Wie die Vereinigten Arabischen Emirate entstanden: Ein Besuch im Etihad Museum

Architekturperle Etihad Museum

Am 2. Dezember 1971 schlossen sich sechs eigenständige Emirate – Abu Dhabi, Ajman, Dubai, Fujairah, Sharjah und Umm al-Quwain zu einem souveränen Staat zusammen. Zwei Monate später, im Februar 1972, komplettierte Ras al-Khaimah den Bund. Diese sieben Emirate haben es trotz ihrer kulturellen Eigenheiten und unterschiedlichen regionalen Allianzen geschafft, einen stabilen und modernen Staat aufzubauen. Im Januar 2017 eröffnete dort, wo am 2. Dezember 1971 die gemeinsame Verfassung unterzeichnet wurde, ein Museum, das der Geburt des Staates gewidmet ist. Der Name – „Etihad“ – bedeutet auf Arabisch „Union“ und bestimmt die Tonalität der Ausstellung.

Besucher vor einer Darstellung der Vereinigten Arabische Emirate im Etihad Museum Dubai

Der Zusammenschluss der sieben Emirate war keinesfalls vorprogrammiert, sondern entsprang einer Notlage. Bis in die 1960er Jahre firmierten die Scheichtümer als die sogenannten Trucial States. Der Name rührte von einer Friedensvereinbarung (englisch: truce) aus dem Jahr 1820 zwischen den Briten und den Scheichen, die die Gebiete am südlichen Arabischen Golf kontrollierten, um Überfälle auf britische Handelsschiffe zu beenden. Im Laufe der Jahrzehnte banden die Briten die Scheiche immer enger in ihre wirtschaftlichen und politischen Interessen ein. Sie verpflichteten sich, die Gebiete gegen Angreifer zu verteidigen und übernahmen eine Vermittlerfunktion zwischen den untereinander zum Teil verfeindeten Stämmen. Im Gegenzug war es den Scheichen verboten, eigenständige Verbindungen zu anderen Ländern aufzubauen. Anfangs dienten diese Vereinbarungen vor allem der Sicherungder britischen Handelswege, später ging es um den exklusiven Zugriff auf potenzielle Ölvorkommen.

Teil der arabischen Kultur: Beduine mit Kamel

Die Trucial States spielten für die Briten dabei eher eine Nebenrolle, zumal die Suche nach Öl lange Zeit erfolglos blieb, sodass die Briten das teure Vorhaben zeitweise am liebsten aufgegeben hätten. Die strategische Bedeutung des Küstenstreifens am Arabischen Golf lag vor allem in der günstigen geografischen Lage als Landeplatz für Militärflugzeuge. Darüber hinaus sollten die Scheichtümer auf keinen Fall unter kommunistischen Einfluss fallen und möglichst auch aus der Arabische Liga herausgehalten werden, die die Kolonialinteressen der Briten in der Region bedrohte. Mit dem schrittweisen Zusammenbruch des British Empire nach dem Zweiten Weltkrieg und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten im eigenen Land änderten sich jedoch die Prioritäten der britischen Regierung, weil die Kosten einer permanenten Präsenz an der Golfküste den Nutzen um ein Vielfaches übertrafen. So kam es, dass Premierminister Harold Wilson im Januar 1968 den Rückzug der Briten aus der Region ankündigte.

Interaktives Display über die Entstehung der Vereinigten Arabischen Emirate im Etihad Museum Dubai

Für die Scheiche war das zunächst ein Schock. Hatte sich doch das Außenministerium einige Monate zuvor ihnen gegenüber noch zu einer dauerhaften Präsenz bekannt. Unabhängigkeitsbestrebungen gab es nicht, da die Scheichtümer keine Kolonien im traditionellen Sinne waren und sich weitgehend selbst verwalteten. Im Gegenteil: Bedrängt von zwei mächtigen Nachbarn – Saudi-Arabien und Iran – schätzten sie die militärisch schlagkräftige Schutzmacht. Dass die Ängste keinesfalls unbegründet waren, zeigte die zeitweise Besetzung der Buraimi Region in Abu Dhabi durch das ölhungrige Saudi-Arabien sowie die gewaltsame Übernahme zweier strategisch günstigliegender Inseln im Arabischen Golf durch den Iran.

