz.

Global Village in Dubai

Nicht nur das Klima lässt uns durchatmen. Unsere Wohnung nimmt langsam gemütliche Züge an, auch wenn es hier und da noch Einiges zu tun gibt und wir noch nicht den letzten Ausflug zum Ikea gemacht haben. Aber so langsam kehrt Ruhe in unseren Alltag ein und es bleibt ein bisschen mehr Zeit übrig, um es sich im Lesesessel bequem zu machen.

Lesesessel und Bücherregal

Was sonst noch in den Vereinigten Arabischen Emiraten geschah:

In Abu Dhabi öffnete der Louvre seine Pforten. Die Kunstgalerie steht auf unserer Ausflugsliste fürs nächste Jahr.

Die Polizei von Abu Dhabi versteigerte besondere Autokennzeichen und sammelte für die Statussymbole über 55 Millionen Dirham (etwa 12,5 Millionen Euro) ein. Das begehrteste Autokennzeichen war die Nummer 2, die über 10 Millionen Dirham einbrachte. Die Zahl erinnert an den Nationalfeiertag, der am 2. Dezember gefeiert wird. Dazu im nächsten Blogpost mehr.

In den letzten Tagen waren wir hier sehr beschäftigt, um die Schule für den Feiertag zu schmücken.

Dekoration für den Nationalfeiertag der VAE

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20 thoughts on “November 2017: Durchatmen

  1. SätzeundSchätze says:

    Liebe Peggy,
    Du schaffst es durch Deine lebendige Schreibweise selbst mir noch Dubai schmackhaft zu machen 🙂 Bei Deinem Einstieg musste ich so schmunzeln – was meinst Du, wie sehr ich mich als Dampflok im Vergleich zu Dir anhören würde?
    Und was Vorbehalte oder Klischees über Dubai anbelangt: Nie im Leben hätte ich vermutet, dass es da einen Ikea gibt 🙂
    bis bald, Birgit

    1. entdeckeengland says:

      Liebe Birgit, es ist seltsam, aber im Gegensatz zu England,wo es mir Spaß gemacht hat, den Lesern für eine Reise auch mal Ausflugsziele abseits der Standardrouten zu zeigen, weiß ich noch gar nicht so genau, was mein Ziel beim Bloggen über Dubai und die Emirate ist. Ich meine, es gibt hier schon einiges Sehenswertes, aber bei mir selbst stand Dubai nie auf der Liste originärer Reiseziele. Für uns war es ein Ort, der sich gut für eine Zwischenlandung eignet, auf dem Weg zu kulturvolleren Gegenden und wo man mal ein, zwei Nächte verbringen kann. Diese Ansicht habe ich bislang auch noch nicht geändert. Als Badeort im europäischen Winter ist es wahrscheinlich gut geeignet, aber das ist nicht so meins. Im Gegensatz zu London bewegen sich Touristen und Anwohner außerdem in komplett unterschiedlichen Sphären. Dubai besteht im Grunde aus vielen verschiedenen Welten, die nicht unbedingt viel Berührung miteinander haben. Ich glaube, was mich eher fasziniert, ist, für mich selbst zu entdecken, wie vielfältig Dubai ist, ich glaube, es ist die multikulturellste Stadt der Welt. Und ich will natürlich auch offenen Herzens an die Entdeckung meiner neuen Heimat herangehen. Außerdem gibt es Entwicklungen, die es Wert sind, näher zu verfolgen. Hier wird nämlich ganz aktiv Zukunft gestaltet, was ich spannend finde und erfrischend, nachdem sich in Europa so viele rückwärts wenden. Aber es gibt natürlich auch die andere Seite, die mich persönlich eher abstößt, das „Größer, Höher, Weiter“, die Konsumgesellschaft, das Jagen nach dem schnellen Adrenalinstoss, die Klassengesellschaft, die Rolle der Frauen, die Zensur – das alles gibt es hier und bestimmt auch das Wesen der Stadt. Aber da mir niemand vorschreibt, wie ich zu leben habe, ziehe ich meine Faszination aus den kleinen Begegnungen, den Wundern des Alltags. Dubai gehört zu den Städten, die man liebt oder hasst. London habe ich geliebt. Ich glaube nicht, dass ich Dubai jemals lieben kann. Aber es liegt auch nicht in meiner Natur zu hassen. Deshalb will ich versuchen, die unterschiedlichen Facetten des Landes kennenzulernen, zum einen, um meinen eigenen Horizont zu erweitern, zum anderen aber auch, um in unserer Zeit der zunehmend extremen Ansichten, zu etwas mehr interkulturellem Verständnis, Offenheit und Toleranz beizutragen, sofern das mit einem so kleinen, unbedeutenden Blog möglich ist. Liebe Grüße, Peggy

  2. Pit says:

    Hallo Peggy,
    den Ikea-Lesesessel gibt’s immer noch? Aber Du hast ihn wahrscheinlich mit nach Dubai gebracht. In mir erweckt er jedenfalls Erinnerungen an laengst vergangene Tage. “Nostalgie, Nostalgie”!
    Hab’s fein,
    Pit

  3. thursdaynext says:

    Immer wieder spannend hier mitzureisen. Ikea hätte ich in Dubai nun auch nicht vermutet. 😉 Weiterhin schöne Entdeckungen. (sitze während des Schreibens übrigens im selben Sessel, nur in schwarz *G*

    1. entdeckeengland says:

      Was braucht man mehr als einen bequemen Lesesessel 😀 Ikea gehört hier zu den wenigen Läden mit erschwinglichen Preisen. Viele andere Läden, auch solche, die wir aus Europa kennen, sind hier deutlich unverschämter.

