Grenzgänger: Auf den Spuren der deutschen Teilung

Das Haus am Checkpoint Charlie erinnert an den Bau der Berliner Mauer

Unser Aufenthalt in Berlin hatte nicht nur sentimentale, sondern auch praktische Gründe. Für meinen Visumsantrag benötigte ich noch eine von der VAE Botschaft legalisierte Heiratsurkunde. Die Botschaft der Emirate befindet sich im Diplomatenviertel südlich des Tiergartens, etwa zwanzig Minuten Fußweg vom Potsdamer Platz entfernt. Dieser Verwaltungsakt läuft so ab, dass man die zu legalisierende Urkunde morgens zu einer bestimmten Zeit abgibt und sie nachmittags in einem ebenfalls festgelegten Zeitraum wieder abholt – minus einer einträglichen Gebühr, versteht sich.

Am Potsdamer Platz verlief einst die Berliner Mauer

Diese Termine rahmten also unseren zweiten Tag in Berlin ein und wir hatten etwa vier Stunden Zeit, die wir nicht einfach nur totschlagen wollten. Mit Blick auf unsere bevorstehende eigene, formalitätenübersäte Grenzüberschreitung beschloss ich, dass es ein Tag der Grenzgänge wird. Schließlich war Berlin drei Jahrzehnte lang von der Mauer geprägt. Und die Grenze verlief seinerzeit genau dort, wo wir aus der S-Bahn stiegen – am Potsdamer Platz.

Der Potsdamer Platz war während der Teilung Berlins Niemandsland

Nach dem strammen Fußmarsch zur Botschaft und wieder zurück, gingen wir zuerst für einen kleinen Imbiss in die Arkaden. Auch der Potsdamer Platz ist ein Ort, dessen Entwicklung vom Niemandsland zur Hochhausinsel ich hautnah miterlebt habe, wobei das nicht ganz stimmt. Als Berliner war man lange Zeit gut beraten, den Potsdamer Platz weiträumig zu umfahren. Als er dann endlich zugänglich wurde und 1998 die Arkaden eröffneten, fühlte er sich an wie eine Art Mini-Manhattan – beeindruckend und so modern. Knapp zwanzig Jahre später wirkt das Einkaufszentrum allerdings in die Jahre gekommen. Woran das wohl liegt? Zum Glück gibt es noch das Wiener Café im ersten Obergeschoss, wo ich damals gerne saß und heiße Schokolade mit einem Schuss Orangensaft trank. Hier genehmigten der Kleiner Entdecker und ich uns ein wunderbares zweites Frühstück. Ein Abstecher in die Arkaden lohnt sich allerdings auch aus einem anderen Grund: Im Erdgeschoss gibt es eine sehr anschauliche und interaktive Ausstellung über die Geschichte des Potsdamer Platzes.

Ausstellung Mythos Potsdamer Platz in den Arkaden

Gestärkt liefen wir zurück zur großen Freifläche zwischen den S-Bahn-Eingängen, wo uns Günter Strempels und Oliver Wilkings Stadtführer für Kinder auf zwei beachtenswerte Details aufmerksam machte. Das erste sind die großen Glassäulen, die aus der Erde stachen. Der abgeklärten Erwachsenen war natürlich klar, dass dies Lichtsäulen für den darunter liegenden S-Bahnhof sind. Aber der Kleine Entdecker brauchte eine ganze Weile, bis er es erraten hatte und wir mussten natürlich auch runter in den Bahnhof gehen, um uns die Wirkungsweise genauer anzuschauen.

Lichtsäulen am Potsdamer Platz

Das Zweite ist die Rekonstruktion der ersten Berliner Ampel. Das schmale grüne Türmchen mit der Kabine über der Uhr und den quer angebrachten Lichtsignalen unter dem Dach wirkt fast verloren zwischen den modernen Büro- und Wohntürmen. 1924 stieg hier erstmals ein Verkehrspolizist auf ein solches Türmchen, um als „Oberkieker“ das Verkehrschaos am Potsdamer Platz zu regeln.

