Churchill War Rooms: The Pit Bull Premier and his Control Centre

Churchill War Rooms

Im März 1938 erlebten die Bürokraten in Whitehall ein böses Erwachen. Die deutsche Wehrmacht war in Österreich einmarschiert und hatte es kurzerhand annektiert. Zwar hatten einzelne Politiker, unter ihnen Winston Churchill, seit geraumer Zeit vor der Gefahr eines neuen Krieges mit Deutschland gewarnt, aber seit dem Ende des Großen Krieges zwanzig Jahre zuvor lag die Wirtschaft am Boden und das einst große Britannien hatte alle Mühe, sein bröckelndes Empire zusammenzuhalten. Auf einen neuen Konflikt war das Land in keinster Weise vorbereitet. Hinzu kam, dass moderne Waffen eine ganz andere Kriegsführung erlaubten. Die eilig herbeizitierten Militärexperten zeichneten ein pessimistisches Bild. Ihre Prognose: Auf eine Kriegserklärung würde Hitler mit einer Massenbombardierung Londons antworten. Innerhalb von 24 Stunden nach Kriegsbeginn wäre das Land regierungsunfähig und hätte einem Einmarsch der Wehrmacht nichts mehr entgegenzusetzen. Ein Plan B musste her. Die Regierung brauchte einen bombensicheren Unterschlupf, von dem aus die Verteidigung des Landes im Ernstfall weitergeführt werden konnte. Gut zwei Monate später fiel die Wahl auf die Kellerräume unter dem New Public Office am St James Park. Heute befindet sich in den Cabinet War Rooms ein Museum, das die Besucher in die Jahre 1940-1945 zurückversetzt und sie mit einer der wichtigsten Persönlichkeiten der jüngeren britischen Geschichte bekannt macht: Winston Churchill.

In March 1938 London bureaucrats were in for a shock. The German Wehrmacht had marched into Austria and annexed the country without further ado. Some politicians, Winston Churchill among them, had warned about a looming war with Germany. But since the Great War ended twenty years earlier the economy was stuttering and the army was too busy to hold together the fraying Empire to prepare for a new conflict. Military experts, who were not ignorant of developments in weapons and warfare, estimated that heavy bombardment of London would bereave the country  of its government within the first 24 hours of a new war, making the country ripe for conquest. Consequently the government needed a bomb-proof hiding place from which it could organize the country’s defense against a possible invasion. Two and a half months later the choice fell on the basement of the New Public Office next to St. James Park. Today, the Cabinet War Rooms have been turned into a museum that transports its visitors back to the years 1940-1945 and introduces them to one of the most important figures of modern British history: Winston Churchill.

London During the Blitz: Cabinet War Rooms
Going underground to visit London’s seat of government during World War II.

Während im Untergrund die notwendigen Umbauarbeiten an den Cabinet War Rooms begannen, rang die britische Regierung unter Neville Chamberlain zunächst weiter um eine diplomatische Lösung mit Hitler. Im Laufe des folgenden Jahres wurde jedoch klar, dass sich der Krieg, den die Briten so fürchteten, nicht vermeiden lassen würde. Am 27. August 1939 nahm der Map Room seine Arbeit auf. Nur fünf Tage später meldete der „beauty chorus“, wie die farbcodierten Telefone im Zentrum des Tisches genannt wurden, die Invasion Polens, woraufhin die Briten Deutschland den Krieg erklärten. Fortan wurden hier im Map Room, wo das Nachrichtennetzwerk aus aller Welt zusammenlief, Kämpfe und Frontverläufe aufgezeichnet. 

Preparations of the War Rooms started right away, while the government under Neville Chamberlain continued to find a diplomatic agreement with Hitler. But as a year passed it became clear that war could not be avoided. On 27th August 1939 the Map Room became operational and only five days later the „beauty chorus“, as the color-coded telephones in the centre of the table were called, announced the invasion of Poland which resulted in Britain declaring war on Germany. From this day on all battles and changing front lines were meticulously recorded in the Map Room.

The Map Room was the beating heart of the Cabinet War Rooms
The Map Room

Das erste Kriegsjahr verlief aus der Sicht der Briten verheerend. Im Mai 1940 überrannte die Wehrmacht die Niederlande, was Chamberlain dazu veranlasste, als Premierminister zurückzutreten. Winston Churchills Stunde war gekommen. Sein War Cabinet traf sich erstmals am 29. Juli 1940 im Cabinet War Room. 

The first year of the war was disastrous for Britain. In May 1940 the Wehrmacht overran the Netherlands which ultimately led to Chamberlain’s resignation. Now Winston Churchill’s hour arrived. His first War Cabinet met on 29th July 1940 in the Cabinet War Room.