  4. ladyfromhamburg says:

    So langsam erweitert sich auch mein Bild von Dubai. Viel Überraschendes! Was die lokalen Attraktionen angeht, aber auch die Vielfalt der Märkte etc. Oder die Anwesenheit von IKEA.
    Animierte Dinosaurier? Uaahh .. 🙂 Gefällt das dem kleinen Entdecker? Oder ist es schon zu viel des Guten?

    LG ins frühlingshafte Dubai!
    Michèle

    1. entdeckeengland says:

      Hallo Michele, ich hoffe, dass genau das rüberkommt, dass Dubai und die Emirate vielschichtiger sind, als es auf den ersten Blick erscheint. Der Kleine Entdecker, der sich gerade von einem Unfall mit Platzwunde am Kopf erholt (der Grund, warum ich wieder mal virtuell außer Gefecht gesetzt war) findet das noch alles spannend. Er hat aber auch schon gesagt, dass er Greenwich vermisst und unbedingt bald wieder London besuchen will. Liebe Grüße, Peggy

  5. Photolaboratorium says:

    Ja, das ist alles erstaunlich, es ist eine Welt, die ich bis jetzt überhaupt nicht kenne, toll, wie du deine alltäglichen Eindrücke beschreibst. Ikea hätte auch ich nie im Leben in dieser Welt vermutet. 😑😊

    1. entdeckeengland says:

      Danke für Deinen Kommentar und entschuldige die späte Antwort. Mittlerweile haben wir unseren ersten Krankenhausbesuch gemacht, weil sich der Kleine Entdecker beim überschwänglichen Spielen auf dem Spielplatz eine Platzwunde am Kopf zugezogen hat. Zum Glück ist alles glimpflich ausgegangen und ich kann sagen, das Gesundheitswesen funktioniert gut. Herzliche Grüße, Peggy

      1. Photolaboratorium says:

        Alles gute für den kleinen Entdecker, die neue Kultur ist sicherlich auch spannend für ihn. Deine Berichte erinnern mich an die Filme von Cedric Klapisch, der ganz wunderbar den momentanen Zeitgeist bildhaft macht. Herzlichst, Roswitha

      2. entdeckeengland says:

        Jetzt musste ich erstmal Cedric Klapisch googeln. 🙂 Ich kenne nur L‘auberge espagnol, den fand ich sehr unterhaltsam. Ich werde mal meine Augen nach anderen Filmen von ihm aufhalten. Herzliche Grüße, Peggy

  6. Susanne Haun says:

    Liebe Peggy,
    mich fasziniert die Sportlerin mit Hidschab! Um wievieles anstrengender muss das Joggen mit Kopfbedeckung sein, über den Kopf findet doch beim Joggen auch das Ausschwitzen statt, wie ist es, wenn dann das Tuch nass wird? Ich stelle es mir unangenehm vor, aber wahrscheinlich ist alles eine Frage der Gewohnheit.
    Ich lese deine Beiträge über Dubai sehr gerne, denn sie eröffnen mir eine andere Welt. Dazu gehört auch das Foto aus eurer Wohnung – es sieht so “normal” europäisch aus!
    Liebe Grüße und eine schöne Vorweihnachtszeit von Susanne

    1. entdeckeengland says:

      Ja, Susanne, das waren genau meine Gedanken. Im Winter bin ich in England auch mit Mütze gelaufen, aber bei den Temperaturen hier könnte ich mir das nicht vorstellen. Aber ich bin sicher, dass das eine Frage der Gewohnheit ist.
      Unsere Wohnung sieht in der Tat europäisch aus, bis auf manche Deko, die wir von Reisen mitgebracht haben. Das ist sicherlich auch ein wichtiger Schritt, um sich wohl und zu Hause zu fühlen. Draußen vor der Tür ist vieles ja doch noch ungewohnt. Da ist es schön, einen vertrauten Rückzugsort zu haben. Liebe Grüße, Peggy

      1. Susanne Haun says:

        Ich denke das auch, Peggy, ich erinnere mich, dass ich immer gerne meine türkische Schulfreundin besucht habe, in ihrem Zuhause war auch zu sehen, dass die Familie aus einem anderen Kulturreis kam. In der Wohnung auch auch der Rückzugort der Familie sichtbar, aber das wurde mir erst bewusst, als ich deinen Kommentar las.
        Liebe Grüße und einen schönen 2. Advent von Susanne

  7. Martina Ramsauer says:

    Wie Susanne bereits geschrieben hat, habe ich vor allem bei deiner Erzählung über das Joggen und dessen entsprechenden Outfits geschmunzelt! Ausserdem haben wir im Gästezimmer genau diesselben Stühle. Ich wünsche dir weiterhin viele interessante Beobachtungen auf deinen Erkundigungstouren in Dubai. Liebe Grüsse Martina

    1. entdeckeengland says:

      Vielen Dank, liebe Martina. Zur Zeit laufen die Vorbereitungen für unsere Reise nach Deutschland. Außerdem gibt es so kurz vor den Ferien wieder viele Schulveranstaltungen. Daher bleibt leider mal wieder wenig Zeit. Dennoch freue ich mich, wenn meine Berichte auf Interesse stoßen und hier und da ein Schmunzeln auslösen. Ich wünsche Dir eine schöne Vorweihnachtszeit. Liebe Grüße, Peggy

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