Die Gründerväter der Vereinigten Arabischen Emirate

Trotz erster Koordinierungsversuche unter britischer Federführung sahen sich die Emirate allerdings nicht als Einheit, sondern als eine Ansammlung verschiedener Stämme mit entsprechend unterschiedlichen Loyalitäten und Rivalitäten. So fühlten sich die Al Qasimi, die Ras Al-Khaimah und Sharjah regieren, aus religiösen Gründen den Wahhabiten von Saudi-Arabien nah. Die Bani Yas, aus denen die Herrscherfamilien von Abu Dhabi und Dubai hervorgegangen sind, waren traditionell deren Feinde und pflegten stattdessen Freundschaften mit den Omanis.

Interaktive Lernstation über die Bausteine der arabischen Kultur

Hinzu kam, dass die Emirate in den 1960er Jahren abgesehen von einigen wenigen Investitionen in die Infrastruktur im Grunde noch Teil der Dritten Welt waren. Die meisten Haushalte besaßen nur einen Salzwasserbrunnen für die Wäsche und mussten sich auf die tägliche Süßwasserlieferung der Eselskarawanen verlassen. Die medizinische Betreuung war bestenfalls rudimentär. In Abu Dhabi versorgten anfangs ein Arzt und zwei Assistenten nur Männer. Erst als eine englische Krankenschwester eingestellt wurde, kamen auch Frauen und Kinder in die langsam wachsende Klinik. Schulen waren ebenfalls rar. Für viele Aufgaben wurden deshalb ausländische Experten aus Ägypten oder Syrien angeheuert. Die eigene Bevölkerung hingegen suchte ihr Glück immer häufiger im Ausland, wo es mehr Arbeit gab und die Kinder Aussichten auf eine gute Schulbildung hatten. Die Ankündigung der Briten abzuziehen stellte die Scheiche zusätzlich vor die Mammutaufgabe, innerhalb von drei Jahren entweder einzeln oder gemeinsam eine funktionsfähige staatliche Verwaltung aufzubauen. Gut, dass genau zu diesem Zeitpunkt die ersten Öleinnahmen flossen.

Interaktiver Zeitstrahl der Geschichte der Emirate

Neider schieben die rasante Entwicklung der Vereinigten Arabischen Emirate ausschließlich auf das plötzliche Ölreichtum. Die Wahrheit ist jedoch sehr viel beeindruckender. Natürlich haben die Petro-Dollars viele Modernisierungsmaßnahmen möglich gemacht. Aber erst die Fähigkeit der sieben Herrscher, sich zusammenzusetzen und jahrhundertealte Rivalitäten zu überbrücken, hat die Basis für einen stabilen Staat gelegt, in dem der Reichtum vielleicht nicht allen, aber zumindest vielen zugutekommt.

Sieben Scheiche schlossen ihre Emirate zu einem Nationalstaat zusammen.

Aus diesem Grund ist das Etihad Museum vor allem den Gründungsvätern gewidmet. Die kurzen Biografien und persönlichen Gegenstände, zu denen unter anderem auch Messer und Pistolen gehören, geben leider nur begrenzten Einblick in die Schwierigkeiten, die es während der Verhandlungen zu überbrücken galt. Michael Quentin Mortons „Keepers of the golden Shore“, das die Recherchegrundlage für diesen Artikel bildet, lässt seine Leser auch nur an wenig mehr Details teilhaben. Diese Zurückhaltung hat vermutlich zwei Gründe: die enorme Wichtigkeit des Einheitsgedanken sowie der Umstand, dass in einer nomadisch geprägten Kultur nicht über jede kleine Intrige Buch geführt wird.

Legendäres Treffen der Herrscher von Abu Dhabi und Dubai.

Die Schlüsselrolle spielte Sheikh Zayed, damaliger Herrscher von Abu Dhabi, dem größten und reichsten Emirat der VAE. Nachdem bereits frühere Versuche unter britischer Führung, die Emirate in einer Art Staat zu vereinigen, gescheitert waren, entschied sich Zayed, einen anderen Weg zu gehen. Am 18. Februar 1968 ließ er in der Wüste nahe der Grenze zwischen Abu Dhabi und Dubai ein Zeltlager aufschlagen. Dorthin lud er der arabischen Verhandlungstradition folgend Sheikh Rashid von Dubai ein. Abu Dhabi war zwar mit Abstand das größte und ölreichste Emirat, aber Dubai mit seinen florierenden Häfen und Märkten war auch nicht arm und viel moderner als der Nachbar. Das machte die beiden Herrscher zu Gegenspielern, denn keiner war bereit, seine eigene Macht an den anderen abzugeben. Überwunden wurde dieser Konflikt durch die Einigung auf eine Föderation, in der Abu Dhabi den Präsidenten stellt und Dubai den Premierminister, eine Struktur, die bis heute fortbesteht.