„This is the room from which I will direct the war.“

Churchills first cabinet meeting in the War Room took place in 1940.
The Cabinet War Room

Einen guten Monat später begann der „Blitz“, die monatelange Bombardierung Londons. Ausgerechnet zu dieser Zeit erfuhr Churchill, dass die Cabinet War Rooms alles andere als bombensicher waren. Ein direkter Treffer hätte ihn und sein gesamtes Team begraben. Hinzu kam ein Überflutungsrisiko hätte die Bombardierung die Mauern der Themse eingerissen. Churchill ließ die War Rooms nach und nach durch zusätzliche Betonschichten verstärken. Als die Arbeiten Anfang 1941 beendet waren, war allerdings auch die größte Gefahr vorüber, zumindest bis zum Einsatz der V1-Raketen ab Juni 1944.

A month later „The Blitz“ came over London. The heavy bombardment lasted for about nine months. At this time Churchill learned that the Cabinet War Rooms were anything but bomb-proof. A direct hit would have wiped out his entire team with a single stroke. And there was also a risk of flooding should the walls of the Thames be destroyed by a bomb. Works to strengthen the War Rooms started immediately and over the next months an additional concrete shield extended over more and more rooms. As soon as the works were finished the biggest threat disappeared though, with the Blitz coming to an end, until the introduction of the V1-rockets in June 1944.

Where Churchill worked and slept during the war.
Churchill’s Room

Die War Rooms wurden während der Kriegsjahre immer wieder an die aktuellen Anforderungen angepasst. Telefonleitungen wurden verlegt, ein Senderaum fürs Radio eingerichtet und Schlafräume für die Mitarbeiter. Der Schlafsaal für die „Fußsoldaten“ war ein schlecht belüfteter Gang, in dem man nicht einmal aufrecht stehen konnte. Die Befehlshaber hatten es etwas geräumiger. Ihre Betten standen in ihren Büros. Sanitäre Anlagen gab es nur sehr eingeschränkt. Viele Mitarbeiter riskierten daher lieber den Heimweg durch den nächtlichen Bombenhagel, anstatt im Bunker zu übernachten. Auch Churchill hat angeblich nur drei Nächte in seiner Kammer verbracht. Nachdem es zu riskant wurde, in 10 Downing Street zu übernachten, ließ er sich Räume im Staatsgebäude über dem Bunker herrichten. Dort brauchte er wenigstens nicht auf seine Angewohnheit, zweimal täglich zu baden, verzichten. Dennoch nutzte er seinen Bunkerraum regelmäßig als Büro und für seinen Mittagsschlaf. Auch einige Radioansprachen zeichnete er auf seinem Bett sitzend auf. 

During the time of their use the War Rooms were constantly adapted according to changing necessities. Telephone lines were connected, radio transmitters installed and accommodations for staff arranged. While the little folk slept in the „Dock“, a low-ceilinged and badly ventilated dormitory, commanding officers had their own little chamber which doubled as an office. Sanitary facilities were naturally limited. Many staff members rather risked to get into an air raid on their way home instead of sleeping in the „Dock“. Even Churchill is said to having only spent three nights in his room. After it became to dangerous to stay at 10 Downing Street he got rooms in the office building upstairs prepared for himself and his wife. Here, with proper plumbing in place, he could at least enjoy is two daily baths. He still used his bunker room regularly as office though and for his afternoon nap. He even recorded some radio transmissions sitting on his bed there.

Walking through the Churchill War Rooms
Lucky shot: The corridors of the Churchill War Rooms can get quite crowded with visitors.

Die Gruppen von Touristen, die sich heutzutage langsam durch die engen Gänge schlängeln geben einem zumindest den Hauch einer Vorstellung davon, welch ein Gewusel hier einst geherrscht haben muss. Schreibtische standen auf dem Gang und es gab ein ständiges Kommen und Gehen. Dennoch war es, wenn man den Augenzeugenberichten des Audioguides glaubt, verhältnismäßig still. Churchill war extrem lärmempfindlich und schaffte aus diesem Grund zum Beispiel geräuschlose Schreibmaschinen an. Während seiner Mittagsruhe durften die Angestellten  in der Umgebung nur flüstern.

Due to the many tourists meandering the narrow corridors visitors get a feeling of how cramped the conditions have been during the war. At that time though the corridors were full of desks with people walking to and fro. Still, according to the audio guide it was surprisingly quiet. Churchill was very noise-sensitive and even got noise-less typewriters. During his nap everybody near him had to whisper.