Rekonstruktion der historischen Ampel am Potsdamer Platz

Aber zurück zur Grenze. Vom Potsdamer Platz fuhren wir mit der U-Bahn nach Stadtmitte. Hier auf der Friedrichstraße befand sich einer der berühmten Grenzübergänge: Checkpoint Charlie. Auf der Südseite, die damals die Westseite war, steht das Mauermuseum „Haus am Checkpoint Charlie“.

Blick aus dem Mauermuseum "Haus am Checkpoint Charlie"

Kurz nach dem Mauerbau im Jahr 1962 eröffnet, sammelte sein Gründer Dr. Rainer Hildebrandt alles rund um die Geschichte der Mauer, von ihrem Bau im August 1961 bis zu ihrer Öffnung im November 1989.

Ausstellung im Checkpoint Charlie Museum

Sein Museum war vor allem als Protestaktion gedacht und als Anlaufstelle für Hilfesuchende. Die Räume des alten Mietshauses quellen fast über mit Geschichten von Menschen, die den Mut hatten, die Mauer zu überwinden oder denen zu helfen, die sie überwinden wollten.

Geschichten bis unter die Decke: Mauermuseum Checkpoint Charlie

Ausbalanciert wird die Gefahr der Reizüberflutung durch originale Fluchtobjekte, wie Autos, Koffer, aber auch Flugzeuge und Boote. Insgesamt wirkt das Museum zwar recht altmodisch und würde sicherlich von einer Modernisierung und einigen interaktiven Installationen profitieren, aber gerade diese Originalstücke und auch die Videoaufzeichnungen gingen mir doch unter die Haut. Ein Gespräch mit dem Kleinen Entdecker ergab, dass das offenbar nicht nur daran lag, dass ich mich noch an die Zeit der Teilung und der Wiedervereinigung erinnern kann. Auch ihm sind vor allem die Fluchtobjekte, die winzigen Räume, in denen sich Menschen verstecken konnten, in Erinnerung geblieben.

Fluchtauto im Checkpoint Charlie Museum

Zurück am Potsdamer Platz holten wir zuerst meine Heiratsurkunde von der Botschaft ab, die nun ein glänzendes Siegel auf dem Rücken trug, genehmigten uns einen Eisbecher im Sony-Center und fuhren anschließend mit der S-Bahn zur Warschauer Straße. Es ist ein kurzer Fußweg bis hinunter zur Spree, wo am Nordufer das längste noch erhaltene Stück Mauer steht: Die East Side Gallery.

S-Bahn-Schienen mit Blick auf den Fernsehturm

Schon kurz nach der Grenzöffnung im November 1989 entstand die Idee für ein gemeinsames Kunstprojekt des ostdeutschen und westdeutschen Künstlerverbands, und im Frühjahr 1990 begann die Arbeit an dem gut 1,3 Kilometer langen Mauerstück. 118 Künstler aus 21 Nationen schufen Bilder, die von der Zeit des Kalten Krieges, der Teilung und Wiedervereinigung inspiriert waren.

Kunstobjekt Berliner Mauer: East Side Gallery

Im Jahr 2009 wurde die East Side Gallery komplett saniert, wobei sich aufgrund finanzieller Streitigkeiten nicht mehr alle Künstler beteiligten. Aber nicht nur die Diskussionen um Kommerzialisierung und Künstlerhonorare wirft einen Schatten auf das Denkmal. Auch die voranschreitende Erschließung des Spreeufers hat bereits Lücken in der Mauer hinterlassen.

Die Gemälde der East Side Gallery sind inspiriert vom Zeitgeist der Wiedervereinigung

Die East Side Gallery gehört zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Berlins. Nahe der Oberbaumbrücke, wo wir unseren Spaziergang begannen, herrschte eine volksfestartige Stimmung. Sprachen vieler Länder waren zu hören, exotische Musik ertönte aus Ghettoblastern, Straßenkünstler, Bauchladenträger und Hütchenspieler warben um die Aufmerksamkeit der Vorbeilaufenden. Richtung Ostbahnhof wurde es langsam ruhiger, bis fast nur noch Lokale auf ihren täglichen Verrichtungen zu sehen waren, die die Mauer keines Blickes würdigten.