Fotos vom Union Day im Etihad Museum

Nachdem sich die beiden stärksten Emirate geeinigt hatten, wurden die Scheiche der anderen Emirate, inklusive Bahrain und Katar, eingeladen, der Union beizutreten. Bahrain und Katar profitierten bereits seit Längerem vom Ölboom und sahen deshalb für sich nicht die Notwendigkeit, einer Föderation beizutreten. Aber für die kleineren und ärmeren Emirate am Nordzipfel der arabischen Halbinsel, war der Zusammenschluss mit Abu Dhabi und Dubai vermutlich die beste Option. In dem vorgeschlagen föderalen System konnte sich jedes Emirat ein Stück weit selbst verwalten und damit eine gewisse Eigenständigkeit bewahren. Gleichzeitig kamen sie aber auch in den Genuss des sich abzeichnenden Ölreichtums in Abu Dhabi.

Interaktive Installation über die Verfassung der Emirate im Etihad Museum Dubai

Im letzten Teil der Ausstellung wird sehr schön gezeigt, wie viele Facetten die Gründung eines Staates mit sich bringt, von der Komposition einer Hymne über die Ausgabe neuer Pässe bis hin zur Emission einer gemeinsamen Währung. Die Ausstellung ist sehr interaktiv und offenbar mit Blick auf Schülergruppen konzipiert. Das macht sie aber auch für Besucher, die sich bislang noch nie mit den Eigenheiten dieser Region befasst haben, leicht zugänglich.

Union House der Vereinigten Arabischen Emirate

Der größte Teil der Ausstellung befindet sich unter der Erde und führt im Kreis rund um das Fundament des Union House, wo einst die Verfassung unterschrieben wurde. Das Union House selbst wurde rekonstruiert und kann, wenn die Temperaturen es zulassen, von außen besichtigt werden. Mit Eintrittskosten von 25 Dirham für Erwachsene und 10 Dirham für Schüler und Studenten ist das Etihad Museum ein erschwinglicher Ausflug für Dubai-Verhältnisse und sowohl für Geschichtsinteressierte als auch für Architekturliebhaber und Hobbyfotografen absolut lohnenswert. Weitere Informationen gibt es auf der Website.

Union House und Burj Khalifa

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23 thoughts on “Wie die Vereinigten Arabischen Emirate entstanden: Ein Besuch im Etihad Museum

    1. entdeckeengland says:

      Herzlichen Dank, liebe Petra. So schön Strand und Wetter sind, besteht bei uns keine Gefahr, dass wir auf der faulen Haut liegen. Wir empfinden es glaube ich alle drei bereichernd, immer mal wieder etwas Neues kennenzulernen. Liebe Grüße, Peggy

  1. Susanne Haun says:

    Danke, liebe Peggy, wieder bin ich ein Stück klüger!
    Ach, wie schön wäre es, wenn es auch anderen zerrissenen Gebieten gelingen könnte, solch eine Einigung zu erlangen.
    Du bringst mir das Land wirklich näher.
    Liebe Grüße von Susanne

    1. entdeckeengland says:

      Danke auch, liebe Susanne. Ehrlich gesagt, finde ich diesen Aspekt, diesen Willen, zu verhandeln, bis eine Einigung gefunden ist, auch sehr spannend. Ich weiß natürlich nicht, was hinter den Türen im Council der sieben Herrscher stattfindet und wie das Machtgefüge dort ist. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass der Blick auf die teilweise kriegsgeschüttelten benachbarten Länder ein großer Anreiz sind, Differenzen am Verhandlungstisch (oder im Zelt) zu lösen. Herzliche Grüße, Peggy

      1. Susanne Haun says:

        Ich wünschte, Peggy, es würde auch in anderen Teilen der Welt so klappen.
        In Deutschland ist es ja neuerdings auch schon ein Problem, eine Regierung zu bilden. Das hätte ich vor ein paar Jahren nicht erwartet.
        Viele Grüße von Susanne

  2. buchpost says:

    Schließe mich allen VorrednerInnen an. Total interessant. Und besonders, weil er Geschichte nicht aus dem eurozentrischen Blickwinkel beleuchtet. Danke und weiterhin euch dreien viel Freude beim Entdecken. LG Anna

  3. Stefanie says:

    Eigentlich darf man das gar nicht verraten, aber ich dachte doch tatsächlich Ethiad ist nur eine Fluglinie. Spannend Dein Beitrag. Vielen Dank.