Noiseless typewriters kept noise in the War Rooms down.
The Typing Pool

„We are all worms. But I do believe that I am a glow-worm.“

Was für ein Mensch Churchill war und was es bedeutete, für ihn zu arbeiten, erfährt man im Churchill Museum, das 2005 in einem Teil der War Rooms eröffnet wurde. 1874 als Sohn des Politikers Randolph Churchill und der amerikanischen Erbin Jennie Jerome im Palast seines Großvaters, dem Duke of Marlborough, geboren, zeigte er schon in jungen Jahren, dass es ihn vor allem dorthin zog, wo Action war. Bereits in der Schule galt er als Störenfried, eine Eigenschaft, die auch seine spätere politische Laufbahn charakterisierte. Er wählte zunächst eine militärische Laufbahn und erlangte ersten Ruhm durch seine Zeitungsartikel von der Front des Burenkrieges und seine spektakuläre Flucht aus der dortigen Gefangenschaft. Seine wahre Leidenschaft war jedoch die Politik. Mit 26 Jahren zog er als konservativer Kandidat ins Parlament ein. Vier Jahre später wechselte er zu den Liberalen, um zwanzig Jahre später zu den Konservativen zurückzukehren. Innerhalb beider Parteien hatte er folglich nicht viele Freunde. Er galt als egozentrisch, wankelmütig und emotional instabil. Sein Aktionismus und seine Abneigung gegen Bürokratie machten ihn darüber hinaus anfällig für Fehlentscheidungen. Eine, die Schlacht von Gallipoli im Ersten Weltkrieg, kostete ihn seinen Posten als First Lord of the Admiralty. Auf der anderen Seite beschreiben ihn seine Unterstützer als großzügig und charismatisch. Sein autoritärer Führungsstil wurde dadurch aufgewogen, dass er sich selbst nicht schonte. 

In the Churchill Museum, which was introduced into the War Rooms in 2005, visitors can find out more about Churchill and what it meant to work for him. He was born in 1874 as the son of politician Randolph Churchill and the American heiress Jennie Jerome in his grandfather’s, the Duke of Marlborough’s, palace. From a young age he showed an inclination to go where the action was. At school he soon had a reputation as troublemaker, a description that later also characterized his political career. First he chose a military career becoming somewhat famous for his articles from the frontline of the Boer War and his spectacular escape from a prison camp there. But his real passion was politics. At the age of 26 he became an elected MP for the Conservatives. Four years later he crossed the floor to join the Liberals only to return to the Conservatives twenty years later. Consequently he did not have many friends in either party. He was often described as egocentric, fickle and emotionally unstable. His propensity for action and dislike of bureaucracy brought a risk for wrong decisions. One, the Battle of Gallipoli during World War I, cost him his position of First Lord of the Admiralty. His supporters on the other side describe him as generous and charismatic. His authoritarian management style was balanced by his not going easy on himself either. 

An interactive timeline allows visitors to pull up photos , documents and other information about Churchill's life.
The interactive timeline in the centre of the Churchill Museum

Im Zentrum des Museums befindet sich eine fünfzehn Meter lange, interaktive Zeitleiste. Hinter den einzelnen Daten seines 90-jährigen Lebens lassen sich Fotos, Anekdoten und andere Zeitdokumente aufklappen. Rundherum stehen Vitrinen mit den unterschiedlichsten Devotionalien, von einer Zigarre (er rauchte täglich acht) bis zur originalen 10 Downing Street Eingangstür, durch die Churchill 1940 ging. Eine sehr informative Ausstellung, die sich gut in die Cabinet War Rooms einfügt, und zeigt, was für eine facettenreiche Persönlichkeit Churchill war.

The centre of the museum is dominated by a fifteen meters long interactive timeline. A tap on one of the dates reveals pictures, anecdotes and other historical documents. The timeline is surrounded by glass cases that house memorabilia, from a cigar (he smoked eight every day) to the original 10 Downing Street door Churchill walked through in 1940. The very informative exhibition fits well into the Cabinet War Rooms and gives an idea what a multi-facetted personality Churchill was.

 

A photo gallery in front of the Churchill Museum.
Old photos show Winston Churchill in his War Rooms.