Kunstprojekt Berliner Mauer

Eine riesige Menschentraube stand vor Dmitri Vrubels „Bruderkuss“, dem bekanntesten Gemälde der East Side Gallery, das in mir klaustrophobische Gefühle wachruft. Der Kleine Entdecker konnte wegen der vielen Menschen nichts sehen und hätte mit dem Bild ohnehin nichts anfangen können. Also liefen wir weiter zum wahrscheinlich zweitberühmtesten Bild: Birgit Kinders Trabi.

Birgit Kinder' Test the Best an der East Side Gallery, Berlin

Das war schon eher etwas für den Siebenjährigen und drückt für mich wie kein anderes Bild die verrückte Freude dieser Novembertage 1989 aus, an die ich mich gerne zurückerinnere und die ich wie einen Schatz in meinem Herzen bewahre.

Kleiner Entdecker an der East Side Gallery, Berlin

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8 thoughts on “Grenzgänger: Auf den Spuren der deutschen Teilung

  1. arnoldnuremberg says:

    Danke für die persönlichen und geschichtlichen Erinnerungen und die familiäre Wiederaufnahme.
    Beschaffung von Dokumenten oder Pässen ist in meiner beruflichen Umgebung ein Thema. Ohne Pass keine Rechte und keine Perspektive.
    Die Hoffnungen von 1989 habe ich auf den Weg mitgenommen.
    Gute Osterzeit und Grüße, Bernd

    1. entdeckeengland says:

      Der Visumsprozess hat mir, obwohl es keine Schwierigkeiten gab, noch einmal richtig bewusst gemacht, wie besonders die EU ist. Bei unserer ersten Auswanderung nach UK mussten wir überhaupt keine Formalien erledigen. 🙂
      Und ja, wir Deutschen sollten uns öfter daran erinnern, wie besonders diese Zeit der Maueröffnung war und dass es nicht selbstverständlich ist, dass alles so friedlich ablief. Lieben Gruß vom Flughafen auf dem Weg in die Osterferien, Peggy

  2. Sandra Parsons says:

    Oh ja, da werden Erinnerungen wach! Ich denke, so eine Art deutsche Geschichtsstunde werde ich diesen Sommer auch mit meinen beiden kleinen Monstern veranstalten, wenn wir wieder in Berlin sind. Danke schon mal für die Inspirationen. Liebe Grüße und schöne Osterfeiertage, Sandra

    1. entdeckeengland says:

      Du hast es ja praktisch vor der Haustür und kannst schön häppchenweise machen. Mir ist mal wieder bewusst geworden, was für eine coole Stadt Berlin doch ist. Liebe Grüße und Euch auch schöne Ostern, Peggy

  3. juergen61 says:

    Hallo Peggy,
    ein schöner Bericht, so eine ähnliche Tour habe ich mit meinem Sohn letzten Sommer auch gemacht…den Potsdamer Platz mag ich nicht, irgendwie wie ein fehlgelandetes Ufo in Berlin, aber nicht so gekonnt wie das in Paris mit dem Centre gelungen ist. Und mein Sohn hat sich zwar alle Bilder brav angeschaut aber ich glaube nicht viel begriffen…kann man wohl auch nicht wenn man es nicht selbst erlebt hat (ich war mehrmals zu DDR Zeiten dort, und dann 2Tage nach Mauerfall wieder) Aber auch mein Sohn hat noch tagelang von den Verstecken der Flüchtlinge gesprochen, vom Fesselballon, dem Kajak oder der doppelte Boden im Auto, auch die Fluchttunnel haben ihn sehr beeindruckt. Schön das die Zeit heute friedlicher ist.
    Lieber Gruss, Jürgen

    1. entdeckeengland says:

      Hallo Jürgen, wenn man sich anschaut, was so in der Welt vor sich geht, können wir glaube ich dankbar sein, dass der Mauerfall und die Wiedervereinigung so friedlich abliefen. Klar, unsere Kinder haben keine richtige Beziehung zu dem Thema. Allerdings im Osten ist vor allem in der älteren Generation die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit” teilweise noch sehr ausgeprägt. Daher finde ich es schon wichtig, dass der Kleine Entdecker ein bisschen was über die Zeit erfährt. Da er auf eine britische Schule geht, wird er es kaum im Geschichtsunterricht lernen. Und Geschichte zum Anfassen und auf Reisen ist ohnehin viel spannender 🙂
      Liebe Grüße
      Peggy

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