  4. flowerywallpaper says:

    Gute Peggy. Sehr informativ wie du dich um die Geschichte bemüht hast. Aber ich kommen nicht umhin all meine Vorurteile dieser Region, ob VAE, Qatar, oder Saudi Arabien zu verbergen. Hier hat allein das Geld der westlichen Welt, Politik-, Religion- und Naturgeschichte dermaßen beeinflusst, dass sich diese Region als Drama für die gesamte Menschheit entwickelt hat. Allein der innerislamische Konflikt wird noch Generationen beschäftigen. Ich sehe im Gedankengut, das diese Region in die Welt setzt mehr Gefahren für die Menschheit als ein Atomschlag von Nordkorea und den USA. Diese Gefahr die ich erkenne ist eine sehr stille und schleichende Gefahr. Abgesehen vom Waffenarsenal was diese Scheichs jährlich von Amerika, England und Deutschland einkaufen. Hast du dich dazu schon einmal schlau gemacht? Zum Ende kopiere ich eine Stelle aus Wikipedia zum Recht in den VAE. Trotz all meiner Bedenken wünsche ich dir einen guten Aufenthalt und grüße dich aus dem Salzburger Land.
    (Vergewaltigungen werden nicht mit dem zivilen Strafrecht verfolgt, sondern wie in vielen islamischen Ländern nach dem islamischen Recht der Scharia. Das hat zur Folge, dass die Beweislast bei Vergewaltigungen beim Vergewaltigungsopfer liegt. Ohne stichhaltige Beweise kann das Vergewaltigungsopfer wegen „außerehelichem Sex“ verurteilt werden)

    1. entdeckeengland says:

      Herzlichen Dank für Deinen umfangreichen Kommentar. Es gibt hier Einiges, womit mit ich mich schwer tue. Allerdings kann ich Vieles auch nicht gut genug einschätzen, um einen Artikel darüber zu schreiben, der über Vorurteile und das, was im Allgemeinen in den deutschen oder britischen Medien berichtet wird hinausgeht. Bei einigen Themen, wie zum Beispiel dem Mitmischen in der Geopolitik werde ich vermutlich nie in der Lage sein, dazu eine Einschätzung abzugeben, weil mir solche Informationen schlicht und einfach nicht zugänglich sind. Alles, was ich dazu beitragen kann, ist meine persönliche Beobachtung, dass hier innerhalb der VAE dem friedlichen Zusammenleben und dem gegenseitigen Respekt ein sehr hoher Wert beigemessen wird. Das Thema Frauenrechte beschäftigt mich hingegen schon. Hier gibt es einen großen Unterschied zwischen Saudi-Arabien und den VAE, und das nicht nur für Expats. Es gibt hier eine „Empowerment for Women“ – Bewegung, die ich mit Interesse verfolge. Aber ich bin noch nicht lange genug hier, um überhaupt schon mit Emirati Frauen in Kontakt gekommen zu sein, geschweige denn ein Vertrauensverhältnis aufgebaut zu haben, um solche Fragen anzusprechen.
      Aber auch wenn dieses Thema, insbesondere natürlich auch die Behandlung von Opfern sexueller Gewalt, für mich ein äußerst sensiblest ist, bin ich von Natur aus ein Mensch, der die Welt nicht einfach in gut und böse aufteilt. Die #metoo Debatte hat ja gerade gezeigt, dass auch der Westen, obwohl Frauen hier das Recht auf ihrer Seite haben, auch noch nicht wirklich dort angekommen ist, wo wir mal sein wollen. In diesem Sinne versuche ich, mich dem Land auf meine mir eigene Weise zu nähern und auf diesem Weg die Welt vielleicht ein bisschen besser zu verstehen.

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