Ich kann nicht behaupten, dass Kriegsmuseen sehr weit oben auf meiner Liste stehen und ich habe lange überlegt, ob ich mit dem Kleinen Entdecker dorthin gehen will. Aber der Zweite Weltkrieg wird im nächsten Schuljahr Thema und als Deutscher muss er sich mit diesem Teil unserer Geschichte ohnehin irgendwann auseinandersetzen. Die Cabinet War Rooms oder Churchill War Rooms, wie sie heutzutage genannt werden, werden für Kinder ab sieben Jahren empfohlen. Die Altersempfehlung erscheint mir passend. Zwar versteht der Kleine Entdecker mit seinen acht Sommern viele Zusammenhänge noch nicht, aber das Museum ist sehr anschaulich gestaltet und nicht beängstigend. Nur wer unter Klaustrophobie leidet, sollte es meiden. Jetzt, wo die Ferien langsam dem Ende zugehen, habe ich den Kleinen Entdecker gefragt, was er in den letzten Wochen besonders gut fand. Die Churchill War Rooms stehen bei ihm auf Platz eins. 

To be honest, I was a bit reluctant to take Kleiner Entdecker to a war museum. But I know that World War II will be a topic in the next school year, and as a German he will be confronted with that part of our history anyway sooner or later. The Cabinet War Rooms, or Churchill War Rooms as they are called nowadays, are recommended from seven years. Based on our experience this seems reasonable. Kleiner Entdecker, who turned eight this summer, might not have fully comprehended the context but the experience is fairly realistic without being frightening. Though people who suffer from claustrophobia should think twice before visiting. Now that the holidays are coming to an end I asked Kleiner Entdecker what he enjoyed most during the last weeks. The Churchill War Rooms came out on top.

Listening to an audio guide in the Churchill War Rooms.
A family audio guide makes the story of the Cabinet War Rooms accessible to children.

 

More information on the website of the Churchill War Rooms.

Further reading:

Diana Cooper: Darling Monster

Michael Köhlmeier: Zwei Herren am Strand

 

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14 thoughts on “Churchill War Rooms: The Pit Bull Premier and his Control Centre

  1. Pit says:

    Danke, liebe Peggy, fuer diesen interessanten Bericht. Onwohl ich ja nun schon oft in London gewesen bin, habe ich diese Raeume noch nie besucht. So, Dank Deines Berichts, komme ich nun weinigsten virtuell hin.
    Liebe Gruesse,
    Pit

    1. Neuland says:

      Naja, London ist ja auch so groß, dass man sowieso nie alles schafft. Trotz unseres kurzen Aufenthalts sind wir glücklicherweise nicht in Hektik verfallen und haben eine Mischung aus Altbekanntem und Neuem genossen. Liebe Grüße aus dem tropischen Deutschland, Peggy

  2. Peter Klopp says:

    Beim Lesen deines ausgezeichneten Posts über den Churchill War Room wurde mir erst richtig bewusst, wie schlecht England für den Krieg mit Deutschland vorbereitet war. Vielen Dank für den hochinteressanten Bericht!

    1. Neuland says:

      Ehrlich gesagt, war ich auch überrascht. Ich hatte mir zuvor nie Gedanken darüber gemacht. Es gab und gibt viele Diskussionen darüber, warum England sich damals lange Zeit nicht offen gegenüber Hitler positioniert hat. Es gab damals viele, die sich sogar ein Bündnis mit ihm vorstellen konnten. Nach dem Museumsbesuch glaube ich, dass das viel mit Angst zu tun hatte.

  3. ladyfromhamburg says:

    Hallo Peggy,
    auch ich kann prinzipiell nicht behaupten, dass Kriegsmuseen jetzt Priorität bei mir hätten, doch ich bin wieder einmal überrascht worden. Es ist interessant, allein die (beengten) Räumlichkeiten zu erleben oder die Tatsache zu erfahren, unter welchen Umständen und warum sie entstanden.
    Dazu ist es wohl wirklich immer eine Frage der gelungenen Gesamtpräsentation (dort vor Ort – und auch durch dich hier!).und vielleicht auch der Verknüpfung mit bzw. Konzentration auf eine bestimmte Person.
    Churchill hatte nun wirklich eine schillernde Persönlichkeit und sein Leben und Wirken, seine Vielschichtigkeit, sein Einfluss, Handeln oder auch seine Irrtümer/Fehlentscheidungen vor dem Hintergrund des Krieges in Europa, sind einfach spannend, sobald man in die Materie eintaucht.

    Ich freue mich sehr, dass deinem Sohn der Besuch so gut gefiel! Sehr lobenswert, dass die Engländer auch die Kinder speziell im Blick haben und offenbar altersgemäß auf sie eingehen!

    Wie immer sehr lesenswert und sehr anschaulich durch die mitgebrachten Aufnahmen!

    LG Michèle

    1. Neuland says:

      Herzlichen Dank, liebe Michele. Ich war jedenfalls positiv überrascht, was man museumstechnisch so alles aus solch eher bedrückenden Räumlichkeiten machen kann. Das liegt vielleicht auch nicht zuletzt daran, dass ich mit eher geringen Erwartungen gekommen bin. Aber vor allem gefällt mir, wenn Kuratoren Freude daran haben, ihr Thema mithilfe verschiedener Medien und vor allem mit Blick auf den Erlebnisfaktor aufbereiten, ohne dabei das inhaltliche zu kurz kommen zu lassen. Das ist schon eine Kunst. Lieben Gruß, Peggy

  4. banactee says:

    Les mal den Blog “Mao wie Churchill: Neue Sicht auf alte Massenmörder” von tagesanzeiger.ch für ein etwas anderes Bild von Churchill. Es gibt schon gute Gründe, derartige Museen nicht zu besuchen da oft ehr reinste Propaganda im übelsten Sinne.

    1. Neuland says:

      Endlich habe ich die Zeit gefunden, mir den Artikel in Ruhe durchzulesen. Ich finde diese Aufarbeitung der Geschichte aus anderen Perspektiven ganz wichtig. Deshalb danke für den Hinweis. Ich hatte auch befürchtet, dass das Museum vor allem Propaganda ist, denn viele Briten verehren Churchill schon sehr. Aber Churchill wird tatsächlich nicht nur positiv dargestellt. Auf einer Chinareise sind wir mal in ein Maomuseum gegangen. Das war definitiv ein ganz anderes Propaganda-Kaliber. Es gab in den Churchill War Rooms beispielseweise einen kleinen Extraraum mit einer Videoinstallation über seine verheerende Nahostpolitik. Natürlich wird er nicht auf eine Stufe mit Mao, Stalin oder Hitler gestellt, sondern als ihr Gegenspieler (zumindest bei Hitler und auch Stalin, mit dem er ja wohl oder übel zusammenarbeiten musste). Es war ja vor allem auch ein Kampf der Ideologien. Und all diese Potentaten hatten sicherlich gewisse Ähnlichkeiten in ihren Charakterzügen. Churchill regierte ja durchaus autokratisch, was im Museum auch immer wieder betont wird, und Hitler, Stalin und Mao sind ähnlich wie er ja auch aufgrund ihres Charismas in ihre Positionen gekommen. Sie sind letztlich alle Produkte ihrer Zeit. Wenn man den Geschichtsverlauf besser verstehen will, muss man sich auch unweigerlich mit diesen Personen, wie sie an die Macht kamen und was das mit ihnen gemacht hat, auseinandersetzen. Hast Du mal die Stalin-Biografie von Simon Sebag Montefiore gelesen? Die fand ich ziemlich gut, weil sie eben auch Stalins menschliche Seite mit aufzeigt. Man beginnt zu verstehen, wie er es geschafft hat, so beliebt und gleichzeitig so gefürchtet zu werden. Da wir auch heute wieder in einer Zeit leben, in der solche “schillernden” Persönlichkeiten, die von den einen verehrt und von den anderen verachtet werden, an die Macht kommen, ist es meiner Meinung nach um so wichtiger, dass wir die Geschichte auch unter solchen soziologischen Fragen betrachten. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Bild, das die Cabinet War Rooms von Churchill zeichnen, ist zwar in der Tat überwiegend positiv, aber sie setzen sich auch durchaus kritisch mit seiner Art der Politik auseinander, was ich von dem Mao-Museum nicht behaupten konnte.

      1. banactee says:

        Geschichtsschreibung wird häufig sehr einseitig von den Siegern erledigt, und Churchill ist so einer. Daher meine Skepsis, was dieses Museum angeht. Redet noch irgend jemand über die ca. 1 Million Toten im algerischen Freiheitskampf des 20. Jahrhunderts gegen Frankreich? Ich war diesbezüglich im Nationalmuseum in Algier vor ca. 25 Jahren, und da war das natürlich ein großes Thema. Aber redet sonst wer noch davon? Die sog. westlichen Demokratien und ehemaligen Kolonialmächte beweisen hier eine Doppelmoral, daher nimmt sie zum Beispiel in arabischen Ländern häufig niemand wirklich ernst bei immer wieder vorgebrachten Forderungen nach Menschenrechten. Es ist dieser Nährboden, auf dem heute Typen wie Salvini in Italien oder Orban in Ungarn an die Macht kommen.

        1. Neuland says:

          D‘accord. Wie man so schön sagt, Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Nur sehr langsam beginnt der Prozess, auch die „andere“ Seite zu betrachten. Insbesondere die Briten haben immer noch die Angewohnheit, sich selbst als überlegen zu präsentieren.

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